Die Schrift des ganzen Blattes umgiebt eine schmale Leiste, in Bezug auf welche wir unserer Abbildung nur anfügen, daſs in ihr die oben angegebenen Grundfarben abwechselnd sich wiederholen, wie daſs ihre vier Ecken durch gröſsere, mit Bestiarien ausgestattete Medaillons, die Seiten durch kleinere Rosetten unterbrochen sind.

Neben dem besprochenen liegen zwei andere Blätter, von welchen das eine, mit dem Officium des heil. Johannes des Evangelisten angefüllt, durch den Inhalt, wie durch ganz gleiche Schrift und groſse Ähnlichkeit der bildlichen Darstellung als demselben Werke entnommen sich ausweist. Das andere Blatt scheint zwar von anderer Hand geschrieben, zeigt jedoch in seiner ornamentalen Ausstattung, einem groſsen Initial-A und einer reicheren Randleiste, so viel Verwandtschaft mit dem beschriebenen, daſs wir kaum an einen anderen Verfertiger denken können.

Was nun die Künstlerschaft des letzteren betrifft, die wir nachzuweisen hoffen, obwohl wir denselben anfangs nur als Schreiber eingeführt haben, so ist zunächst festzuhalten, daſs sie allerdings sich nur aus der Schreibekunst entwickelt hat, daſs der Bruder Matthias vom Schrift- zum Figurenzeichner fortgeschritten ist — eine Wahrnehmung, welche zwar in der älteren Kunst als ganz allgemeine sich wiederholt, die aber um so mehr Bedeutung gewinnt, je klarer aus dem einzelnen Falle hervorgeht, wie — im Gegensatze zur Neuzeit, welche die in Jedermanns Gebrauch befindliche Fertigkeit kaum noch als Handwerk gelten läſst — in jenen Zeiten der beginnenden Entwicklung die seltene und geheimniſsvolle Kunst des Schreibens nicht nur bereits den Boden gewährte, auf welchem auch die bildende Kunst, mit der Zeichensprache des Ornaments und des Symbols beginnend, sich weiter entfaltete, sondern auch einem reizbaren Gemüthe den Anstoſs zu geben vermochte, der es durch die verschiedenen Stadien des vermittelnden Verständnisses zur letzten Abfindung mit der Welt des Geistes und Heiles, soweit sie im Bereich der Kunst beschlossen liegen, antreibt. — Daſs in unserem Falle Zeichner und Schreiber in derselben Person vereinigt waren, geht unzweifelhaft aus dem vorliegenden Documente selbst hervor. An einigen Stellen bedeckt die Schrift die Malerei; an anderen ist diese über jene hinweggeführt, und beide zeugen von solcher Gleichzeitigkeit, daſs darin kaum das Wechseln des Platzes Raum finden würde. Der unmittelbare Uebergang von dem gemalten Initial zur vergoldeten und reich mit Zügen ausgestatteten Schrift, welche in unserer Abbildung durch Schraffierung angedeutet ist, dürfte in dieser Beziehung einen weiteren Anhaltspunkt bieten. — Aber der Schreiber trug unbewuſst ein künstlerisches Talent in sich; die Schriftzüge gestalten sich unter seiner Hand unwillkürlich zu Kunstwerken. Aus dem einfachsten Elemente seiner Verzierung, den Linien, Ranken und Riemen, gestalten sich ohne Ende Figuren mannigfaltigster Art, abenteuerliche und natürliche Wesen, die, wenn auch ganz auf dem Boden der Ueberlieferung erwachsen, doch so viel eigenthümliche Erfindung und individuelles Leben offenbaren, daſs sie eine Schätzung auch auſserhalb des allgemeinen, durch die Zeit gebotenen Maſses zulassen. — Andrerseits stehen dem Künstler zur Umreiſsung seiner Figuren auch kaum mehr als Schreiberzüge zu Gebote. Zwar sind diese im Originale gewandter und mit mehr Feinheit durchgeführt, als wir sie in unserem Versuche des Ueberdrucks haben wiedergeben können, doch entbehren sie fast überall des nöthigen Formenverständnisses, das ja auch von der strengsten Handhabung des Stiles nicht ausgeschlossen ist. Wenn gleichwohl der klösterliche Zeichner den Bedingungen des Stils, der eben zu seiner Zeit in deutschen Landen die schönste Ausbildung gewonnen, in edler Haltung der Figuren, sanftem Schwunge der Falten und allen den anderen bekannten Merkmalen vollkommen entspricht, wenn er sogar trotz der mangelhaften Zeichnung in den Umrissen im Ganzen seinen Gestalten wohlgebildete Verhältnisse, seinen Gewandungen, trotz mangelnder Durchführung der einzelnen Motive, eine künstlerische Anordnung zu geben weiſs, so sind diese Vorzüge aber als Ausfluſs seiner begabten Naturanlage zu schätzen.

Charakteristischer noch, als die von uns wiedergegebene Abbildung, ist die figürliche Darstellung auf dem zweiten angeführten Blatte. Wir sehen da innerhalb eines dreitheiligen, mit phantastisch geschmückten Giebeln überdachten Gebäudes zunächst den Evangelisten Johannes nackt im Kübel mit siedendem Oele stehen, die Hand segnend über den ihm vorgehaltenen vergifteten Kelch erhebend, aus welchem die Schlange hervorschlüpft. In der zweiten, der Hauptabteilung, sitzt Christus thronend, und vor ihm der Jünger, als der besonders geliebte, das Haupt in seinen Schooſs legend. In der dritten steht der gealterte Evangelist im priesterlichen Gewande, aus dem selbst bereiteten Grabe zum Herrn betend, der oberhalb des abgeschlossenen Hintergrundes mit den übrigen Aposteln erscheint. Eine aus mehrfachen Friesverzierungen zusammengesetzte Basis schlieſst das Gebäude nach unten ab. Eine ähnliche Bandleiste, wie auf dem mitgetheilten Blatte, Medaillons mit denselben Bestiarien u. s. w. umgeben die Schrift, die, wie bemerkt, das Pergamentblatt demselben Werke zuweiset, dem auch das andere entnommen. Wollten wir aber wegen einiger vorkommenden Abweichungen die Zeichnung einer anderen Hand, etwa einem zweiten kunstsinnigen Klosterbruder zuschreiben, so träte bei der vorwiegenden Uebereinstimmung statt der Individualität eines einzelnen Mannes die eines Klosters hervor, die nach damaligen Verhältnissen ja nicht weniger bestimmt sich auszuprägen vermochte, und die wir, da vom Bruder Matthias Stammler schwerlich etwas Weiteres wird in Erfahrung gebracht werden, wenn nicht einmal ein altes Todtenregister den Ort anzeigen wird, wo er gelebt und frei von Ehrgeiz seine Kunst geübt hat, zu unserm Zweck uns wohl gefallen lassen können.

Auch in der letztgenannten, ziemlich umfangreichen Darstellung sind die Figuren von zarter Auffassung, edler Haltung und sinniger Zusammenstellung. Die Gewandung trägt, obwohl sie hier weniger zur Geltung kommt, den anmuthenden Charakter der Epoche; die ornamentale Ausstattung zeugt von origineller Erfindung. — Das Initial des dritten Blattes trägt auf der linken Seite eine weibliche, auf der rechten eine männliche gekrönte Schlange, beide grün schattiert auf goldenem und blauem Grunde, mit übereck gestellten Farben. Die innere Füllung, wie die Ränder, sind genau behandelt, wie bei dem Initial M, mit Wiederholung der Medaillons, ohne figürliche Darstellung. Der interessanteste Theil dieses bemalten Blattes ist aber die äuſsere Bandverzierung, in welcher die Leiste selbst aus halben, mit Blau und Roth abwechselnden Linien zusammen gesetzt ist und einen ganzen Wald eigenthümlich behandelten Laubwerks von sich abzweigt, das wiederum von einer Schaar jener seltsamen, mit bestimmtem Charakter versehenen und doch für den sprachlichen Ausdruck kaum faſsbaren Phantasiewesen belebt ist.

Was die Technik unseres Künstlers betrifft, möge dessen Eigenthümlichkeit sich nur in einer einzigen Person oder in der enggeschlossenen Gesammtheit eines Klosters concentrieren, so ist dieselbe noch sehr einfach. Alle Zeichnung ist mit schwarzen Linien umrissen, der innere Raum mit einem gleichmäſsigen Farbtone ausgefüllt und der Schatten, meistens im Anschluſs an die Umrisse, mit einem dunkleren Tone nachgetragen. Auch das angewandte Glanzgold ist noch schwarz umzogen, und mit der Feder hineingezeichnet. Bei den häufig vorkommenden Medaillons und Rosetten macht sich indeſs bereits das Bestreben bemerkbar, in denselben Tiefen und Höhen plastisch hervorzuheben: Bemerkt dürfte noch werden, daſs die damals blühende Wappenmalerei unserm Künstler ersichtlich mit als Schule diente. Nicht nur an den beschriebenen Hintergründen, noch mehr fällt dieses auf am erwähnten Hermelinbesatz des Mantels der Heiligen, der ebenfalls ganz in Weise der Heraldik behandelt ist.

Der zweite Name, der hier mitzutheilen, findet sich auf dem ersten, leider vereinzelten Pergamentblatte einer städtischen Wahlordnung, das auf der Vorderseite, über dem Beginn der Schrift, in goldenem, fast die ganze Breite des Kleinfolioblattes einnehmendem Initial-E als bildliche Füllung das jüngste Gericht darstellt — ohne Zweifel in Beziehung auf den folgenden Inhalt des Schriftstückes. Der groſse Buchstabe ist, wie gesagt, einfach mit Glanzgold belegt; der innere Grund, zur Bezeichnung des Himmels, blau; der äuſsere roth, ziemlich kunstlos mit gelben Ranken und blauen Blumen überzogen. In der Mitte, auf dreifachem Regenbogen, thront Christus als Weltrichter, nur mit goldgesäumtem Purpurmantel bekleidet, die Wundenmale zeigend, während zwei rothe Schwerter von seinem Munde ausgehen. In den beiden oberen Ecken blasen zwei Engel aus Wolken heraus die Posaune; unten öffnen sich zwei steinerne Sarkophage, aus deren jedem zwei lebendige Leiber sich erheben. Auf den zur Seite liegenden Deckplatten hat der Maler seinen Namen: Linhart Frater und die Jahreszahl 1322 angebracht.

Die Kunst des Letzteren steht, wenn sie der Epoche nach auch schon vorangeschritten ist, doch der des Bruders Matthias nach. Während dieser noch mit Form und Vortrag ringt, im geistigen Bemühen die Darstellung bereichert und zu edlem Stile erhebt, ist Bruder Linhart mit jenen beiden fertig und sucht bereits das äuſsere Aussehen auf Kosten des inneren Gehaltes auszubeuten. Er hat eine Schule durchgemacht und, überzeugt von der Wirksamkeit dessen, was er dort gelernt, enthält er sich, irgendwo die Probe zu machen, vergnügt sich vielmehr, von seiner eigenen Erfindung hinzuzuthun, und verfällt bereits in ein entschieden naturalistisches Streben. Wir würden das Blatt, wenn es keine Jahreszahl trüge und diese durch die Schrift durchaus bestätigt würde, in eine spätere Zeit versetzen. Es zeigt aber, daſs von der Miniaturmalerei im Verhältniſs zur Wand- und Tafelmalerei gilt, was etwa von der Goldschmiedekunst im Verhältniſs zur Architektur: die kleineren Künste eilten in Aus- und Ueberbildung der Formen und theilweise selbst der Technik den gröſseren voraus. — Auf dem in Rede stehenden Blatte ist in den nackten Theilen ein kräftiger Lokalton als Unterlage gegeben; die Muskulatur ist mit einem bräunlichen Schattentone conventionell eingezeichnet; das Licht weiſs, mit feiner Schraffirung und berechneter Strichlage aufgesetzt. An der Figur Christi ist bereits entschieden die Wirkung des Reflexes vom rothen Mantel mit in’s Auge gefaſst; Alles aber handwerksmäſsig behandelt. Die Falten des Mantels weisen zwar im Allgemeinen noch den geschmeidigen Fluſs auf, der im 14. Jahrhundert die Draperie charakterisirt, aber manche wulstige Lage drängt sich mit ein, die, um einen Schritt weiter geführt, den knitterigen Bruch der folgenden Periode an’s Licht stellt. Das Interessanteste an dieser ganzen Malerei ist jedenfalls, daſs sie die Phase ihrer Entwicklung an einen so genau bestimmten Zeitpunkt knüpft und dadurch zum Anhaltspunkt für andere wird.

Literärische Forschungen.

Von Subrektor Franck zu Annweiler.