Die archäologische Ausstellung in Paris im Jahre 1867.
23) Bekanntlich wird mit der groſsen Industrieausstellung in Paris im Jahre 1867 auch eine internationale archäologische Ausstellung verbunden und ist eine Gallerie des Ausstellungsgebäudes dafür reserviert, wo sie unter dem Titel „Histoire du travail“ figurieren wird. Die französische Commission, bestehend aus den Herren Graf von Nieuwerkerke, Graf von Laborde, von Longpérier, de Sommerord, Lartet, Alphons von Rothschild und Alfred Darcel, hat nun das Programm veröffentlicht und ein Circular an die Besitzer erlassen, welche Objekte haben, die zur Ausstellung kommen sollen. Wir finden uns rücksichtlich des Programms zu einigen Bemerkungen veranlaſst.
Ein Passus heiſst: „Jede Nation wird über einen bestimmten Antheil der Gallerie verfügen, um hier die Gegenstände aufzustellen, welche sich auf die Industrie ihrer Gegend beziehen. Die Gegenstände werden hier so aufgestellt, daſs sie die verschiedenen Epochen der Geschichte der Arbeit erkennen lassen.“
Wir können uns nun durchaus nicht damit einverstanden erklären, daſs in einer Ausstellung, die bestimmt ist, die künstlerische und gewerbliche Thätigkeit der gesammten Menschheit von den ältesten Zeiten an vor Augen zu führen, die fast zufällige heutige Staateneintheilung zu Grunde gelegt wird, und daſs der Raum dafür nach dem Raum bemessen wird, den die heutige Industrie jener Länder einnimmt. Zudem werden durch diese Eintheilung zusammengehörige Gruppen getrennt und weniger Zusammengehöriges ver einigt. Welche Industrie hat heute Aegypten? Wie klein soll also der Raum für die in der Geschichte der Menschheit so unendlich wichtige ägyptische Kunst ausfallen? Welche Rolle spielt Griechenland unter den Industriestaaten? Welcher Raum wird also nach diesem Maſsstab der vollendeten Kunstblüthe Griechenlands zugewiesen? Welche Nation wird uns die Kultur des assyrischen und babylonischen Reiches, die Kultur der Phönizier vor Augen führen? Wie wird die über alle Welttheile zerstreute Kunst und Gewerbthätigkeit der Römer in allen verschiedenen Abtheilungen zerstreut sein? Stehen sich nicht bei aller nationalen Verschiedenheit die Werke des Mittelalters der Franzosen, Engländer und Deutschen, selbst der Italiener näher, als sie den römischen Werken stehen, die zufällig in diesen Ländern gefunden wurden?
Ist es gerechtfertigt, die Erzeugnisse Deutschlands gerade in die drei Gruppen Oesterreich, Preuſsen und das übrige Deutschland zu trennen? Wäre es nicht, wenn eine Untertheilung statt haben soll, natürlich, den alten Gaugrenzen zu folgen, die Theilung nach den verschiedenartigen Schulen vorzunehmen, von Oesterreich und Preuſsen die den übrigen deutschen Schulen verwandten Gegenstände diesen anzuschlieſsen, die Kunst des ehemals mächtigen Polenreiches nicht unter drei jetzt bestehende Länder zu trennen.
Eine archäologische Ausstellung soll nicht Spielerei sein; sie soll der Wissenschaft nützen, sie soll die Kunstforschung fördern. Das kann nur durch ein dem Ganzen zu Grunde liegendes, groſses, gemeinsames System geschehen, das auf wissenschaftliche Grundlage basiert ist, und das uns gestattet, die verwandten und zusammengehörigen Objekte, welche die Zeit weit auseinander geworfen hat, hier neben einander stellen und mit einander vergleichen zu können. Eine solche Ausstellung muſs eine anschauliche Uebersicht über die Entwickelung der ganzen menschlichen Kultur geben. Nur dann hat sie Werth.
Nur dann aber auch ist sie der Kosten werth, die dafür verausgabt werden. Wer muſs diese Kosten tragen? Der einzelne Aussteller kann das nicht; es ist also Sache der Regierungen. Da sind nun diejenigen sicher übel daran, die etwa kolossale Objekte aus groſser Ferne zu transportieren haben. Wird das Interesse, welches sie an der Ausstellung haben, diese Kosten aufwägen? Ich glaube kaum. Ist es etwa gerechtfertigt, wenn blos das neben einander stehen soll, was zu Hause auch nebeneinander steht, es nach Paris zu senden? Ist es gerechtfertigt, die kostbarsten Objekte aus den Museen, aus den Kirchen, aus dem Leben nach Paris zu schaffen, wenn sie doch nicht neben die verwandten Objekte gestellt werden und so der Wissenschaft wirklich nützlich sind?
Unserer Anschauung nach müſste eine internationale Commission aus hervorragenden Gelehrten zusammengesetzt werden, welche die Auswahl aus den allerorts zerstreuten Objekten trifft, welche einen groſsen Gesammtplan entwirft und die Ausstellung so anordnet, daſs sie in einer Serie den Entwickelungsgang der ganzen Kultur verfolgen läſst. Darin liegt für die Wissenschaft wie für das Publikum ein Gewinn, der wohl werth ist, daſs die einzelnen Regierungen in einem der Gröſse und dem Reichthum der Länder angemessenen Theile die Kosten tragen.
Wird eine derartige Einheit nicht in die Sache gebracht, so wird die Ausstellung eine lückenhafte, verfehlte Spielerei sein. Man wird freilich Manches beisammen sehen können, was man sonst nur an verschiedenen Orten sieht; allein es wird sich die Frage stellen lassen, ob die Regierungen es Befürworten sollen, daſs man ohne wissenschaftlichen Zweck blos dahin arbeiten solle, daſs eine Anzahl Reisende, die sonst in’s Land kämen, fern bleiben, da sie ihre Neugier in Paris befriedigen können.
A. E.