§. 101.
Ich könnte meine Betrachtung hier beschliessen. Das hundert der Absätze ist ohne dem wieder mein Vermuthen voll geworden. Ich habe aber angemerckt, und zwar, wie ich mir schmeichle, nicht ohne Grund, daß die formelle Vollkommenheit eines Schertzes in verschiedenen Stücken, von der materiellen Vollkommenheit derselben abhänget. Ich werde daher von dieser noch handeln müssen. Ich bin nicht willens mich dabey so weit auszudehnen, als ich zu thun im Stande wäre. Ich werde die materielle Vollkommenheit der Schertze, nur in so weit in Betrachtung ziehen, als sie das Feuer eines Schertzes entweder glänzender machen, oder verdunckeln kan. Ich werde alle Weitläuftigkeit vermeiden, und diese gantze Betrachtung in drey oder vier Regeln einschliessen.
§. 102.
So lange die materielle Unvollkommenheit eines Schertzes kleiner ist, als die formelle Schönheit desselben, so wird jene dem Feuer desselben keinen mercklichen Abbruch thun. So bald aber die materielle Unvollkommenheit mit der formellen Vollkommenheit die Wage hält, oder diese wohl gar übertrift, so bekommt die Schönheit eines Schertzes einen Schandfleck, der wenigstens die formellen Schönheiten verdeckt. Ein solcher Schertz gleicht einem Feuer, das vielen Dampf und Rauch verursacht. Wenn gleich der Rauch dem Feuer selbst keine Kraft nimt, so verdeckt er doch dasselbe, und verhindert den Glantz desselben, der sonst sich weiter ausbreiten, und durchdringender seyn würde. Ein Mensch, der an einem Dinge Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten gewahr wird, beurtheilt die Sache nach dem Uebergewicht der einen oder der andern. Wenn die letzten die ersten weit übertreffen, so kan es natürlicher Weise nicht anders seyn, als daß man sich die häßliche Seite eines solchen Dinges aufmercksamer, klärer, gewisser und lebendiger vorstelt. Darüber vergißt man nach und nach die Vollkommenheiten, sie scheinen nicht hinreichend zu seyn eine Sache, die überwiegend fehlerhaft ist, nach ihrem schwächern Theile zu beurtheilen. Mit einem Wort, eine Sache die mehr häßlich als schön ist, wird nach ihrer schönen Seite nicht vornemlich beurtheilt. Die Schönheiten werden durch die stärckern Häßlichkeiten verdunckelt, und man ist nicht gewohnt, wenige Vollkommenheiten, mit einem so elenden Anhange mehrerer Unvollkommenheiten, besonders zu schätzen. Soll also der Schertz sein völliges Feuer behalten, und darin unterstützt werden, so muß die materielle Unvollkommenheit, wo nicht gantz fehlen, welches allerdings besser ist, doch mercklich kleiner seyn. Mir deucht alle Religions-Spöttereien haben diesen Fehler. Die Schertze die über Religionssachen getrieben werden, können bisweilen sehr gut geraten, weil aber die Gottlosigkeit und Leichtsinnigkeit derselben, zwey Sünden sind, die bey nahe den höchsten Grad in diesem Falle erreichen, so können solche Schertze bey niemanden ihre Würckung thun, als die eben so gottloß und leichtsinnig sind, wie der schertzende selbst.
§. 103.
Wenn der Verdruß und der Eckel des Zuhörers über die materielle Unvollkommenheit unseres Schertzes, grösser ist, als sein Vergnügen über die formelle Schönheit desselben, so verliehrt unser Schertz seinen Glantz und Feuer, wenigstens in dem Gemüthe unsers Zuhörers. Niemand ist so thöricht, eine kleine Lust durch einen stärckern Verdruß zu erkauffen; und es ist sehr wahrscheinlich, daß der Verdruß über unsern Schertz das Vergnügen über eben demselben verdunckeln werde, folglich auch den Grund desselben, oder die Anschauung der Schönheiten desselben. Diese werden sich gleichsam hinter der Häßlichkeit des Schertzes verliehren, und so gut seyn als wenn sie gar nicht da wären. Wenn ja ein feuriger Schertz eine materielle Unvollkommenheit hat, so muß doch der Verdruß darüber mercklich schwächer und dunckeler seyn, als das Vergnügen über eben denselben. Alsdenn wird sichs umgekehrt verhalten. Die häßliche Seite wird sich immer weiter hinter die schöne drehen, und es kan wohl gar kommen daß der Zuhörer, über den Vergnügen, an die Unvollkommenheiten zu gedencken vergißt. Wenigstens ists einem oftermals nicht zuwieder, einen kleinen Verdruß auszustehen, wenn er nur durch ein grösser Vergnügen belohnt und ersetzt wird. Es ist nicht zu leugnen, daß die Ausübung dieser Regel viele Kunst erfodert. Es kan jemand einen sehr grossen Verdruß worüber empfinden, so dem andern gar keine, oder doch eine sehr kleine Unlust erweckt, und so verhält es sich auch mit dem Vergnügen. Dem sey nun wie ihm wolle, so muß der schertzende sich durchaus nach den Zuhörern bequemen, wenn er bey ihnen seinen Zweck erreichen will. Ich rechne dahin die Schertze, die von unzüchtigen, unflätigen, und gar zu gemeinen Dingen hergenommen werden. Kurtz, alle diejenigen Schertze die in der Einbildungskraft ein schändliches und eckelhaftes Bild verursachen. Ich lasse einen jeden urtheilen, ob die feurigsten Schertze nicht ihren Glantz verliehren, wenn sie eine so schmutzige und säuische Einfassung bekommen? Ein spaßhafter Kopf, der bey seinen Schertzen gar zu oft ins Dicke trit, kan zwar in einer Zeche Mistträger ohne Eckel gehört werden, aber nicht von Leuten, die sehr selten Empfindungen von gewissen Dingen zu haben pflegen. Es gibt eine gewisse Art Leute, die, ich weiß nicht was für ein ehrwürdiges etwas, darin zu suchen pflegen, wenn sie ohne Eckel gewisse Dinge ansehen, und befühlen, und wohl gar mit noch einem andern Sinne empfinden können. Diese Leute schreiben sich deswegen eine heldenmäßige Hertzhaftigkeit zu, und verlachen alle diejenigen, die kein solches Cyclopen-Hertz besitzen als sie selbst. Und diese sinds die mehrentheils in Gesellschaften, und was noch das ärgste ist, alsdenn wenn gegessen wird, solche Spasse machen, die gar zu natürlich sind, und wodurch sie andern einen Eckel verursachen, der ihnen die Materie zu ihrem Triumphe darbietet. Meinem Urtheile nach, verdunckeln solche spaßhafte Köpfe, durch ihre eigene Schuld, das schöne ihrer Schertze, durch das schmutzige womit sie schertzen. Ich will nicht einmal von den bejammernswürdigen Köpfen reden, deren Zoten nicht einmal eine formelle Schönheit besitzen. Denn alsdenn ist der Zeug des Spasses säuisch, und der Spaß selbst häßlich, und kan auf keinerley Art gerechtfertiget werden.