E. W.
32) Die Pfahlbauten des Ueberlinger Sees in der Staatssammlung vaterländischer Alterthümer zu Stuttgart, beschrieben und erläutert von Oberstudienrath Dr. K. D. Haſsler. Mit 6 Steindrucktafeln. Ulm, 1866. 4.
Die Sammlung des Stiftungsverwalters Ullersberger in Ueberlingen, entnommen den Pfahlbauten bei Maurach und Nuſsdorf, Unteruhldingen und Sipplingen, ist auf Anregung des Verfassers für die Staatssammlung vaterländischer Alterthümer zu Stuttgart angekauft worden. Diese, über 2000 Nummern umfassende Sammlung ist es, welche in der vorliegenden Schrift besprochen wird, und zwar auf die Weise, daſs die Hauptstücke der Sammlung nach ihren Fundstätten und ihrem Material aufgeführt und aus deren Beschreibung Resultate gezogen werden. Diese sind in Kürze: daſs die Pfahlbau-Stationen Maurach und Nuſsdorf der Steinperiode angehören, da in ihnen nicht die geringste Spur von Bronze oder gar von Eisen gefunden ist; daſs dieselben also schon vor dem Entstehen der reichlich Bronze- und Eisen-Geräthe liefernden Pfahlbau-Stationen Unteruhldingen und Sipplingen zu Grunde gegangen sein müssen.
Es würde zu weit führen, wollte ich mich hier auf Anführung von Einzelheiten aus der Beschreibung der wichtigen Sammlung einlassen; aber eine Bemerkung, die mir bei dem Durchlesen der interessanten Schrift aufgestoſsen ist, kann ich nicht unbesprochen lassen. Der Verfasser macht S. 7 auf die zahlreichen Stücke von Aexten, Beilen, Meiſseln und Keilen aus Nephrit aufmerksam, die sich in der Sammlung finden, und fügt hinzu: „Wenn es wahr ist, wie die Mineralogen mit aller Bestimmtheit behaupten, daſs dieser Stein in den Alpen, der Schweiz, ja überhaupt in Europa nicht vorkomme, so kann er nur aus seiner Heimat, aus Asien, eingeführt sein; und wenn schon das isolirte Vorkommen einiger weniger Exemplare, wie dies auch bei andern Pfahlbau-Stationen Statt hat, die verschiedensten Combinationen über uralten Völkerverkehr veranlassen muſs, wie viel mehr muſs dies hier der Fall sein, wo sich eine solche Menge von Exemplaren an einem und demselben Orte beisammen findet“ etc. Der Verfasser drückt sich, meiner Ansicht nach, in den obigen Worten nicht deutlich genug über die Art des Völkerverkehrs aus, der den Nephrit aus seiner Heimat, aus Asien, nach dem Bodensee hinübergebracht haben könnte. Ich erlaube mir, indem ich diesen Punkt hier gelegentlich zur Sprache bringe, einen Fingerzeig zu geben, der bei gehöriger Benutzung vielleicht von weitergehenden Folgen sein dürfte.
In einer eben erschienenen Schrift Pallmann’s: „Die Pfahlbauten und ihre Bewohner“ (Greifswald, 1866. 8.) finde ich S. 105 die ganz richtige Bemerkung: „Es ist unleugbar, daſs ein rohes Volk der Steinzeit kostbare Sachen auch durch den Handel zugeführt erhalten konnte. — Es ist aber ebenso unleugbar, daſs ein rohes Volk dasjenige, was es für seinen Bedarf braucht und bearbeitet, aus seiner Umgebung, aus seiner nächsten Nähe nimmt, und es ist ganz unwahrscheinlich, daſs ein Steinvolk sich Material aus fremden Ländern viele Meilen weit kommen läſst, um es zu verarbeiten“. So richtig diese Bemerkung an sich ist, so fehlsam ist das von Pallmann daraus Geschlossene. Um die Auffindung solches Materials aus fremden Ländern in den Pfahlbauten der Schweizer Seen zu erklären, nimmt nämlich Pallmann dieselben für Wohnungen von Handelsleuten aus Südfrankreich, welche dasselbe mit sich brachten und es dort verarbeiteten. Mir scheint sich die erwähnte Erscheinung viel natürlicher erklären zu lassen. Abgesehen von den einzeln in den Pfahlbauten gefundenen Bernstein- und Gagat-Zierathen und ähnlichen Dingen, die ganz wohl durch Handel von Hand zu Hand erworben sein können, und von den häufig vorkommenden Feuersteinen, welche den Pfahlbauten-Bewohnern aus dem benachbarten Frankreich durch Handelsleute sehr wohl zugeführt sein können, sind es namentlich die mitunter in unverhältniſsmäſsig groſser Zahl vorgefundenen Steinwaffen aus Nephrit, welche ihres unbestritten asiatischen Ursprunges wegen Bedenken bei den Archäologen hervorgerufen zu haben scheinen. Daſs gerade diese durch den Handel aus dem fernen Asien zum Bodensee gebracht, daſs nicht auch andere Producte aus Asien mit diesen Steinwaffen importiert sein sollen, ist allerdings nicht zu erklären, ist kaum zu glauben. Wer zwingt uns denn aber dazu, einen solchen Handelsverkehr zwischen Asien und der Schweiz anzunehmen? Daſs die Bewohner Europas, auch die der Pfahlbauten in den Schweizer Seen, aus Asien eingewandert sind, steht fest; daſs die Pfahlbauten, wenigstens die älteren derselben, die aus der Steinperiode, zu den frühesten Wohnungen der Bewohner Deutschlands gehören, steht gleichfalls fest. Wer verbietet uns denn anzunehmen, daſs die Steinwaffen aus Nephrit, ja, daſs selbst in einzelnen Fällen der in den Pfahlbauten zu Waffen und Geräthen verarbeitete Nephrit von den Pfahlbauten-Bewohnern bei ihrer Wanderung nach Europa aus der alten Heimat in Asien mitgebracht worden? Eine gute Waffe von dauerhaftem Material erbte vom Vater auf den Sohn, vom Sohn auf den Enkel und fand schlieſslich in dem See ihr Lager, wo sie verborgen ruhte, bis die Forscher der neuesten Tage sie daraus hervorholten, und sie nun dazu dienen muſs, die alte Heimat der Pfahlbauten-Bewohner wissenschaftlich wieder zu gewinnen. Ist diese unsere Ansicht die richtige, so bedarf es nur einer genaueren Bestimmung der Heimat des in den Pfahlbauten gefundenen Nephrits, und wir kennen damit auch die ursprüngliche Heimat der Pfahlbauten-Bewohner in Asien. Das ist aber nicht der einzige Gewinn, der sich daraus ziehen läſst. Es scheint der Natur der Sache angemessen zu sein, daſs diejenigen Pfahlbau-Stationen, welche die meisten Nephrit-Waffen liefern, als die ältesten betrachtet werden, da bei ihren Bewohnern sich die meisten bei der Einwanderung mitgebrachten Waffen noch erhalten haben.
Hannover.
C. L. Grotefend.
33) Die Sage von der Befreiung der Waldstädte nach ihrer allmäligen Ausbildung untersucht von Dr. Wilhelm Fischer. Nebst einer Beilage: Das älteste Tellenschauspiel. Leipzig, F. C. W. Vogel. 1867. 8. 201 Stn.
Nachdem die Untersuchung über die Frage, ob die durch mehrere Jahrhunderte sich fortziehende Tradition, die Befreiung der Waldstädte in Verbindung mit der Erzählung von Tell betreffend, mehr der Geschichte oder der Sage angehöre, als geschlossen betrachtet werden darf, ist dem Gegenstande ein lebhafteres Interesse kaum noch abzugewinnen, auſser etwa nach der mythologischen und der sagengeschichtlichen Seite hin. In der Deutung der mythischen Bestandtheile der Sage, soweit dergleichen überhaupt anzunehmen sein mögen, ist indeſs auch bereits so viel geschehen, daſs auf diesem unsichern Boden schwerlich noch Weiteres von Belang sich ergeben dürfte. Nur die Entstehung und Fortbildung der Sage hatte eine ausschlieſsliche und eingehendere Behandlung bisher noch nicht erfahren. Die Fragen jedoch: Wie und wann ist die Tellsage nach der Schweiz gewandert? War sie, als gemeinsames Eigenthum des germanischen Stammes, auch bei den Schweizern schon uralte Tradition? Wann und wie begann sie sich enger zu localisieren, politische Bedeutung zu gewinnen und zu der Sage von der Befreiung der Waldstädte in Beziehung zu treten? — diese Fragen werden auf eine befriedigende Lösung wol vergebens harren müssen. Dagegen läſst eine sorgfältige Vergleichung der sämmtlichen, auf den Ursprung der Eidgenossenschaft bezüglichen Berichte und Erzählungen, von Johann von Victring, Justinger u. s. w. bis herab auf Johannes Müller, wenigstens noch das Ergebniſs hoffen, die ursprünglichen Bestandteile der Sage reiner, als bis jetzt der Fall war, aus der oft willkürlichen Einkleidung, aus den vielfachen Aenderungen, Erweiterungen und Zusätzen der Chronisten herausgeschält zu bekommen. Dieser Aufgabe ist die obige Schrift gewidmet. Des Verfassers Absicht geht nämlich dahin, die verschiedenen sagenhaften Berichte „in ihrem Verhältnisse zu einander zu prüfen, alle kunstmäſsigen Zuthaten auszuscheiden, und zu untersuchen, wie das, was als ächte Sage übrig bleibt, sich nach und nach hat ausbilden können, bis sich uns der Kern derselben in seiner möglichst ursprünglichen Gestalt darstellt.“ Den räthselhaften Sprung von den Vorgängern des weiſsen Buches zu diesem, worin die bisher kaum in allgemeinen Umrissen nur angedeutete Sage uns plötzlich in voller, funkelnder Rüstung entgegentritt, hat natürlich auch der Verfasser nicht aufzuklären vermocht; doch entscheidet er sich für die Ansicht, das die Erzählung des weiſsen Buches unmittelbar aus der lebendigen mündlichen Ueberlieferung geschöpft sei. Vom ersten Theil des Liedes „vom ursprung der eidgnoschaft“ (Strophe 1–9 der Handschrift von 1501) glaubt er annehmen zu dürfen, daſs derselbe aus der Zeit von 1474 datiere, und er zweifelt nicht, daſs eben dieses Lied es war, welches dem Chronisten Ruſs vorgelegen. Auch dieser soll übrigens, was er weiter von Tell erzählt, unmittelbar aus der Volkstradition geschöpft und nicht etwa aus dem weiſsen Buche entlehnt haben. Schlieſslich findet der Verfasser in der Erzählung des letzteren die Ineinanderfügung zweier unterschiedener Sagen, der vom Schützen Tell und einer andern vom Rütlibund. Hat jene mythischen Gehalt, so klingt diese mehr an die Geschichte an, wobei der Verfasser an das Breve Innocenz des IV. erinnert, der die Leute von Schwyz und von Sarnen des Aufruhrs gegen den Grafen von Habsburg zeiht. Ein historisches Element der Sage findet er auch noch in der Erzählung vom Stauffacher. — Was aus der vergleichenden Untersuchung des Verfassers als sicheres Ergebniſs im Ganzen gewonnen wird, dürfte hiernach allerdings demjenigen, der dem bisherigen Gange der Tellforschung schon aufmerksam gefolgt ist, nicht eben als bedeutend erscheinen, obwohl der fleiſsigen Zusammenstellung und Gegeneinanderwägung der vielen von einander abweichenden Berichte ihr wissenschaftliches Verdienst gewiſs nicht abzusprechen ist. — Dem beigegebenen Schauspiel ist ein Straſsburger Druck zu Grunde gelegt, und nur da, wo der Text entschieden verderbt erschien, wurden drei sonstige Ausgaben zu Hülfe gezogen. Die Beschreibung der benutzten vier Drucke geht dem Spiel als Einleitung voran, nebst Bemerkungen über die angewendete Orthographie und Interpunction. Den Text begleiten kurze Erläuterungen.
34) Geschichte der liturgischen Gewänder, von Dr. Fr. Bock. V. u. VI. Lieferung. (Schluſs.) Bonn, 1866. 8.