Die Einleitung des Bock’schen Buches beschäftigt sich mit der Krönung, und zwar vorzugsweise mit der Art und Weise, wie und in welcher Reihenfolge die einzelnen Stücke angelegt wurden. Bekanntlich wurden die Reichskleinodien zu Nürnberg in einer Truhe aufbewahrt, die jetzt im germanischen Museum steht, ehemals aber in der heil. Geistkirche oben am Gewölbe hieng. Von Nürnberg aus wurden die Kleinodien zu jeder Krönung in die Krönungstadt (Rom, Aachen, später Frankfurt) gebracht, und zwar durch Abgesandte des Rathes. Es existieren noch Berichte der mit dieser Sendung beauftragten Rathsherren. Der Verfasser concentriert seine Bemerkungen zunächst auf die zu Aachen 1520 stattgefundene Krönung Karl’s V. Wir bemerken, daſs sich im königlichen Archiv zu Nürnberg ein Bericht von den damals mit der Mission der Ueberbringung der Kleinodien betrauten Nürnbergern befindet[A]. Am 22. October hatte die feierliche Einholung des Königs stattgefunden, am folgenden Tage versammelten sich die drei geistlichen Kurfürsten mit ihrer Klerisei in der Nicolaikapelle des Domes, wo der König mit glanzvoller Umgebung in fürstlichen Gewändern mit goldenem Oberkleide erschien. Der Erzbischof von Köln beräucherte ihn, worauf er das Kreuz und Evangelienbuch küſste und, von den drei Erzbischöfen und vom Clerus geleitet, in die Kirche eingeführt wurde, während der Chor die Antiphon anstimmte: Ecce ego mittam angelum meum. Vor dem Altar lieſs sich der König auf goldenem Teppich nieder, worauf der Erzbischof von Köln, der die Krönung vollzog, die vorgeschriebenen Gebete zu verrichten begann. Von den Erzbischöfen zu Mainz und Trier wurde Karl sodann zur Sella aurea geführt. Darauf begann die Krönungsmesse, wobei der Chor den Introitus vom Feste Epiphanias anstimmte: Ecce advenit dominator dominus. Die Epistel begann mit den Worten: Surge illuminare Jerusalem. Während der König sich sodann wieder vor den Stufen des Altars niedergelassen hatte und der ganze Clerus kniete, sang man die Liturgie aller Heiligen; darauf legte der Consecrator, angethan mit der Mitra und dem Stabe in der Hand, dem Coro nandus die üblichen Fragen vor, nach deren Beantwortung er sich an die versammelten Fürsten wandte: Vultis tali principi et rectori vos subjicere ipsiusque regnum firmare fide Stabilire atque jussionibus illius obtemperare juxta Apostolum: Omnis anima potestatibus sublimioribus subdita sit sive regi tanquam praecellenti...? Nach dreimaligem „fiat“ wendete sich der Abt von Prüm an das Volk, dem er die Frage deutsch vorlegte. Abermals kniete Karl am Altar nieder und der Erzbischof sprach eine längere Segnung, worauf er Handschuhe und Ring ablegte und Karln salbte, der hierauf von den Erzbischöfen von Mainz und Trier in die Sakristei geleitet wurde, wo die Kapläne die gesalbten Körpertheile abtrockneten. Die Gewänder, die der Gesalbte bis dahin getragen, wurden nun abgelegt und fielen dem Krönungsstifte zu. Da Karl aber mit den vom Nürnberger Rathe gesendeten Gewändern (Sant Keysser Karl’s claidung) in der Sakristei bekleidet werden sollte, entstand eine Verwirrung, da man die Reihenfolge der Anlegung nicht genau kannte und auch befürchtete, die Kleider möchten Schaden leiden. Karl wurde daher mit andern analogen, dem Münster gehörigen Pontificalien bekleidet. Nach dem Ritus hätten zuerst die seidenen Strümpfe und Schuhe, sodann das seidene Humerale angelegt werden sollen, hierauf die dunkle tunica talaris, den priesterlichen Talaren entsprechend, die, nach Bock, mit einem Gürtel geschürzt wurden. (Wir glauben hier bemerken zu müssen, daſs das Gewand so zugeschnitten war, daſs eine Schürzung nicht nothwendig war, daſs es aber auch nur eine gröſste Länge von 4′ 7½″ hat, daſs also, da es bis zu den Füſsen reichen sollte, die Schürzung bei groſsen Personen nicht nothwendig war.) Darüber hätte nun von der Nürnberger Krongesandtschaft und den Hofkaplänen die kaiserliche Albe gelegt werden sollen, statt der Karl „mit einer schlechten weiſsen Alm“ bekleidet wurde. Diese Albe ist sehr lang, muſste also auch bei den gröſsten Personen mit einem Gürtel aufgeschürzt werden. Darauf war die groſse, breite kaiserliche Stola anzulegen, die, da sie 18′ lang ist, mehrfältig zusammengelegt und geschürzt werden muſste, was bei ihrer groſsen Breite immer gewisse Schwierigkeiten machte. Unter den von Nürnberg mitgebrachten Kleidungsstücken befand sich auch die sogenannte „Adlerdalmatika“, die indessen nicht blos hier nicht gebraucht wurde, sondern die wohl überhaupt von jeher ein Profangewand war, zu dem auch die nun verloren gegangene Gugel gehörte, und das etwa gebraucht wurde, wenn sich der Kaiser im Festzuge aus dem Palaste zur Krönungskirche begab. Eine wirkliche Dalmatika jedoch, die sich noch zu St. Peter in Rom befindet, stand zur Krönung in Beziehung, indem sie der zu krönende Kaiser trug, wenn er in der Krönungsmesse das Evangelium sang.

An den Altar zurückgekehrt, empfieng Karl vom Krönenden das aus der Scheide gezogene Schwert, das sodann in die Scheide gelassen und dem Coronandus umgegürtet wurde. Hierauf wurde ihm ein Ring an den Finger gesteckt, der jedoch, obwohl bei jeder Krönung nothwendig, nicht zu den Kleinodien gehörte, bei denen schon im Beginn des 15. Jahrh. sich keine Ringe mehr befunden zu haben scheinen. Unmittelbar nachher dürfte der zu Krönende die Handschuhe angezogen haben. Die damals noch bei den Kleinodien befindlichen zwei romanischen Armspangen mit Darstellungen der Geburt Christi und der Opferung in Email wurden damals schon nicht mehr gebraucht und an ihrer Stelle dem Coronandus die Insignien des goldnen Flieſses umgehängt. Zugleich damit wurde demselben der Mantel angelegt, der nach dem Ritus erst später hätte gegeben werden sollen, wenn er bereits Scepter und Reichsapfel hatte, die von den Assistenten dem Consecrator übergeben wurden, der nun das Scepter in die Rechte, den Reichsapfel in die Linke des zu Krönenden legte, wobei er das vorgeschriebene Gebet verrichtete.

Sodann nahmen die drei Erzbischöfe die goldene Krone und setzten sie dem neuen König unter vorgeschriebenen Gebeten auf, der nun zum Altar schritt und auf das Evangelium den Eid ablegte. Hierauf begab sich der König, geführt von den Erzbischöfen, über eine Wendeltreppe auf die Empore des karolingischen Octogons, wo der König vom marmornen Stuhle Karl’s d. Gr. Besitz nahm. Der Erzbischof von Mainz sprach nun Worte der Begrüſsung an den Neugekrönten, worauf Propst und Canoniker des Krönungsstiftes nahten und nach vollzogener Begrüſsung den König in die Reihe der Canoniker aufnahmen, wobei er den vorgeschriebenen Eid leistete, worauf er Einigen den Ritterschlag ertheilte. Nach Noppius stand es frei, ob der König dies mit dem Schwerte „derer von Nürnberg, so etwas schwer sei“, oder mit dem Karl’s d. Gr. von Aachen thun wolle. Der Chor sang das Te Deum. Nachdem sich der König sodann wieder in die Kirche zum Altar begeben hatte, wurde das Meſsopfer fortgesetzt. Ein Canoniker des Stiftes sang das Evangelium der Epiphania: Cum natus esset Jesus in Bethlehem Juda. Nachdem der Chor den Gesang des Symbolums beendet hatte, wurde die Sequenz Reges Tharsis angestimmt. Der König legte nun das Schwert ab, überreichte es dem Erzmarschall, den Reichsapfel dem Pfalzgrafen bei Rhein; das Scepter in der Rechten haltend, trat er sodann zum Altar und brachte ein Geldstück zum Opfer, hierauf schritten die Kurfürsten und Canoniker des Krönungsstiftes zum Opfer und wurde ihnen vom Celebrans das Sacrum zum Kusse gereicht. Beim Agnus Dei kniete der Bischof von Lüttich am Altar nieder und empfieng das osculum pacis; derselbe nahm sodann das Sacrum und reichte es dem Bischof von Mainz, der es dem König zur Verehrung darbot. Nach der Communion des Celebrans empfieng der König solche an den Stufen des Altars.

Nach der letzten Collecte begab sich der Erzbischof in die Sakristei, während der König, vor dem Altar sitzend, abermals Mehreren den Ritterschlag ertheilte, und die drei Kurfürsten die Pontificalien mit dem kurfürstlichen Purpur vertauschten. Auf einer eigens dazu erbauten Brücke, die mit Tuch belegt war, begab sich sodann der König mit dem Gefolge im Zuge unmittelbar zum Rathhaussaale, wo das Krönungsmahl statthatte.

Das Ceremoniale stimmt, wie wir hier nebenbei bemerken wollen, im Wesentlichen mit dem anderer Königskrönungen überein, so mit dem der polnischen Krönungen, das wir in unserm Buche „Die mittelalterlichen Kunstdenkmale der Stadt Krakau“ angeführt haben.

In einem Theile des Anhanges führt nun Bock noch einige kostbare Prachtstücke auf, die zum Schmucke des Altares der Krönungskirche dienten. An der Spitze das Frontale zur Bekleidung der Altarmensa, aus Gold getrieben, das nicht mehr im Ganzen besteht, dessen einzelne Theile aber noch sämmtlich erhalten sind. In der Mitte ist die Majestas Domini, daneben St. Michael, Patron Deutschlands, und die heilige Jungfrau. Die Symbole der Evangelisten umgeben den Mitteltheil, darum zehn Scenen aus dem Leiden Christi vom Einzuge in Jerusalem bis zur Auferstehung.

Noch erhalten sind die zwei kostbaren Reliquienschreine, von denen einer die Gebeine Karl’s d. Gr. umschlieſst, die hinter der Mensa des Hochaltares erhöht aufgestellt wurden. Sie finden ausführliche Beschreibung, wie auch der Ambo Heinrich’s II. und der Kronleuchter Friedrich Barbarossa’s, das Kreuz Lothar’s, das Evangelienbuch Heinrich’s II., eine Kleinodientruhe, von Richard von Cornwallis herrührend, ein Aquamanile in Gestalt eines Bacchuskopfes, 2 silberne Meſskännchen in Gestalt von Engeln, das Weihwassergefäſs aus Elfenbein Otto’s III., endlich die beiden Reliquiarien in Form eines Brustbildes uud eines Armes, in denen das Cranium und der Armknochen Karl d. Gr. aufbewahrt werden. Auf dem Kopfe dieses Brustbildes ruht die Corona argentea.

Ein anderer Abschnitt des Anhanges beschäftigt sich mit den zu den deutschen Reichskleinodien gehörigen Reichsreliquien und der von 1425–1523 jährlich stattfindenden öffentlichen Vorzeigung der Kleinodien und Reliquien, die zu Nürnberg am zweiten Freitag nach Ostern geschah und als Festum de lancea et clavis domini in Deutschland und Italien gefeiert wurde, ein Festtag, der sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat.

(Schluſs folgt.)

Fußnote:[A] Abgedruckt mit einem zweiten Berichte über den Einritt des Kaisers in Aachen, der sich handschriftlich in der Bibliothek des germanischen Museums befindet, von Dr. Cornel. Will, Archivsekretär des german. Museums, im Chilianeum IV, 334 ff. Dieser Abdruck hat neben Hartmannus Maurus der Darstellung Bock’s zu Grunde gelegen. Ein Bericht des Ritters Ludwig von Eyb über Maximilan’s Krönung zu Aachen 1486, mitgetheilt von Jos. Baader, bietet nach mancher Seite hin gröſsere Anschaulichkeit (Annalen des histor. Vereins f. den Niederrhein, XV. Heft. 1864).