Die Dichtungen selbst sind, soweit sie uns erhalten sind, noch in der Weise altgermanischer Poesie abgefaßt, d. h. sie weisen den stabreimenden Vers auf. Dieser tritt in den nordischen Liedern in der Hauptsache in drei Formen auf. Die gewöhnlichste Art ist die „fornyrdislag“ (Gesetz der alten Rede) genannte. Sie besteht darin, daß die gewöhnlichen alten, vier Haupthebungen aufweisenden Langverse zu in der Regel vierversigen Strophen verbunden werden; oft sind die Strophen verschieden lang, so daß die Verse durch die betreffende Dichtung im Grunde genommen glatt durchlaufen. Der Vers selbst besteht immer aus zwei Teilen, die durch einen Einschnitt getrennt sind. Innerhalb jedes Teiles stehen zwei haupttonige Silben (Hebungen). Die erste Hebung des zweiten Teiles ist die wichtigste; sie gibt den Stabreim an. Mit ihr muß eine oder dürfen beide des ersten Teiles durch Stabreim gebunden sein, z. B. Kurzes Sigurdslied, Strophe 1:
Einstmals kam Sigurd zum Sale Gjukis,
der Wolsungensproß nach wildem Kampfe;
er schloß den Bund mit der Brüder zweien,
die Helden schwuren sich heilige Eide[5].
Die zweite verhältnismäßig selten vorkommende Form ist der sogenannte Málaháttr (Spruchweise); ihre Besonderheit besteht darin, daß die einzelnen Halbverse etwas länger sind als beim Fornyrdislag, im allgemeinen um eine Silbe. In der deutschen Übersetzung hat Gering dies dadurch wiedergegeben, daß er die Halbzeilen dreihebig macht, z. B. Atlakvida, Strophe 28:
Der reißende Rhein nun hüte, was Recken zum Streit entflammte,
das einst die Asen besessen, das alte Niflungenerbe!
Im rinnenden Wasser besser sind die Ringe des Unheils verborgen,
als wenn an hunnischen Händen das helle Gold erglänzte.