Dann stirbt der Drache, Regin begrüßt den Sigurd, bittet ihn, ihm das Herz des Drachens zu braten und legt sich einstweilen zur Ruhe. Sigurd geht an diese kleine Arbeit und versucht nach einiger Zeit, ob das Herz wohl gar ist, indem er es mit den Fingern anfaßt; dabei verbrennt er sich und steckt die Finger rasch in den Mund. Darüber kommt etwas Drachenblut an seine Zunge, und er versteht plötzlich, was die Vögel in den Bäumen über ihm reden. So erfährt er denn von ihnen, daß Regin darauf denkt, wie er Sigurd beseitigen kann, teils um seine Rachegelüste zu befriedigen, — denn er hat gewissermaßen die Verpflichtung, seinen Bruder Fafnir zu rächen, — teils um den Hort für sich zu gewinnen. Daraufhin tötet Sigurd den Regin. Durch die Vögel erfährt er weiter von dem Dasein des Schatzes und wird hingewiesen auf eine Jungfrau, zu der ihn zunächst sein Weg führen soll. Mit dem Schatze beladen zieht er ab und kommt nach einiger Zeit an eine Höhe, die den Namen Hindarfjall (der Hindenberg) führt. Die Erzählung (hier die Prosa des Sammlers der Lieder-Edda) fährt wörtlich fort (Gering S. 210): „Sigurd ritt hinauf nach Hindarfjall, und seine Absicht war es, gen Süden nach dem Frankenlande zu ziehen. Auf dem Berge sah er ein helles Licht, als ob Feuer darauf brannte, und der Schein leuchtete zum Himmel empor. Als er aber näher kam, stand dort eine Schildburg, und über ihr wehte ein Banner. Sigurd ging in die Schildburg und erblickte darin einen Mann, der in voller Rüstung da lag und schlief.“ Es brennt also kein Feuer, sondern die glänzenden Schilde, die zu einer Art von Zaun zusammengestellt sind — das ist die Schildburg —, leuchten in der Sonne, so daß es von weitem aussieht, als brännte ein Feuer. Ein wirkliches Feuer aber ist hier in der Überlieferung nicht gemeint. Es ist das wesentlich für die Auffassung eines bestimmten Zugs unserer Sage. Der schlafende Mann wird von Sigurd erweckt; er schneidet ihm den Panzer auf und erkennt nun, daß er ein Weib vor sich hat. Das Weib erwacht und erzählt ihm ihre Schicksale. Sie heißt Brynhild und war früher eine Walküre des Gottes Odin (also ursprünglich ein dämonisches, kein menschliches Wesen). Als einmal ein Kampf zwischen zwei Königen ausbrach, Hjalmgunnar und Agnar, da stand Odin auf Seite des erstern, des ältern und berühmtern. Niemand aber wollte dem Agnar helfen. Das unternahm nun gegen den Willen des Gottes die Walküre Brynhild. Dafür ist sie von Odin aus der Schar der Walküren ausgestoßen, in Schlaf versenkt und zur Vermählung bestimmt worden. Sie aber hat vorher noch das Gelübde getan, nur dem sich zu vermählen, der das Fürchten nicht kenne. Erweckt, gibt sie zunächst dem Sigurd weise Lehren. Alsdann verloben sie sich miteinander. Sigurd aber nimmt Abschied, ohne daß die Ehe sofort vollzogen wird[11]. Diese Unterlassung wird nicht begründet, wie überhaupt die ganze Erzählung viel Seltsames hat und uns noch seltsamer anmutet, wenn wir unmittelbar hinterher von einer zweiten Begegnung Sigurds mit Brynhild erfahren, die so erzählt wird, als ob die erste gar nicht stattgefunden hätte. Wir stehen allerdings jetzt in der Lücke des Codex regius und können nur die Volsungasaga benutzen, die für uns die Lücke ausfüllt. Nach ihr kommt Sigurd, nachdem er vom Hindenberge weggeritten ist, zu einem Helden, namens Heimir, der in Hlymdalir wohnt. Dieser Heimir hat einen Sohn Alsvinn, mit dem sich Sigurd befreundet. Sie jagen zusammen. Auf einer Jagd gelangt Sigurd im Walde auf einen einsamen Turm. Hier findet er Brynhild, wird mit ihr bekannt, wirbt um sie und wird nicht abgewiesen, obgleich sie Bedenken gegen die Werbung hat, denn sie sagt, sie wäre eine Schildmaid und trüge im Dienste von Königen die Waffen. Sie ist hier also kein übermenschliches, sondern ein rein menschliches Mädchen. Schildmädchen, d. h. Frauen, die sich dem Kriegerberufe gewidmet haben, sind in der nordischen Tradition gar nichts seltenes, sind sogar auch in der altgermanischen Welt überhaupt nichts seltenes gewesen. Man erinnere sich ferner daran, daß schon die Griechen im Norden Europas die Amazonenvölker, also kriegerische Frauen, kennen. — Sigurd und Brynhild schwören einander Eide, und zwar, wie die Volsungasaga ganz naiv sagt, von neuem; die Verlobung wird also zweimal geschlossen. Selbstverständlich haben wir hier zwei parallele Dichtungen, die nebeneinander stehen, die aber der Sagaschreiber einfach hintereinander erzählt. Die eine schließt die andere aus. Welches die altertümlichere ist, kann meines Erachtens nicht zweifelhaft sein: die zweite ist die ältere.
Das menschliche Schildmädchen ist aus den altgermanischen Verhältnissen heraus ohne weiteres verständlich; die zur Strafe unter die Menschen versetzte, ursprünglich rein dämonische Walküre setzt die ganze Entwicklung der speziell nordischen Form des germanischen Götterglaubens notwendig voraus; die Walküren als Botinnen Odins und Gefährtinnen der seligen Helden können nicht ohne diese (die Einherjar) gedacht werden, letztere wieder nicht ohne die nordische Eschatologie, die ihrerseits bestimmt erst unter südeuropäischen (römisch-klassischen und römisch-christlichen) Einflüssen zustande gekommen ist.
Nachdem Sigurd die Brynhild zum zweiten Male und ebenfalls ohne Angabe eines rechten Grundes verlassen hat, zieht er weiter und kommt an den Hof des Königs Gjuki. Gjuki ist die nordische Namensform des deutschen Gibich (mhd. Gibeche, ursprünglich Gibica). König Gjukis Volk wird im Norden entweder nicht oder als „Goten“ benannt, eine Auffassung, die wohl damit zusammenhängt, daß man sich im Norden die eng mit den Goten verbundenen Hunnen in Norddeutschland wohnend dachte und Sigurd zu den Hunnen rechnete. Im allgemeinen wird Gjukis Geschlecht und dann auch sein Volk mit dem Namen der Nibelunge bezeichnet (die nordische Form ist Niflungar). Der Name Nibelunge ist im Norden ziemlich selten. Wo er vorkommt, bezeichnet er stets den König Gjuki und seine Angehörigen. König Gjuki hat eine Gattin Grimhild und mehrere Kinder, vor allen die Söhne Gunnar (deutsch Günther) und Hogni (deutsch Hagen, der also im Norden ein Bruder Günthers ist) und die Tochter Gudrun. Außerdem erscheinen noch gelegentlich andere Kinder Gjukis, darunter ein Sohn Gudorm, der in der nordischen Sage zu besondern Zwecken verwandt wird und nicht auf gleicher Stufe mit seinen Geschwistern steht.
Am Hofe des Königs Gjuki erregt Sigurd großes Aufsehen, so daß man beschließt, ihn an sich zu fesseln. Als treibend tritt hierbei Grimhild, die Gattin Gjukis, auf (nicht zu verwechseln mit unserer deutschen Kriemhilt die vielmehr der nordischen Gudrun entspricht). Sie gibt dem Sigurd einen Vergessenheitstrank, worauf er nicht mehr an Brynhild denkt, und rät dann ihrem Manne, dem Sigurd die Tochter Gudrun zum Weibe anzubieten. Gjuki antwortet darauf, es sei nicht üblich, daß man seine Tochter jemandem zum Weibe anbiete, aber doch noch ruhmvoller, sie Sigurd anzubieten, als wenn ein anderer käme, um sie zu werben. Also die Wertschätzung Sigurds ist sehr groß. Sigurd vermählt sich darauf mit Gudrun und wird in die Familie aufgenommen durch die Formel des Blutsbundes. Gunnar, Hogni und Sigurd fügen sich eine leichte Wunde zu, lassen das Blut in ihre gemeinsame Fußspur rinnen, vermischen es auf diese Weise und gelten nunmehr als Blutsverwandte, als wirkliche Brüder. Ein solcher Blutsbund ist heilig und hat alle rechtlichen Folgen echter Verwandtschaft.
Nach einiger Zeit beschließt Gunnar, Gjukis Sohn und Sigurds Schwager, sich um Brynhild zu bewerben. Zu dieser Werbung ziehen aus Gunnar, Hogni und Sigurd. Sie holen sich zunächst an den zuständigen Stellen die Einwilligung, erst bei König Atli, dem Bruder der Brynhild, dann bei ihrem Pflegevater Heimir, bei dem Sigurd sie kennen gelernt hatte, und begeben sich dann zu ihr. Sie sitzt jetzt in einem Schlosse, das von wogendem Feuer umgeben ist. Gunnar versucht hindurchzureiten; sein Roß scheut zurück. Er bittet daraufhin zunächst Sigurd um sein Pferd Grani und erhält es; aber unter Gunnar geht auch Grani nicht durchs Feuer. So tauscht denn schließlich Sigurd mit Gunnar die Gestalt (wieder ein solcher Gestaltentausch, der ohne Schwierigkeit gelingt) und reitet auf Grani in Gunnars Gestalt durch die Flammen. Drinnen sitzt Brynhild und ist gewärtig (was eigentlich nicht erklärt wird), daß nur Sigurd es wagen werde, durch die Flammen zu reiten. Sie sieht aber, daß ein anderer kommt, der sich Gunnar nennt, und da er durch die Flammen geritten ist, also die erforderliche Bedingung erfüllt hat, so ergibt sie sich ruhig in ihr Schicksal. Sigurd in Gunnars Gestalt bleibt drei Nächte lang bei ihr, ohne sie jedoch zu berühren; vielmehr trennt ein blankes Schwert ihrer beider Lager. Dann folgt Brynhild dem Gunnar als Ehefrau, und eine Zeitlang leben die beiden jungen Paare neben Hogni und den übrigen Familienmitgliedern zusammen in allem Frieden an demselben Hofe.
Da erhebt sich ein Streit zwischen den beiden Königinnen Brynhild und Gudrun, und zwar um den Rang. Es sind außerordentlich einfache Verhältnisse, die hier geschildert werden: obgleich königliche Frauen, gehen sie doch in ganz volkstümlicher Weise zusammen im Flusse baden. Während des Badens ändert plötzlich Brynhild ihren Platz, indem sie ihre bisherige Stellung unterhalb der Gudrun mit einer oberhalb derselben vertauscht. Gudrun fällt das auf; sie fragt, warum sie das täte, worauf Brynhild erwidert, sie möge nicht mit dem Wasser baden, das von der Gudrun abgelaufen ist, weil sie (Brynhild) die vornehmere sei. Gudrun sei die Gattin eines Knechtes[12], während Gunnar den Ritt durch die Flammen vollbracht habe. Gudrun, über diese Vorwürfe sehr erzürnt, enthüllt das Geheimnis: nicht Gunnar, sondern Sigurd ist durch die Flammen geritten; der Mann, der dabei den Ring Andvaranaut gegeben hat (oder genommen — das ist nach den Darstellungen verschieden), kann nur Sigurd gewesen sein. Brynhild ist über diese Enthüllung sehr unglücklich, geht nach Hause und brütet Rache.
Die Rolle, die der Ring als Beweisstück in dem Zanke der Königinnen spielt, ist je nach der Einzelquelle verschieden gefaßt, doch bleibt es sich tatsächlich gleich, ob im Augenblicke des Zankes Brynhild den Ring trägt, und Gudrun ihr sagt, „dieser Ring stammt doch aus Fafnirs Schatze, den kann dir nur Sigurd gegeben haben“, oder ob Gudrun den Ring trägt und sagt „den Ring, den ich hier habe, den hat Sigurd dir damals abgenommen“. Die Wirkung bleibt die gleiche.
Die Tatsache des dreitägigen, wenn auch keuschen Beilagers von Sigurd und Brynhild wird natürlich in dem Königinnenstreite verdreht und dazu benutzt, die Katastrophe herbeizuführen: Gudrun wirft der Brynhild vor, daß nicht Gunnar, sondern Sigurd ihr erster Mann gewesen sei. Über die Wirkung dieser Behauptung im einzelnen sind die nordischen Quellen nicht recht einig, vermutlich, weil wieder mehrere Parallelerzählungen, die sich gelegentlich widersprechen, nicht voll miteinander ausgeglichen sind. Das Ursprüngliche scheint zu sein, daß Brynhild die falsche Behauptung aufnimmt und bewußt verlogen zugibt, daß Sigurd dem Gunnar in jenen kritischen Nächten die Treue nicht gewahrt habe. Dadurch gewinnt sie letztern für die Rache, die Ermordung Sigurds. Freilich sind Gunnar sowohl wie Hogni vermöge des Blutbundes nicht in der Lage, die Rache persönlich auszuführen. Zu diesem Zwecke taucht nun jener dritte Sohn Gjukis, Gudorm, auf. Er wird als geeignetes Werkzeug zur Rache verwendet. Die Art, wie Sigurd von Gudorm getötet wird, wird wieder in der verschiedensten Weise erzählt. Die nordischen Texte kennen drei Darstellungen von Sigurds Tode: nach der einen (sie scheint im Norden die altertümlichste zu sein) wird er ermordet während des Rittes zur Volksversammlung; nach der zweiten, ausdrücklich als deutsch bezeichneten Darstellung wird er im Walde auf der Jagd ermordet, und nach der dritten Darstellung, die im kurzen Sigurdsliede vorliegt und von der Volsungasaga aufgenommen ist, wird er nachts im Bette schlafend ermordet, an der Seite seiner Gattin. Diese Darstellungen gehen zum Teil auf verschiedene Grundlagen zurück, zum Teil sind sie willkürliche Änderungen derselben.
Nach Sigurds Ermordung gibt Brynhild zu, daß er stets die Treue gehalten hat und unschuldig ermordet worden ist; sie läßt sich mit ihm auf demselben Scheiterhaufen verbrennen. Gudrun aber nimmt nach einiger Zeit von ihren Angehörigen die Mordbuße für den erschlagenen Gatten an, und es führt im Grunde von diesem Teile der Erzählung zu dem folgenden keine innere Brücke. Dieser ist mit dem bisher betrachteten lediglich dadurch verbunden, daß dieselben Personen auftreten, nicht aber dadurch, daß die Handlung des zweiten Teiles mit der des ersten innerlich in Zusammenhang steht. Einen schwachen Versuch hat der Norden gemacht, einen Zusammenhang herzustellen, indem er Brynhild zu einer Schwester des Königs Atli, des demnächst auftretenden zweiten Gatten Gudruns, gemacht und diesem damit die Pflicht auferlegt hat, diese Schwester zu rächen.
Nachdem Gudrun eine Zeitlang bei ihren Verwandten gelebt hat, kommt der neue Werber, König Atli[13], und Gudrun reicht ihm ihre Hand. Nachdem sie eine Zeitlang verheiratet sind, beschließt Atli, ohne daß Gudrun dazu irgend etwas tut, die Niflunge zu vernichten, um einerseits — das ist die nordische Zugabe — seine Schwester Brynhild zu rächen und andererseits — das ist die eigentliche Hauptsache — den großen Hort zu gewinnen, der nach Sigurds Ermordung natürlich in den Besitz der Niflunge übergegangen ist. Er ladet die Niflunge freundlich, aber verräterisch zu sich ein. Gudrun versucht sie zu warnen, aber ohne Erfolg. Gunnar und Hogni kommen mit mäßigem Gefolge an den Hof des Atli. Den Hort haben sie, wie sich aus der folgenden Darstellung ergibt, vorher versteckt: sie haben ihn in den Rhein versenkt. Auch hier tritt der deutsche Strom, der Rhein, auf und zeigt, wo die Sage zunächst heimisch war.