Einen vermittelnden Standpunkt nahm zuerst Karl Bartsch ein; nachdem er ihn bereits 1862 auf einer Philologenversammlung geltend gemacht hatte, legte er ihn im einzelnen dar in seinen 1865 erschienenen „Untersuchungen über das Nibelungenlied“. Nach seiner Meinung ist der Originaltext verloren; wir besitzen nur zwei zu Ende des 12. Jahrhunderts entstandene und im wesentlichen durch die Handschriften B und C repräsentierte Überarbeitungen desselben; diese Überarbeitungen sollen durch den Umstand veranlaßt sein, daß das Original in seiner Reimtechnik noch ziemlich unvollkommen gewesen sei; die fortgeschrittenere Kunst des ausgehenden 12. Jahrhunderts habe reinere Reime verlangt und dadurch zwei Männer, die voneinander nichts wußten, bewogen, das Original im wesentlichen reimbessernd zu überarbeiten.

Bartschs Theorie hat sich viel Anhänger erworben, besonders in der Anschauung, daß die Handschrift B zwar nicht das Original, wohl aber einen diesem sehr nahestehenden Text biete; dagegen hat die Meinung, daß Reimungenauigkeit die Ursache der doppelten Überarbeitung sei, fortgesetzt an Boden verloren, weil 1) die große Mehrzahl aller Reime beiden Bearbeitungen eigen ist, also aus dem Original stammt, aber auch ohne Tadel ist, und 2) Bartsch so verfährt, als ob jede Abweichung der beiden Texte voneinander lediglich durch ungenauen Reim des Originals veranlaßt sein könnte. In dieser Beziehung ist Bartschs Theorie durch Hermann Paul („Zur Nibelungenfrage“, 1876) wesentlich modifiziert worden; er gibt zwar zu, daß B und C Paralleltexte sind, die auf ein verlorenes Original zurückweisen, lehnt aber die Begründung der Abweichungen auf Reimungenauigkeiten des Originals ab.

Wesentlich gefördert, besonders in bezug auf die Bestimmung aller einzelnen Handschriften, ist neuerdings unsere Kenntnis worden durch die schon erwähnte Schrift von Wilhelm Braune „Die Handschriftenverhältnisse des Nibelungenliedes“ (1900); auch ihm sind B und C im wesentlichen Paralleltexte, doch steht nach seiner Meinung B dem Original so nahe, daß es für dasselbe gelten kann; C dagegen ist für Braune eine allmählich entstehende planmäßige Überarbeitung: ihr Autor soll längere Zeit an ihr tätig gewesen sein, die erste Stufe seiner Arbeit in d und ihren nächsten Verwandten, die zweite desgleichen in I und die vollendete erst in C uns vorliegen; es ist die vorhin eingehend erörterte, schwierig zu beurteilende Handschriftengruppe Id, die Braune zu dieser immerhin seltsamen Anschauung veranlaßt hat. Wie diese Gruppe auch einzuordnen sein mag, jedenfalls steht heutzutage fest, daß B dem Originale des Gedichtes am nächsten steht, daß C stark überarbeitet ist, und daß A auf irgendwelchen selbständigen Wert keinerlei Anspruch machen kann; alles übrige mag immer noch nach subjektivem Empfinden beurteilt werden.

Es konnte an dieser Stelle nicht meine Aufgabe sein, alle Arbeiten zu erwähnen, die unsere Kenntnis von Nibelungenlied und Nibelungensage gefördert haben; nur die Marksteine der Entwicklung unserer Kenntnis sollten hervorgehoben werden, und das ist geschehen, soweit die wissenschaftliche Seite in Frage kommt; nicht geringer aber ist das Verdienst derjenigen, die in erster Linie dahin gewirkt haben, die alte Dichtung unserm Volke wieder näher zu bringen, der Übersetzer und der modernen Bearbeiter. Von jenen erwähne ich nur Karl Simrock, der seine Übersetzung bereits 1827 erscheinen ließ; heute (1906) liegt sie in 58. Auflage vor; sie ist diejenige, die sich am treuesten von allen dem Original anschmiegt, und deshalb besonders geeignet zur ersten Einführung in das Verständnis des alten Gedichtes. Daher habe ich sie 1909 für Meyers Klassiker-Ausgaben neu herausgegeben, sowie mit einer Einleitung und den Text Schritt für Schritt begleitenden Anmerkungen versehen.

IX.
Die wichtigsten modernen Bearbeitungen der Sage.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat eine ganze Reihe von Dichtern ihre Stoffe aus dem alten Liede und aus den verwandten Gebieten entnommen; in moderner, freier Weise sind sie unter Bewahrung ihrer dichterischen Selbständigkeit auf Grund der alten Sage dichterisch wirksam gewesen; sie alle hier aufzuzählen und durchzusprechen, wäre ganz unmöglich; nur die drei bedeutendsten, Richard Wagner, Friedrich Hebbel und Wilhelm Jordan, sollen erwähnt und gewürdigt werden. In der Reihenfolge wie sie eben genannt sind, haben sie ihre Texte verfaßt, aber ihre Wirkung hat sich in ganz anderer Folge geltend gemacht. Wagner war unter ihnen der erste, der sich als moderner Dichter des alten Stoffes bemächtigte. Er hat sein dramatisches Gedicht „der Ring des Nibelungen“ im Jahre 1853 vollendet, in der Zeit seines Aufenthaltes in Zürich, als er infolge seiner Beteiligung an der Dresdener Revolution in der Verbannung lebte. In Zürich stand er in Beziehung zu den Gelehrten der Universität, besonders dem Germanisten Ludwig Ettmüller; man erkennt aus der Art, wie Wagner den Stoff angreift, sehr deutlich den damaligen Stand der Wissenschaft, insbesondere der Sagenforschung. Wagner ist durchaus von ihm abhängig, ein Umstand, aus dem man Wagner natürlich keinen Vorwurf machen kann. Eher kann man ihm vorwerfen, daß er (obgleich er als Dichter das Recht dazu hat) gar so willkürlich mit dem Stoffe umspringt. Er hat die Erzählung auf der einen Seite nur bis Siegfrieds Tod durchgeführt, so daß der ganze grandiose zweite Teil vollständig wegfällt; auf der andern Seite hat er die Geschichte der Siegfriedsage, verführt durch die damalige Anschauung der Mythenforscher, in die Göttersage hinaufgehoben.

Sein Werk besteht aus vier Teilen: Dem Vorspiel „Rheingold“ und den drei Teilen der Trilogie „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“. — Im „Rheingold“ schildert Wagner im Anschluß an die Darstellung der Edda, aber unter ganz freier Umgestaltung dieser Geschichte, die Herkunft des Ringes. Dieser Ring ist das wesentlichste Stück des Hortes, denn er kann den Hort immer neu gebären; solange der Ring existiert, wird der Hort nicht kleiner. „Der Ring des Nibelungen“ heißt Wagners Gedicht. Der Nibelunge, den der Titel meint, ist der ursprüngliche Besitzer des Rings. Im „Rheingold“ also wird erzählt, wie diesem ursprünglichen Besitzer, der ein Abbild des Zwerges Andvari der Edda ist, der Hort entrissen wird.

In der „Walküre“ wird entwickelt, wie die Walküre Brynhild dazu kommt, sich Wodans Willen zu widersetzen, so daß sie vom Gotte bestraft und in Schlaf versenkt wird; diese von uns als jüngste Fassung charakterisierte Form der Brynhild-Geschichte hat Wagner als Grundlage gewählt, weil der Gott hier tätig eingreift; Wagner geht von der Voraussetzung aus, daß die Beziehungen der Nibelungensage zu den Göttern alt seien; ja, er hat die Entwicklung der Nibelungengeschichte direkt als einen Teil der Entwicklung der Göttergeschichte hingestellt.

Im zweiten Hauptteile „Siegfried“ wird dann geschildert, wie der junge Siegfried aufwächst, den Drachen tötet und die Walküre befreit.

Im dritten Teile sehen wir ihn zunächst die Walküre verlassen und dann plötzlich in die Gewalt der Gegner verfallen, die dargestellt werden als echte Nibelungen, als Angehörige des ursprünglichen Besitzers des Ringes. „Götterdämmerung“ heißt dieser letzte Teil, weil mit dem Untergange Siegfrieds der Untergang der alten Götterwelt nach Wagners Auffassung besiegelt ist; unter „Götterdämmerung“ versteht man infolge eines seltsamen Irrtums die Eschatologie der Nordgermanen. Ursprünglich lautet das Wort, das man sich mit „Götterdämmerung“ wiederzugeben gewöhnt hat, ragna rok, d. i. Götterschicksal, also ein ganz passender Ausdruck für das, was man sich in der spätnordischen Zeit kurz vor Einführung des Christentums als Entwicklung der Götterwelt dachte; später mißverstand man ihn, weil man nicht mehr ragna rok las, sondern ragna rökkr, d. i. Götterverfinsterung; diesen an sich kaum verständlichen Ausdruck hat man im Deutschen mit „Götterdämmerung“ wiedergegeben; so hat dies Wort den Sinn von „Weltuntergang“ erlangt.