Die Sammlung von Crucifixen im germanischen Museum.

Das germanische Museum besitzt in seiner Sammlung kirchlicher Alterthümer eine Reihe von Vortragkreuzen, welche vielleicht vom 10. bis in das 16. Jahrhundert reicht und, wichtig von Seiten ihres Gebrauches zu Kultuszwecken, wie für die an ihrer Her- und Darstellung sich bethätigende Entwicklung der Kunst, eine Betrachtung im Zusammenhang um so mehr verdienen dürfte, als die hervorzuhebenden Rücksichten, weil an einen Gegenstand sich knüpfend, um so prägnanter hervortreten und unsere Reihenfolge immerhin vollständig genug ist, um die hauptsächlichsten jener Rücksichten daraus abzuleiten. Was zunächst die kirchliche Bedeutung dieser Kreuze betrifft, so ist das Thatsächliche ihres Gebrauches zu bekannt, als daß wir die unsrigen als neue Belege dafür heranzuziehen brauchten; eine bisher kaum erörterte Frage ist indeß, wie man sie ihrem Zwecke und der dadurch hervorzubringenden Wirkung zubildete. Da aber tritt uns die Wahrnehmung entgegen, daß diese Kreuze und mit ihnen, worauf es hauptsächlich ankam, der Leib des Gekreuzigten anfangs sehr klein sind, nach und nach größer werden und endlich eine Ausdehnung erreichen, wie die Bedingung ihres Gebrauches, d. h. die Tragkraft eines Mannes, sie nur erlaubte. Man sieht, anfangs genügte die Gewißheit ihres Vorhandenseins, der abstrakte Gedanke. Die Theilnahme des Auges, welche man von Seite der Gemeinde in steigendem Grade begehrte, brauchte als Uebergang eine im selben Maße sich mehrende kostbare Ausstattung, bis endlich durch jenen ein ästhetisches Interesse diese durchbrach, das statt der Kleinodien Kunstwerke, freilich ganz im Sinne der jedesmaligen Zeitperiode, verlangte. Der im Anfang sich geltend machende Gedanke erheischte nichts desto weniger im Bedürfniß der Andächtigen eine recht nachdrückliche Verkörperung, welcher nicht besser, als durch das Metall, das man als Stoff der Herstellung verwandte, genügt werden konnte. Die ältesten Crucifixe, wenigstens der Leib Christi an denselben, sind wol ohne Ausnahme von Bronze; — vielleicht waren die Kreuze selbst nur von Holz, worauf der Umstand zu deuten scheint, daß eben bei den ältesten Denkmälern dieser Art das Kreuz selbst meistens fehlt. Eine Vergoldung der bloßen Bronzegüsse war der erste Schritt zu deren weiterer Ausstattung. In welch reichem Maß bald auch Emailierung, die Zuthat von Perlen, Edelsteinen, später die Anwendung getriebenen, gravierten u. a. Schmuckes jene zu Pracht und Kostbarkeit erhob, wollen wir hier nur andeuten. Dem erwähnten ästhetischen Interesse genügten endlich Holz und Malerei, wodurch die Herstellung der Crucifixe aus der Hand der Goldschmiede — nicht gerade zu ihrem Vortheil — in die der Bildschnitzer und Maler übergieng.

Fig. 1. Fig. 2. Fig. 3.

Zur Würdigung der in Rede stehenden Kirchengeräthe als Kunstwerke lassen wir eine Beschreibung der unsrigen mit Hinzufügung einiger Abbildungen folgen. Die ältesten sind so roh, daß sie selbst der Merkmale ermangeln, um eine genaue Zeitbestimmung für ihre Entstehung zu ermitteln. Man erkennt ihre handwerksmäßige Herstellung. Obwohl Rundbilder, sind sie nur in einseitigen Formen gegossen, im Rücken hohl, was geschehen konnte, da sie hier am Kreuze anlagen. Die For men geben nothdürftig die Figur eines Menschen mit ausgebreiteten Armen und zusammengelegten Beinen. Mit der Feile ist oberflächlich nachgeholfen. Der Guß erinnert unwillkürlich an manche Gräberfunde der heidnischen Zeit; doch zeigt die Behandlung der Christusbilder, daß, wenn in der Zusammensetzung des Metalles vielleicht auch ein Zusammenhang sich erhalten hatte, viel spätere, namentlich byzantinische Vorbilder ihnen zum Muster gedient. So sind die Brustmuskeln, die Rippen, die Falten des Lendenschurzes in derselben Weise behandelt, wie bei Figuren, die wir nach anderweitigen Merkmalen in das 11. und 12. Jahrhundert versetzen müssen. Im Museum befinden sich zwei solcher Bilder; wir geben statt weiterer Beschreibung eines derselben in Abbildung und bemerken nur noch, dass es 12 Centim. hoch ist (Fig. 1 ). Ein drittes von derselben Größe zeigt, bei immerhin noch mechanischer Bearbeitung, doch bereits mehr künstlerische Durchbildung. Das Haupt ist gekrönt, im Uebrigen ist die Behandlung des Körpers wie die Legung der Falten denen der vorigen Figur gleich (Fig. 2 ). Mit Vergoldung tritt ein viertes größeres auf, an dessen Gestaltung bereits ein durchbrechender Sinn für Körper- und Gewandformen mitgearbeitet hat, wenn er auch noch im Bereiche des strengen byzantinischen Stils sich gehalten (Figur 3 ). Das geschlossene Auge, der verzogene Mund, dessen Oberlippe freilich allzu lang gerathen, erstreben ersichtlich schon einen Ausdruck.

Fig. 4. Fig. 5.

Zwischen diesem und den folgenden liegt ein Crucifix, in welchem Leib und Kreuz scheinbar aus einer Kupferplatte geschnitten sind, und zwar der erstere so, daß er nebst einigen verzierenden Rosetten in der Ebene des Metalls aus dem vertieften und mit Email ausgefüllten Grunde blos durch die Vergoldung erkennbar hervortritt. Zu vermuthen ist aber, daß hier, wie es auch bei andern Denkmälern der Zeit vorkommt, ein plastisch gebildeter Leib der blos umrissenen Fläche vorlag, und diese Vermuthung wird zur Wahrscheinlichkeit, wenn wir in Betracht ziehen, daß ohne einen solchen die am Platze der Nägelmale für Hände und Füße befindlichen, ziemlich großen Nietlöcher ohne Bedeutung sein würden, in der Vergoldung selbst sicher auch durch Gravierung eine Zeichnung angegeben wäre, die an anderen Stellen, wie in der Schrifttafel, im Nimbus u. s. w. nicht fehlt. Der emailierte Grund ist lasurblau mit gleichfarbiger, aber schattierter Einfassung. Der Nimbus ist von denselben Farben, doch mit einem rothen Kreuze belegt. Die Mitte der Rosetten ist zum Theil hellgrün mit gelbem Rande eingelassen. Die Schrifttafel am Kopfende, ebenfalls blau mit goldenen Buchstaben, enthält als Inschrift die Initialen IHS und darunter XPS. Dieses Crucifix, bei welchem Nietlöcher an den Rändern zeigen, daß es noch auf eine andere Unterlage, wahrscheinlich die Wand eines Reliquienbehälters, befestigt war, dürfte in das 12. Jahrhundert zu versetzen sein, wie auch ein anderes, welches den Gekreuzigten in einer Figur von halber Rundung vor der bronzenen Platte trägt (Fig. 4 ). Die letztere mißt mit der Spitze zum Einstecken in den Stab 41 Centim. in der Höhe, 25 Centim. in der Breite. Die vier Enden sind quadratförmig erweitert und mit gefaßten Steinen oder Glasflüssen besetzt, von welchen nur noch zwei übrig. Eine Vertiefung der ganzen Platte, die einen erhöhten Rand stehen läßt, scheint nur des letzteren wegen, nicht, wie man annehmen könnte, zur Aufnahme von Email da zu sein. Von letzterem ist wenigstens keine Spur zu sehen, wohl aber von der Vergoldung, die ehemals das Ganze überzog und auch vom Rande in die Vertiefung hinabreicht. Den Charakter der Figur vergegenwärtigt eine naturgroße Darstellung des Obertheiles (Fig. 5 ) in ihrer wohl durchgebildeten, aber noch streng byzantinischen Stilisierung.Fig. 6 zeigt die gravierte Rückseite mit dem Lamm in der Mitte und den Zeichen der Evangelisten auf den Endflächen. Das Kreuz war gebrochen und ist mit einer Kupferstange geflickt, wodurch das Gesicht des Engels gelitten hat. Der unterFig. 7 abgebildete Leib Christi, ebenfalls ein vergoldeter Bronzeguß, 13 Centim. hoch, zeigt in seiner bewegten Haltung bei immerhin noch conventionellen Formen eine Uebergangsperiode; ebensoFig. 8, bei welchem, um das ausgesprochene Urtheil sogleich zu begründen, unter Aufrechthaltung aller Formen der romanischen Periode, namentlich der Krone, doch schon die gekreuzten Füße vorkommen. Das Crucifix, seinem Grundbestandtheile nach dunkelfarbige Bronze, mißt 51 Centim. in der Höhe und 27 Centim. in der Breite. Es war vergoldet, wovon noch einige Spuren Zeugniß ablegen, auf den Flächen graviert, vorn mit zwei rothen und zwei blauen, ziemlich roh gefaßten Glasflüssen und auf der Vorder- und Rückseite mit wahrscheinlich emailierten Bildern verschiedener Art besetzt. Die Zeichnung des Ganzen gibt die beigefügte Abbildung. Leider sind manche Stücke abgerissen. Vier offene Stellen trugen wol die Bilder der Maria und dreier Engel. Die Schrifttafel enthält die Buchstaben IKS Ιησους Κυριος Σωτηρ wenn nicht vielleicht der Verfertiger sie aus JnrJ verdorben hat). Auf der Rückseite, die das romanische Ornament in größerer Ausbildung zeigt (Fig. 9 ), sind vier Platten in Form von Vierpässen abgerissen; die mittlere zeigt den seg nenden Heiland mit einem Buche. Der Kreuznimbus des letzteren ist hellblau, sonst alles Email lasurfarben und roth.

Fig. 6. Fig. 7. Fig. 8.

Das folgende Crucifix versetzt uns bereits in die gothische Zeit. Es hat einen Kern von Holz, den vorn und im Rücken getriebene Platten von vergoldetem Kupferblech bekleiden, während die Seiten ein schmaler, ähnlich verzierter Silberstreifen umgibt. Die Enden schließen vier auf ein Quadrat gelegte Vierpässe, deren Mitte eine runde Scheibe von dunkelblauem Glase einnimmt, während je vier farbige, gefaßte Glasflüsse im einschließenden Maßwerk angebracht sind. Den Grund des Heiligenscheins füllt eine Rosette. Die Figur des Gekreuzigten ist hohl, doch fast rund gegossen; das Haupt noch ohne Dornenkrone, doch der Leib bereits ganz naturalistisch mit magern Formen behandelt. Das Gewand ist punktiert. Die Schrifttafel, bereits ein fliegendes Band, enthält silberne Buchstaben, die Rückseite einfache, getriebene Ornamente, aus symmetrisch verschlungenem Ranken- und Blattwerk zusammengesetzt. Die Höhe des Crucifixes ist 55 Centim., die Breite 38 Centim. — Die Dornenkrone haben wir bereits bei einem Crucifix, welches im Uebrigen ähnlich zusammengesetzt ist, wie das vorige (Fig. 10 u.11 ). Nur hat es gravierte Ornamente innerhalb eines getriebenen Randes, vier Medaillons auf den Kreuzenden mit emailiertem Grunde und einen Eisenzapfen zum Einstecken auf den Stab. Die Medaillons enthalten oben das Lamm Gottes, zu den Seiten Pelikan und Löwe und unten die trauernde Magdalena, ersteres auf blauem, letztere drei auf schwarzem Grunde, sämmtliche Figuren bis auf den Pelikan mit größeren und kleineren Rosetten umgeben, die wie jene selbst durch das vergoldete und erhöht stehen gebliebene Metall gebildet werden. Auf den Enden der Rückseite sind die Zeichen der vier Evangelisten eingraviert, in der Mitte ist unter weißem Crystall eine Reliquie angebracht. Die Höhe ist ohne Zapfen 33 Centim., die Breite 25 Centim.

Fig. 9. Fig. 10.

In dieselbe Reihe gehört ein drittes, gleicher Weise zusammengesetztes Crucifix, dessen Balken durchaus profiliert sind und dessen Fläche auf Vorder- und Rückseite hochausgetriebene Halbfiguren enthält, auf jener oben und unten einen Engel, links Maria, rechts St. Johannes; auf dieser in Mitten den Erlöser thronend und segnend, umher die Zeichen der Evangelisten. Der Nimbus auf der Vorderseite ist länglich gezogen, einer Glorie ähnlich und mit Strahlen erfüllt, welche letztere, ver längert, sich auch durch die Ornamentation der ganzen Fläche hinziehen. Eine Kugel mit zwei auslaufenden Cylindern von vergoldetem Kupferblech diente zur Verbindung des Stabes und des Kreuzes. Die Höhe des letzteren ist 36 Centim., die Breite 26 Centim.