Was das Formale bei Wagner angeht, so hat er seine Dichtung in stabreimenden Versen abgefaßt, und zwar wechselt er nach Belieben, aber geleitet von einem bestimmten rhythmischen Gefühl zwischen zwei- und dreihebigen stabreimenden Versen ab. Daß er in der Behandlung der einmal gewählten Form glücklich gewesen ist, kann man nicht behaupten. Gewiß würde Wagners Dichtung schwerlich irgendwelchen Einfluß erlangt haben, wenn Wagner nur Dichter, nicht auch der große Komponist gewesen wäre. Aber die Komposition des Ringes ist erst mehr als 20 Jahre später bekannt geworden: zum ersten Male wurde sie in Baireuth im August 1876 vorgeführt. Mit dieser seiner so wirkungsvollen Komposition hat Wagner allerdings für die Wiederbelebung des Interesses an der alten Sage das Höchste beigetragen, durch sein großes Tonwerk hat er für sie wohl am allertiefsten und mächtigsten gewirkt. Um so mehr darf man bedauern, daß er, unbeschadet wundervoller Einzeldarstellung (besonders im Siegfried), dem Geiste der alten Sage so wenig gerecht geworden ist.

Der nächste, der sich an den alten Stoff gewagt hat, ist Hebbel. Er ließ im Jahre 1862 die große Dichtung „Die Nibelungen“ erscheinen, abermals ein Drama; es umfaßt ein Vorspiel „Der gehörnte Siegfried“ und zwei fünfaktige Trauerspiele „Siegfrieds Tod“ und „Kriemhilds Rache“. „Siegfrieds Tod“ entspricht im wesentlichen dem ersten, „Kriemhilds Rache“ im wesentlichen dem zweiten Teile unseres Nibelungenliedes. Im Vorspiel „Der gehörnte Siegfried“ wird nur geschildert, durchaus im Anschluß an unser Lied, wie Siegfried in Worms erscheint und aufgenommen wird. Der Titel „Der gehörnte Siegfried“ ist von Hebbel natürlich unter dem Einfluß des Volksbuches gewählt. Hebbels Form ist die seit den Zeiten unserer Klassiker im Drama übliche, der fünfhebige Blankvers. Inhaltlich schließt sich Hebbel so genau wie nur irgend möglich an unser Nibelungenlied an, und man kann nicht genug die Kunst bewundern, mit der er es versteht, diesen doch manchmal recht spröden Stoff aus dem Epischen ins Dramatische umzusetzen und damit notwendigerweise die vielen Anstöße, die sich bei der Betrachtung des Liedes aufdrängen, zu umgehen oder zu beseitigen. Mit virtuoser Kunst hat Hebbel das durchgeführt, und seine Arbeit dürfte unter den hier zu besprechenden bei weitem am besten gelungen sein. Vor allen Dingen ist er möglichst treu, nimmt den Stoff, wie er gegeben ist, und tut nicht allzuviel Eigenes hinzu. Das Hinzufügen neuer Gedanken soll damit natürlich nicht allgemein verurteilt werden, allein es bringt bei der Behandlung alter Stoffe doch die Gefahr mit sich, daß es von der Grundlage fühlbar absteht und den Eindruck von grellen Mißtönen hervorruft. Mit feiner Empfindung ist Hebbel daher im Hineinbringen neuer, eigener Gedanken sehr sparsam verfahren; eigentlich hat er nur zwei selbständige Zutaten gebracht: die eine besteht in der Art, wie er Brünhilt zur Zeit, da sie als Mädchen in Island lebt, auffaßt; ihr wird eine alte Magd, namens Fricka, an die Seite gestellt, die sie erzogen hat und gewissermaßen die alte Zeit, das alte Heidentum, repräsentiert; Brünhilts Person wird hauptsächlich durch das Hinzufügen dieser Fricka in eine übernatürliche, göttliche Sphäre hinaufgehoben. Die andre Zutat liegt in der am Schlusse der ganzen Dichtung erst deutlicher hervortretenden Auffassung Dietrichs von Bern. Auf welche Weise Dietrich an den Hof des Hunnenkönigs gekommen ist, läßt Hebbel einigermaßen im unklaren; er behauptet, Dietrich sei freiwillig, ohne durch irgendwelche äußern Umstände genötigt zu sein, an den Hof Etzels gekommen unter dem Einfluß gewisser übernatürlicher, mythischer Gewalten. Dietrich selbst erzählt einmal, wie er in einem Brunnen die Stimmen der Unterirdischen belauscht habe; damit wird sein Entschluß begründet, freiwillig in die Dienste eines andern Königs zu treten, obgleich er selbst ein König und dem erwählten Herrn mindestens ebenbürtig ist. Dietrich vertritt bei Hebbel die neue Zeit. Er verwaltet in der großen Tragödie ein göttliches Richteramt und spricht das Schlußwort:

Im Namen dessen, der am Kreuz erblich.

Dietrich ist also bei Hebbel der Vertreter des Christentums, wie andrerseits Brünhilt die Vertreterin des germanischen Heidentums ist. Diese beiden Pole stellt der Dichter einander gegenüber, und als Übergang und Verbindung beider denkt er sich die Ereignisse unseres Liedes.

Das ist im wesentlichen alles, was Hebbel aus Eigenem zu dem sonst treu bewahrten Inhalt des Liedes hinzugetan hat; man empfindet leicht, daß dies Wenige schon über das eigentliche innere Wesen der alten Sage hinausgeht; auch Hebbel ist in seinen Zutaten nicht glücklich gewesen, wenn er auch nicht so weit, wie vor ihm Wagner und nach ihm Jordan, von der alten Sage abgewichen ist. Hebbels Werk wird erst neuerdings anerkannt, doch noch lange nicht genug gewürdigt; sicher ist er derjenige, der einerseits den alten Stoff sich am innigsten zu eigen gemacht und andrerseits mit der größten dramatischen Kunst zur Darstellung gebracht hat. In der Zeit, da die „Nibelungen“ erschienen, stießen sie auf Unverstand und Übelwollen; es erschien eine (übrigens gar nicht so üble) Parodie des Hebbelschen Werkes unter dem Titel „Die Niegelungnen“, wenn ich nicht irre, aus der Feder des Humoristen Glasbrenner, der sich Brennglas nannte.[58] Immerhin — auch in der Verspottung liegt ein Maß von Anerkennung; Wertloses lohnt die Mühe des Parodierens nicht; und in diesem Sinne der (vielleicht unbeabsichtigten) Anerkennung können wir Glasbrenners Scherze wohl gelten lassen.

Der dritte namhafte moderne Bearbeiter unserer alten Sage ist Wilhelm Jordan. Er hat im Anschluß an Homer und unter dem bewußten Bestreben, ein deutscher Homer zu werden, die alte Sage behandelt; schon in der äußern Form seiner Dichtung „Die Nibelunge“ erkennt man dies Streben. Während Wagner und Hebbel Dramatiker sind, ist Jordan Epiker. Er gliedert seinen Stoff in zwei umfangreiche Epen, „Sigfridsage“ und „Hildebrands Heimkehr“ betitelt. Jedes dieser Epen umfaßt 24 Gesänge, genau nach dem Vorbilde der Einteilung Homers. Die gewählte Form ist ein freifließender Vers, stichisch wie der Hexameter des griechischen Vorbildes; mit großem Geschick hat Jordan nicht den für das deutsche Epos doch so fremdartig anmutenden, wenig geeigneten Hexameter gewählt, sondern den altgermanischen stabreimenden Vers nachzubilden gesucht.

Die Anlehnung an Homer ist, wie gesagt, bei Jordan bewußt; ist er doch sogar als Rhapsode, als wandernder Sänger in Deutschland und Amerika herumgezogen und hat seine eigenen Dichtungen vorgetragen. Und gerade sprachlich sind sie von wunderbarer Schönheit; wenig eignet sich so zum Vorlesen, wie Jordans „Nibelunge“ wegen der reinen Musik ihrer Sprache.

Was den Inhalt angeht, so hat sich Jordan in der Sigfridsage im wesentlichen an den alten Stoff gehalten, und zwar in ziemlich menschlicher Auffassung der alten Erzählung. Insofern ist er also der alten Sage wohl gerecht geworden. Selbstverständlich behandelt er in dem Gedichte „Sigfridsage“ nur ihren ersten Teil. Den zweiten hat er als Episode in sein zweites Epos, „Hildebrands Heimkehr“, verwiesen; in diesem hat er sich freilich hinreißen lassen, sehr viel aus Eigenem hinzuzutun; der ganze Rahmen von „Hildebrands Heimkehr“ ist Jordansches Eigentum, die alte Sage ist ganz frei behandelt, sogar mit Ausblicken auf modernste Geschichte, und so geht denn „Hildebrands Heimkehr“ weit über den Inhalt unserer Nibelungensage hinaus. — Die Dichtungen Jordans sind erschienen: „Sigfridsage“ 1867 und 68, „Hildebrands Heimkehr“ 1874.

In der Art, wie Jordan den altgermanischen Vers auf die heutige Sprachform anwendet, beweist er großes formales Geschick: jeder Vers hat bei ihm vier Hebungen, die durch ein- bis zweisilbige Senkungen getrennt sind, und ist in der Mitte durch einen Einschnitt gegliedert. Der Stabreim verbindet (in der Regel) mindestens je eine Hebung vor und nach dem Einschnitt miteinander; doch weicht Jordan vom Gesetz des altgermanischen Verses insofern ab, als er nicht mehr die dritte Hebung (d. i. die erste der zweiten Vershälfte) unter allen Umständen mit Stabreim versieht, für den Schmuck des Verses also nicht mehr maßgebend sein läßt; zu dieser Abweichung berechtigt Jordan die Entwicklung unserer Sprache: altgermanische Syntax stellt bei Verbindung zweier Nomina das höher betonte unbedingt voran; eben dies aber mußte und muß den Stabreim tragen, soll er hörbar sein; wir ordnen heute die Wortfolge in der Regel umgekehrt, stellen also z. B. auch ein wenig wichtiges Adjektiv vor das zugehörige Substantiv; davon ist die notwendige Folge, daß bei ungezwungenem Bau stabreimender Verse viel eher die vierte Hebung wichtig wird als die dritte. Um einen Begriff von Jordans Weise zu geben, setze ich den Eingang des ersten Gesanges der „Sigfridsage“ hierher:

Zu süßem Gesang, unsterbliche Sage,