Friedr. Latendorf.

Die Wachstafeln der Salzsieder zu Schwäbisch-Hall.

Mitgetheilt von Professor W. Wattenbach in Heidelberg.

Christian Ernst Hanſselmann bemerkt in seinem 1768 erschienenen „Beweiſs, wie weit der Römer Macht in den mit verschiedenen teutschen Völkern geführten Kriegen, auch in die nunmehrige Ost-Fränkische, sonderlich Hohenlohische, Lande eingedrungen,“ auf S. 49 bei Gelegenheit aufgefundener römischer „Schreibnadeln“:

„Dieser Gebrauch, auf Wachs zu schreiben, ist an einigen Orten bis auf unsere Zeiten gekommen: Dann so halten sich die Salzsieder in der löblichen Reichsstadt Schwäbisch Hall bis diese Stunde noch ihre ordentliche Wachsbücher, mit denen darzu gehörigen stählernen Schreibgriffeln, die sie zu der Zeit gebrauchen, wenn das Flos- oder Haalholz aus dem durch gedachte Stadt flieſsenden Kocher gezogen wird. Auf dieses Haalholz ist ein gewiſses Maal gehauen, woran die Sieder erkennen, welchem von denen Interessenten solches Stück Holz zugehöre; Und dieses notiren sie hernach in ihre Wachsbücher zu denen allda schon ins Wachs eingeschriebenen Namen der Interessenten. Sobald aber die Austheilung des Holzes vorbey, so löschen sie, mit dem obern Theil des Schreibgriffels, das Aufnotirte im Wachs aus, und glätten hierauf das Wachs wiederum, mit solchem obern Theil des Griffels“ (folgt die Abbildung des Griffels).

„Dasjenige Wachsbuch, welches mir zur Betrachtung zu Händen gekommen, ist aus 6 Blättern von Holz in klein Folio bestanden, die um den Ranft herum eine hölzerne Einfassung gehabt, zwischen welcher zu beyden Seiten das Wachs eingegossen, anbey ganz glatt gewesen. Diese hölzerne, mit Wachs überzogene Blätter waren, auf dem Rucken, aneinander, gleich denen Blättern eines ordentlichen Buchs, angefügt, und konnten, vermittelst eines Gewerbs von Möſsing, auf- und zugemacht werden.“

Diese Beschreibung veranlaſste im J. 1794, als F. D. Gräter von Schwäbisch-Hall aus die Zeitschrift „Bragur“ redigierte, eine Anfrage, ob jene Tafeln noch vorhanden wären, worauf Gräter (Bragur 3, 524) antwortete, „daſs sie nicht blos vorhanden, sondern auch, wie ehehin, im Gebrauche sind, und wahrscheinlich so lange, als die Einrichtung des hiesigen Salzwesens fortwährt, im Gebrauche bleiben werden.“

Diese Nachrichten sind in die diplomatischen Lehrbücher übergegangen; nirgends aber fand sich bis jetzt eine Auskunft darüber, wie lange jener Gebrauch sich erhalten habe; ob er vielleicht noch bestehe. Um so erfreulicher war es mir, als bei der Philologen-Versammlung des vorigen Jahres Herr Oberpräceptor Megnin aus Schwäbisch-Hall mir mittheilte, daſs der dortige Fränkische Alterthumsverein dergleichen Tafeln erworben habe, und die Zusendung derselben sowie genauere Nachrichten in Aussicht stelle. Für beides habe ich seitdem zu danken. Die Tafeln haben auf einigen Blättern stark gelitten; andere aber sind unversehrt. Sie entsprechen der Beschreibung Hanſselmanns; aber auf der obersten Seite, die natürlich, wie die letzte, glatt und frei von Wachs ist, steht die Jahreszahl 1796; es scheint also damals eine gänzliche oder theilweise Erneuung stattgefunden zu haben. Zu bemerken ist, da dergleichen Bücher ja nicht selten, und gerade in neuerer Zeit oft beschrieben sind, nur noch der Umstand, daſs zur Schonung des Wachses die einzelnen Seiten durch Buckeln von Messing von einander entfernt gehalten werden. Das Holz wurde, wie Herr Megnin mir mittheilt, von den Siedern in den benachbarten Waldungen gekauft und mit ihren Zeichen versehen; war es dann auf dem Kocher an die Stadt gekommen, so wurde es von zwei dazu angestellten Schreibern neben den Namen der Sieder, welche alphabetisch geordnet auf den Tafeln stehen, eingetragen nach Blöcken, Stücken und Fächern; 7 Blöcke machten ein Fach aus, 60 Blöcke ein Stück.

Diese Sitte hat sich etwa bis zum Jahr 1818 oder 1819 dort erhalten. Es wäre zu wünschen, daſs auch aus dem sächsischen Halle Auskunft gegeben würde über das Schicksal der „hällischen Lehentafel“, welche Johann Peter von Ludewig 1731 in seiner Vita Justiniani, p. 236 beschrieben und zu p. 185 hat abbilden lassen. Die 12 Tafeln dieses Buches hatten eine Quertheilung der Seiten, welche sich bei denen von Schwäbisch-Hall nicht findet.

Erhalten hat sich der Gebrauch solcher Tafeln bis auf die Gegenwart, so viel bis jetzt bekannt geworden ist, nur auf dem Fischmarkt zu Rouen. Da hat ihn Édélestand Du Méril in seiner Abhandlung: De l’usage non interrompu jusqu’à nos jours des tablettes en cire (Études sur quelques points d’Archéologie et d’histoire littéraire, Paris et Leipz. 1862, p. 85–142) nachgewiesen und eine Abbildung hinzugefügt.