§. 76.
Meinem Urtheil nach, gebe ich doch einem Schertze der unbedingt wahr ist, den Vorzug vor denjenigen, die nur unter gewissen Bedingungen wahr sind. Ich habe darzu verschiedene Ursachen. Eine jede Unwahrheit ist doch ein unvollkommener Gedancke als eine Wahrheit. Ein Schertz mag so feurig seyn wie er will, wenn er nur unter Bedingungen wahr ist, so hat er keine wahren und richtigen Gründe, worauf er beruht. Ueberdem so scheint mir der Witz nicht so starck zu seyn, der sich den Stoff zu spassen erdichtet. Er kan nach seinem Gefallen dichten, weglassen, und hinzuthun was ihm gefält, folglich ist es kein Wunder, daß ihm sein Schertz gelingen muß. Es scheint überdies, als wenn ein solcher spaßhafter Kopf seinen Schertz vorher ausdenckt, und alsdenn erst die Materialien dazu erfindet. Er scheint einem Menschen ähnlich zu seyn, der seinen Vortrag erst ausarbeitet, und hernach den Text dazu aussucht. Gantz anders verhält sichs im entgegen gesetzten Falle. Unser Witz ist alsdenn schlechterdings an die Sachen gebunden, er muß in der Geschwindigkeit sich so zu biegen wissen, daß er auf die Dinge paßt, denn es wird nichts seinem Willkühr überlassen. Ich gebe gerne zu, daß ein Schertz der eine bedingte Wahrheit hat, bisweilen unendlich feuriger seyn kan, als ein anderer, sonderlich wenn der schertzende die Dinge nicht selbst erdichtet, sondern schon längst bekannte Fabeln braucht. In diesem letzten Falle, gibt er einem schlechterdings richtigen Schertze sehr wenig nach. Ich sage nur, wenn zwey Schertze sonst vollkommen gleich sind, und der eine ist unbedingt wahr, der andere aber nur unter gewissen Bedingungen, so ist der erste feuriger als der andere. Ein Witz, der in dem Reiche der Wahrheiten keinen Stoff zum Schertze finden kan, scheint mir nicht durchdringend und scharfsichtig genug zu seyn, als zu einem recht feurigen Witze nöthig ist.
§. 77.
Das Leben der Erkenntniß besteht in dem Vergnügen oder Verdrusse, so damit verbunden ist. Soll also ein Schertz lebendig genug seyn, so muß er entweder Vergnügen, oder Verdruß bey den Zuhörern erwecken. Das letzte wolte ich eben nicht sagen. Ich will balde erweisen, daß das Lachen über einen feurigen Schertz aus Vergnügen entstehen müsse. Ich gebe zu, daß die Personen über die man schertzt verdrieslich werden können, wenn sie lächerlich gemacht werden. Es kan auch seyn, daß durch unsern Schertz, mittelbar ein Verdruß verursacht wird, wenn wir zu dem Ende etwas durch unsern Schertz lächerlich gemacht haben, damit es unsere Zuhörer verabscheuen sollen. Dem sey wie ihm wolle, so nehme ich an, daß das Lachen, welches wir zunächst durch unsern Schertz hervorzubringen suchen, mit Vergnügen verbunden seyn müsse.
Non satis est pulcra esse poemata: dulcia sunto
Et quocunque volent, animum auditoris agunto.
Hor. art. poet.