Neu erschienene Werke.

16) Die Prämonstratenser des zwölften Jahrhunderts und ihre Bedeutung für das nordöstliche Deutschland. Ein Beitrag zur Geschichte der Christianisirung und Germanisirung des Wendenlandes. Von Franz Winter, Prediger zu Schönebeck a. d. E. Berlin, 1865. E. Schweigger’sche Hofbuchhandlung. 8. 386 Stn. Der scheinbar weitabliegende Gegenstand, den vorliegendes Werk behandelt, gewinnt ein näheres Interesse dadurch, daſs die erzählte Geschichte um eine hervorragende Persönlichkeit wie um einen Mittelpunkt sich bewegt und darin zwei der bedeutendsten Factoren im Bildungsprozesse des Mittelalters, niedersächsische Nüchternheit und fränkische Erregtheit, in der Nähe zu einer dauernden Schöpfung zusammentreten, wie sie die letztere allein in der Ferne vergeblich zu verwirklichen suchte. Statt mit den übrigen Heeren des westlichen Europas jenseits des Meeres nach dem Morgenlande zu ziehen, hielten die sächsischen Fürsten es für gleich verdienstlich, einen Kreuzzug gegen die östlich von der Elbe wohnenden Slaven zu unternehmen, ihr Land mit dem Reiche zu vereinigen und so einen neuen Boden für Verbreitung des Christenthums herzustellen. Diese Aufgabe war der materiellen Seite nach gerade hinreichend gefördert, als ein günstiges Geschick im heil. Norbert, dem Erzbischofe von Magdeburg und Stifter des Prämonstratenserordens, einem wahren Charakterkopfe des zwölften Jahrhunderts, den Mann auf den Platz stellte, der vollkommen im Stande war, den geistigen Theil der Arbeit zu übernehmen. Der Orden, dem er in jenen Ländern eine eigentliche Heimat bereitet hat, und in welchem sein Sinn wie in ungeschwächter Verkörperung ein Jahrhundert lang fortlebte, führte das Werk zu Ende. In anziehendem, einheitlichem Bilde bringt der Verfasser uns diese inhaltreiche Geschichte vor Augen, indem er nach historischem Rückblicke den Ordensstifter, die Ordensschüler und deren Gönner, die dreizehn Klöster, sowie endlich die Organisation und den Verfall des Ordens bespricht. Umfangreiche angehängte Excurse erläutern die Thatsachen näher; eine dritte Abtheilung behandelt die Quellen.

E.

17) Aus der musikalischen Vergangenheit bayrischer Städte. Musikgeschichte der Stadt Regensburg. Aus Archivalien und sonstigen Quellen bearbeitet von Dr. Dom. Mettenleiter. Regensburg, Verlag von J. Georg Bössenecker. 1866. 8. 287 Stn.

Der Verfasser des vorliegenden Buches wurde, wie das Vorwort bemerkt, vor mehreren Jahren von hoher Seite beauftragt, die Bearbeitung einer Musikgeschichte Bayerns zu unternehmen. Die groſse Zersplitterung des historischen Stoffes stellte die Nothwendigkeit heraus, die Zusammenstellung des Ganzen durch eine möglichst ausführliche Spezialgeschichte der einzelnen gröſseren Städte einzuleiten. Die Musikgeschichte der Stadt Regensburg liegt als erster Erfolg der bezüglichen Arbeiten vor und bietet sogleich so reiche Ergebnisse der Forschung, daſs, wir möchten sagen, damit für die Musikgeschichte Deutschlands noch mehr gethan ist, als für die Bayerns. Denn während die letztere örtliche Zufälligkeiten, die in jedem Orte von neuem aufzusuchen sind, nie ganz wird übergehen können, müſste es für die erstere vorzugsweise von Werth sein, das Gemeinsame in den endlos sich wiederholenden ähnlichen Erscheinungen an das Licht zu stellen. Dieses wird aber in der reichen Musikgeschichte der Stadt Regensburg grade für die älteste Zeit und für die spätere wenigstens von einer Seite gleichsam typisch vorgebildet. Mit Besprechung der musikalischen Schriften des Priors Wilhelm zu St. Emmeram, des Regensburger Mönches Otker, des Bischofs Albertus Magnus u. a. kann der Verfasser bis in das elfte, zwölfte und dreizehnte Jahrhundert zurückgehen. Was Aventin und Keppler für die Theorie der Musik geleistet, knüpft sich ebenfalls an Regensburg. Manche andere bedeutende Namen auf diesem oder praktischem Gebiete werden uns im Zusammenhange vorgeführt: was in der Kirche, Schule und im bürgerlichen Leben zur Pflege der genannten Kunst geschehen, erfahren wir mit ausführlichen Belegen. Die Schrift zeugt überall von vollständiger Sachkenntniſs und gewissenhaftestem Fleiſse. Nicht unbemerkt können wir lassen, daſs an einer Stelle uns die befremdende Klage begegnet, daſs dem Forscher das betreffende urkundliche Material vorenthalten worden. — Eine Musikgeschichte der Stadt Amberg und der oberpfälzischen Klöster ist in nächste Aussicht gestellt.

18) Das graue Alterthum. Eine Einleitung in das Studium der Vorzeit von A. Morlot. Aus dem Französischen übersetzt von Dr. F. Bärensprung. Schwerin, 1865. Druck und Verlag der Bärensprung’schen Hofbuchdruckerei. 8. 52 Stn.

Die erste Ausgabe der vorliegenden Abhandlung erschien in französischer Sprache bereits 1861, die zweite im folgenden Jahre. Eine italienische Uebersetzung trat 1863 an’s Licht und gleich darauf zwei englische zu Washington und London. Die gegenwärtige deutsche ist nach der dritten Bearbeitung des Originals unternommen und vom Verfasser selbst durchgesehen. Mit Recht bezeichnet der Uebersetzer die Schrift als so reichhaltig und anziehend, daſs sie verdient, auch bei uns weiteren Kreisen zugeführt zu werden. Sie enthält nicht, was man aus der Fassung des Titels zu schlieſsen versucht sein könnte, eine Uebersicht der bisherigen Ergebnisse dieses weitschichtigen Vorspieles unserer Alterthumskunde, sondern stellt, an der Hand der Entwicklung des Studiums selbst, die groſsen Fragen des letzteren fest und umschreibt mit weiten Zügen das zu behandelnde Gebiet, um sogleich zur genaueren Betrachtung eines bestimmten Punktes überzugehen, die vom Verfasser selbst durchgeführte, für die Bestimmung der Perioden der Vorzeit so auſserordentlich wichtige Untersuchung über den Durchstich des Schuttkegels der Tiniere, eines bei Villeneuve in den Genfersee sich ergieſsenden Wildbaches. Die aus dieser Untersuchung gewonnenen, mit eben so groſsem Scharfsinn wie musterhafter Unparteilichkeit entwickelten Anschauungen müssen wir dem wiſsbegierigen Leser aus dem kleinen Werke selbst zu entnehmen überlassen. Wir bemerken nur noch, daſs der Uebersetzer dasselbe mit mancher schätzbaren Anmerkung bereichert hat.

19) Geschichte des ehemaligen Klosters Lorsch an der Bergstraſse. Von Val. Al. Franz Falk. Mainz, Verlag von J. A. Giani. 1866. 8. VIII u. 218 Stn.

Die Geschichte des berühmten Klosters Lorsch ist trotz des reichhaltig angehäuften Materials bis jetzt nur sehr unvollständig behandelt worden. Georg Helwich’s schon im Jahre 1631 erschienene Antiquitates Laurishaimenses und Vogel’s Brevis et compendiosa relatio de fundatione, consecratione, incremento et decremento coenobii Laurissensis, welche in die Sammlung von Freher-Struve im Jahre 1717 aufgenommen wurde, konnten dem wissenschaftlichen Standpunkte der Gegenwart nicht mehr genügen, und Konrad Dahls historisch-topographisch-statistische Beschreibung des Fürstenthums Lorsch u. s. w., 1812, ein übrigens sehr dankenswerthes Werk, behält mehr nur die Erläuterung der Gebietsverhältnisse und der kirchlichen Einrichtungen des Oberrheingaus im Auge. Es war daher ein verdienstliches Unternehmen des Herrn Falk, die Geschichte des Klosters Lorsch, seine äuſseren Schicksale, wie seine innere Entwickelung, in gegenseitigem und fortlaufendem Zusammenhang darzustellen.

Der Ort, an welchem das spätere Lorsch gegründet wurde, war ohne Zweifel schon den Römern bekannt, und selbst Förstemann wagt nicht den Namen Laurissa mit Bestimmtheit auf eine deutsche Wurzel zurückzuführen. Auch haben gottesdienstliche Einrichtungen, wie aus der Stiftungsurkunde selbst hervorzugehen scheint, ohne Zweifel schon vor der Gründung des eigentlichen Klosters daselbst bestanden. Diese setzt der Verfasser in das Jahr 764 und bleibt damit der seit Jahrhunderten herkömmlichen Annahme getreu. Gleichwohl scheint diese unrichtig zu sein, insofern der in der Stiftungsurkunde angenommene 12. Juli (sub die IIII Id. Julii) des zwölften Jahres der Regierung Pipin’s als Tag der Gründung festgehalten werden soll. Da sich nämlich aus Heinr. Hahn’s gediegenen Forschungen in seinen Jahrbüchern des fränkischen Reichs herausstellt, daſs die Thronbesteigung Pipin’s zwischen den 23. September 751 und 23. Sept. 752 zu setzen ist und allem Vermuthen nach im Jänner des letzteren Jahres stattgefunden hat, so muſs das zwölfte Regierungsjahr Pipin’s von 763–764, und kann nicht von 764 auf 765 laufen. Nur wenn Pipin erst nach dem 12. Juli 752 die königliche Weihe erhalten haben sollte, was die geringere Wahrscheinlichkeit für sich hat, könnte der 12. Juli des zwölften Jahres in das Jahr 764 fallen. Wir würden daher immerhin die Feststellung Tolner’s vorziehen, welcher den 12. Juli 763 annimmt, obschon die Berechnung, auf welche er sich stützt, nicht genau ist. Wie bei den Chronisten des Mittelalters aus der einfachen Zusammenfügung der Zahlen 752 und 12 das Jahr 764 hervorgehen konnte, würde sich leicht klar machen lassen, wenn der Raum es gestattete.