a) Nopitsch und Zacher reden von einer Ausgabe „ohne Vorrede und Register.“ Der erstere biete auſserdem in seiner diplomatisch-treuen Titelangabe eine abweichende Zeilen-Abtheilung.
b) Buchholzer, ein theologischer Gegner Agricola’s, behauptet ihm gegenüber, gewissermassen, um Agricola’s Antinomismus durch seine eigenen Worte zu widerlegen, er habe in seinen Sprichwörtern von 1548 deutlich gesagt, daſs „gute Werke nöthig seyn zu der Seligkeit.“ Franck hat einen derartigen Ausspruch bei Agricola nicht finden können.
Am leichtesten läſst sich das äuſsere Argument zurückweisen. Die ganze Abweichung bei Nopitsch geht darauf hinaus, daſs er in den Worten durch J. Agr. E. die Präposition als eigene Zeile zu bezeichnen versäumt hat. Wenn aber Nopitsch und Zacher davon reden, daſs die Ausgabe ohne Vorrede 188 Bll. enthalte, so würde ich das, auch ohne Einsicht meines eigenen Exemplars, dahin verstanden haben: ungerechnet der Vorstücke sind es 188 Bll. im Ganzen. Um aber ganz sicher zu gehen, wandte ich mich nach Berlin, wo das von Zacher benutzte Exemplar sich befindet, und erhielt unter dem 22. Jan. von Herrn Dr. Schrader folgende freundliche Erwiederung meiner Anfrage, die jede weitere Erörterung abschneidet: „Ihre Vermuthung über die Agricola-Ausgabe von 1548 ist die richtige. Es sind 20 Blätter Vorstücke, signirt Aa, Bb und A. Dann folgen, mit der Signatur B beginnend, die foliirten Blätter 1–188.“
Hinsichtlich des inneren Grundes ist einzuräumen, daſs Agricola wie in der früheren Sammlung, so auch hier das Princip der Rechtfertigung durch den Glauben auf das nachdrücklichste betont hat, und sein Antinomismus nicht selten hervortritt; man sehe z. B. Bl. 102 a die Gerechtigkait, die vor Gott gildt, ist nicht auſs dem Gesetze, Sondern on das Gesetze, offenbaret, auſs glauben ff.
Gleichwohl findet sich eine Stelle, die eine Auffassung wie die von Buchholzer sehr nahe legt, und nur bei strenger Vergegenwärtigung der Persönlichkeit Agricola’s ist man vor Miſsständniſs geschützt. Agricola selbst wird auch hier eventuell den Geist seiner Worte gegen ihren Buchstaben vertreten haben. In Spr. 9. Es gehört auff alle Fragen nicht antwort bemerkt Agricola einleitend: auf Narrenfragen sei keine Antwort erforderlich, wohl aber auf Fragen über Gott und sein Wesen. Er unterscheidet dann in Gott den geoffenbarten und den verborgenen Willen und sagt hinsichtlich des ersteren:
„In diesem geoffenbarten willen, sollen wir beharren, dann inn den ist gefaſst der rechte Gottesdienst, ins wort vnd in die Sacrament, da hat die seele vnnd das hertz aines menschen frid, inn aller fahr vnd not, vnd (Bl. 23a) waiſs, wa es trost vnd hilffe suͦchen vnd finden sol. Nämlich bey Gott, durch Christum. Zum anderen, so soll man auch den leib, das leben, handel vnd wandel, mässig, züchtig, auffrichtig, in allen guͦten wercken regiern vnnd halten, anderen leütten zum dienst, zuͦ rhaten, und zuͦ helffen. Hiernach soll man fragen, vnd on vnderlaſs diſs leeren, vermanen, vnd alle welt, die darnach fragt, berichten vnd beantworten. Dann hiedurch wirt verantwortet, alles was not ist zur säligkait.“
Ich sollte meinen, Buchholzer könnte diese Stelle mit seiner obigen Aeuſserung recht gut im Sinne gehabt haben. Ob er sie recht verstanden, ist eine andere Frage, die uns auſserhalb des eigentlich literarischen oder philologischen Bodens stellt. Genug, daſs von keiner Seite ein Grund vorliegt, für die Sprichwörter von 1548, d. h. für die 500 neuen Sprüche, eine doppelte Ausgabe anzunehmen.
Si quid novisti rectius istis,
Candidus imperti; si non, his utere mecum.
Schwerin, im Februar 1866.
Friedr. Latendorf.