Laß mich nun dein Mund sein voll uralter Mären

Und leg’ auf die Lippen das Lied von Sigfrid,

Dem herrlichen Helden mit furchtlosem Herzen,

Der den Hüter des Hortes den Lintwurm erlegte,

Durch die flammende Flur auf flüchtigem Rosse

Den Brautritt vollbrachte und Brunhild erweckte,

Die der zürnende Gott im Zaubergarten

Zu schlafen verdammt und mit Dornen umschlossen.

Von diesen neun Versen sind drei (3., 6., 7.) dreistäbig mit nach alter Weise herrschender dritter Hebung, drei (1., 2., 4.) dreistäbig mit herrschender vierter Hebung. Zwei (8., 9.) haben doppelten Stabreim, insofern als in ihnen die erste Hebung mit der dritten (bzw. vierten), die zweite mit der vierten (bzw. dritten) gebunden ist; solch doppelter Stabreim kommt auch in der alten Zeit vor, doch immer so, daß gleichhochbetonte Silben gleichen Anlaut aufweisen; der Stabreim der minder betonten erscheint als etwas Nebensächliches und Zufälliges; nach diesem Gesichtspunkte müßte Jordan zunächst in Vers 8 die zweite Hebung mit der dritten, in Vers 9 die erste Hebung mit der dritten gebunden haben; die Verse sind also falsch gebaut, ihr Reim würde bei richtigem Vortrage ohne jede Wirkung sein. Falsch gebaut ist zweifellos auch Vers 5, dessen beide Hälften nur in sich reimen, also auseinander klaffen.

Wagner, Hebbel und Jordan sind die bedeutendsten modernen Bearbeiter der Nibelungensage; von ihnen steht, was die glücklichste Auffassung der alten Sage, das tiefste Eindringen in ihren Geist angeht, zweifellos Hebbel an erster, Wagner an letzter Stelle. Allein gerade Wagner ist es natürlich, der am meisten dazu beigetragen hat, das Interesse am heimischen Altertum in weitesten Kreisen zu erwecken: durch die wunderbare musikalische Komposition seines „Ringes“, die er zum ersten Male im August 1876 dem deutschen Volke und der ganzen Kulturwelt darbot, hat er so gewaltig für die Kenntnis der alten Sage gewirkt, daß jeder Freund derselben ihm größten Dank schuldig ist.