1) Das Verdorren oder Grünen und Aufleben menschlicher Glieder am lebenden, wie am todten Körper betonen die Legenden gern. Ich erinnere an die frische Zunge des hl. Johannes Nepomucenus. Sogar Kleidungsstücke der betreffenden, Gutes vollbracht habenden Hand, des Fuſses bleiben unversehrt, wenn das Glied längst vermodert. Als die Schweden das Grab des Marchthalischen wohlthätigen Abtes Jacob Heſs der Plünderung wegen aufdeckten, war der Handschuh der rechten Hand vollkommen frisch und unversehrt, als ob er erst von gestern, während alles Andere verwest schien. Ein Zeichen, daſs die rechte Hand die war, welche den Armen so viel gab. Siehe mein Volksth. I, S. 432.
In der schwäbischen kurzen Oswaldlegende, Münchener cgm. 257 f. 77a, Sp. 2, steht: „dô kuſst der biscof sîn rechte hand und sprach: gesegnet sei die hand; die sol nimêr erfûlen. — Dâ dieselb recht hand belaib alsô frysch und noch huͤut des tages ist behalten.“
Daſs Hände und Füſse des Frevlers an „ Hailtümern “ u. s. w. festgebannt werden, ist ein alle deutschen Lande durchziehender Sagenzug. Schon im alten Testament: „dô begund Oza sein hand zu kleben und verdarp py der archen, als Got das über jn gepot“ cgm. 206 f. 152b.
2) Der Zauberer Simon büſste für seinen Frevel: er fiel von der Luft herab und wurde augenblicklich zu Asche, „dâ wurden zehant vier stain hingesezt zuͦ wortzaichen, daz die apostel hetten gesigen.“ cgm. 257 f. 61a, Sp. 2.
3) Lügen in heiligen Sachen straft die heil. Sage streng. In der St. Barbaralegende, cgm. 257 f. 5a, heiſst es: „Der vatter zôch ûſs zorn ain Schwert und wolt sy ertoͤten, dô ruͦft sie zuͦ got: zuͦ hande taet sich uff ain staine und emphieng sy. dô sie kam an ainen berg; der vatter ylt jr nâch und verschet ainen hirten. dô sprach er, er wiste ir nit. ein ander hirt der zaiget sy mit ainem vinger; desselben hirten schauffe wurden ze hant hoͤwschrecken, die noch huͤt dis tags fliegent by dem grab Sant Barbaren.“ In heute noch umlaufenden Volksüberlieferungen werden böse Hirten, so andern die Früchte abhüteten, damit gestraft, daſs ihre Schafe Raben, Bienen etc. werden, die immer am Orte des Frevels schwirren. „Eine halbe meil von Racheln grab ist ain veld, und dâ Christus daselb ging, da säet ein paur zisern. dâ sprach Christus zuͦ ihm: son, was säest du dâ? sprach der paur lugenhäftiglîch: hêrr, ich säe stain. dâ sprach Christus: sô sein auch stain. zuͦ stund was der sam verchert in stainein zisern: der vint man noch heut zu tage vil in demselben acker.“ cgm. 335 f. 56a. Sagen und Märchen von diesem Inhalte gibt es ebenfalls unzählige, wo freilich anstatt Christus, des alten Gottes-Stellvertreters, gewöhnliche Persönlichkeiten auftreten.
4) Das Entspringen von Brunnen auf des Heiligen Wort oder Stoſs mit dem Stabe u. s. w. ist ein beliebter Zug der Legende. Doch habe ich von keinem heiligen Manne oder Weibe mehr Ueberlieferungen gefunden, als von St. Ulrich. Der St. Uorlisbrunnen ist im alten Augsburger Bisthum kein Ende. Vgl. mein schwäb. Augsb. Wb., S. 468. Im Volksthüml. I, S. 408 habe ich eine groſse Zahl Beispiele beigebracht. Am östlichen Stadtwalde von Mindelheim ist das Ulrichswasser. Vgl. A. Runge, Quellcult, S. 7. Der cgm. 257 f. 10b hat zwei Beispiele: „dô kam im zuͦ herzôg Haymo; dô litten sie groſsen durst. dô stieſs St. Joſs sînen stecken in die erden und batt got; dâ floſs ûſs ain groſser brunn. dâ hûwet och sant Joſs zway bethûser und fuͦr gen Rome.“ Ferner f. 13b, Sp. 2, steht von St. Thomas: „dô hieſs der küng ysiniu blecher glüwen und in doruff gân mit blôſsen füeſsen. zuͦ hand ersprang ein brunn under sînen füeſsen und verlaſst die ysniu blecher.“
(Schluſs folgt.)
Die Wachstafeln von Schwäbisch-Hall.
Meine Mittheilung über diesen Gegenstand im Anzeiger 1866, Nr. 3, Sp. 95 f. hat mir eine freundliche Zuschrift des Herrn Prof. J. Zahn, Archivars am Joanneum zu Graz, eingetragen, wonach von den zwei noch vor zwei Jahren in Schwäbisch-Hall befindlichen Exemplaren das eine in seinen Besitz gekommen ist. Es scheint das von Hanſselmann beschriebene zu sein, da es auf der vordern leeren Seite die Jahreszahl 1744 trägt; auſserdem ist noch die Jahreszahl 1799 leichthin eingeritzt. Auch hier werden die Blätter durch Eisenbuckeln auseinander gehalten. Drei Seiten sind ausgeschabt, zwei theilweise ausgebrochen, fünf vollkommen mit den Namen u. s. w. erhalten. Beigegeben ist, was diesem Exemplar einen besonderen Werth verleiht, das Markenbuch der Eigenthümer.
Heidelberg.