Diese Winke zur Beherzigung für Beamte in Provinzialarchiven verdienen gewiß alle Beachtung; wo man aber die Provinzialarchive durch die Sucht nach Concentration verstümmelt und die Archivare zu Conservatoren herunter decretiert hat, da ist die Lösung einer so schönen Aufgabe, wie sie Wilmans den Provinzial-Archivaren zuweist, eine Unmöglichkeit, die freilich der Geschichtswissenschaft nicht zum Vortheil gereicht.
Die tiefgehenden Forschungen, wie sie in unserem Werk niedergelegt sind, machen im Speziellen und im Ganzen den Eindruck wissenschaftlicher Vollendung, und ohne auf Einzelheiten eingehen zu können, glauben wir die Ueberzeugung aussprechen zu dürfen, daß die gewonnenen Resultate in beiweitem den allermeisten Fällen auf der Basis der rechten Erkenntniß beruhen.
Das Einzige, was wir an dem Werke aussetzen möchten, ist das Register. Denn einmal entbehrt es wenigstens an einer Stelle der Genauigkeit, da wir unter „Mainz“ nur die Erzbischöfe Sun derolt und Siegfried aufgeführt finden, während außer diesen doch auch noch Bonifacius, Lullus, Liutbert und Hatto hätten genannt werden sollen. Der Letztere wird im Verzeichniß gar nicht aufgeführt. Außerdem genügt unseres Dafürhaltens bei einer sonst so musterhaften Arbeit ein so einfaches Register wie das vorhandene nicht, und wir halten uns im Interesse der Wissenschaft zu dem Wunsche berechtigt, der Verfasser möge sein Werk durch Register krönen, wie wir deren z. B. in Stumpf’s Acta Moguntina sæculi XII. finden.
C. W.
22) Johannes Kepler. Vier Bücher in drei Theilen. Von Dr. Edmund Reitlinger, k. k. Professor am Polytechnikum in Wien; unter Mitwirkung von C. W. Neumann k. bayr. Hauptmann u. s. w.; und dem Herausgeber C. Gruner, k. württ. Ober-Justiz-Revisor u. s. w. Mit vielen Illustrationen. Im Selbstverlag des Herausgebers. Commissions-Verlag von Carl Grüninger in Stuttgart. 1868. 8. I. Theil. 224 Stn.
Wie vorzüglich durch das Verdienst des Herausgebers des vorliegenden Buches das Andenken eines der bedeutendsten Vertreter der deutschen Geistesgeschichte in dem Maße hergestellt worden, daß es ermöglicht ist, demselben ein großartiges Denkmal zu errichten, ist bekannt. Die Errichtung des Monuments hat die Abfaßung der Biographie Kepler’s mittelbar zur Folge gehabt und so dem ganzen Unternehmen eine ergänzende Seite hinzugefügt, die Charakter und Wirksamkeit des Mannes der allgemeinen Kenntniß noch näher bringt und somit nicht minder anerkennenswerth ist. Biographien Kepler’s sind schon früher erschienen, doch, soweit sie das ganze Leben umfassen, in wenig zugänglicher Gestalt, noch weniger erschöpfend. Ihr Hauptverdienst ist, manches Material, das sonst vielleicht verloren wäre, namentlich einen reichhaltigen Briefwechsel bewahrt zu haben. Die gegenwärtige Beschreibung aber beruht auf ganz neuen archivalischen Forschungen, die der Herausgeber mehre Jahre hindurch mit angestrengtem Eifer und unerwartetem Erfolge an allen Orten, an welchen der große Gelehrte gelebt und gewirkt, betrieben hat. Es wird uns erst jetzt das ganze Bild seines tief und reich bewegten Lebens mit allen feinen Schattierungen aufgedeckt, die aus dem Hintergrunde der Zeit auf dasselbe fallen. Wir sehen, daß Kepler so bedeutend als Mensch wie groß als Gelehrter war, und verfolgen seine Schicksale mit Interesse, auch wenn wir nicht im Stande sind, seine epochemachenden Entdeckungen im Einzelnen zu verstehen. Tief verwickelt in die allgemeinen geschichtlichen Ereignisse seiner Zeit, die er in seinen Briefen mit eben so großem Scharfblick wie unparteiischem Sinne begleitet, obwohl er selbst aufs empfindlichste davon betroffen worden, liefert sein Leben zur Aufhellung mancher damaligen Verhältnisse nicht unbedeutende Beiträge. Der erste Band behandelt dasselbe bis zu seiner Flucht aus der Gegenreformation des Erzherzogs Ferdinand und begleitet die zusammenhängende Darstellung mit zahlreichen Noten und urkundlichen Beilagen. Die bildlichen Zugaben sind ein Portrait in trefflichem Kupferstich, eine Photographie nach dem zu errichtenden Denkmal, Abbildungen von Oertlichkeiten, die in Bezug zum Gegenstande des Werkes stehen, ein Facsimile der Handschrift Kepler’s u. a.
v. E.
23) „Dem Landfrieden ist nicht zu trauen“. Fehde Mangold’s von Eberstein zum Brandenstein gegen die Reichsstadt Nürnberg 1516–1522. Charakterbild der rechtlichen und wirthschaftlichen Zustände im deutschen Reiche unmittelbar vor dem großen Bauernkriege. Herausgegeben nach urkundlichen Aufzeichnungen und Briefen im k. Archive zu Nürnberg von Louis Ferdinand Freiherrn von Eberstein, königl. preuß. Ingenieur-Hauptmann a. D. u. s. w. Nordhausen. Verlag von Carl Haacke, 1868. 8. 96 S.
Ein Charakterbild aus einer Epoche zu schöpfen, deren Charakter hauptsächlich darin bestand, allen Zügen desselben freien Lauf zu lassen, ist immer eine dankbare Aufgabe, um so mehr, als die speziellste Ausmalung stets so viel vom allgemeinen Geiste der Zeit geben wird, um das wissenschaftliche Interesse aufrecht zu erhalten. Das vorliegende Büchlein tritt in um so höherem Grade unter diesen Vortheil, als Personen darin spielen, die auch sonst in der Zeitgeschichte von Wichtigkeit wurden. Wie viele ähnliche Episoden aus kleinem Anlasse entsprungen, verzweigte sich der Streit des Mangold von Eberstein mit der Reichsstadt Nürnberg durch eine Reihe von Jahren bis in jene hinein und deckt die Zustände der damaligen staatlichen Gemeinschaft in fast erschreckender Nacktheit auf. Wir sehen die Mächte, die früher das Reich erhalten, bedeutungslos werden und vom Schauplatz zurücktreten, andere deren Stelle einnehmen, weil Gelegenheit und Vortheil ihnen gleichen Anlaß bieten, sich der Ordnung und Sicherung der Verhältnisse anzunehmen, nach welchen die Mehrheit der Reichsinsassen sich sehnt, sie zugleich aber auch die Richtung einschlagen, die später deren Aufkommen ebenso gefahrbringend macht, wie es früher erwünscht erscheinen mußte. Handgreiflich tritt uns die Ohnmacht des Kaiserthums und seiner Institutionen entgegen; die Ritterschaft ist zum Theil zum Brigantenthum herabgesunken; der engherzige Eigennutz der Städte bildet schon jetzt den Boden, auf welchem die Monarchie des 17. und 18. Jahrhunderts erwachsen konnte. — Die Fehde ist in Urkunden des Nürnberger Archivs fast vollständig beschrieben; diese sind daher hier der Reihenfolge nach abgedruckt. Für die Schwierigkeit, sich durch den endlosen Schwulst der damaligen Amtssprache hindurch zu lesen, entschädigt die Gewißheit, daß kein Zug des lebenvollen Bildes verloren geht.
v. E.