Rüdeger geleitet nunmehr Kriemhilt von Worms nach Etzelnburg[23]; König Etzel zieht seiner Braut mit glänzendem Gefolge entgegen und empfängt sie bei Tuln (an der Donau, oberhalb Wiens). Innerhalb Österreichs (im engern Sinne) zeigt sich der Dichter mit den örtlichen Verhältnissen auf das genaueste bekannt; Schritt für Schritt begleitet er Kriemhilt und weiß jeden Ort der Wirklichkeit entsprechend zu benennen, in dem sie über Nacht Herberge genommen hat. In Wien findet das Beilager statt unter großen Festlichkeiten, an denen sich all die ungezählten Scharen des Ostens beteiligen, die sich der Dichter unter König Etzels Hoheit stehend denkt.
Als Gattin des Hunnenkönigs lebt sie zwölf Jahre friedlich; während dieser Zeit gebiert sie Etzel einen Sohn und Erben, den jungen Ortlieb. Dann aber denkt sie an ihre Rache und bewegt ihren Gatten, ihre Brüder einzuladen. Er tut es in guter Meinung. Als Boten werden zwei einfache Spielleute verwendet[24]. Die burgundischen Könige sind trotz übler Vorzeichen bereit, die Schwester aufzusuchen, nur Hagen äußert Bedenken, läßt sie aber fallen, als man ihm vorwirft, er habe wohl Furcht; dann natürlich ist er der erste, der sich dem Zuge nach dem Hunnenlande anschließt. Tausend Ritter und neuntausend Knechte werden mitgenommen.
In dem Augenblicke, da die Burgunden von Worms aufbrechen, tritt uns auf einmal der Name „Nibelunge“ für „Burgunden“ entgegen; im Anfange des Liedes bezeichnete dieser Name nur das Volk, das den Hort ursprünglich besaß, jetzt geht er unvermittelt auf die Burgunden über. Eine Erklärung ist frühzeitig versucht worden (wie es scheint, nicht vom Dichter des Liedes); nach ihr wäre der Name an das Land der früher erwähnten Nibelunge geknüpft und mit diesem nach Siegfrieds Tode auf die Burgunden übergegangen; das ist nach Lehnsrecht ganz korrekt gedacht; doch widerspricht dieser Auffassung, daß Siegfried selbst niemals zu den Nibelungen gerechnet wird. In Wirklichkeit treten wir in diesem Augenblicke in eine vom Dichter benutzte neue Quelle ein. Von hier an beginnt die Erzählung den großartigsten Schwung zu nehmen, von hier an beginnt auch die genauere Übereinstimmung mit der noch zu besprechenden Thidrikssaga. Die Quellen, die unser Dichter bisher benutzt hatte, hatten ihm die jetzt auftretende Bedeutung des Namens Nibelunge nicht geboten.
Die Erzählung, wie die Burgunden an den hunnischen Hof gelangen, berichtet mannigfache Abenteuer. Zunächst erreichen sie die Donau und haben Schwierigkeit, hinüber zu gelangen: das Wasser ist ausgetreten, eine Brücke ist nicht da, auch keine Fähre. Da geht Hagen selbst nach einer Gelegenheit suchen. In einem dem Flusse nahegelegenen Brunnen hört er ein Plätschern und entdeckt zwei badende Wasserweiber (übernatürliche Wesen); ihre Gewänder liegen am Ufer. Er bemächtigt sich derselben und bringt die Nixen dadurch in seine Gewalt. Für Herausgabe der Gewänder versprechen sie ihm zu sagen, was aus der Reise ins Hunnenland wird. Darauf geht er ein, und die eine sagt ihm: „Ihr kommt alle gesund wieder nach Hause.“ Sehr erfreut gibt er ihnen die Gewänder zurück, da aber ruft die andere: „Meine Muhme hat gelogen; in Wirklichkeit kommt niemand von euch zurück als des Königs Kaplan; alle andern bleiben tot im Hunnenlande.“ Außerdem gibt sie ihm noch einen Hinweis, wo eine Fähre zu finden ist, und wie er den Fährmann gewinnen kann. Dieser gilt für einen Dienstmann und Grenzwächter der Bayernfürsten Else und Gelfrat. Hagen sucht ihn auf und ruft in grimmiger Laune hinüber: „Hol’ mich über, ich bin Amelrich, der wegen Feindschaft aus diesem Lande hat fliehen müssen.“ Daraufhin fährt der Fährmann zu ihm hinüber. Hagen bietet ihm außerdem noch einen goldenen Ring von großem Werte an (ein Anerbieten, das sich mit den übrigen Verhältnissen nicht recht verträgt, denn entweder fährt der Fährmann um Lohn oder im Dienste seiner Herren; eins schließt das andere aus; es liegt wieder eine Unstimmigkeit vor, entstanden durch ein Übereinander zweier Schichten der Erzählung). Der Fährmann sagt: „Ihr mögt wohl Amelrich heißen, aber der, den ich zu sehen erwartete, seid Ihr nicht. Das war mein Bruder.“ Indes, das Schiff ist einmal an Hagens Ufer, er springt einfach hinein. Der Fährmann widersetzt sich und schlägt mit seinem Ruder auf den Helden ein; aber Hagen tötet ihn kurzerhand und bringt die Fähre zu seinen Herren; er hat nun lange zu tun, bis er mit dem einen kleinen Schiffchen das ganze Heer von zehntausend Mann übergesetzt hat. Auch hier eine Unstimmigkeit, die durch Überarbeitung hervorgerufen ist: in der ältern Erzählung haben die Könige offenbar eine an Zahl nur geringe Begleitung mitgehabt; der Ferge war ursprünglich ein einfacher Mann, der durch das Angebot eines größern Lohnes sich bereit finden ließ, zu fahren. Das blickt alles noch durch, ist aber übertüncht. Als Hagen die letzten übersetzt, packt er den Kaplan, der mit auf dem Schiffe ist, wirft ihn in die Flut und verhindert ihn sogar, sich aufs Schiff zu retten; trotzdem er nicht schwimmen kann, ertrinkt er indes nicht, sondern gelangt an das eben verlassene Ufer zurück und geht wieder nach Worms. Daran erkennt Hagen, daß ihm das zweite Wasserweib die Wahrheit vorausgesagt hat, und zertrümmert das Fahrzeug, damit kein Feigling entrinnen könne.
Nun ziehen die Nibelunge weiter durch Bayern und bilden eine Nachhut, weil sie erwarten, daß wegen des erschlagenen Fährmannes Rache versucht werden wird. In der Tat werden sie von den Bayern nachts eingeholt und angefallen. Es kommt zu einem Gefecht, in dem sich Dankwart besonders auszeichnet[25]. Nachdem sich die Nibelunge der verfolgenden Bayern entledigt haben, erreichen sie die Grenze des Nachbarlandes und finden den Grenzwächter schlafend. Hagen nimmt ihm sein Schwert ab und weckt ihn; er beklagt sich, daß er die Grenze so schlecht gehütet hat; dabei stellt sich heraus, daß es Eckewart ist, der einzige Burgunde, der Kriemhilt ins Hunnenland gefolgt ist. Eckewart warnt die Burgunden vor Kriemhilt; dann aber weist er sie nicht nach Etzelnburg, wie man doch erwarten sollte, da er im persönlichen Dienste der Kriemhilt steht, sondern nach Bechelaren. Die Eckewart-Episode ist nur verständlich als Überbleibsel einer ältern Fassung, der der Aufenthalt in Bechelaren ganz unbekannt war. In Bechelaren finden sie eine außerordentlich liebenswürdige Aufnahme. Im einzelnen ist die Schilderung derselben ganz besonders wohl gelungen. Der Dichter hat eine neue Verwickelung hineingebracht, indem er den jungen Giselher sich mit des Markgrafen Tochter verloben läßt; das Beilager soll erst bei der doch bald zu erwartenden Rückkehr von Etzelnburg stattfinden. Wie jung diese Einlage ist, zeigt auch der Umstand, daß man im Liede nicht einmal den Namen dieser Tochter Rüdegers erfährt (erst in der Klage wird er genannt: sie heißt Dietlind).
Nun ziehen sie nach Ungarn, dem eigentlichen Hunnenlande, und schicken Boten voraus; daraufhin macht sich Dietrich auf, um mit seinen Amelungen den Nibelungen entgegenzureiten und sie zu warnen. Wer dieser Dietrich ist, und wie er an Etzels Hof kommt, wird als selbstverständlich bekannt vorausgesetzt. Dietrich ist der König (der Ostgoten), der früher in Italien geherrscht hat (in Bern, d. i. Verona), damals aber aus seiner Heimat vertrieben ist und im Exil bei Etzel lebt, bis er schließlich mit hunnischer Hilfe in sein Reich zurückgeführt wird. Die Warnung, die Dietrich den Nibelungen angedeihen läßt, hat keinen Erfolg; sie ziehen weiter und werden zunächst von Kriemhilt allein empfangen: sie begrüßt Giselher, allenfalls auch die andern Brüder, nicht aber den Hagen. Es kommt daher sofort zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen ihnen beiden, die im Grunde die folgende Erzählung teilweise unmöglich macht: klipp und klar tritt hervor, daß die Burgunden sich auf die allergrößte Hinterlist gefaßt machen müssen, daß sie verraten und überfallen werden sollen. Kriemhilt stellt gleich die Frage an Hagen, wo der Nibelungenhort stecke, den er ihr doch hätte mitbringen müssen, und das Ende ist, daß Kriemhilt im Bösen die Burgunden stehen läßt, nachdem ihr Dietrichs Warnung bekannt geworden ist. Während dieser Zeit wird Etzel im Schlosse sitzend und die Gäste erwartend gedacht; er schaut vom Fenster herab, ohne ihnen entgegenzugehen, und macht seine Bemerkungen über die einzelnen Helden, die er sieht. Auch dann erfolgt der eigentliche Empfang noch nicht, sondern es wird erzählt, daß zwei Helden, nämlich Hagen und Volker, der Spielmann von Alzei, sich von den übrigen trennen und den Saal aufsuchen, in dem sich Kriemhilt im Augenblicke aufhält. Sie setzen sich ihren Fenstern gegenüber auf eine Bank, und Hagen legt in offenem Hohne das Schwert Siegfrieds, den Balmung, über seine Knie, damit Kriemhilt an Siegfrieds Tod erinnert werde. Sie erscheint denn auch haßerfüllt vor ihrem Saale, sammelt eine Anzahl Hunnen und fordert sie auf, die beiden festzunehmen. Aber an deren trotziger Haltung scheitert das; die Hunnen haben viel zu große Angst, als daß sie es wagten, sich an ihnen zu vergreifen. Damit muß Kriemhilt den Versuch, Hagen und Volker in ihre Gewalt zu bringen, aufgeben. Sie kehrt in ihren Palast zurück, die Helden aber begeben sich zu ihren Königen, die immer noch auf Etzels Hofe zwecklos herumstehen.
Man sieht, wie ungeschickt der Dichter in der Verbindung der einzelnen Szenen verfährt. Jede ist nur für sich betrachtet künstlerisch zu genießen. Aber es ist alles in die alte Grunderzählung hineingestopft — eine Folge des Stoffhungers jener verkehrsarmen Zeit; kein Dichter mochte, weil er etwas Neues zu sagen wußte, deswegen das Alte weglassen, wenn es sich auch mit jenem nicht vertrug.
Jetzt endlich begeben sich die burgundischen Gäste, geleitet von Rüdeger, in den Saal zu König Etzel um ihn zu begrüßen, werden von ihm in feierlicher Weise empfangen und treten ihm nicht minder höflich entgegen — was nach den beiden scharfen Szenen, die sich bereits zwischen Kriemhilt und ihren Feinden abgespielt haben, ganz unbegreiflich erscheint. Es findet ein Abendessen statt, dann werden die Gäste in einem großen Saale untergebracht, der für die Menge der Erschienenen Platz hat. Nicht alle werden hier einquartiert, nur die Könige und die Ritter, während die Knechte eine Herberge für sich erhalten; an ihrer Spitze steht als Marschall, dessen Amt es ja ist, für das Gefolge zu sorgen, Dankwart, Hagens Bruder. In der Nacht haben die Nibelunge große Sorge vor einem Überfall. Hagen und Volker halten die Nachtwache; letzterer spielt die Fiedel und schläfert damit die übrigen reisemüden, sorgenden Helden ein. Diese Wachsamkeit erweist sich als begründet: bewaffnete Hunnen, von Kriemhilt abgeschickt, schleichen heran. Die beiden Wächter erkennen aber rechtzeitig den geplanten Überfall und rufen die Feinde an; ohne Antwort drückt sich der Gegner, sobald er merkt, daß er seine Absicht nicht erreichen kann, verfolgt von Volkers Hohnreden.
Die Luft wird kühler, der Morgen bricht an. Sie kleiden sich nicht in Festgewänder, sondern in Panzerringe. So gehen sie zur Kirche[26]. Nach dem Kirchgang folgt ein Turnier, bei welchem Volker böswillig einen edlen Hunnen, der recht fein geputzt erscheint, niederstößt, und dadurch große Aufregung bewirkt; Kampf droht auszubrechen, wird aber unterbrochen durch persönliches Eingreifen Etzels, der (wie es scheint, mit bewußter Unwahrheit) sagt: „Volker kann nichts dafür, sein Pferd ist gestrauchelt, so hat sein Speer aus Versehen den Mann getroffen.“ Dann begibt man sich zu Tisch in den Saal, in dem die Helden nachts untergebracht waren.
Bevor man zu Tische geht, sucht Kriemhilt nochmals ihren Willen durchzusetzen. Sie wendet sich aber an ungeeignete Leute, sogar auch an Dietrich, von dem sie doch weiß, daß er zuerst die Nibelunge gewarnt hat. Alle lehnen es ab, bis endlich Etzels Bruder Blödel es unternimmt, gegen das Versprechen hoher Belohnung Kriemhilts Willen zu tun: er soll die Knechte in der Herberge überfallen und damit den Kampf zum Ausbruch bringen. Unmittelbar nachdem Blödel sich bereit erklärt hat, den Verrat zu beginnen, fährt das Gedicht (in der Fassung B, Bartsch Strophe 1912) fort: