98) Wiederholt sind wir in diesen Blättern zurückgekommen auf das verdienstvolle Unternehmen des Vorstandes des Freiberger Alterthumsvereins, Herrn Buchdruckereibesitzers H. Gerlach, welcher die im Freiberger Dom vorhandenen, in Messing gestochenen Grabplatten sächsischer Fürsten, 28 an der Zahl, sowie die schönsten der im Dome zu Meiſsen befindlichen ähnlichen Platten in genauen Abdrücken für die Oeffentlichkeit gewonnen hat. Wie wir mit Genugthuung erfahren, haben die bedeutendsten Museen des In- und Auslandes diese nicht nur für die Geschichte, sondern auch für die Kunst auſserordentlich wichtigen Plattenabdrücke als wesentliche Ergänzung ihrer Sammlungen sich zu eigen gemacht. Daſs dieselben bisher sich nicht weiter im Publikum verbreitet haben, rührt ohne Zweifel von dem auſserordentlichen Umfange des gröſsten Theiles, sowie von dem Uebelstande her, daſs vermöge des einzig mit Erfolg anzuwendenden Druckverfahrens die ganze Zeichnung in umgekehrter Lage hervortritt, was namentlich die Inschriften schwer leserlich macht, und, was auf den Totaleindruck noch störender wirkt, die Zeichnung selbst und die schraffierten Schattenpartieen weiſs, alle Lichtflächen dagegen schwarz erscheinen läſst. Um diesem Uebelstande abzuhelfen, hat gegenwärtig der Verleger sein Unternehmen dahin erweitert, daſs er die Originalplatten nunmehr auch in verkleinerten Pholographieen, und zwar in zwei verschiedenen Ausgaben, veröffentlicht, von welchen die eine genau die Wirkung der Originalplatten, die andere die der genommenen Papierabdrücke wiedergibt. Die Photographieen sind, nach den vorliegenden Mustern zu schlieſsen, vortrefflich ausgeführt, zum Theil wahre Musterblätter. Der Preis des einzelnen Blattes beträgt ⅔ Thlr.; bei Abnahme einer gröſseren Anzahl wird besonderer Vortheil gewährt.
Eine Zugabe, für welche Kunst- und Alterthumsfreunde dem Herausgeber insbesondere dankbar sein werden, ist die photographische Nachbildung der berühmten Emdner Grabplatte des 1507 verstorbenen Pfarrers Hermann Wessel, welche, wie im Original, so auch in der Nachbildung ein wahres Meisterstück genannt zu werden verdient. — In einer mit Abbildung der Grabplatte Herzog Heinrichs des Frommen ausgestatteten kleinen Schrift hat der Herausgeber über die kunsthistorische Seite dieser interessanten Denkmäler, sowie über deren Nachbildung sich weitläufiger ausgelassen.
99) Ein sehr bemerkenswerthes und alterthümliches Baudenkmal ist die Kapelle bei dem Kirchdorfe Wallenhorst in der Nähe von Osnabrück. Diese Kapelle, eines der ältesten christlichen Gotteshäuser Norddeutschlands, wird gegenwärtig auf Anregung des Wallenhorster Kaplans restauriert. Der Baumeister Hansen zu Osnabrück, welcher die Wiederherstellung des dortigen Doms leitet, übernimmt auch diese Arbeit. Sämmtliche Fenster der Kapelle sollen in Glasmalerei ausgeführt werden, die der in diesem Fache bekannte Künstler v. d. Forst zu Münster liefert.
(Ill. Ztg.)
100) Beim Flecken Schleitheim, welcher an der Schaffhausener Heerstrasse liegt, die durch den Schwarzwald nach Freiburg führt, hatte man schon vor 6 Jahren das Mauerwerk römischer, mit Cement- und Mosaikboden hübsch ausgestatteter Privatwohnungen aufgefunden. Als nun im December vorigen Jahres der Gottesacker der Gemeinde erweitert und das zunächst angrenzende Landstück, Im Hebsack genannt, dazu fundamentiert wurde, geriethen die Arbeiter auf ein zusammenhängendes altes Leichenfeld, dessen sorgfältige Ausgrabung vom historischen Verein zu Schaffhausen alsbald übernommen und im heurigen Sommer beendigt worden ist. Man hat im Ganzen 180 einzelne Gräber aufgedeckt, welche zweierlei Bau zeigen, obschon sie insgesammt dem Ostpunkte zu liegen und dem gleichen Volke angehören. Die eine Art besteht aus Furchengräbern. Diese liegen in geordneter Reihe, nahe und in geringer Tiefe aneinander, sind enge und haben durch den Pfluggang stark gelitten. Es ist, als ob man, wie auf unsern heutigen Kirchhöfen, mit dem Raum habe sparen müssen; es finden sich in einem Einzelgrabe einmal sogar vier Leichen beisammen, zwei nach Osten, zwei nach Westen blickend. Solider gebaut sind die im Osten der Feldstrecke liegenden Plattengräber, welche leider nicht alle abgedeckt oder vollständig untersucht werden konnten, da die Grundeigenthümer Schwierigkeiten machten. Sie bestehen in Decke und Wand aus behauenen und aus rohen Steintafeln, die durch Mörtel verbunden sind; ihre einzelne Mauer enthält Backsteine, Trümmer von Leistenziegeln und Rothgeschirr; dies und ein mit eingefügter Cementguſsboden zeigt deutlich, daſs man das Material zur Deckung und Einlassung aus den Ruinen der nächstgelegenen römischen Gebäude hieher geschafft hat. Der Anhaltspunkt, der damit für das Zeitalter, dem diese Gräber angehören, gegeben ist, wird besonders durch zwei in ihnen aufgefundene Münzen Konstantin’s unterstützt, der als Augustus von 305 bis 337 regierte; die Graber können also nicht älter sein als die ihnen beigegebenen Münzen. Zur Zeit Konstantin’s lebte in diesen Gegenden des Oberrheins kein anderes Volk als das alemannische und ein schwacher Rest der gallisch-römischen Bevölkerung. Die Gräberanlage weist auf eine friedliche Zeit hin, da Frauen und Kinder neben den Männern beerdigt liegen, und auf eine feste Niederlassung, wie bei jedem gröſsern und sorgfältig geordneten Leichenfeld vorausgesetzt werden muſs. Mithin werden die hier Bestatteten Alemannen sein, und zwar vorchristlicher Zeit, wie daraus zu schlieſsen ist, daſs ihnen nach römischer Sitte, die Mitgabe einer Todtenmünze (Obolus) nicht mangelt. Diese Beweisführung wird nun durch eine zahlreiche Reihe aller Art von Fundstücken und Grabmitgaben unterstützt. Auſser den groſsen Eisenmessern, die neben jeder Mannsleiche sich finden, erhob man ein paar Kurzschwerter mit einschneidiger Klinge und das groſse zweischneidige Schwert von 2½ Fuſs Länge und 2 Zoll Breite; das erstere ist die unter dem Namen Scramasax, die andere die als Spata bekannte, den Germanenstämmen eigenthümliche Waffe gewesen. Drei Eisensporen mit einem wenig aus dem Bügel vortretenden Stachel weisen auf das rossezüchtende Reitervolk. Um die Halswirbel liegen Bernsteinperlen und Korallen-Schnüre, letztere von farbigen Thonperlen und im einzelnen bis auf 50 Stück. Neben den Ohrringen aus Bronzedraht begegnet vergoldetes, eichelförmiges Ohrgehänge. Es gibt glatte und feingravierte Armringe, Fingerringe mit den Fassungsstellen des ausgefallenen Ringsteins, verzierte Hornkämme, Bronzescheiben mit Einlage von farbigem Glas und von Lapis Lazuli, silberplattierte Gürtelschnallen mit eingeschmolzenen Goldlinien und Email, eine Menge Erzeugnisse früher römischer Kunstübung, die durch Handel, Erbschaft oder Beute in die Hände dieses Volkes kamen. Auf dem Thorax einer Kinderleiche fand sich ein in der Mitte durchschnittenes, verschiebbares Bronzeglöckchen, an welchem ein Bronzekreuzchen herunterhängt. Sehr zahlreich sind die Schnallen und Besätze von Bändern und Riemenzeugen aus Bronze oder Eisen, zu jenen Strumpf- und Hosenbändern gehörend, mit denen der Reiter sein Beinkleid vom Knöchel bis zum Knie herauf festriemte. Die antiquarisch-historische Beschreibung dieses Fundes hat Dr. Wanner, Staatsschreiber von Schaffhausen, übernommen und wird sie mit mehreren beigegebenen Bildtafeln demnächst veröffentlichen; Dr. v. Mandach daselbst wird sie mit einer Abhandlung begleiten, in welcher er die physische Beschaffenheit der Gerippe und besonders deren Schädelbau, auf Einzelmessungen basiert, zur Untersuchung bringt.
(Ill. Ztg.)
101) Bei Gelegenheit einer baulichen Aenderung in dem Hause Jesuitengasse Lit. F. N. 404 zu Augsburg gelangte man in einen niedrigen, abwärts führenden, engen und überwölbten Gang, an dessen Ende der mit gebrannten Platten gepflasterte Fuſsboden auffallend hohl klang. Nach Oeffnung des Bodens fand sich ein bedeutend groſser, 5′ breiter und 9½′ langer, hohler Raum, dessen Bedeckung aus zwei Quadratfuſs groſsen, 2 Zoll starken Backsteinplatten besteht, welche derart konstruiert sind, daſs unter jeder der 4 Ecken eine 3′ hohe und 8″ starke Säule ebenfalls aus gebrannten Steinen und in der Entfernung von je 1 Fuſs angebracht ist; an den Seiten dieses hohlen, unterirdischen Raumes lagern schief ansteigende Schuttmassen herein, in welchen sich bemalte Ueberreste eines römischen Wandverputzes vorfanden. In Folge einer Untersuchung durch Ausschussmitglieder des historischen Vereins für Schwaben und Neuburg stellte sich der Fund als ein ziemlich gut erhaltenes Hypocaustum heraus. Eine vorgenommene Nachgrabung führte auf römische Grundmauern, wobei man fand, daſs das Hypocaustum theilweise sogar unter der Grundmauer des jetzigen Wohnhauses sich forterstreckt, und bei Einlegung oder Zerstörung der Umfassungsmauern des ehemaligen römischen Bades die mit Fruchtbehängen und Linien auf rothem Grunde bemalten Verputzfragmente in den Schutt des Hypocaustums gerathen sein werden. Die untersuchte westliche und nördliche Seite desselben zeigt eine in römischer Weise aufgeführte Mauer, welche aus schief neben einander gestellten abgeplatteten Tuffstücken mit Mörtelverbindung bestand, die in zwei Reihen in spitzem Winkel gegen einander gestellt sind und opus spicatum — Aehren-, Häringsbau — hieſsen.
(Augsb. Abdztg.)
102) Die von Professor Virchow angestellten Untersuchungen der pommerschen Pfahlbauten haben für die alte Kulturgegeschichte dieser Gegenden nicht unerhebliche Resultate ergeben. Im Klappsee bei Woldenberg wurden Anlagen von geringem Umfange entdeckt, die wahrscheinlich in eine relativ späte Zeit reichen. Es fanden sich hier nicht nur zahlreiche Eisensachen, namentlich Theile von Waffen und Pferdegeräth, sondern auch die Thonscherben zeigten in der Zusammensetzung des Thons, der Form und Zeichnung weit ausgebildetere Kunstgegenstände als bei Daber und Persanzig. Manches erinnert an die in den obern Schichten des Bodens zu Lübtow am Plönesee ausgegrabenen Gegenstände. Bei Daber hat die bisherige Ablassung des Wassers nicht mehr Pfahlreihen bloſsgelegt, als bereits im April bei der ersten Untersuchung sichtbar waren. Bei den Nachgrabungen auf dem östlichen Ufer der Halbinsel fand sich ein gröſseres bloſsgelegtes Quartier von Pfählen in einer Tiefe von 3–4 Fuſs, eine Menge von eichenen und wenigen birkenen Rundhölzern in horizontaler Lage, die bunt durch- und übereinander lagen. Die Pfahlbauten im Persanzig-See, welche früher schon Major Krasiski besichtigt hat, sind von Virchow eingehender untersucht worden. Bei einer Vergleichung der Bauten im Daber- und im Persanzig-See ist gleichmäſsig hervorzuheben, daſs beide ausgedehnt und mit entschiedener Planmäſsigkeit angelegt sind. Sie stehen in einem bestimmten Verhältniſs zu den Eigenthümlichkeiten des Landes, welche im Persanzig-See als natürliche Inseln und Werder, im Daber-See wenigstens zum Theil als bedeutende Wall- und Hügelaufschüttungen künstlicher Art sich darstellen, so daſs man annehmen muſs, es habe sich hier neben der Anlage von Seewohnungen zugleich um die von Vertheidigungs- und Befestigungswerken gehandelt. Auf der südlichen und östlichen Seite des Persanzig-Sees finden sich zwischen den senkrechten Pfählen Massen von Scherben, Thongeräth und von zerschlagenen Knochen, sowie Haselnuſsschalen. Waffen aus Stein oder Metall sind bisher weder im Daber- noch im Persanzig-See entdeckt worden. Ueber die Zeit, welcher diese Bauten angehören, läſst sich noch nichts bestimmen. Steingeräth ist an keiner der Stellen gefunden, und ein vereinzeltes Bronzestück aus dem Persanzig-See, wie ein unbedeutendes Eisengeräth aus dem See von Daber gewähren keine sichere Anknüpfung.
(Ill. Ztg.)