An den Theaterzettel (wie man die einleitenden Strophen genannt hat, da sie poetisch ohne Wert sind) schließt sich zunächst die Erzählung vom Traume der Kriemhilt an. Kriemhilt ist dieselbe Person, die in der nordischen Sage Gudrun heißt, also die Schwester des burgundischen Königs Günther aus dem Geschlecht der Nibelunge[16]. Sie erzählt ihrer Mutter Ute folgenden Traum: sie hat sich einen Falken erzogen, der ihr lieb ist, und den ihr zwei Adler töten; das ist ihr größter Kummer. Die Mutter deutet den Traum auf den künftigen Gatten Kriemhilts und darauf, daß sie ihn vorzeitig verlieren werde. Daraufhin verschwört die junge Kriemhilt das Heiraten, die Mutter meint aber, sie solle die Rede lassen, denn allein durch die Liebe werde sie auf der Welt froh werden.

Diese kurze Geschichte geht der eigentlichen Erzählung voraus. Sie findet in der nordischen Version gelegentlich ihr Gegenstück, ohne daß dies irgendwie die Darstellung und den Gang der Erzählung beeinflußt. Ehe Sigurd in der nordischen Erzählung an den Hof Gjukis kommt, hat Gudrun einen ähnlichen Traum wie Kriemhilt in der deutschen Sagenfassung. Die nordische Gudrun fährt zu Brynhild[17] und läßt sich von ihr den Traum deuten. Brynhild weiß denn auch gleich (ein Motiv, das im Norden oft verwendet wird, so ungeschickt es ist) alles, was sich aus dem Traume ergibt, und erzählt ihre beiderseitigen Schicksale bis ans Ende mit klaren Worten, ohne daß dies Wissen auf das spätere Verhalten der Personen auch nur den geringsten Einfluß ausübte; eine Seltsamkeit, die wir ähnlich schon [S. 6] beobachten konnten.

Das Lied setzt dann an einer ganz andern Stelle ein. Über Niederland[18] regiert der König Sigemund, vermählt mit einer Gemahlin namens Sigelind. Beider Kind ist Siegfried (mittelhochdeutsch Sîfrit), der als junger Fürst am Hofe seiner Eltern erzogen und mit aller Vornehmheit, aller zeitgemäßen Bildung ausgestattet wird. Er wird waffenfähig erklärt, wie es sich für einen Ritter des 12. Jahrhunderts geziemt, und beschließt, einmal soweit gekommen, zu heiraten. Diesen Wunsch trägt er seinem Vater vor, und zwar will er sich um Kriemhilt, die Schwester des Königs Günther in Worms, bewerben. Der Vater warnt ihn: am Hofe Günthers sei eine Reihe trotziger Helden, die Gefahr, dorthin zu gehen, also ziemlich groß. Siegfried läßt sich dadurch nicht abschrecken, im Gegenteil, er wird eher angereizt, und begibt sich mit geringem Gefolge nach Worms. Dort erscheint er, sofort erkannt von Hagen, der hier der vornehmste Vasall des Königs Günther ist und nicht sein Bruder, aber immerhin ein Verwandter; er führt den Beinamen „von Tronje“ (vgl. [S. 83]).

Hagen beobachtet den ankommenden Siegfried mit seinen Leuten und sagt: „Ich habe ihn zwar nie gesehen, aber nach dem Auftreten kann der Ankömmling niemand weiter sein als Siegfried.“ Nun berichtet uns der Dichter durch Hagens Mund nachträglich alles, was Siegfried bisher getan hat.

Als Siegfried einst allein unterwegs war, stieß er auf zwei Könige, die miteinander stritten. Es waren die Brüder Nibelung und Schilbung, Söhne eines alten Königs Nibelung, der eben verstorben war; sie stritten um die Teilung des Erbes. Als Siegfried hinzukam, ward er von ihnen sofort als Unparteiischer berufen und beauftragt, ihnen den Hort, den der Vater hinterlassen, zu teilen; als Lohn gaben sie ihm zuvor das Schwert, das ihr Vater früher geführt hatte, und das Balmung hieß. Siegfried konnte ihnen indes die Teilung nicht zu Danke machen und geriet darüber mit ihnen beiden in Kampf; er besiegte und tötete sie, dann überwand er noch ihren Diener Alberich und ward dadurch Herr der Nibelunge und ihres unermeßlichen Hortes, dessen Bewachung er Alberich anvertraute. Nibelunge heißen also in diesem Teile der Erzählung die ursprünglichen Besitzer des Schatzes.

Weiter berichtet Hagen noch, daß Siegfried einen Drachen getötet hat; doch steht hier die Drachentötung nicht in Zusammenhang mit der Gewinnung des Hortes, sondern ist ein Ereignis für sich. Dagegen wird an sie die Behauptung angeknüpft, daß Siegfried sich im Blute des erschlagenen Drachen gebadet und dadurch eine Hornhaut bekommen habe, die kein Schwert zerschneiden könne. Nur an einer Stelle, auf dem Rücken, wo ihm ein Lindenblatt auf den nackten Körper gefallen wäre, sei das Drachenblut nicht direkt mit der Haut in Berührung gekommen, und habe diese daher ihre natürliche Weichheit behalten.

Die Trennung des Drachenkampfes vom Hortgewinn kann unmöglich alt sein. Schon der Umstand, daß es sich um einen Drachen handelt, den er tötet, weist darauf hin, daß die beiden Ereignisse, Drachentötung und Hortgewinn, zusammenfallen. Denn ein Drache ist an sich ein Schatzhüter. Als solcher ist dies mythische Wesen von vornherein gedacht. Man hat das in Deutschland offenbar vergessen, wie man überhaupt auf die jugendlichen Heldentaten Siegfrieds hier wenig Wert legt; hat man doch auch die Jugendgeschichte schon dadurch, daß er am Hofe des Königs, seines Vaters, als vollgültiger Prinz erzogen wird, gänzlich umgestaltet.

Inzwischen hat Hagen seine Erzählung beendet. Siegfried tritt herein und wird von Günther feierlich empfangen. Wir erinnern uns, daß er ausgezogen war, um Kriemhilt zu werben. Hier in Worms sagt er davon kein Wort, sondern fordert plötzlich ohne jeden Grund Günther zum Kampf um Land und Leute heraus; das dürfte doch wohl so ziemlich das ungeeignetste Mittel für ihn sein, den angegebenen Zweck zu erreichen. Es entwickelt sich eine heftige Szene, die ebenso unbegründet, wie sie entstanden ist, durch ein freundliches Wort Giselhers, des jüngsten Bruders des Königs, beigelegt wird. Siegfried wird wieder ganz friedlich und liebenswürdig, und die ganze Sache ist vergessen. Aber ebenso vergessen ist im Augenblick auch, weshalb er überhaupt nach Worms gekommen ist.

Die Szene hat gar keine Wirkung, vielmehr bringt die liebenswürdige Rede des jungen Giselher alles ins gleiche. Damit ist Siegfried als Gast am Hofe des Königs Günther aufgenommen. Er scheint ganz und gar vergessen zu haben, weshalb er nach Worms gekommen ist, und hält sich hier ein volles Jahr auf, ohne auch nur eine Spur seiner Absicht laut werden zu lassen. Der Dichter bedarf erst eines neuen treibenden Momentes, um die Erzählung ins Rollen zu bringen. Er hat sich dabei nicht ohne Geschick einer Sage bedient, die sonst selbständig vorkommt: er verwendet die Geschichte vom Kampfe der Sachsen und Dänen gegen die Franken oder Burgunden[19]. Die Franken haben in der Zeit Karls des Großen mit den Sachsen und auch mit den hinter den Sachsen wohnenden Dänen, die jene unterstützten, mannigfache Kämpfe ausgefochten. Von diesen Kämpfen ist die Erinnerung jahrhundertelang lebendig geblieben; sie werden nun hier verwendet, um Siegfried zu einem Entschluß zu bringen, sonst würde er zeitlebens der schüchterne Liebhaber bleiben.

Es kommen Boten von Liudeger von Sachsen und Liudegast von Dänemark, um den Burgunden Fehde anzusagen. Günther hat große Sorge, aber Siegfried erlöst ihn, indem er ihm seine Hilfe zusagt. Es wird nun der Feldzug geschildert, der im Handumdrehen durch Siegfrieds Tüchtigkeit den Burgunden die beiden feindlichen Herrscher in die Hände liefert. Damit ist Gelegenheit gegeben zu einem Siegesfeste[20]. Siegfried hat für seine entscheidende Teilnahme am Kampfe eine besondere Belohnung verdient. Sie besteht darin, daß man ihn bei dem Feste zum ersten Male den Frauen des Hofes vorstellt und ihm Kriemhilt zu führen gestattet. So sehen sich Siegfried und Kriemhilt zum ersten Male, ohne sein direktes Zutun (abgesehen davon, daß er mit der Absicht, zu werben, nach Worms gegangen ist), und ohne daß er hier seine Pläne irgendwie weiter verfolgt. Dazu bedarf der Dichter noch eines weitern treibenden Momentes.