Der Verfasser erzählt die Versetzung der Gebeine des heiligen Nazarius nach Lorsch, die Wirksamkeit der ersten Aebte, und den hohen Aufschwung, welchen das Kloster unter den Karolingern nahm. Er erörtert die wissenschaftliche Thätigkeit der Lorscher Mönche, die, wenn sie auch derjenigen von Fulda und St. Gallen nicht gleichkam, doch immerhin sehr Bedeutendes geleistet hat. Die Wichtigkeit, welche Lorsch auf diese Weise erlangt hatte, dauerte auch unter den Ottonen fort; mehrere Glieder der sächsischen Kaiserfamilie nahmen dort vorübergehend ihren Aufenthalt; Bruno, Bruder Otto’s des Groſsen und später Erzbischof von Köln, war eine Zeit lang Abt des Klosters. Die Vermehrung des Vermögens durch liegende Gründe und ansehnliche Gebiete mit ihren Höfen und Dorfschaften gab den Aebten von Lorsch zugleich die Stellung weltlicher Fürsten; sie hatten eine verhältniſsmäſsige Kriegsmacht auszurüsten, die namentlich in den Zeiten der salischen Kaiser mehrfach genannt wird. In diese Periode fällt offenbar auch die höchste Blüthe des Klosters, die sich bis in die Zeit der Kreuzzüge erhielt. Diese beförderten zwar das klösterliche Leben, indem sie viele neue Bildungen von thatkräftigerem und heftigerem Charakter in das Leben riefen, erschütterten aber gerade dadurch die alten Congregationen, wo diese nicht im Stande waren, durch strenge Zucht und geordnete Verwaltung dem einreiſsenden Verderben Widerstand zu leisten. Dieses letztere Loos traf auch das Kloster Lorsch. Unter Konrad, dem letzten Abte aus dem Orden der Benediktiner (von 1214–1226), nahmen die Unordnungen dermaſsen überhand, daſs derselbe abgesetzt, das Kloster selber aber dem Erzbischof von Mainz zuerst zur Reform, später aber zu vollem Eigenthum übergeben wurde. Anfänglich suchten die Cistercienser sich in Lorsch anzusiedeln, konnten sich aber eben so wenig als die alten Benediktiner daselbst behaupten. Nach langem inneren Hader räumte der Erzbischof Siegfried III. unter vorausgegangener Gutheiſsung des Papstes Innocenz IV. das Kloster im Jahre 1248 dem Orden der Prämonstratenser ein, wogegen dieser auf den Besitz des weltlichen Fürstenthums und aller damit verbundenen Rechte verzichten muſste. Als späterhin der Erzbischof Dietrich II. von Mainz ein Bündniſs mit dem Kurfürsten Friedrich dem Siegreichen eingieng und demselben zur Deckung der Kriegskosten mehrere Gebiete als Pfandschaft übergab, kam Lorsch sammt dem gröſseren Theile der Bergstraſse unter pfälzische Herrschaft. Es befand sich noch immer unausgelöst in dieser Lage, als Friedrich III. nach dem Religionsgespräche von 1560 die Reformation, und zwar in calvinistischer Form, in allen seinen Landen ernstlich und folgerichtig durchzuführen begann. Das Kloster Lorsch, schon vorher in Ausübung seiner Befugnisse übermäſsig beschränkt, wurde aufgehoben. Die Städte der Bergstraſse blieben in dem Besitze der Pfalz und zugleich in der calvinistischen Lehre, bis im Anfange des dreiſsigjährigen Krieges und nach den ersten Siegen Tilly’s im südlichen Deutschland das Erzbisthum Mainz an die Wiedererwerbung der schon halb verlorenen Landschaften dachte. Im Jahre 1623 wurde Lorsch sammt den verpfändeten Orten der Bergstraſse mit Hülfe spanischer Truppen von Mainz in Besitz genommen und zugleich die römisch-katholische Lehre unter den dortigen Einwohnern von neuem eingeführt. Erst durch den Reichsreceſs von 1803 kam Lorsch an den Landgrafen oder späteren Groſsherzog von Hessen.

Dies ist der Inhalt der vorliegenden Schrift. An die Erzählung schlieſsen sich mehrere aus einem Würzburger und Frankfurter Codex herausgegebene Anecdota, die Aufzählung der Lorscher Aebte und Pröbste, das Verzeichniſs der von dem Verfasser benutzten Literatur, und endlich eine lange Reihe von 162 Anmerkungen, welche die vorausgeschickte Darstellung der Thatsachen vielfach erläutern und beglaubigen.

A. F.

20) Das weströmische Reich, besonders unter den Kaisern Gratian, Valentinian II. und Maximus (375–388), von Dr. Heinrich Richter. Berlin, Ferd. Dümmler’s Verlagsbuchhandlung. 1865. 8. VIII, 697 Stn.

Alle Diejenigen, welche sich mit dem Studium der imperatorischen Zeit beschäftigt haben oder beschäftigen, wissen zur Genüge, daſs der in dem Titel bezeichnete Zeitabschnitt zu den wichtigsten und folgereichsten der römischen und beziehungsweise europäischen Geschichte gehört. Das Heidenthum ist äuſserlich besiegt, aber innerlich noch keineswegs überwunden; die christliche Kirche ist zum Glaubensbekenntnisse des Staates geworden, befindet sich aber mit der arianischen Partei und anderen religiösen Sekten noch im heftigsten Kampfe; die Kaiser selbst werden vielfach in diese Streitigkeiten verwickelt. Alle Kräfte des Reiches sind übermäſsig angespannt; die gesammte Staatsmaschine, das Militärsystem, das Beamtenthum haben keine nationalen Wurzeln mehr und werden den Gefühlen der Masse zusehends entfremdet. Auf diesem, von Partei leidenschaften, amtlichen Willkürstreichen, gesetzlichen und ungesetzlichen Plackereien erschütterten Boden erscheinen plötzlich die Germanen in geschlossener Volkskraft, werfen die römischen Heere siegreich vor sich nieder und beginnen nun auf römischem Boden selbst den Kampf mit dem Kaiserthum, bis dieses ihren nachhaltigen Angriffen erliegt. Wir stehen an der Schwelle der Völkerwanderung, welche die Elemente neuer Staatsordnungen ausstreut und in langer Gährung die Bildungen des Mittelalters vorbereitet.

Lange Zeit begnügte man sich, die Thatsachen, welche sich in den Jahren 375 bis 388 zusammendrängen, aus den nächsten Ursachen und den unmittelbarsten Beweggründen zu erklären. Selbst Tillemonts groſses Werk, das durch die Reichhaltigkeit des gesammelten Stoffes und die Gewissenhaftigkeit der Forschung ganz unentbehrlich geblieben ist, reichte nicht sehr weit über diesen Gesichtspunkt hinaus, und erst Montesquieu und Gibbon haben durch tieferes Eindringen auf die von Langem her angebahnten Wirkungen und auf den Zusammenhang der verborgenen Fäden in der Entwickelung aufmerksam gemacht. Gleichwohl blieb noch Vieles zu thun übrig. Man fieng allmählich an einzusehen, daſs das römische Reich nicht sowohl an der physischen Abschwächung und grundverdorbenen Jämmerlichkeit der Menschen zu Grunde gieng, wie man gewöhnlich anzunehmen pflegte, als vielmehr an einer sittlichen Erhebung der Volksmassen, die von innen heraus erfolgte, und an welcher das unhaltbar gewordene bureaukratische System des Cäsarismus vollständig scheiterte. In den früheren kirchengeschichtlichen Werken war die Geschichte der Dogmen und religiösen Gemeinschaften, losgerissen aus aller staatlichen Entwickelung, behandelt und zusammengestellt: und so bewegte man sich durch ein verworrenes Feld scheinbar öder und unwirthbarer Begriffe. Die fortschreitende Erweiterung unserer geschichtlichen Anschauungen hat uns indessen zur Einsicht gelangen lassen, daſs das Verständniſs vieler kirchlichen Dogmen die Kenntniſs der Kämpfe zwischen den kirchlichen Parteien und religiösen Sekten voraussetzt, und daſs diese selbst wieder mit allen Zuständen der Gesellschaft auf das engste zusammenhangen. Endlich wurde die Zernichtung des römischen Reiches durch die Germanen meist als ein lediglich durch äuſseren Anstoſs und mit äuſserlichen Mitteln herbeigeführtes Ereigniſs dargestellt, während ein gründliches Eindringen in die Organisation desselben uns die verschiedenen Stufen nachweist, auf welchen der Geist der germanischen Volksstämme sich heranbildete, um zuerst zu entscheidendem Einflusse und endlich zur wirklichen Herrschaft zu gelangen.

Aus der sorgsamen Erwägung aller dieser Momente ist die Eintheilung und Gestaltung des vorliegenden Buches hervorgegangen. Der Verfasser hat seinen Stoff in drei Bücher zerlegt, von denen das erste von der christlichen Kirche und den Germanen im römischen Reiche, das zweite von Kaiser Gratian insbesondere, das dritte von den Kaisern Valentinian II. und Maximus handelt. Er führt uns in dem ersten Buche zunächst in die Zeiten Diokletians, erläutert in anziehender Weise aus der Persönlichkeit und militärischen Bildung dieses Kaisers dessen Stellung zu Staat und Kirche und bahnt sich so den Weg zu den groſsen politischen und geistigen Kämpfen der constantinischen Periode. Hieran schlieſst sich eine Schilderung des kirchlichen Lebens, das Eingreifen der donatistischen und arianischen Streitigkeiten. Aus den persönlichen und kirchlich-reaktionären Cabalen, die sich an den Höfen der drei Söhne Constantin’s des Groſsen entspannen, entwickelten sich Julian’s vergebliche Re formversuche. Ehe der Verfasser von diesen zu den Thaten des kräftigen Kaisers Valentinianus übergeht, behandelt er noch in einzelnen vortrefflichen Abschnitten die Entwickelung des Mönchthums, die wachsenden Feindseligkeiten der Germanen, den römischen Kolonat, die Colonisation der Germanen auf römischen Boden und die damit zusammenhängenden Militärdienste. Mit psychologischer Feinheit hat er in dem zweiten Buch, welches den eigentlichen Kern seines Vorwurfes bildet, das Auftreten Gratian’s aus dem Zusammentreffen seiner Anlagen und ihrer Ausbildung mit den allgemeinen Verhältnissen der Zeit erläutert. Die übermäſsige Strenge der kirchlichen Gesetze führte zu dem heftigen Aufruhre der afrikanischen Donatisten und Circumcellionen, welche zwar gebändigt, aber nicht zernichtet werden konnten, während sich in Italien selber still und geräuschlos die ersten Ansätze des römischen Primates bildeten. Bei dieser Gelegenheit erweist der Verfasser in geschickter Weise aus den Verwickelungen und staatlichen Zuständen der Zeit die leichte und natürliche Verbindung weltlicher Gerichtsbarkeit und Verwaltung mit der Immunität der Bischöfe. Mit Ausführlichkeit werden sodann die Schicksale des älteren Theodosius, die Stellung des Kaisers Valens in Constantinopel, die Aufnahme der Westgothen auf römischem Gebiete, Gratian’s Kämpfe mit den Alamanen, die Schlacht von Hadrianopel und das Auftreten des neuen Mitkaisers Theodosius bis zum gewaltsamen Tode Gratian’s geschildert. Das dritte Buch führt die in dem bisherigen Verlaufe der Begebenheiten angeknüpften Fäden bis zu dem Tode des Maximus fort und rundet den Gesammtinhalt zu einem harmonischen Ganzen ab.

Die Verflechtung der kirchlichen Ereignisse und gesellschaftlichen Zustände in den Gang der allgemeinen Geschichte und die richtige Würdigung des germanischen Einflusses im Innern des römischen Staates bilden den eigenthümlichen Vorzug des Buches. Denkweise, Sitten und innere Triebfedern werden uns nahe gelegt; wir fühlen uns mitten in das Getreibe einer sonst fremdartigen Zeit versetzt. Bei gründlicher Behandlung ist die Darstellung flieſsend, anregend und belebt. Die erläuternden Anmerkungen sind, nach Büchern abgetheilt, dem Schlusse des Werkes beigefügt.

A. F.

Aufsätze in Zeitschriften.