Die deutsche Sage kennt, wie begreiflich, die Goten (die sie ausschließlich Amelunge nennt) nur in Italien und Bayern; auch Ermenrich ist aus Südrußland dahin versetzt. Sie betrachtet ferner die Amelunge als legitime, eingeborne Herrscher ihres Reiches; Dietrichs Sieg bedeutet ihr also nicht eine einfache Eroberung, sondern eine Wiedereroberung nach vorausgegangener Vertreibung. Zu dieser Anschauung mußte die Sage dadurch geführt werden, daß Theodorich in der Tat durch den Auftrag des Kaisers Zeno das formale Recht auf seiner Seite hatte, während Odoaker nur infolge Usurpation in Italien herrschte. Den oströmischen Kaiser ferner hat die Sage, wie sie es fast immer getan hat, durch den Hunnenkönig ersetzt; indem sie Dietrich während seiner Abwesenheit aus Italien an dessen Hofe lebend dachte, übertrug sie auf ihn das, was von den Verhältnissen seines Vaters Dietmar bekannt geblieben war. Endlich brachte sie die beiden Amelunge Ermenrich und Dietrich dadurch aufs nächste zusammen, daß sie sie als Oheim und Neffe betrachtete. So hat denn die Dietrichsage im wesentlichen folgende Gestalt erlangt:
Die Brüder Ermenrich und Dietmar aus dem Hause der Amelunge teilen sich derart in das Reich, daß Ermenrich als der älteste den Hauptteil mit Ravenna, Dietmar den Norden erhält; als Sitz des letztern und seines Sohnes wird Verona (Bern) betrachtet, nachdem Theodorichs historische Residenz Ravenna zunächst Ermenrichs Eigentum geworden ist. Nach Dietmars Tode wird sein Sohn Dietrich von Ermenrich vertrieben; dies behauptet die Sage im Anschluß an die historische Eroberertätigkeit, die Ermanarich entfaltet hat. Der vertriebene Dietrich begibt sich an den Hof des Hunnenkönigs Etzel, um von ihm Hilfe gegen Ermenrich zu erbitten; als Vermittler zwischen Dietrich und Etzel spielt dabei der Markgraf Rüdeger von Bechelaren, des erstern Freund, des letztern vornehmster Vasall, eine hervorragende Rolle. Über Ursprung und Bedeutung der Figur Rüdegers hat man mannigfache Vermutungen aufgestellt, ja, man hat sogar diesen reinmenschlichen Helden zu einem mythischen Wesen machen wollen; und doch ist, wie mir scheint, Rüdegers Bedeutung so leicht zu fassen: da die naiven Pfleger der Sage dieser jederzeit zeitgenössische Färbung geben, so müssen sie sich Dietrich als Bayern, Etzel als Ungarn denken; daraus ergibt sich, daß Rüdeger der Repräsentant des vermittelnden Zwischengebietes, der bayerischen Ostmark (Österreichs) ist. Im Nibelungenliede gilt als Rüdegers Bereich das Land zwischen Enns und Wienerwald; das ist genau das Gebiet der bayerischen Ostmark von Otto dem Großen bis auf Heinrich III., dessen Eroberung das Land bis zur Leita hinzufügte. Daraus ergibt sich, daß die Dichtung die Figur Rüdegers um das Jahr 1000 geschaffen hat[47]. — Die Sage kennt nun zunächst einen ersten, mißlungenen Versuch Dietrichs, mit hunnischer Hilfe zurückzukehren; er führt zu Kämpfen bei Ravenna und gibt den Stoff zu dem Gedicht von der „Ravennaschlacht“ ab; selbstverständlich beruht er auf dem Walten der Dichtung: die deutschen Spielleute des zwölften Jahrhunderts lieben es ja auch, denselben Stoff in zwei Variationen nacheinander vorzutragen. Der Inhalt der Ravennaschlacht ist eine Variation von Dietrichs Rückkehr. — Nunmehr findet Ermenrich sein Ende ungefähr so, wie es schon Jordanes erzählt; als einer der Mörder gilt um das Jahr 1000 Otacker, der Ermenrichs Nachfolger wird und also schließlich bei der endgültigen Eroberung Italiens Dietrichs Gegner ist, wie es die Geschichte dargeboten hat. In Süddeutschland ist allerdings im 12. Jahrhundert Ermenrichs Ermordung und die Person Otackers augenscheinlich ganz vergessen; den Thron der Amelunge nimmt bei Dietrichs Rückkehr Ermenrichs treuloser Ratgeber Sibich ein. Jedenfalls aber gelangt Dietrich schließlich durch Etzels Hilfe wieder in den Besitz seines angestammten Reiches[48].
In Gesellschaft Dietrichs und der zu ihm in Beziehung tretenden Leute befinden sich nun natürlich zahlreiche Personen minderer Bedeutung, die teils selbständige Sagenexistenz gehabt haben, aber durch die gewaltige Anziehungskraft der Hauptsage an sie herangezogen und ihr angegliedert worden sind (so z. B. Wielands Sohn Witig, ursprünglich ein Mann Ermenrichs), teils aber als mehr oder minder nötige Ausfüllung erdichtet worden sind; zu letzteren gehören vor allen Hiltebrand, der als Dietrichs Erzieher und erfahrener erster Ratgeber eine fast selbstverständliche typische Figur ist, und sein Neffe Wolfhart, in allem Hiltebrands Gegenbild (besonders in der Art seines Auftretens) und gewiß des Kontrastes wegen als solches geschaffen.
Von Personen aus der Umgebung des historischen Attila hat die Sage noch bewahrt seine Gattin Cherka als Helche (im Rosengarten Herche, in der Thidrikssaga Erka genannt) und seinen Bruder Bleda als Blödel; dieser Name ist offenbar volksetymologisch an „blöde“ angelehnt. An Bledas wirkliche Schicksale besteht keine Erinnerung, er wird in ziemlich willkürlicher Weise verwertet.
In diese in Süddeutschland ganz lebendige Dietrichsage ist nun die Nibelungensage nach ihrer Überführung dahin derart eingefügt, daß Kriemhilt als zweite Gattin Etzels gilt, die er nach dem Tode der Helche geehelicht hat, und daß der große Todeskampf der Nibelunge eintritt, während Dietrich noch an Etzels Hofe lebt; der Versuch der Rückkehr, der zur Ravennaschlacht führt, muß natürlich, da bei ihm die Königin Helche noch eine wichtige Rolle spielt, schon vorüber sein.
Mit Dietrich sind natürlich die meisten seiner Sage angehörigen Figuren in die Nibelungengeschichte übergetreten, vor allen auch Rüdeger, der nach dem, was vorhin ausgeführt wurde, außerhalb der Dietrichsage undenkbar ist. Da nun aber die Nibelungensage zunächst ohne Dietrich und Rüdeger existiert hat, so muß es möglich sein, nach Ausscheidung oder Abtrennung der diese Helden betreffenden Abschnitte ein Bild von dem Zustande zu bekommen, den sie zur Zeit der Überführung nach Süddeutschland aufwies. Dabei ergibt sich nun das merkwürdige Resultat, daß alle nach dem Saalbrande sich noch abspielenden Szenen wesentlich durch die Dietrichsage bedingt sind, mit andern Worten: es wird höchst wahrscheinlich, daß der Saalbrand in der ältern Sagenfassung den Schluß bildete, und die Nibelunge in ihm umgekommen sind.
Bedenken gegen diese Annahme werden allerdings dadurch erweckt, daß der Schluß des Nibelungenliedes mit den eddischen Atli-Liedern insofern übereinstimmt, als Günther und Hagen schließlich lebendig gefangen und erst nach ihrer Weigerung, den Hort auszuliefern, getötet werden; daß im Nibelungenliede erst Günther und dann Hagen getötet wird, während die Lieder-Edda beider Rollen vertauscht, macht keinen wesentlichen Unterschied. Nun sind aber die Atli-Lieder augenscheinlich keine reinen Repräsentanten der nordischen Sagenform, sondern weisen mehrfach erneute deutsche Beeinflussung auf; sonach wäre möglich, daß auch die nahe Übereinstimmung in der Schlußerzählung erst unter dem Einflusse deutscher Neudichtung zustande gekommen ist.
Wenn wir Rüdeger aus einer Grundform unserer Sage zu streichen haben, so fällt natürlich auch der Abschnitt vom Aufenthalte der Nibelunge zu Bechelaren weg; dann steht die kleine Szene von der Begegnung mit dem Grenzwächter Eckewart unmittelbar vor dem Eintreffen bei Kriemhilt, und es verschwindet die Sonderbarkeit, an der wir vorhin ([S. 48]) Anstoß nehmen mußten.
Wir haben im wesentlichen den Zustand der Sage erreicht, der in unserm Liede die Grundlage der Erzählung bildet. Manches freilich hat der Dichter des Liedes, manches haben wohl noch andere Hände geändert, ehe die Textgestalt erreicht wurde, die uns heute noch vorliegt. Ehe wir diese letzten, dem Liede eigenen Neuerungen betrachten und untersuchen, müssen wir uns erst den Fragen zuwenden, die uns die Überlieferung und Geschichte seines Textes stellen.