In einer Zeit ganz unentwickelter Verkehrsmittel und so gut wie völlig mangelnder Schrift (die höchstens Besitztum einiger weniger auserlesener Personen war) bildete sich ein Stand fahrender, d. h. herumziehender Leute, die ein Gewerbe daraus machten, das jederzeit lebhaft entwickelte Neuigkeitsbedürfnis ihrer Mitmenschen zu befriedigen. Sie zogen von Ort zu Ort, sammelten und verbreiteten Neuigkeiten jeder Art und fanden auf diese Weise ihren Unterhalt. Solange die Schriftkunde beschränkt war, blieben sie ersehnt und hochangesehen. Mit der fortschreitenden Volksbildung und den gebesserten Verkehrsverhältnissen sank natürlich ihre Bedeutung und damit auch die Achtung.

Naturgemäß sind es in erster Linie die großen politischen, also historischen Ereignisse, die sie wiedererzählen und betrachten. Um diese möglichst treu im Gedächtnis behalten zu können, gießen sie dieselben in eine feste Form, indem sie sie in Verse bringen. Die poetische Form ist also zunächst etwas Äußerliches; sie macht aber durch ihre Geschlossenheit sogleich ihren Einfluß auf den innern Stoff geltend, indem sie den Erzähler zwingt, zu ergänzen, was er nicht weiß, also die Beweggründe der handelnden Personen zu erraten. Damit ist aber der Erfindung Tür und Tor geöffnet. Je weiter man sich nun von dem Zeitpunkt der Geschehnisse entfernt, um so schwerer wird natürlich eine richtige Ergänzung, aber auch um so unwichtiger, da schließlich niemand mehr existiert, der den Erzähler Lügen strafen kann. So ist zweierlei möglich geworden: 1. daß der Bericht von den historischen Ereignissen bis zur Unkenntlichkeit entstellt, also zur reinen Sage wird, und 2. daß die Überlieferung jahrhundertelang von der eigentlichen Literatur so gut wie unbemerkt sich hat fortpflanzen können, um dann plötzlich als Stoff größerer Werke in ihr aufzutauchen.

Es sind nun die am Niederrhein wohnenden Franken, die die vorhin angedeuteten Ereignisse des 5. Jahrhunderts fürs erste bewahrt haben. Von ihnen aus, die geographisch etwa den Mittelpunkt der damaligen germanischen Welt darstellen, hat sich dann die Kunde über diese ausgebreitet, am wenigsten nach England, dessen älteste Literatur nur spärliche Zeugnisse für die Nibelungensage aufweist, desto ausgiebiger nach Skandinavien und nach Süddeutschland. Der Gang der Ausbreitung war etwa folgender:

Im 9. Jahrhundert zogen von Skandinavien, insbesondere von Norwegen aus, zahlreiche Scharen von Seeräubern, die sog. Wikinger, gen Süden und plünderten die Küsten Englands und des fränkischen Reiches. An den Küsten der heutigen Niederlande, in der Gegend der Rheinmündungen, wohnten die Franken, die die Überlieferung von den Ereignissen des 5. Jahrhunderts bewahrten. Dort haben sich die nordischen Räuber zeitweise sogar fest angesiedelt und ungefähr zwei Menschenalter hindurch die Küstenländer beherrscht, bis sie im Jahre 891 in der Schlacht an der Dyle von König Arnulf vertrieben wurden. In dieser Zeit müssen die Nordgermanen die Kunde von der deutschen Überlieferung sich angeeignet und nach dem Norden verpflanzt haben. Sie zeigen dabei einen ganz eigenartigen Charakterzug: sie vereinigen nämlich in sich zwei scheinbar entgegengesetzte Züge des germanischen Charakters, auf der einen Seite kriegerisches Wesen in höchster Potenz, blutdürstige Wildheit und Grausamkeit, auf der andern Seite ein Streben nach Gelehrsamkeit, wie es bei diesen wilden Seeräuberhorden kaum verständlich scheint. Es ist das aber vollauf begründet in den Eigentümlichkeiten der alten verkehrslosen Zeit. Die Leute sitzen den Winter über in abgelegenen Tälern und hören und sehen von der Welt nichts. Bei ihrem regen Geistesleben haben sie nun ein ganz besonders starkes Bedürfnis nach Neuigkeiten. Die norwegischen Wikinger haben keine Gelegenheit vorübergehen lassen, südländische Kunde nach dem Norden zu bringen. So haben sie auch die fränkische Nibelungensage nach dem Norden gebracht, wahrscheinlich in der Form einer einheitlichen Dichtung, denn das, was im Norden uns von der Nibelungensage erzählt wird, weicht in vielen Punkten von der deutschen Sage ab, und zwar so, daß die Abweichungen nicht die ursprüngliche Gestalt, sondern eine Änderung darstellen, die auf einen Akt der Willkür zurückgeht. Es weist das darauf hin, daß irgendein nordischer Dichter den am Niederrhein erkundeten Stoff in feste Form gegossen und so nach dem Norden gebracht hat, wo er dann in dieser Gestalt aufgenommen worden ist.

Im Norden ist er nun in zahlreichen Liedern von zahlreichen uns gänzlich unbekannten Dichtern behandelt worden. Zunächst geht die Tradition dieser Lieder in der vorhin geschilderten Weise vor sich, d. h. sie werden mündlich übertragen und nicht aufgezeichnet. Erst in einer wesentlich spätern Zeit, im 13. Jahrhundert, entschloß man sich im Norden auf einem eigenartigen Umwege zur Aufzeichnung dieser Lieder.

Bis zum 13. Jahrhundert hatte sich die nordische poetische und prosaische Literatur hoch entwickelt, so hoch, daß man das Bedürfnis empfand, ein Lehrbuch gewisser Eigentümlichkeiten des nordischen Stils anzufertigen. Dies Lehrbuch schrieb um das Jahr 1220 der isländische Skalde Snorri Sturluson; es führt den Titel „Edda“. Dies Wort wird heute gedeutet als Bezeichnung der Herkunft des Buches: aus Oddi, einem Gehöfte im südwestlichen Island, wo Snorri erzogen worden war; andere fassen es als Ausdruck für „Poetik“. Eine Poetik war allerdings nötig, um dem angehenden Skalden eine besondere Eigentümlichkeit der nordischen Dichtweise zu erklären. Man bezeichnete einen einfachen konkreten Alltagsgegenstand nicht gern mit seinem schlichten Namen, sondern bediente sich statt dessen eines Bildes, das aus der Sage entnommen und nicht verständlich war, wenn man nicht die zugehörige Sage kannte. So heißt z. B. das Gold „Otterbuße“, und zwar in Zusammenhängen, in denen weder von „Buße“ noch von „Otter“ irgendwelche Rede ist. Um Ausdrücke dieser Art (die sog. „Kenningar“) zu erklären, ist ein Hauptteil der Edda geschrieben; die Erklärung besteht in der Erzählung der zugehörigen Geschichte.

So erzählt denn Snorri in der Edda eine große Anzahl der verschiedensten Sagen, von denen die überwältigende Mehrzahl uns ohne ihn gar nicht bekannt wäre, u. a. auch die Nibelungensage in nordischer Form. Vielfach werden dabei Dichtungen zitiert, Verse aus Liedern, bruchstückweise natürlich nur, und zwar als Belege. Das hat dazu geführt, daß man diese Lieder im Anschluß an die Snorrische Poetik gesammelt hat. Wer das getan hat, bleibt unbekannt. Die Sammlung ist jedenfalls entstanden um die Mitte des 13. Jahrhunderts und uns im wesentlichen erhalten in einer einzigen, aus Island stammenden, jetzt in Kopenhagen befindlichen Handschrift, die nach dem Aufbewahrungsort in der Königlichen Bibliothek der Codex regius genannt wird. Diese Handschrift stellt sich dar als eine Sammlung von Einzelgedichten in lyrisch-epischer Form, gewissermaßen Balladen, aus der Götter- und der Heldensage. Der größere, zweite Teil der ganzen Sammlung umfaßt nur Lieder aus unserer Nibelungensage. Leider ist uns der Kodex nicht vollständig erhalten, sondern es fehlt gerade aus dem wichtigsten Teile der Nibelungensage eine vollständige Lage, d. h. ein Heft von acht Blättern, das frühzeitig verloren gegangen und nicht ersetzbar ist. Diesen Codex regius bezeichnet man vielfach, aber fälschlich mit dem Namen Edda; ja wenn kurzweg von „Edda“ geredet wird, meint man gewöhnlich diese Liedersammlung. Derjenige, der sie im 17. Jahrhundert entdeckte, der isländische Bischof Brynjolf Sveinsson, nahm an, daß er die Quelle von Snorris Edda vor sich habe, und da er den Namen „Edda“ für Snorris Werk nicht verstand, übertrug er ihn auch auf die Quelle und bezeichnete die Liedersammlung als die ältere Edda. Er wußte auch gleich einen Sammler oder Verfasser anzugeben, den weisen Sämund, von dem uns allerdings nicht viel mehr bekannt ist, als daß er etwa hundert Jahre vor Snorri gelebt und in der Tat mit der Liedersammlung nicht die Spur zu tun hat. Immerhin hat sich der Titel „Edda“ für die Liedersammlung festgesetzt; man unterscheidet sie am besten als „poetische“ von Snorris „prosaischer“ Edda, muß sich aber stets gegenwärtig halten, daß der Name „Edda“ für die Liedersammlung nicht authentisch ist.

In der Sammlung stehen nun zunächst Götterlieder, dann Lieder aus verschiedenen Heldensagen, zuletzt, wie gesagt, eine Sammlung von Liedern aus der Nibelungensage, die so angeordnet sind, daß sie wenigstens äußerlich eine geschlossene Darstellung der Sage geben. An der Spitze der Sammlung, soweit sie die Nibelungensage angeht, steht ein Gedicht, das sich betitelt: Die Weissagung des Gripir. Sigurd (derselbe Held, der in Deutschland den Namen Siegfried führt) kommt hier als junger Mann zu einem Oheim, namens Gripir, der eigens zu diesem Zwecke von dem Sammler erfunden scheint, und erkundigt sich nach seinem künftigen Schicksal; Gripir ist ein Seher und vermag ihn ohne weiteres über alles, was ihm bevorsteht bis über seinen Tod hinaus, zu orientieren. Es ist das eine Entgleisung der nordischen Dichtweise, wie sie ziemlich häufig vorkommt, daß lebenden Leuten ihr künftiges Schicksal bis in alle Einzelheiten prophezeit wird, ohne daß sie dann auch nur den geringsten Versuch machen, dem Schicksal, das ihnen droht, die Stirn zu bieten; in Wirklichkeit ist denn die Weissagung Gripirs weiter nichts als eine Übersicht über das, was nun in der Sammlung kommt.

Es folgt zunächst eine ganze Reihe von Fragmenten, zu der der Sammler eine Rahmenerzählung geliefert hat; die Strophen sind lose in die Erzählung eingestreut. Man teilt in unsern Eddaausgaben diese Fragmentsammlung in drei Abschnitte ein: die Sprüche von Regin (Reginsmál), die Sprüche von Fafnir (Fáfnismál) und die Sprüche von Sigrdrifa (Sigrdrifumál). Mitten in diesem letzten Teile bricht die Sammlung für uns vorläufig ab, weil die Lücke einsetzt. Nach der Lücke stoßen wir auf den Schlußteil eines einst vollständigen Liedes, also nicht eines von dem Sammler als Bruchstück aufgenommenen Stückes, das nur durch die Ungunst der Verhältnisse für uns ein Bruchstück geworden ist. Hier wird nun, während in dem vorausgehenden Stücke die Erzählung bis dahin geführt war, wo Sigurd die Brynhild kennen lernt, gleich erzählt von den Umständen, die sich um Sigurds Ermordung gruppieren; es fehlt uns also der ganze eigentliche Kern der Sage. Es folgt ein sehr langes Gedicht, das augenscheinlich vollständig erhalten ist, und das den Titel führt: das kurze Sigurdslied. Er erklärt sich daraus, daß jedenfalls das Lied, von dem wir nach der Lücke noch den Ausgang haben, noch länger gewesen ist. Das kurze Sigurdslied erzählt zusammenhängend, aber nicht immer sagenecht, was Sigurd im Reiche der Niflunge[1] erlebt hat, von dem Augenblicke an, wo er es betreten, bis an seinen Tod, und über ihn hinaus, wie Brynhild ihm im Tode folgt.

Den Fortgang der Erzählung bringt ein umfangreiches und ziemlich altes Gedicht, gewöhnlich das zweite Lied von Gudrun genannt (Gudrun ist im Norden der Name derselben Figur, die in Deutschland Kriemhilt heißt, also Sigurds Witwe). Gudrun erzählt selbst ihre Schicksale: wie sie Sigurds Weib und Witwe geworden, wie sie den Atli (den deutschen Etzel) geheiratet, und wie dieser ihre Brüder gemordet hat; für diese Tat plant sie die Rache; die Begründung dieser Rachegefühle gibt uns hier ein zweifellos hochbegabter Dichter. Die Darstellung der Ermordung der Niflunge fehlt in diesem Liede leider; wahrscheinlich hat sie der Sammler gestrichen, weil er in den beiden Atliliedern (vgl. nachher) noch zweimal dieselbe Sache vorgetragen fand.