Die ganze Szene ist unglücklich, ungeschickt komponiert. Unser Dichter arbeitet häufig so, daß die Erzählung eigentlich zu Ende gekommen ist und erst durch Einfügung eines neuen Momentes wieder in Fluß gebracht werden kann. Dies neue ist die Gier nach Siegfrieds großem Horte, die in der nordischen Überlieferung nur dem Atli zugeschrieben, hier aber von den Burgunden behauptet wird. Hagen ist der Vertreter des Gedankens, daß durch Siegfrieds Ermordung sein Hort gewonnen werden kann. Dadurch wird die Grundlage der ganzen Dichtung verschoben; führte bisher Brünhilt das Gegenspiel gegenüber Kriemhilt, so geht diese Rolle jetzt völlig an Hagen über. Seinen Herrn gewinnt dieser durch abermaligen Hinweis auf Siegfrieds mögliche Untreue: „Sollen wir Bastarde aufziehen? das wäre geringe Ehre für so gute Helden!“ So wird denn der schwarze Plan geschmiedet, Siegfried zu ermorden, und etwas umständlich ins Werk gesetzt. Man weiß, daß Siegfried eine Hornhaut hat und, außer an einer Stelle zwischen den Schultern, nicht verwundbar ist. Diese Stelle muß herausgebracht werden; mit teuflischer Verschlagenheit holt sich Hagen die Kunde bei Kriemhilt. Er läßt zuerst falsche Boten angeblich von Liudegast und Liudeger nach Worms kommen, die eine erneute Herausforderung zum Kriege überbringen; Siegfried wird um Beistand gebeten und sagt ihn ohne weiteres zu. Nun begibt sich Hagen zu Kriemhilt, kündigt ihr den bevorstehenden Kriegszug an und verspricht ihr, Siegfried an der verwundbaren Stelle besonders zu schützen, da dieser bei seiner großen Tapferkeit und das durch die Hornhaut erzeugte Sicherheitsgefühl gerade leicht verwundet werden könnte; so bringt er sie dazu, die verwundbare Stelle durch ein dem Rocke aufgenähtes Kreuzchen zu bezeichnen, das ihm einen bequemen Zielpunkt für seinen Speer bieten soll. Dann wird der angebliche Kriegszug gegen die Sachsen angetreten. Als Hagen das Kreuzchen auf Siegfrieds Rücken gesehen hat, läßt er andere Boten kommen, die wieder Frieden anbieten, und der Feldzug ist zu Ende. An seiner Stelle wird eine große Jagd angesagt, die in den nächsten Tagen im Odenwald stattfindet[21]. Auf dieser Jagd nun wird Siegfried ermordet, und zwar unter Anwendung einer neuen Hinterlist: das Getränk fehlt beim Jägermahle; Hagen hat es absichtlich nach einem anderen Orte gelenkt, damit der große Jägerdurst nur an einem Waldbrunnen zu stillen sei. Während Siegfried niedergebeugt aus diesem seinen Durst löscht, stößt ihm Hagen von hinten durch das aufgenähte Kreuzchen den Speer ins Herz[22].

Nach Einbruch der Nacht wird der tote Siegfried über den Rhein nach Worms gebracht und der Kriemhilt vor die Kammertür gelegt, so daß sie am andern Morgen, als sie zur Mette gehen will, sofort die Leiche des Gatten findet. Sie erkennt ohne weiteres, daß dieser Mord in Zusammenhang steht mit dem Streite, den sie mit Brünhilt gehabt hat, sowie mit dem, was Hagen aus ihr herausgebracht hat, und erkennt somit zunächst ohne Beweis den Mörder. Der Beweis selbst wird ihr bei der Beisetzung geliefert, indem Siegfrieds Wunde, als Günther und Hagen an seine Bahre herantreten, von neuem zu bluten anfängt. Das ist das Bahrrecht, ein merkwürdiger Aberglaube des Mittelalters, nach dem die Wunde eines Gemordeten wieder zu bluten anfängt, wenn der Mörder in seine Nähe tritt. Trotzdem wird die Übeltat von Günther und Hagen geleugnet: nach ihrer Aussage haben ihn Räuber erschlagen.

Der alte Sigemund, der mit Siegfrieds Mannen doch auch in Worms zugegen ist, denkt nicht daran, sofort Rache für seines Sohnes Tod zu nehmen, sondern zieht klagend in seine Heimat am Niederrhein ab, läßt aber seltsamerweise seine Schwiegertochter in Worms zurück; sie will nicht mitgehen, sondern bei ihren Brüdern bleiben. Dieser ihr Entschluß ist innerlich nicht begründet und um so auffallender, als sie damit ihr Kind verläßt, das sie von Siegfried geboren hat; er ist nur dadurch bedingt, daß die weitere Erzählung ihren ferneren Aufenthalt in Worms erfordert. Diese Seltsamkeiten sind wieder Folgeerscheinungen jener Änderung unseres Dichters, die Siegfried den niedrig erzogenen in einen nach jeder Seite vollwertigen Königssohn umgeschaffen hat; ursprünglich hat offenbar Siegfried als Ehemann keine andere Heimat als Worms, wo denn natürlich seine Witwe zurückbleibt. Von Sigemund hat unser Dichter gewiß nichts weiter gewußt als den Namen, sonst verstünde man nicht die Umwandlung des alten gewaltigen Helden in einen schwächlichen Greis.

Eine weitere Folge des veränderten Standes Siegfrieds ist auch die nun folgende Erzählung, daß der Hort der Nibelunge jetzt erst, indem er als Kriemhilts Eigentum angesprochen wird, aus fernem Lande nach Worms geholt wird. Über das weitere Schicksal des Schatzes ist das Gedicht im Unklaren: an unserer Stelle (Holtzmann 1144 ff.) nimmt ihn Hagen auf eigene Verantwortung ihr weg und versenkt ihn bei „Loche“ (unbekannter Lage) in den Rhein; als Kriemhilt später Etzels Werbung folgt, wird er ihr abermals weggenommen, damit sie die große Macht, die er ihr verleiht, nicht zur Rache benutzen kann; die letztere Auffassung ist gewiß die ältere.

Der erste Teil der Erzählung ist damit zu Ende. Obgleich er in der deutschen Fassung äußerlich recht reichlich ausgestaltet erscheint, ist er innerlich doch viel dürftiger als in der nordischen. Die wichtigen Geschichten von Siegfrieds Jugend und seinem ursprünglichen Verhältnis zu Brünhilt sind kaum erwähnt. Was aus letzterer schließlich wird, hat der Dichter uns zu sagen ganz und gar vergessen. Sie hört für ihn auf interessant zu sein, nachdem sie den Anlaß zur Ermordung Siegfrieds gegeben hat; später wird ihrer kaum noch gedacht; ihre Aufgabe in der Dichtung, Kriemhilts Gegenspieler zu sein, ist eben auf Hagen übergegangen.

So dürftig im Grunde der erste Teil unseres Liedes ist, um so wuchtiger schreitet die Erzählung im zweiten Teile vorwärts. Dieser ist in der nordischen Fassung dürftiger, wenn auch altertümlicher; in der deutschen ist er an Inhalt viel reicher geworden. Charakteristisch ist für ihn das Auftreten vieler neuer Personen, die nur mit ihrem Namen ohne jede erklärende Bemerkung eingeführt werden; so gleich im Anfang (Strophe 1166 des Textes C):

Daz geschach in den gezîten, dô frou Helche erstarp

unt daz der künec Ezele ein ander wîp warp.

Wer Helche und Etzel sind, wird mit keinem Worte angedeutet, sondern es wird einfach vorausgesetzt, daß das Publikum sie kennt. Wir treten hier in die Dietrichsage ein, die in Süddeutschland heimisch und jedermann bekannt war; alle diejenigen Figuren, die der Dietrichsage entstammen, werden vom Nibelungendichter einfach als bekannt vorausgesetzt. Für Günther und seine Brüder, für Kriemhilt, Siegfried usw. hat er eine erklärende Einführung gegeben; für die Helden der Dietrichsage hatte er das nicht nötig.

Etzel der Hunnenkönig überlegt mit seinen Leuten, wer geeignet ist, seine verstorbene Gattin, die Königin Helche, zu ersetzen. Man rät ihm zu Kriemhilt, der Witwe Siegfrieds, und Etzel schickt seinen ersten Vasallen, den Markgrafen Rüdeger von Bechelaren, nach Worms, daß er für ihn um sie werbe. Rüdeger reist nach Worms und bringt die Werbung vor. Die Könige, ihre Brüder, wissen die große Ehre, die ihnen damit erwiesen wird, wohl zu würdigen; um so bedenklicher äußert sich Hagen. Kriemhilt lehnt indes die Werbung kurzerhand ab, denn sie lebt nur noch dem Andenken ihres gemordeten Gatten. Erst allmählich, als ihr zugeredet wird, kommt ihr der Gedanke, daß sie durch die angebotene Heirat in die Lage versetzt wird, Rache an den Mördern zu nehmen, und auf diese Aussicht hin nimmt sie schließlich Etzels Werbung an. Markgraf Rüdeger muß ihr freilich mit allen seinen Mannen schwören, ihr immer treu zu dienen, angetanes Leid zu rächen und nichts zu versagen. Er denkt dabei nicht an Rache für Siegfried, sondern will ihr die Furcht vor den ihr fremden Verhältnissen, in die sie gehen soll, benehmen. Er hat sich damit für später die Hände gebunden. Hier hat der Dichter die künftige Entwickelung der Dinge sehr geschickt vorbereitet.