Nº 4.

April.

Wissenschaftliche Mittheilungen.

Die Krönungsinsignien des Mittelalters.

Nach Dr. F. Bock’s Werk: Die Kleinodien des heil. röm. Reiches deutscher Nation und ihre formverwandten Parallelen

von A. Essenwein.

Unsere deutsche Literatur ist nicht eben arm an guten und interessanten Werken, und doch dürften sich darunter wenige finden, die gerade für alle die Kreise, welche das germanische Museum repräsentiert, mehr und gleichmäſsigeres Interesse finden, als das groſse Prachtwerk des Canonicus Dr. F. Bock, Mitgliedes unseres Gelehrtenauschusses. Ist ja sein Inhalt so enge verwachsen mit der Geschichte des deutschen Volkes und behandelt er doch gerade die sprechendsten Zeugen oder Zeichen deutscher Herrlichkeit! Aber nicht blos für den Patrioten, nicht blos für den Forscher auf dem Gebiete der Geschichte, auch für die Kunstforschung ist das Werk ein hochwichtiges, da es derselben neue und höchst werthvolle Materialien zuführt. Es ist für den Künstler von höchster Wichtigkeit, denn wie oft bildet der Maler den deutschen Kaiser ab! welche Fülle von Ornamenten findet der Goldschmied, der Seidenwirker, der Sticker in den Tafeln des Werkes! So allseitig auch das Interesse daran sein mag, so Wenige werden leider in der Lage sein, das Werk selbst zu sehen, da es zu jenen theuern Prachtwerken gehört, die nur Wenigen zugänglich sind. Wir glauben daher eine Pflicht zu erfüllen, wenn wir die Leser des Anzeigers nicht blos obenhin damit bekannt machen und von dessen Existenz einige Worte sprechen, sondern näher auf den Inhalt selbst eingehen, da wir aus dem angeführten Grund eben die Leser nicht auf das Werk selbst verweisen können. Wenn wir daher die vorliegende Besprechung nicht in die Beilage des Anzeigers unter die literarischen Notizen stellen, so mag der Umfang derselben, die Wichtigkeit des Gegenstandes, und die Unzugänglichkeit des Originalwerkes dies rechtfertigen. So ist es uns auch möglich, in der Reihenfolge der zu behandelnden Gegenstände einigermaſsen von der durch das Entstehen des Werkes selbst bedingten zufälligen Reihenfolge abzuweichen.

Das Werk behandelt nicht blos die eigentlichen deutschen Reichskleinodien, sondern auch alle formverwandten Parallelen, d. h. so zu sagen alles, was von königlichen Insignien aus dem Mittelalter heute noch erhalten und bekannt ist; wir finden darin eine Serie von Goldschmiedearbeiten, die ihren Ausgangspunkt noch unter den altgermanischen Stämmen nimmt und durch das ganze Mittelalter sich bis in’s 17. Jahrh. verfolgen läſst; wir finden alle Entwicklungsphasen vertreten, welche die Form der Krone durchgemacht hat. Wir finden Reichsäpfel, Scepter und Schwerter vertreten; wir finden eine prachtvolle Serie von Pluvialen, Dalmatiken, Alben und Tunicellen, die fürstlichen Personen gedient haben, so daſs auch hier sich interessante kunstgeschichtliche Parallelen aufstellen lassen. Auſserdem finden wir aber auch den ganzen Apparat, der in der Krönungskirche bei der feierlichen Gelegenheit einer Krönung gebraucht wurde, und die Behandlung der Feierlichkeit selbst.

Wir zerlegen daher den Aufsatz in drei Theile, in deren erstem wir das besprechen, was sich auf die Krönung der Kaiser bezieht, im zweiten werden wir die einzelnen Theile des Krönungsornates in Besprechung ziehen, im dritten aber die kunstgeschichtliche Bedeutung der einzelnen Parallelen und den Entwickelungsgang der Formen der einzelnen Zeichen königlicher Machtvollkommenheit zu zeigen versuchen. Wir hoffen so unserem gelehrten Freunde und Mitarbeiter des Museums gerecht zu werden wie dem Interesse der Wissenschaft.

I.