Das Nibelungenlied ist uns erhalten in zehn vollständigen[49] Handschriften, außerdem in Bruchstücken von siebzehn verschiedenen Handschriften. Die Pergamenthandschriften des 13. und 14. Jahrhunderts haben wir uns gewöhnt (seit Lachmann) mit großen, die Papierhandschriften des 14./15. Jahrhunderts und die einzige jüngere Pergamenthandschrift (d aus dem 16. Jahrhundert) mit kleinen lateinischen Buchstaben zu bezeichnen und zu benennen. Die vollständigen Handschriften sind A B C D I a b d h k, die Fragmente E F H K L M N O Q R S U Y Z g i l. In allen vollständigen Handschriften mit Ausnahme von k, die überhaupt eine Sonderstellung einnimmt, schließt sich die „Klage“ dem Liede unmittelbar an; von den Fragmenten bietet nur N auch ein Bruchstück der Klage; dafür sind uns Stücke dieses Gedichtes in Resten von drei andern Handschriften (G, W und X) noch erhalten, in denen natürlich auch das Nibelungenlied vorhanden gewesen sein muß[50].

Die Handschrift k (im Besitze des Piaristen-Kollegiums zu Wien) ist eine völlige Neubearbeitung des alten Textes in Stil und Sprache des 15. Jahrhunderts, steht also im Grunde auf keiner andern Linie als z. B. Simrocks Übertragung ins Neuhochdeutsche; jedoch der Umstand, daß sie Vorlagen benutzt hat, die uns nicht mehr zugänglich sind, verleiht ihr auch für die Kritik des alten Textes einigen Wert.

Die übrigen 26 Handschriften ordnen sich nach dem Titel, den das Epos am Schlusse sich selbst gibt, leicht in zwei große Gruppen: der Nibelunge nôt heißt es in A B D H I K L M N O Q S Z b d g h i l (dazu W), der Nibelunge liet in C E F R U Y a (dazu G X). Noch eingehendere Gruppierung läßt sich durch genauere Betrachtung der vollständigen Handschriften gewinnen. Diese sind:

A aus dem 13./14. Jahrhundert, ursprünglich auf Schloß Hohenems, jetzt in München;

B aus dem 13. Jahrhundert, in St. Gallen;

C aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts, ursprünglich auf Schloß Hohenems, dann im Besitze des Freiherrn v. Laßberg, jetzt auf der fürstenbergischen Bibliothek in Donaueschingen;

D aus dem 13./14. Jahrhundert, in München;

I aus dem 14. Jahrhundert, stammt aus Tirol, jetzt in Berlin;

a, früher in Wallerstein, jetzt in Maihingen (bayr. Regierungsbezirk Schwaben);

b, Hundeshagens Handschrift, jetzt in Berlin;