Neu erschienene Werke.

29) Untersuchungen über das Leben Reinmars von Zweter und Bruder Wernhers von Karl Meyer. Basel, H. Georg’s Verlags-Buchhandlung. 1866. 8. 120 Stn. Die vorliegende Arbeit schlieſst sich den während der letzten Jahrzehnte gemachten Versuchen an, aus dem Material, welches die erhalten gebliebenen Lieder und Sprüche Walthers von der Vogelweide darbieten, eine Biographie des Dichters herzustellen. Versuche dieser Art geben Aussicht auf dreifachen Gewinn, indem sie nicht allein das Leben, sondern mehr noch die Erzeugnisse des Dich ters und zugleich die Ereignisse seiner Zeit in helleres Licht zu setzen dienen können. Allein die thatsächliche Ausbeute ist gewöhnlich der Art, daſs man mehr den Scharfsinn des Forschers, als die Masse der gewonnenen Resultate zu bewundern Gelegenheit findet. Eine nackte Zusammenstellung der positiven Ergebnisse, welche seit dem glänzenden Vorgange Uhlands die Untersuchungen über das Leben des Vogelweiders zu Tage gefördert haben, würde erst ein sehr dürftiges Material liefern zu einer Lebensgeschichte des Dichters. Zumeist aus Muthmaſsungen, Combinationen, Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten baut sich etwas auf, was zwar zu interessieren geeignet, aber noch ziemlich weit entfernt ist, auf den Namen einer Lebensgeschichte Anspruch machen zu dürfen. So, und mehr noch als bei Walther, ist es bei Reinmar und Wernher der Fall, obwohl der unterrichtete Verfasser an Fleiſs und Scharfsinn es nicht hat ermangeln lassen. Am dürftigsten sind die Resultate bei Reinmar von Zweter ausgefallen, während die Sprüche des Bruders Wernher etwas mehr Anhaltspunkte boten. — Der Verf. betrachtet gesondert Reinmars Minnepoesien, welche er in die Periode vor 1227 fallen läſst, und dessen politische Dichtungen, welche etwa die Zeit von 1227–57 umfassen. Voran gehen Bemerkungen über Heimat und Jugend des Zweters, und in einem dritten Abschnitt werden seine Verhältnisse zu andern Dichtern seiner Zeit in’s Auge gefaſst. In ähnlicher Weise wird das etwa von 1200 bis 1270 sich erstreckende Leben des Bruders Wernher aus seinen Sprüchen zu erschlieſsen und eine Charakteristik desselben aus einer Vergleichung mit Reinmar von Zweter zu veranschaulichen gesucht. Am Schlusse geht der Verfasser noch auf die in neuerer Zeit angeregte Frage ein, in wie weit der Dichter des Helmbrecht, Wernher der Gartenaere, mit dem Bruder Wernher ein und derselbe sein könnte, wobei er, ohne eine Entscheidung zu fällen, seine Hinneigung für die Annahme der Identität nicht verhehlt. 30) Beiträge zur lateinischen Paläographie. Von W. Wattenbach. Heidelberg, 1866. 4. 41 lithographierte Stn.

Mit Recht hat man in neuerer Zeit genaue archivalische Studien, und unter diesen insbesondere die Kenntniſs der Schriftarten zu einer der Grundlagen der Geschichtsforschung gemacht, da nur auf diesem Wege die richtige Würdigung der Urkunden verschiedener Jahrhunderte möglich ist. Das vorliegende Schriftchen bereichert daher einen der wichtigsten Gegenstände der historischen Vorschule, und der wohlbegründete Ruf des Verfassers bürgt uns zugleich dafür, daſs wir es hier mit einer auf eingehenden Studien und langer Erfahrung beruhenden Arbeit zu thun haben.

Die Behandlung ist eine äuſserst lichtvolle und zweckmäſsige. Nachdem der Verfasser in der Einleitung auf gedrängte Weise einen geschichtlichen Ueberblick der allgemeinen Schriftarten von der römischen Capitalschrift bis auf die merovingische und die sogenannte gothische Schrift des Mittelalters gegeben hat, geht er zur Behandlung der einzelnen Buchstaben nach der gewöhnlichen Reihenfolge des Alphabets von A bis Z über. Bei jedem derselben wird in sorgfältigen Nachbildungen sowohl die ursprüngliche Grundform, soweit dieselbe erkennbar ist, vorgeführt, als auch der allmähliche Uebergang derselben in neue Formen und Spielarten nachgewiesen. Zuweilen ist auch das Irische und Angelsächsische zur Vergleichung herangezogen, woraus wir ersehen, wie die diesen Idiomen eigentümlichen Schriftzeichen bald als Mittelglieder erscheinen, wie in K, bald sich selbständig entwickeln, wie in W. Wir erkennen bei den Vocalen, vorzüglich bei A, E und O die vorherrschende Neigung zu Veränderungen, die ihrer organischen Beschaffenheit entspricht und sich auch in den äuſseren Lautverhältnissen kundgibt. Der Buchstabe D erweist sich als ziemlich stabil; C und T aber zeigen eine besondere Anlage zu Verschlingungen, und für das auch mundartlich schwer bestimmbare G hat sich eine groſse Zahl von Formen ausgebildet. Daſs der Verfasser nicht alle Varianten angeben mochte, noch konnte, liegt in der Natur der Sache; allein er hat mit groſser Sachkenntniſs die durchschnittlichen Grundzüge gegeben, denen sich anderweitige Abweichungen auf passende Weise anfügen lassen.

In einem zweiten Theile des Werkchens behandelt Herr Wattenbach die Abkürzungen. Schon in den allgemeinen Bemerkungen über diesen Abschnitt macht derselbe die sicherlich auch mit der Erfahrung Anderer übereinstimmende Bemerkung, daſs es schwer halte, dieselben in ein System zu bringen, und daſs nur von dem neunten bis zum dreizehnten Jahrhunderte einigermaſsen feste Regeln darüber nachzuweisen seien. Daſs solche Gesetze vorhanden waren, ist unleugbar; doch gestatteten sie schon an sich ein gewiſses Maſs von Freiheit, in der man sich zurecht finden muſs, ohne dabei an zügellose Willkür denken zu dürfen. Nach diesen Voraussetzungen behandelt der Verfasser zuerst die allgemeinen Abkürzungszeichen, sodann die conventionellen Zeichen für einzelne Wörter, vorzüglich solche, welche von den tironischen Noten herzuleiten sind, die einzelnen Buchstaben, mit denen Abkürzungen angedeutet werden, und Abkürzungen durch Anfangsbuchstaben. Daran reihen sich übergeschriebene Buchstaben (literae columnatae), Auslassungen in der Mitte, Weglassung der Endung. Nach den Abkürzungen werden auch noch Worttrennung, Interpunktion, Zahlen und Ziffern in kurzen Umrissen besprochen. Der Raum gestattet nicht, hier in die Mittheilung von Einzelnheiten einzugehen; wir bemerken blos, daſs der Verfasser bei jedem Abschnitte das Allgemeine und Uebereinstimmende aufgesucht und bestimmt, aber auch die Abweichungen und Variationen durch treffende Beispiele erläutert hat.

A. Fl.

31) W. Drugulins Bilderatlas. Verzeichniſs einer Sammlung von Einzelblättern zur Cultur- und Staatengeschichte vom fünfzehnten bis in das neunzehnte Jahrhundert. Zweiter Theil. Chronik in Flugblättern. 1867. Leipziger Kunst-Comptoir. 500 und 24 Stn. 8.

Das Studium der Einzel-Bilder und Blätter älterer Zeit verschafft uns nicht allein Kenntniss von den Sitten, Gewohnheiten, Trachten, kurz von dem Wesen und Denken unserer weniger kultivirten Vorfahren, sondern lehrt uns auch zur Genüge die politische Kindlichkeit, welche noch heute in den ehemaligen Reichsländern ihre schwankenden Nachspröſslinge treibt, begreifen und erklären. Dieses Studium läſst uns ferner auch die Richtung der Gewerbsthätigkeit, den Betrieb specieller Branchen durch die alten Buchdrucker mit Sicherheit beurtheilen. Wir können in Folge dessen die Dauer ihrer gewerblichen Existenz ermessen, die Intelligenz der betreffenden Städte und Gegenden statistisch berechnen. Unter Anderm wird uns deutlich, wie die Bilderliebhaberei Nürnbergs die anderer Städte weit übertraf, da es den süddeutschen Markt mit solchen Erzeugnissen der Volks-Dichtung und Prosa überfluthete, um dem aus Bildern sprechenden Begriffsvermögen ihrer näheren und weiteren Umgebung Nahrung zuzutragen.

Die Ueberreste der Einzelblätter sind mit den Jahrhunderten immer seltener geworden, und Sammler haben heutzutage mit den gröſsten Schwierigkeiten zu ringen. Ein eigener Spürsinn gehört dazu, um so mächtige Schichten zu bilden, wie der uns vorliegende Band mit über 6200 Nummern des Herrn Drugulin. Der erste Theil verstattete uns Blicke in das allgemeine Kulturleben; im zweiten haben wir den Faden der Geschichtsentwicklung vor uns, und wir können Stück für Stück herausgreifen aus dem Leben der Vergangenheit. Herr Drugulin möchte am liebsten die Sammlung unzertrennt — ein gewiſs schon durch das Interesse der Wissenschaft gerechtfertigter Wunsch — verkaufen und wird erst, wenn sich Niemand dazu findet, nach dem 1. Januar 1867 Bestellungen effektuieren.

Aus der groſsen Masse Einzelnes anzuzeigen unterlassen wir Raumes halber; möge Jedermann selbst sich von dem Reichthum des „Bilderatlas“ überzeugen.