Die von dieser Entdeckung in verschiedenen Zeitungen gegebenen Berichte zündeten, und es kamen nun von verschiedenen Gegenden der Schweiz, vom Westen und Osten, Anzeigen an die Gesellschaft, daſs ähnliche Pfahlbauten in den Seen entdeckt worden seien. Die wichtigste Entdeckung war unstreitig die im Bielersee, weil dort, in der Nähe von Nidau, in einer Untiefe, Steinberg genannt, eine Menge von Pfählen zu Tage traten, zwischen denen eine Masse von Thongeschirr, sowie Stein- und Bronzegeräthe, wie schon früher, so auch jetzt wieder entdeckt wurden. Herr Dr. Keller reiste bald nachher dahin, untersuchte mehrere Wochen hindurch die Fundorte und vervollständigte dadurch seine Idee von den Pfahlbauten, d. h. Niederlassungen in auf Pfählen im See errichteten Hütten, die vor ihm Niemand ausgesprochen hatte, und die damals noch viele Gegner und Bestreiter fand. Ja, er entschied sich dahin, daſs in der Urzeit sich die Bevölkerung zum Theil bleibend auf den Seen, wahrscheinlich zur Sicherung ihrer Personen und ihrer Habe, angesiedelt gehabt.

Dies ist der Hergang der Sache, und es ergibt sich daraus, daſs vor Herrn Dr. Keller Niemand eine Ahnung hatte, daſs diese Pfähle in den Schweizerseen Böden und Hütten trugen, und daſs diese Gerüste, die er Pfahlbauten benannte, von den Ureinwohnern bleibend bewohnt wurden.

Zürich, Januar 1866.

Im Namen der Zürcherischen antiquarischen Gesellschaft

Ludwig Ettmüller.

Heidnische Gräber in Böhmen.

Zur Ergänzung der in Nr. 12 des „Anzeigers“ 1863 gebrachten kurzen Notiz von der Auffindung eines Todtenfeldes zwischen den Dörfern Nehasitz, Welmschloſs, Moraves und Wisotschan in der Nähe der königl. Kreisstadt Saaz in Böhmen folgt nun die Darstellung der weiteren Forschungen auf dieser interessanten Gräberstätte. Das Todtenfeld bei Nehasitz hat bei 150 W. Klafter Länge 100 W. Kl. Breite. Unter der 1 W. Schuh mächtigen Ackerkrume liegt die Gräberschichte von wechselnder Dicke 3–5 W. Schuh, darunter der natürliche Boden, rother Lehm. Die Erde der Gräberschichte zeigt durchaus im trockenen Zustande ein aschenartiges, graues Ansehen; die chemische Untersuchung ergab den groſsen Gehalt derselben an kohlensaurem Kalk. Die Gräber sind theils Skelettgräber, theils Urnengräber. In ersteren liegen die wohlerhaltenen Skelette 3–5 W. Schuh tief unter der Oberfläche, mit dem Kopfe nach Norden, theils mit dem Angesichte, theils mit dem Rücken auf dem rothen Lehm auf. In zwei Fällen ruhte die Leiche auf einer von unbehauenen Feldsteinen pflasterartig zusammengelegten Steinlage; mehrere Gräber waren mit behauenen, platten, groſsen Steinen umlegt. In der Nähe der Leiche befinden sich je drei Steine, einer beim Kopf, und je einer an den Brustseiten; unter letzteren befindet sich häufig eine 9 Zoll hohe, vierseitige, der Breiteachse nach durchbohrte, aus Thon gebrannte Pyramide, (ganz ähnlich dem in Wagner’s „Tempel und Pyramiden der Urbewohner auf dem rechten Elbufer“, Taf. II, Fig. 28 abgebildeten Objekte). Die mitgegebenen Grabgefäſse sind gröſstentheils zerdrückt; sie zeigen eine zierliche Form, sind an der Innen- und Auſsenfläche schwarz, graphitartig glänzend, schalen-, krug-, napfförmig. Beigaben von Metall finden sich in dieser Schichte selten; häufiger kommen bei Nehasitz nur Bronzenadeln mit einfachem Knopfe vor; sehr selten bronzene Armbänder; Eisengegenstände finden sich nirgends, desto häufiger Mitgaben aus Stein und Bein, Reibsteine zum Zermalmen des Getreides, nebst den erwähnten Thonpyramiden, Thonwirtel, Aexte und starke Lanzenspitzen ähnliche Stechinstrumente aus Hirschhorn, durchbohrte Pferde- und Eberzähne, Pfriemen und Nadeln aus schwachen, zugespitzten Knochen, Röhrchen aus gebranntem Thon. In den Urnengräbern sind die Urnen in eine Steinumlegung beigesetzt und mit einem flachen Stein zugedeckt; sie enthalten Asche, Knochenstückchen, selten Bronzeringe oder Nadeln; ihre Form ist zumeist krugartig, am häufigsten mit einem Henkel, sehr selten doppelgehenkelt, zuweilen auch ohne Henkel. In der über den Skeletten und Urnen aufgehäuften aschenhaltigen Erde finden sich Tausende Fragmente von thönernen Gefäſsen der verschiedensten Natur, daneben zahlreiche Thierknochen (man könnte ganze Wagenladungen davon wegfuhren), jedoch kein einziges ganzes Thierskelett. Die Untersuchung des von mir an Ort und Stelle ausgehobenen Materials ergab folgende Thiergattungen: Rind (Schenkelknochen eines ausgewachsenen Exemplars kleiner Race und Stirnknochen mit ansitzendem Horn vom Kalbe), Pferd (Zähne und Schulterblatt von sehr starken Exemplaren), Edelhirsch (Gehörn und Rückenwirbel von groſsen, alten Thieren), Rehe (Gehörn, Fuſsknochen und Wirbel von schwachen, jungen Thieren), Eber (einzelne Zähne, vollständiges Gebiſs von ungeheuren Thieren). Letztere drei Thiergattungen: Edelhirsch, Reh und Wildschweine, finden sich durchweg in überwiegender Mehrzahl. Einzelne Knochen dieser Thiere sind halb verbrannt; wahrscheinlich war die Gräberstätte bei Nehasitz zugleich auch Opferstätte; jedenfalls fand das Volk, dem diese Gräber angehören, neben den Früchten des Ackerbaues seine Hauptnahrung noch in den wilden Thieren des Forstes. Ferner fand ich in den Nehasitzer, sowie in allen ähnlichen Gräbern, die ich untersuchte, immer runde, kugelförmige Steine von der Gröſse einer Nuſs bis zur Gröſse einer Faust. Obgleich sich diese Steine immer nur als auf natürlichem Wege (durch Wasserlauf) abgerundete Geschiebe herausstellen, so müssen sie doch, da sie sich so häufig in den Gräbern, oft weit entfernt vom Fluſsbette der Bäche finden, zu einem besonderen Zwecke mit Sorgfalt aufgelesen worden sein; selbst eine runde, mehr als faustgroſse Kugel von Thoneisenstein fand sich in einem Grabe. Somit stimmen meine Untersuchungen mit andern in Böhmen aufgefundenen Gräber- und Opferstätten vollkommen überein. Aber Nehasitz, sowie das 1 Wegstunde nördlich davon gelegene Moraves, zeigen eine besondere Eigenthümlichkeit. Auch bei Moraves findet sich eine ganz ähnliche, nur etwas gröſsere Gräberstätte; aber hier wie dort liegt unter der eben beschriebenen eine zweite Leichenschichte. Zwei bis drei Schuh tief in dem rothen Lehm finden sich nämlich brunnenartige Gräber, 3 W. Schuh im Durchmesser, kreisrund; eines von dem andern je 5–6 Schritte entfernt. Auch in dieser Schichte finden sich Skelettgräber neben Urnengräbern, bei Nehasitz aber Skelettgräber vorherrschend, bei Moraves Skelettgräber ausschlieſslich. Diese tieferen Gräber laufen bei Moraves nach unten spitz zu, so daſs die Beckenknochen der Leichen die tiefste Lage einnehmen; in den Nehasitzer Gräbern befinden sich die Leichen in hockender Stellung. In diesen Skelettgräbern fanden sich sehr viele Bronzeobjekte, Arm- und Fuſsspangen, Fibeln, Doppelspiralen aus Bronzedraht von bekannter Form, Bronzestängelchen, Ringe aus schwarzem Horn; auch einen Bronzedolch will man gefunden haben. In der Nähe der Gräberstätte fand sich ferner auf freiem Felde ein bronzenes, sichelartiges Instrument, (ähnlich dem in Hallstadt gefundenen; Gaisberger, „die Gräber bei Hallstadt“, Taf. VII, Fig. 6), ferner ein Bronzecelt von sehr primitiver Form. Aehnliche Gräberstätten finden sich in der Nähe der eben genannten Orte noch in Welmschloſs, Wisotschan, Horatitz, Schieſselitz; doch trifft man an diesen Orten nur Gräber an, die der oberen Nehasitzer und Moraveser Schichte analog sind, nie aber Gräber der tieferen Schichte. Auch in diesen Gräberstätten finden sich Urnen, Thonpyramiden, Gefäſsfragmente, Thierknochen, nie Bronzeobjekte. An den letztgenannten Orten überwiegen zudem die Urnengräber.

Eine andere Bestattungsart traf ich am rechten Egerufer, ebenfalls unweit der Stadt Saaz, bei dem Dorfe Pressern. In geringer Tiefe, kaum 6–8 Zoll, stöſst man auf runde Lager reiner Asche, 1 W. Klafter im Durchmesser, 3–4 Schuh tief, mit Gefäſsfragmenten, Holzkohlen und Thierknochen angefüllt, eines von dem andern 10–15 Schritte entfernt. Die Untersuchung solcher Aschenlager ergab eine wohlerhaltene, krugartige, mit Asche angefüllte, einhenkelige Urne, in unmittelbarer Nähe des Brandplatzes zwischen Steinen eingeschlichtet und mit einem flachen Stein bedeckt; daneben Pfriemen von Bein, runde Kiesel, einen Korb voll Gefäſsfragmente feinerer und roherer Gattung, Hirsch- und Eberknochen. Auch in der Nähe des Schlosses Petersburg deckte ich im Laufe des Sommers 1865 einen ähnlichen Brandplatz auf. Er hatte runde Form, 1 W. Klaft. Durchmesser, 3 Schuh Tiefe. Als Fundobjekte ergaben sich in groſser Menge Gefäſstrümmer, runde Kieselsteine, durchbohrte Eberzähne, bestimmt, an einem Faden aufgereiht zu werden, einige Fluſsmuscheln, ein ziemlich groſses, flaches Stück Rotheisenerz; von Menschenknochen ein Kiefer und Schulterblattfragmente, endlich zwei vollkommen erhaltene Gebisse von sehr starken Ebern. Weiter führe ich als Fundorte heidnischer Gräberstätten längs des Laufes des Egerflusses, in der Umgegend der Stadt Saaz noch an: Soběsak, Straupitz, Libotschan, Bẽzdiek, Stẽknitz, endlich die Stadt Saaz selbst, in deren Weichbilde heidnische Gräber häufig aufgedeckt werden. So stieſs man im Laufe des Frühjahrs 1865 bei Erdgrabungen behufs des Neubaues eines Hauses in der Prager Vorstadt auf Gräber der spätheidnischen Periode. Die Leichen lagen 8 W. Schuh tief unter dem Strassenpflaster mit dem Gesichte gegen die Erde gewendet, beim Kopf und in der Brustgegend einzelne Basaltsteine. Im Verlaufe der Grabungen traf man ein Grab, in dem die Leiche in sitzender Stellung beerdigt war. Neben ihr standen 4 Thongefäſse, ein sehr zierlich geformtes krugförmiges, ein flaches schalenförmiges und zwei kleine, kaum einen Zoll im Durchmesser haltende napfförmige Gefäſse, alle sehr wohl erhalten.

Die Gegend um die Stadt Saaz ist eine der schönsten und fruchtbarsten Böhmens. Schon der älteste böhmische Chronist Kosmas († 1125) war von dem Reichthum des Saazer Landes entzückt; er preist es als „pulcherrima visu et utillima usu ac uberrima satis nec non abundantissima pratis regio“. Hier war ehedem der stolzeste der slavischen Stämme in Böhmen, der der Lučaner („superbissima gens, quibus et hodie a malo innatum est superbire“, heiſst es von ihnen bei Kosmas) seſshaft; er führte diesen Namen von den vielen Wiesen (slav. lučí), die seine Ansiedelungen umgaben. Die Lučaner bildeten ein eigenes Fürstenthum, das aber später seine Selbständigkeit an den Prager Herzog Neklan verlor, der nach der Besiegung der Lučaner die Burg Draguš an der Eger erbaute. Die Stadt Saaz selbst scheint aber erst in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts aufgekommen zu sein; der Name kommt, wenn ich nicht irre, das erste Mal zum Jahre 1004 bei Tietmar vor. Die zahlreichen hier erwähnten Gräberstätten sprechen dafür, daſs die Saazer Gegend schon frühzeitig sehr dicht bevölkert war; die Stadt Saaz selbst, sowie die einzelnen Orte, in deren Nähe sich solche Gräberstätten finden, entwickelten sich sicher aus diesen alten, slavischen Ansiedelungen, und die Verschiedenheiten in der Bestattungsweise, bald vorwiegend Skelettgräber, bald vorwiegend, bald ausschlieſslich Urnengräber, mögen auf zeitlich getrennte Perioden hinweisen. Auffallend ist das gänzliche Fehlen des Eisens in diesen Gräbern; es müſste demnach die reine Bronzeperiode bei den Slaven Böhmens ziemlich weit heraufgerückt werden. Ob nun die beiden Gräberschichten bei Nehasitz und Moraves demselben Volke angehören, darüber dürfte die Untersuchung der Schädel aus beiden Schichten wol noch einiges Licht verbreiten.

Wien, 31. December 1865.