Nach Süddeutschland ist unsere Sage wahrscheinlich im 10. Jahrhundert gewandert. Darauf weist die merkwürdige Einmischung einer historischen Person jener Zeit hin, die an der Oberfläche klebt: Bischof Pilgrim von Passau (er war im Amte 971–991) gilt im Nibelungenliede für einen Zeitgenossen der Nibelunge und Mutterbruder der burgundischen Könige; nach der „Klage“, dem mehrerwähnten Anhang zum Liede, hat er den ganzen Verlauf der großen Begebenheiten durch seinen Schreiber Konrad in lateinischer Sprache aufzeichnen lassen. Diese letztere Nachricht wird wahrscheinlich richtig sein; sie ist an sich historisch ganz einwandfrei; ist sie richtig, so versteht man, wie Pilgrim in die Sage gelangte: der Klagedichter, dem Konrads Werk bekannt war, machte den Bischof und seinen Schreiber zu Zeitgenossen der Ereignisse, um die Glaubwürdigkeit des Berichtes zu erhöhen. Wenn aber ein Passauer Bischof um das Jahr 980 die Nibelungensage aufzeichnen lassen kann, so bedeutet dies, daß sie damals in Bayern zwar bereits bekannt, aber noch nicht geläufig war; sonst hätte man nicht Wert darauf gelegt, daß sie aufgeschrieben würde. Man bedenke, wie die eigentlich süddeutsche Sage, die von Dietrich und seinen Helden, jederzeit einfach als dem Publikum bekannt vorausgesetzt wird; dann wird man zu dem Wahrscheinlichkeitsschlusse kommen, daß zu Pilgrims Zeiten die niederdeutsche Nibelungensage eben erst in Bayern bekannt geworden und eben deshalb als der Aufzeichnung durch Pilgrims Schreiber Konrad wert befunden worden war.
Eine Folge dieser Verpflanzung der Sage auf einen ihr ursprünglich fremden Boden ist die in dem Namen der einen Hauptheldin eingetretene Veränderung: sie hieß ursprünglich zweifellos Grîmhild, in welcher Form der Name etymologisch durchsichtig ist; grîma bedeutet Larve, Maske, Helm. Den Süddeutschen waren Wort und Name nicht geläufig; sie verstümmelten letztern infolgedessen, wie man so häufig ein nur mit dem Ohre aufgenommenes Fremdwort verstümmelt, zu Krîmhilt oder Kriemhilt. Der unrichtige Anlaut und das Schwanken des Vokals im ersten Teile der Zusammensetzung geben somit ebenfalls davon Zeugnis, daß die Sage in Süddeutschland ursprünglich fremd und erst verhältnismäßig spät eingeführt ist.
Noch ein zweiter Name ist vermutlich bei dieser Überführung in gewissem Sinne verstümmelt worden: Gernot; hochdeutsch könnte er schwerlich etwas anderes als ein Frauenname sein, weil „nôt“ ein Feminin ist; versteht man ihn aber niederdeutsch, so gibt er den Sinn „Schwertgenoß“ und müßte hochdeutsch Gernoz heißen; er dürfte also bei der Überführung der Sage nach Süddeutschland seine niederdeutsche Form beibehalten haben.
In Oberdeutschland hat sich die Sage nun begreiflicherweise selbständig weiter entwickelt. Augenscheinlich ist sie gar nicht vollständig dahin gelangt, wenigstens fehlt jede Kunde von Siegfrieds Vorfahren, sowie von seinem ursprünglichen Verhältnis zu Brünhilt, während die von seiner Jugendzeit äußerst dürftig ist. Die Erzählung beginnt damit, daß Siegfried um Kriemhilt freit und dann Brünhilt für seinen Schwager gewinnt. So reich ausgestattet ursprünglich und noch in nordischer Fassung der erste Teil des Stoffes war, so gering ist sein Kern in der deutschen; ritterliche Füllung hat ihn im Liede freilich wieder verbreitert. Dafür hat sich der zweite Teil reich entfaltet und zwar hauptsächlich dadurch, daß er als Episode in die Dietrichsage eingetreten ist; da die Burgunden infolge verräterischer Einladung am hunnischen Hofe zugrunde gehen, muß Dietrich, der nach süddeutscher Auffassung damals dort als Verbannter lebt, mit den Ereignissen zu tun haben; ihm wird die Entscheidung in dem großen Kampfe gegen die Burgunden zugewiesen.
Wenn es auch zu weit führen würde, Ursprung und Entwicklung der Dietrichsage an dieser Stelle in allen Einzelheiten zu besprechen, so erscheint doch eine Darstellung in großen Zügen geboten.
Im vierten Jahrhundert saßen die Goten in Dacien (etwa Rumänien und Siebenbürgen) und längs der Nordküste des Schwarzen Meeres bis zum Don. In diesen Gegenden begründete der Amaler Ermanarich (deutsch Ermenrich) ein großes gotisches Reich, das seine Macht weit über das heutige innere Rußland erstreckte. Um das Jahr 370 erlag diese Macht dem plötzlichen Ansturm der Hunnen, eines Volkes türkischen Stammes aus dem innern Asien; König Ermanarich, schon hochbejahrt, kam dabei zu Tode. Der gotische Geschichtschreiber Jordanes weiß um 550 von seinem Tode Einzelheiten zu erzählen, die zwar schlecht beglaubigt, aber an sich nicht unwahrscheinlich sind und sich inhaltlich mit dem vorhin [S. 27 f.] dargestellten dritten Teile der Nibelungensage nordischer Form nahezu decken: das treulose Volk der (sonst unbekannten) Rosomonen versucht den Einbruch der Hunnen zur eigenen Befreiung zu benutzen; Ermanarich läßt Suanihilda, eine Frau aus diesem Volke, für den heimtückischen Abfall ihres Mannes[45] von wilden Pferden zerreißen, wird aber dafür von ihren Brüdern Sarus und Ammius (Sorli und Hamdir in der Lieder-Edda) tödlich verwundet. Die Erzählung dürfte auf Tatsachen beruhen; sie ist geraume Zeit vor der Entstehung der übrigen gotischen Sagen, also etwa um 500, nach dem Norden gelangt[46] und hier schon im 9. Jahrhundert (vgl. [S. 90]) dadurch an die Nibelungensage angeschlossen worden, daß man Suanihilda und ihre Brüder zu Kindern der Gudrun gemacht hat. Vermutlich spielte die Mutter der untergegangenen Geschwister schon vor dieser Vereinigung in der Erzählung eine Rolle, die es nahelegte, sie mit Gudrun gleichzusetzen; darauf weist wenigstens die Art hin, wie der dänische Geschichtschreiber Saxo Grammaticus um 1200 die Ermanarich-Sage (ohne ihre Verbindung mit der Nibelungensage zu berücksichtigen) in seine dänische Geschichte aufgenommen hat.
Der Einbruch der Hunnen trennte die Goten in westliche, die auf römisches Gebiet übertraten und uns hier nichts mehr angehen, und östliche, die unter hunnischer Hoheit zurückblieben und nach wie vor Könige aus dem Amalerhause hatten. Diese Ostgoten bildeten mit andern Germanenvölkern zusammen den eigentlichen Kern der hunnischen Macht; ihre Führer waren die ersten Helden des Großkönigs. Als solcher herrschte 444–453 Attila, nachdem er seinen Bruder und Mitherrscher Bleda beseitigt hatte. Dieser Attila hat bei den westlichen Germanen das Andenken eines wilden Eroberers hinterlassen; ganz anders bei den östlichen: sie erinnern sich seiner als eines mächtigen, aber gnädigen Herrschers. Unter seinen vielen Frauen ragt in der Geschichte die Kerka oder Rheka (richtig vermutlich Cherka) hervor, die in der Sage als Herche oder Helche lebendig geblieben ist. — An der Spitze der Ostgoten standen zu Attilas Zeit drei amalische Brüder, deren einer Theodemer (deutsch Dietmar) hieß.
Nach Attilas plötzlichem Tode (vgl. [S. 69]) zerfiel sein Reich; die Ostgoten traten auf das rechte Donauufer in oströmischen Bereich über. Theodemer war schließlich ihr alleiniger König und vererbte diese Stellung 481 auf seinen Sohn Theodorich (deutsch Dietrich), der sich den Beinamen des Großen verdiente.
Inzwischen hatte sich 476 in Italien ein germanischer Fürst namens Odoaker (deutsch Otacker) der Herrschaft bemächtigt. Ihn zu beseitigen und zugleich die Sorge vor den Ostgoten, die fortgesetzt die Sicherheit Konstantinopels bedrohten, loszuwerden, übertrug Kaiser Zeno 489 dem Theodorich und seinem Volke die Aufgabe, Italien dem Reiche zurückzuerobern, um es dann als römische Bundesgenossen zu bewohnen und zu beherrschen. Theodorich schlug Odoaker in mehreren Schlachten und belagerte ihn schließlich drei Jahre lang in dem festen Ravenna, wo damals (seit Honorius) der Regierungssitz Italiens sich befand; 493 gelangte die Stadt in Theodorichs Gewalt, Odoaker wurde getötet. Als Beherrscher Italiens hat nun Theodorich lange Zeit die führende Rolle unter den westeuropäischen Germanenkönigen gespielt, ja, dieselben durch Heiraten zu einer großen Familie zu vereinigen gesucht, deren Haupt er selbst sein wollte. Dabei war sein Bestreben, Kriege zu vermeiden und Streitigkeiten auf friedlichem Wege zu schlichten — ein Charakterzug, der dem Dietrich der Sage insofern noch anhaftet, als auch dieser nur, wenn es ganz unvermeidlich ist, zum Schwerte zu greifen pflegt.
526 ist Theodorich gestorben; damit brach sein System zusammen. Auch der Ostgotenstaat war nicht von Dauer: bereits 540 geriet Ravenna wieder in römische Gewalt, und 553 vernichtete Narses den letzten Gotenschwarm, der noch zusammenhielt, am Vesuv. Nur nördlich der Alpen blieben gotische Reste übrig und gingen in den Bayern auf (vgl. [S. 56]), die nun die Erinnerung an die ruhmreiche Geschichte der Amaler bewahrt und gepflegt haben.