Vorliegendes Werkchen ist erwachsen aus einer Reihe im Spätjahre 1906 gehaltener Vorträge und mag wohl gelegentlich den Stempel dieses seines Ursprungs deutlicher tragen, als mir lieb sein kann. Gemäß der Absicht, den alten Stoff der Nibelungensage und die Fragen, die sich an ihren Ursprung, ihre Entwicklung und spätere Überlieferung knüpfen, einer breitern Öffentlichkeit zugänglich und verständlich zu machen, ist das wissenschaftliche Beiwerk auf ein geringstes Maß beschränkt; insbesondere ist im allgemeinen unterlassen, die anerkannten und aufgenommenen Gedanken auf ihre Urheber zurückzuführen. Selbstverständlich ist damit keinerlei Schmälerung von irgend jemandes Verdienst beabsichtigt; dies kann um so weniger der Fall sein, als ich auch mancherlei Eigenes zur Lösung der verschiedenen Fragen vorzubringen glaube, dessen Abgrenzung von Fremdem nun nicht ohne weiteres möglich ist. Es bleibt den Fachgenossen überlassen, diese Grenze zu ziehen und das vorgebrachte Neue anzuerkennen oder zu verwerfen.
Leipzig, im April 1907.
G. Holz.
Inhaltsverzeichnis.
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| I. | Einleitung, Übersicht der Quellen | [1] |
| II. | Form, Inhalt und Kritik der nordischen Überlieferung | [13] |
| III. | Form, Inhalt und Kritik der deutschen Überlieferung | [31–65] |
| a) Der Nibelunge Lied | [31] | |
| b) Zweikampfsage und Thidrikssaga | [56] | |
| c) Hürnen Seifrid | [65] | |
| IV. | Die Grundlagen der Sage | [66–85] |
| a) Burgunden und Hunnen | [66] | |
| b) Sage und Mythus | [71] | |
| c) Die Merowinge | [74] | |
| d) Einzelheiten | [78] | |
| V. | Die Entwicklung der Sage | [86–100] |
| a) Älteste und nordische Form | [86] | |
| b) Deutsche Form | [90] | |
| VI. | Überlieferung und Textgeschichte des Liedes der Nibelunge | [101] |
| VII. | Wirkung des Liedes in der alten Literatur. Allmähliches Erlöschen des Interesses | [115] |
| VIII. | Erneuerung der Kenntnis des alten Stoffes seit dem 18. Jahrhundert | [123] |
| IX. | Die wichtigsten modernen Bearbeitungen der Sage | [130] |
| Anhang. Literatur | [137] | |
| Register | [139] |
I.
Einleitung. Übersicht der Quellen.
Das in wirtschaftlicher wie in geistiger Beziehung so reiche Leben des alten Deutschlands erstarb in den Greueln des Dreißigjährigen Krieges. Was unserm Volke bis zu jener Zeit an alten Sagenschätzen lieb und wert gewesen war, geriet damit in Vergessenheit, und ein volles Jahrhundert verging, bis Gelehrte in alten Büchereien die ersten Spuren des alten Reichtums neu entdeckten. Die großen Männer des 18. Jahrhunderts, deren Geschmack anfangs in französischem und später in klassischem Sinne gebildet und geläutert war, blieben allerdings zunächst kalt gegenüber den Denkmälern einer Vergangenheit, deren Empfinden von dem ihren durchaus verschieden war. Erst der völlige Zusammenbruch, den die deutsche Politik und damalige Geisteskultur vor nunmehr (1906) genau hundert Jahren erlebte, bewirkte im Zusammenhange mit dem Erwachen unsers nationalen Fühlens auch eine höhere Wertschätzung der Denkmäler aus alter großer Zeit. Es ist bezeichnend, daß die erste volkstümliche Ausgabe des Nibelungenliedes 1815 in dem Augenblicke erschien, da man sich rüstete, den von Elba zurückgekommenen Napoleon abzuwehren. Der Herausgeber, August Zeune, nannte sie eine „Feld- und Zeltausgabe“ und erwähnte ausdrücklich, daß er sie besorgt habe, „da viele Jünglinge dies Lied als ein Palladium in den bevorstehenden Feldzug mitzunehmen wünschten“. Von jener Zeit an ist nun das Interesse an unserer alten Geschichte und Dichtung ständig gewachsen. Die germanistische Wissenschaft erblühte, gestützt auf die romantische Geschmacksrichtung, die die klassische in der Poesie abgelöst hatte, und erschloß immer neue Quellen für die Kunde der Vorzeit; die moderne Dichtung bemächtigte sich der alten Stoffe und goß sie in neue, der Gegenwart angemessene Formen. Vor allen andern hat Richard Wagner das Verdienst, durch sein gewaltiges Tonwerk, den „Ring des Nibelungen“, die alten Sagen volkstümlich gemacht zu haben, ein Verdienst, das dadurch nicht verringert wird, daß er mit seinem Stoffe recht willkürlich umgesprungen ist. Denn ohne ihn würde das Interesse für die Nibelungensage heute wohl nicht so weit verbreitet sein, wie es tatsächlich der Fall ist.
Welches sind nun die Quellen, aus denen man geschöpft und die alten Stoffe zu neuem Leben erweckt hat? Was bringen sie, und vor allem: worauf beruhen sie?
Im allgemeinen darf behauptet werden, daß alle erzählende Dichtung ihren letzten Ausgangspunkt in wirklich geschichtlichen Ereignissen hat, auch dann, wenn die beglaubigte Geschichte nicht in der Lage ist, solche namhaft zu machen; die ursprüngliche Tatsache ist dann von der Dichtung mit dichtem Beiwerk umsponnen worden, das wie Schlingpflanzen den alten Kern überwuchert und vielleicht erstickt.
Was in der Nibelungensage sicher als geschichtlich erwiesen ist, beruht auf Ereignissen des fünften nachchristlichen Jahrhunderts, also Ereignissen aus der Zeit der Völkerwanderung, die für die germanische Welt des Mittelalters in ganz gleicher Weise das Heldenzeitalter gewesen ist, wie es der trojanische Krieg für die Griechen des Altertums war. Diese Ereignisse sind in ununterbrochener Überlieferung im Gedächtnis bewahrt worden, bis ihr eben der Dreißigjährige Krieg das Grab gegraben hat. Die Überlieferung aber ist in folgender Weise zustande gekommen.