2. Der Name Grimhild, der nach Ausweis der historischen Hildiko zuerst an der Person haftet, die ihn in Deutschland führt, ist merkwürdigerweise zum Namen der Mutter des Königs geworden, die echte Grimhild aber führt durchweg den Namen Gudrun. Dieser Name (der mit dem der Heldin des mittelhochdeutschen Gedichtes Kudrun nicht das geringste zu tun hat) ist einfach dem Namen ihres Bruders Günther nachgebildet. Das erste Glied des zusammengesetzten Namens ist das gleiche wie bei „Günther“, das zweite ist eins der am häufigsten vorkommenden Elemente zur Bildung von Frauennamen. Die Neubildung Gudrun ist also gewissermaßen ein Feminin zu Gunnar.
3. Brynhild ist zur Schwester des Atli geworden. Damit hat man wenigstens den Versuch gemacht, eine engere Verbindung der beiden Hauptteile herzustellen, denn Atli hat nun an den Burgunden den Tod seiner Schwester zu rächen.
4. Endlich ist — wohl auch schon seit der Übertragung[44] — die Ermanarichsage als dritter Teil an die Erzählung angeknüpft. Diese Sage, die in Deutschland aufs engste mit der Dietrichsage verbunden erscheint, muß, da von letzterer im Norden keine Spur sich findet, sehr frühzeitig und selbständig dorthin gewandert sein.
Die Weiterentwickelung der Sage im Norden brauchen wir hier im einzelnen nicht zu verfolgen. Sie hat sich, wie wir gesehen haben, in lauter Einzeldarstellungen aufgelöst und eine wirkliche Zusammenstellung nicht mehr erfahren. Ein Dichter behandelt diesen Teil, ein anderer einen andern; der eine gibt das dazu, der andere jenes; so kommt eine wüste Verwirrung zustande, in der sich zurechtzufinden schwer ist. Neue Zusätze sind im Norden vor allen Dingen diejenigen, welche die Götterwelt mit hineinziehen; sie ist ganz sekundär in die Sage hineingetragen und hat ursprünglich in ihr keinen Platz. Auch die Idee, daß Brynhild eine vermenschlichte Walküre sei, also ein ursprünglich übermenschliches Wesen, das durch den Gott strafweise in die Menschheit versetzt worden sei, ist spezifisch nordisch und nicht einmal einheitlich durchgedrungen, sondern nur von einem einzelnen Dichter hineingebracht.
b) Deutsche Form.
Wichtiger ist die Weiterentwickelung des Stoffes in Deutschland. Hier tritt uns die Sage in ausführlichem Berichte erst im 12. Jahrhundert, also ziemlich spät, entgegen. Wie sie sich bis dahin entwickelt hat, das läßt sich zwar natürlich an den verschiedenen Veränderungen, die eingetreten sind, wohl erkennen, aber die zeitliche und örtliche Bestimmung der Neuerungen ist nicht leicht. Einigermaßen unterstützt werden wir durch einen Bericht, der Ereignisse des Jahres 1131 zum Gegenstande hat. Damals wollte der dänische Königssohn Magnus seinen Vetter Knut Laward, den König der Wenden und Herzog von Schleswig, auf verräterische Weise ermorden. Er sandte einen sächsischen Spielmann, namens Siward, also einen fahrenden Sänger, der nach der Überlieferung für einen in seiner Kunst wohlerfahrenen Mann galt, zu Knut Laward und ließ ihn freundlich zu sich einladen. Knut leistete ohne jeden Argwohn Folge. Dem Sänger war bekannt, was Knut bevorstand, aber er war durch einen heiligen Eid gebunden, den Plan nicht zu verraten. Da Knut ihn dauerte, so versuchte er, ihn auf Umwegen auf das drohende Unheil aufmerksam zu machen: er trug ihm das Lied von der allgemein bekannten Treulosigkeit der Grimilda gegen ihre Brüder dreimal vor, also eine Geschichte, die dem im Augenblicke des Vortrags sich entwickelnden Schicksal ganz parallel verläuft. Auf diesem Wege versuchte also Siward den König Knut zu retten, aber ohne Erfolg: der Mord gelang am 7. Januar 1131. Für uns ist interessant, daß hier die Geschichte von Grimildas Treulosigkeit gegen ihre Brüder erwähnt und als allgemein bekannt hingestellt wird. Das paßt nicht mehr zur alten Form der Sage, sondern nur zu der neuen, wie sie uns demnächst in süddeutscher Darstellung entgegentritt. Wir lernen hier die Existenz dieser jüngern Sagenform in Norddeutschland kennen, denn es ist ein sächsischer Spielmann, der den dänischen Fürsten zu retten versucht.
Daraus folgt, daß die Umbildung der Sage, die darin besteht, daß nicht mehr Attila, sondern Grimhild die Treulosigkeit gegen die burgundischen Brüder begeht, um ihren ersten Gatten Siegfried an ihnen zu rächen, noch vor der Übertragung der Sage nach Süddeutschland, also wohl noch am Niederrhein vor sich gegangen sein muß. Sie ist natürlich hauptsächlich durch innere Gründe verursacht: man wollte die beiden Teile, die ursprünglich so lose nur zusammenhingen, innerlich aneinanderschließen. Die Neuerung dürfte nach oberflächlicher Schätzung um das Jahr 900 oder bald nachher durchgeführt worden sein, weil die Überführung des Stoffes nach Bayern wohl noch ins 10. Jahrhundert fällt. Die neue Fassung trägt zugleich modernerer Gesittung Rechnung: bisher stand die Erzählung auf dem altgermanischen, etwas urzeitlich anmutenden Standpunkte, daß Blutrache die erste Pflicht sei, daß also die Pflicht der Schwester, ihre Brüder zu rächen, größer sei, als die Pflicht ihrer Treue gegen den Gatten; nunmehr, in modernerer Zeit, stellte man die Gattenpflicht an die erste Stelle und ließ die Blutrache in alter Form fallen.
Mit dieser Änderung ist nun eine Tatsache, die in der Geschichte feststeht und als Ausgangspunkt für die Sage anzusehen ist, aus dieser selbst verschwunden. Von dem Augenblicke an nämlich, wo Grimhild ihren ersten Gatten an ihren Brüdern rächt, fallen ja ihre Interessen mit denen ihres zweiten Gatten Attila zusammen; Grimhild und Attila sind jetzt einig und führen gemeinsam den Untergang der Burgunden herbei. Dann liegt aber für Grimhild keine Veranlassung mehr vor, den Attila zu töten. Die Folge davon ist, daß dieser übrig bleibt.
An dieser Entwickelung erkennt man recht, wie die Sage arbeitet: sie geht teilweise vom Tode Attilas aus, hat sich aber nach mehreren hundert Jahren so verschoben, daß sie von diesem ihrem Ausgangspunkte nichts mehr zu erzählen weiß. Hier, an einem Beispiel, das wir doch leidlich genau verfolgen können, ist ganz deutlich zu sehen, wie der Ausgangspunkt der Sage infolge ihrer Entwickelung schließlich wieder aus ihr hinausgebracht wird. Wenn das möglich ist, so wird noch vieles andere möglich sein, so wird es vor allen Dingen auch möglich sein, den ersten Teil unserer Nibelungensage aus der fränkischen Königsgeschichte abzuleiten, von der man nur Einzelheiten, besonders Namen und Motive, zur Vergleichung heranziehen kann, nicht aber den ganzen innern Zusammenhang.
Die Folge davon, daß Attilas Tod nun auf einmal nicht mehr erzählt wird, ist eine Neudichtung, die in Süddeutschland unbekannt geblieben ist, also wahrscheinlich in Norddeutschland erst entstanden ist, nachdem die Nibelungensage bereits nach Süddeutschland gewandert war: ich meine die allein in der Thidrikssaga berichtete Geschichte von Hagens nachgeborenem Sohne Aldrian, der durch Attilas Ermordung der Gesamterzählung wieder einen vollen Schluß verschafft. Ihre Entstehung war natürlich erst möglich, nachdem Attilas Tod aus der Erzählung durch die moderne Entwickelung derselben ausgeschaltet worden war.