Signy ist in einer eigenartigen Lage: sie ist die Schwester des Rächers und die Gattin desjenigen, gegen den die Rache geplant ist, gerät also in einen Konflikt der Pflichten. Als die Signy-Sigmund-Geschichte gedichtet wurde, galt durchaus noch die alte Anschauung, daß Blutsverwandtschaft dem Gattenverhältnis unbedingt vorgeht, daß also Signy ebenso zur Rache für Wolsung und ihre Brüder verpflichtet ist, wie Sigmund. Signy versucht sogar ihre eigenen, dem Siggeir gebotenen Söhne, die doch auch Wolsungs Enkel sind, zur Rache zu verwenden und schickt sie zu Sigmund in den Wald hinaus, damit dieser sie auf ihre Heldenhaftigkeit prüfe. Sie erweisen sich aber als Memmen, weil sie zur Hälfte vom Stamme Siggeirs sind und keine vollbürtigen Wolsunge. Sigmund tötet sie im Einverständnis mit Signy ohne weiteres, diese aber entschließt sich zu einem ganz eigenartigen Schritt: sie tauscht mit einem andern Weibe die Gestalt (ein in der nordischen Dichtung gar nicht selten auftretender Zug) und lebt dann eine Zeitlang unerkannt bei ihrem Bruder, um nach eingetretener Empfängnis wieder zurückzukehren[7]. Der Sohn, den sie gebiert, der den Namen Sinfjotli trägt, ist infolgedessen ein Wolsung von Vater- und von Mutterseite und vollwertig zur Rache. Auch er wird hinaus zu Sigmund geschickt, von ihm geprüft und sofort als Held erfunden. Darauf schleichen sich Sigmund und Sinfjotli in die Halle Siggeirs ein, werden jedoch entdeckt und festgesetzt. In der Gefangenschaft aber reicht ihnen Signy das Wunderschwert zu, um das der Streit entbrannt war. Mit dem Schwerte sägen sich Sigmund und Sinfjotli aus den Mauern ihres Kerkers, töten den Siggeir und brennen die Halle nieder. Die Rache ist vollendet. Signy verbrennt sich in den Flammen des brennenden Hauses zur Sühne für ihre Teilnahme an derselben.

Sigmund aber kehrt in seine Heimat zurück, vermählt sich mit einer dänischen Fürstin, namens Borghild, und wird dadurch dänischer König. Diese Borghild hat in der Sage recht wenig Bedeutung; sie bedeutet für die Komposition unserer Erzählung nur, daß Sinfjotli, der in ihren späteren Teilen keine Stelle mehr hat, herausgebracht wird. Sie haßt den Stiefsohn und vergiftet ihn schließlich. Sinfjotli ist damit aus der Erzählung ausgeschieden, und Borghild entbehrlich: Sigmund verstößt sie.

An die Sigmund-Borghild-Episode anknüpfend hat ein nordischer Dichter eine in Deutschland ganz unbekannte Sage dänischen Ursprungs angeschlossen: die Geschichte von Helgi dem Hundingstöter. Dieser gilt für einen Sohn des Sigmund und der Borghild. Seine Taten und Schicksale stehen nur in ganz loser Beziehung zu unserer Sage. Der von Helgi getötete Hunding[8] gilt als Vater des Königs Lyngvi, gegen den Sigmund gefallen ist — eine chronologisch fast unmögliche Auffassung.

Sigmund geht an eine zweite Ehe. Obgleich nunmehr schon bejahrt, wirbt er doch um eine junge Fürstin, die den Namen Hjordis führt (ein Name, der in Deutschland nicht vorkommt; er bedeutet etwa „Schwertmädchen“). Gleichzeitig wirbt um diese Hjordis ein König Lyngvi. Obgleich er jünger ist wie Sigmund, wählt sie doch den Alten, weil er der berühmtere ist, und folgt ihm als Gattin. Lyngvi zieht zur Rache gegen ihn zu Felde. Es kommt zu einer Schlacht, in der Sigmund wie immer das unüberwindliche Gottesschwert schwingt; im entscheidenden Moment aber tritt ihm Odin selbst entgegen und hält seinen Speer gegen das Schwert: es zerspringt, und Lyngvi kann Sigmund tödlich verwunden. Er kommt aber nicht zu seinem Ziele, denn er findet die versteckte Hjordis nicht und zieht ohne sie ab. Hjordis sucht ihrerseits auf dem Schlachtfelde den todwunden Gatten auf und erhält von ihm, bevor er stirbt, die Bruchstücke des Schwertes, um sie dem zu erwartenden Sohne aufzubewahren.

Irgendwie motiviert ist in der Erzählung das Auftreten des Gottes Odin nicht: er schenkt das Schwert, ebenso wie er es später zum Springen bringt, ohne Grund. Irgendwelche tiefern religiösen Ideen darf man nicht darin suchen, auch nicht das, was man gemeinhin einen Mythus nennt. Es ist nichts weiter darin zu finden als ein Bild: Odin ist der Gott des Sieges; Sigmund ist im wichtigsten Teile seines Lebens als unüberwindlicher, siegreicher Held gedacht, er genießt also die Gunst des Sieggottes, er hat ein von diesem ihm geschenktes Schwert. Schließlich fällt er doch in der Schlacht; also muß ihm der Gott selbst den Sieg entzogen haben; warum er dies getan hat, danach hat man bei einem Gotte nicht zu fragen.

Hjordis wurde mit ihrer Begleitung kurz nach dem Tode ihres Gatten von Seeräubern entführt. An ihrer Spitze stand Alf, der Sohn des Königs Hjalprik von Dänemark. Alf fand Gefallen an der Witwe und vermählte sich mit ihr, nachdem sie den Sigurd, den Sohn Sigmunds, geboren hatte; so wurde Sigurd (unser deutscher Siegfried) erzogen am Hofe des Königs von Dänemark — nach der Auffassung einer spätern nordischen Dichtung. Damit aber hören die Beziehungen Sigurds zum dänischen Königshofe so gut wie ganz auf. Außer seinem Stiefvater hat Sigurd noch einen Pflegevater, den Regin, einen Mann verhältnismäßig niederer Herkunft. Die Doppelheit des Stiefvaters und Pflegevaters zu gleicher Zeit und scheinbar auch am gleichen Orte wäre zur Not zu verstehen. Nicht zu verstehen aber ist, daß der Stiefvater in Dänemark lebt, der Pflegevater dagegen, wie sich gleich aus dem folgenden ergibt, in Deutschland am Rheine lebend gedacht wird. Wir sehen hier, daß die Darstellung Sprünge hat, daß ältere und jüngere Schichten übereinander liegen; der ältern gehört hier der Pflegevater Regin am Rheine an. Der Umstand, daß Sigurd, der später ein großer Held wird, unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen sein soll, hat die spätern, verfeinerten Geschlechter gestört; man hat ihm deshalb einen Stiefvater aus königlichem Blute gegeben, so daß eine dementsprechende königliche Erziehung möglich war.

Regin ist, wie gesagt, ein Mann vergleichsweise niederer Herkunft. Er versucht den Sigurd, nachdem er herangewachsen ist, in seinem eigenen Interesse auszunutzen; zu diesem Zwecke erzählt er ihm seine Schicksale und damit verbunden die Herkunft des großen Schatzes, den er beansprucht, den aber ein Drache hütet.

Nach dieser Erzählung war der Vater des Regin und noch zweier Brüder, die die Namen Fafnir und Otr führen, ein Bauer namens Hreidmar. Die Söhne hatten die Fähigkeit, beliebig Tiergestalt anzunehmen. Es ist das eine Erscheinung ähnlich dem Gestaltentausch der Signy.

Eines Tages ziehen nun drei Götter, Odin, Hönir und Loki (eine Dreiheit, die oft zusammen genannt wird) auf Erden umher in menschlicher Gestalt. An einem Wasserfall sehen sie einen Fischotter einen Fisch schmausen. Loki tötet durch einen Steinwurf den Fischotter und zieht ihm den Balg ab. Mit dieser Beute kehren sie dann bei dem Bauern Hreidmar ein; dieser erkennt an dem Otterfell, daß sein Sohn Otr hat das Leben lassen müssen. Er setzt infolgedessen die drei Götter gefangen und legt ihnen die Mordbuße für den Sohn auf: der Otterbalg soll mit Gold ausgefüllt werden, bis er auf seinen vier Beinen wieder stehen kann, und dann auch mit Gold überzogen werden, bis das letzte Härchen verschwunden ist. Darauf wird einer der Götter, Loki, beurlaubt, um das nötige Lösegeld herbeizuschaffen. Er kommt wieder an den Wasserfall, wo, wie er weiß, ein Zwerg, namens Andvari, lebt, der große Schätze hat und sich oft in Hechtgestalt im Wasser aufhält. Loki fängt diesen Hecht, und nun muß sich Andvari durch Herausgabe seines Reichtums lösen. Er gibt verhältnismäßig rasch alles heraus bis auf einen Ring, der in der Folge unter dem Namen Andvaranaut (Andvari’s Kleinod) eine wichtige Rolle spielt; da Loki auch diesen nimmt, das letzte, was Andvari hat, belegt der Zwerg den Ring mit einem furchtbaren Fluche, der darauf hinzielt, daß alle die, die ihn später besitzen werden, vom Fluche betroffen zugrunde gehen. Mit der gewonnenen Beute wandert Loki zu Hreidmar und übergibt das Gold Odin. Dieser füllt den Balg aus und überkleidet seine Außenseite, behält aber den Ring vorläufig zurück. Hreidmar sieht sich die Mordbuße an und erklärt schließlich, daß noch ein Schnurrbarthaar des Otters durchscheine; das müsse noch bedeckt werden, dann sei die Sache in Ordnung. Darauf erst gibt Odin den unheilbringenden Ring noch hinzu, und die Götter sind gelöst. Sofort aber beginnt der Fluch zu wirken: die beiden andern Söhne Hreidmars fordern Anteil an der Buße; da er das verweigert, erschlagen ihn seine Söhne und geraten nun untereinander in Zwist. Fafnir verjagt Regin, behält den ganzen Schatz für sich und hütet ihn nun in einer Höhle auf der Gnitaheide[9]. Hier liegt er von nun an in Drachengestalt auf dem Schatze.

Regins Bestreben ist nun, Fafnir zu töten und damit den Schatz zu gewinnen; zu diesem Zwecke will er sich Sigurds bedienen. Sigurd verlangt dazu zunächst ein Schwert. Die Schwerter, die Regin selbst schmiedet, sind ihm alle nicht gut genug; sie versagen bei der Probe. Daraufhin begibt sich Sigurd zu seiner Mutter und erhält von ihr die Stücke des Gottesschwertes, das der Vater geführt hat. Regin schweißt sie wieder zusammen[10]. Dies Schwert besteht jede Probe. Es wird im Rhein erprobt, indem im langsam fließenden Wasser gegen die Schärfe des Schwertes eine Wollflocke entgegentreibt; sie wird glatt durchschnitten. Das Schwert wird für gut erklärt, und nun verlangt Regin die Tötung des Drachens. Sigurd aber denkt zunächst an etwas anderes, was in der nordischen Sagengestalt unvermeidlich ist, aber zweifellos nicht ursprünglich zu unserer Darstellung gehört: er denkt an Vaterrache. Er muß seinen gefallenen Vater Sigmund an Lyngvi rächen. So zieht er denn zunächst mit Heeresmacht, die er natürlich von seinem Stiefvater Alf erhalten hat, gegen Lyngvi und fängt und tötet ihn. Dann erst, nachdem die Vaterrache gelungen ist, macht sich Sigurd an die Tötung Fafnirs. Er kundschaftet seine Höhle aus, gräbt eine Grube, setzt sich hinein und ersticht ihn von unten, während jener über ihn hinwegschreitet. Die nordische Dichtung bringt nunmehr ein langes Zwiegespräch zwischen dem sterbenden Drachen und Sigurd; gerade in solche Momente lange, meist auf die Zukunft hinausdeutende Erzählungen einzulegen, ist im Norden nicht unbeliebt, erscheint uns freilich ungeschickt und unbegreiflich.