In Atlis Lande angekommen, werden Gunnar und Hogni von den Feinden überwältigt und gefangen. Atli richtet an Gunnar die Frage, ob er sein Leben durch Auslieferung des Hortes lösen wolle. Er erklärt, erst müsse er Hognis Herz als Beweis von dessen Tode sehen. Daraufhin wird Hogni getötet und sein Herz dem Gunnar gebracht; nun ruft dieser aus, daß der reißende Rhein viel besser geeignet sei, den Schatz zu hüten, als Atli und seine Leute. Gunnar wird in die Schlangengrube geworfen, erwehrt sich aber der Schlangen noch eine Zeitlang durch ein seltsames Mittel: da ihm die Hände gefesselt sind, schlägt er mit den Füßen eine Harfe, die ihm seine Schwester Gudrun noch zugereicht hat, und schläfert dadurch alle Schlangen ein bis auf eine, die ihn schließlich ins Herz sticht.
Damit sind die Niflunge vom Schauplatz abgetreten, und der Gudrun, ihrer Schwester, als der letzten des Geschlechtes, fällt die Pflicht der Rache zu; sie rächt ihre Brüder an ihrem Gatten. Immer geht in der nordischen Anschauung die Blutsverwandtschaft der Ehegemeinschaft vor, ein besonders altertümlicher Zug, der dieser Gestalt anhaftet. Die Rache setzt Gudrun ins Werk, indem sie ihre beiden, dem Atli geborenen Söhne schlachtet und ihm beim Festmahle vorsetzt; nachdem er vom Fleische seiner Söhne gegessen und ihre Hirnschalen als Becher benutzt hat, enthüllt sie ihm, was sie getan, und tötet ihn selbst.
Der zweite Teil der Sage hat damit sein Ende erreicht; von den handelnden Personen ist Gudrun allein übrig. Ein innerer Zusammenhang zwischen diesem zweiten Teile und dem ersten besteht, wie gesagt, nicht, denn der zweite Teil kann an sich allein vollkommen verstanden werden. Er ist keine innere Folge des ersten. In der nordischen Überlieferung kommt aber noch ein dritter Teil hinzu, dessen Anknüpfung uns höchst seltsam anmuten muß: Gudrun versucht, sich das Leben zu nehmen, indem sie sich ins Meer stürzt; allein die Wogen tragen sie und bringen sie an einen fremden Strand, wo sie aufgenommen wird und sich zum dritten Male vermählt. Der König des Landes, Jonakr (ein Name, der uns sonst nicht weiter bekannt ist), nimmt sie zur Gattin, und sie hat bei ihm noch zwei oder drei Söhne (darin ist die Überlieferung nicht ganz klar). Diese heißen Hamdir, Sorli und Erp; nach der einen Tradition sind sie alle drei die Söhne Gudruns, nach der andern ist Erp ein Sohn Jonakrs von einer andern Mutter. Außerdem wird am Hofe Jonakrs die nachgelassene Tochter des Sigurd und der Gudrun erzogen. Wie sie dahin gekommen ist, wird gar nicht erklärt. Sie führt den Namen Svanhild[14].
Um sie wirbt ein schon bejahrter, aber mächtiger und gewaltiger König, Jormunrek, wie er im Norden heißt. Er ist der historische Gotenkönig des 4. Jahrhunderts Ermanarich. Er sendet seinen Ratgeber Bikki und den bereits erwachsenen Sohn erster Ehe Randver die junge Braut einholen. Svanhild wird ihnen übergeben. Unterwegs fängt Bikki an, seine Ränke zu spinnen; er raunt dem jungen Paare, der Stiefmutter und dem Stiefsohne, zu, daß sie zueinander viel besser paßten, als der alte König zu der jungen Svanhild, und versucht auf diese Weise ein Verhältnis zwischen den beiden herbeizuführen, aber ohne Erfolg. Als die Braut am Hofe Jormunreks eingetroffen ist, berichtet Bikki dem Könige das Verhältnis als Tatsache, und dieser rächt sich, indem er seinen Sohn erhängen und Svanhild von wilden Pferden zertreten läßt.
So erwächst der Gudrun wiederum die Pflicht der Rache für ihre nächste Verwandtschaft. Sie reizt ihre Söhne dritter Ehe auf, die Rache zu vollziehen; diese lassen sich auch dazu bereit finden und machen sich auf den Weg. Unterwegs geraten sie miteinander in Streit, und Erp wird von den beiden andern erschlagen. Als sie dann am Hofe Jormunreks erscheinen, greifen sie den König an und verwunden ihn, indem der eine ihm die Hände, der andere die Füße abschlägt. Dem Erp aber war nach der etwas merkwürdigen Auffassung dieser Dichtung zugedacht, das Haupt des Königs abzuschlagen; da Erp nun fehlt, wird Jormunrek also nur verwundet, aber nicht getötet. Er hat noch die nötigen Kräfte, sich zu rächen, indem er seine Mannen aufruft: „Tötet die Fremden mit Steinwürfen.“ So fallen Hamdir und Sorli durch die Goten; damit hat die nordische Form der Nibelungensage ihr letztes Ende erreicht.
Gudrun, die Hauptfigur, die durch alle drei Teile der eigentlichen Nibelungensage, ungerechnet die Vorgeschichte, hindurchgeht, ist noch am Leben. Wo sie hingekommen, was aus ihr geworden, wird nicht erzählt; nur das Gedicht von „Gudruns Aufreizung“ deutet an, daß sie schließlich (wie Signy) freiwillig den Flammentod suchen wird.
Die nordische Form der Nibelungensage hat noch eine Erweiterung erfahren durch die Geschichte der Aslaug, der bei Heimir aufwachsenden Tochter Sigurds und der Brynhild; die Annahme, daß dies Paar eine Tochter gezeugt habe, ist zwar dem Geiste der alten Sage zweifellos zuwider, doch nicht so sehr, wie es uns auf den ersten Blick scheint: Aslaug ist eine Frucht der frühern Bekanntschaft ihrer Eltern, hat also nichts zu tun mit der Pflicht der Treue, die Sigurd dem Gunnar bei Gewinnung der Brynhild schuldig ist. Heimir befürchtet für Aslaug nach dem Tode ihrer Eltern Nachstellungen und entflieht mit dem Kinde in Verkleidung; unterwegs wird er von einem Bauernehepaare, bei dem er eingekehrt ist, ermordet, und Aslaug wächst nun in niedriger Umgebung auf. Als Jungfrau erregt sie die Liebe des Königs Ragnar Lodbrok, der auf einer seiner Wikingsfahrten in die Gegend, wo sie lebt, gelangt ist, wird seine Gemahlin und gebiert ihm eine stattliche Reihe Söhne, unter ihnen den Sigurd ormr í auga (Schlange im Auge), der zum Beweise seiner Herkunft vom Drachentöter das Bild des Fafnir auf der Hornhaut seines Auges trägt; seine Tochter heißt wiederum Aslaug und ist die Urgroßmutter des Harald Harfagri, ersten Alleinherrschers in Norwegen (gestorben um 930). Die ganze Erzählung zielt, wie vorhin schon bemerkt wurde, darauf ab, die norwegischen Könige als Nachkommen der Volsunge zu erweisen; der Name Aslaug ist offenbar von der gleichnamigen jüngern (die historisch zu sein scheint) auf Brynhilds Tochter übertragen.
Schon aus der einfachen Erzählung der nordischen Sagenform dürfte sich ergeben haben, wie wenig klar die ganze Darstellung ist. Wir dürfen diese Unklarheit aber nicht etwa einem einzelnen Manne, einem Dichter der ganzen Sage, in die Schuhe schieben, sondern wir müssen uns gegenwärtig halten, daß wir hier keine geschlossene Überlieferung vor uns haben, sondern uns lediglich eine Reihe von Einzelgedichten überliefert ist, von denen jedes für sich seine besondere Selbständigkeit hat und seine eigene Würdigung erfordert. Die einzelnen Dichter in sich sind in der Regel geschickt und geschlossen; aber der eine hat die Erzählung so, der andere so aufgefaßt und durchgeführt.
Eine älteste Gestalt der Sage aus diesen ziemlich stark auseinanderklaffenden Stücken herauszufinden, würde wohl kaum möglich sein, wenn wir nicht neben der nordischen Überlieferung noch die ganz selbständige deutsche Überlieferung hätten, die sich von der nordischen getrennt hat im 9. Jahrhundert, als die Wikinger den deutschen Stoff vom untern Rheine nach dem Norden verpflanzten.