Das dritte Metrum, Ljódaháttr (Liedweise) genannt, ist ein lyrisches, offenbar zum Gesang bestimmtes. Es besteht darin, daß auf einen Langvers, der dem im Fornyrdislag üblichen im wesentlichen gleich ist, ein einschnittloser Vers von drei Hebungen folgt und mit ihm ein Ganzes bildet; in der Regel sind zwei solcher Verspaare zu einer Strophe vereinigt, z. B. Reginsmál, Strophe 1:
Was ist’s für ein Fisch, der im Flusse schwimmt
und sich unklug vor Schaden nicht schützt?
Aus Hels Händen dein Haupt nun löse,
schaffe mir Feuer der Flut.
Der Stabreim besteht darin, daß der Anlaut der höchstbetonten Silben gleich ist; es ist nur nötig, daß der erste Laut alliteriert, mit folgenden Ausnahmen: 1. alle vokalisch anlautenden Silben können miteinander reimen, weil der Germane keinen Vokal anders als mit einem festen Ansatz ausspricht, den wir auch in der heutigen deutschen Sprache noch hören können: also Worte wie „alt“ und „ewig“ klingen reimend an für den Stabreim; 2. die mit folgenden p, t und ch eng verbundenen s können nur mit ebenso verbundenen gereimt werden, z. B. „sprechen“ mit „Sper“, aber nicht mit „schießen“, dies mit „schreien“, aber nicht mit „sitzen“ usw. Im übrigen ist jeder einzelne Laut allein ausreichend.
Soviel über die poetische Form; die Mehrzahl der nordischen Denkmäler ist allerdings in Prosa abgefaßt, Verse bilden immerhin die Ausnahme.
Den Inhalt der nordischen Sagenform kennen wir am vollständigsten aus der Volsungasaga. Sie hat die Erzählung bis auf den alten Hauptgott der Germanen selbst zurückgeführt; Odin steht an der Spitze des Geschlechtes der Wolsunge[6]. Im Norden ist, da das Heidentum sehr viel länger lebendig blieb als in Deutschland, die Götterlehre sehr viel weiter ausgebildet, und sind die Götter sehr viel persönlicher geworden; in Deutschland wissen wir von ihnen so gut wie nichts; sie sind hier wesenlose Schemen. Odin ist der Vater des Sigi, der als ein König auf Erden herrscht, von seinem Vater eingesetzt. Sein Enkel Wolsung ist der eigentliche Ahnherr des Geschlechtes der Wolsunge; daß er selbst den Geschlechtsnamen führt, ist im Grunde ein Versehen der nordischen Überlieferung, das uns ein altenglisches Zeugnis beseitigen hilft: im Gedichte Beowulf, dem ältesten Epos in germanischer Sprache, heißt derselbe Mann nicht Wolsung, sondern bloß Wæls. Diese Form ist zweifellos die richtige; sie gibt den eigentlichen Personennamen. Wolsung, mit der Endung -ung abgeleitet, ist der Geschlechtsname, zu vergleichen mit Amelungen, Merowingern, Karolingern, Nibelungen usw.; ein Wolsung ist ein Nachkomme des Wals; diese Bildungsweise der Geschlechtsnamen ist gut germanisch.
Wolsung hat zehn Söhne und eine Tochter, namens Signy. Um diese wirbt ein König Siggeir (er herrscht über die Gauten, die in Südschweden sitzen) und erhält sie auch zur Frau. Auf der Hochzeit der beiden erscheint ein Mann in blauem Mantel, den Hut ins Gesicht hereingezogen, so daß man nur ein Auge sieht, stößt in den Baumstamm, der mitten in der Königshalle steht, ein Schwert und bestimmt es demjenigen, der imstande ist, es wieder herauszuziehen. Der Mann ist seiner Schilderung nach natürlich Odin, der höchste Gott, der in dieser Gestalt auf der Erde wandernd gedacht wurde. Die Hochzeitsgäste, vor allen Siggeir, der junge Gemahl, versuchen das Schwert herauszuziehen. Keinem gelingt es; erst als Sigmund, der älteste Sohn Wolsungs, zugreift, liegt das Schwert vor ihm, als ob es gar nicht festgesteckt hätte. Siggeir bietet ihm Gold für das Schwert, er aber behält es für sich.
Siggeir scheidet in Ärger von der Familie seiner Frau und denkt auf Rache. Nach einiger Zeit ladet er den Schwiegervater und seine Söhne zu sich ein. Sie kommen trotz der Warnung der Signy und werden unmittelbar, nachdem sie im Gautenlande angekommen sind, überfallen, der alte König Wolsung getötet, seine Söhne gefangen; in der Gefangenschaft kommen sie nach und nach alle um, mit Ausnahme Sigmunds, der durch eine List der Signy am Leben erhalten wird und entflieht. Er lebt in der Wildnis und sinnt auf Rache, vermag sie aber noch nicht durchzuführen.