Nº 10.

October.

Wissenschaftliche Mittheilungen.

Zur Lage Böhmens beim Tode Kaiser Sigismund’s.

Mit dem Hinscheiden Kaiser Sigismund’s werden wir in einen der gewichtigsten und bedeutungsvollsten Momente der deutschen Geschichte eingeführt. Da mit diesem Fürsten zugleich die männliche Nachkommenschaft des luxemburgischen Hauses erloschen war, so trat für die Kurfürsten des Reiches die Nothwendigkeit ein, sich bei Wiederbesetzung des kaiserlichen Thrones nach einer andern mächtigen und angesehenen Familie umzusehen. Der Kaiser hinterließ nur eine einzige Tochter; sie war vermählt an Albrecht, den Herzog von Oesterreich aus der im besondern so genannten österreichischen Linie des habsburgischen Hauses, und Sohn jenes Albrecht’s IV., welchen seine Zeitgenossen das Wunder der Welt nannten. War diesem Fürsten auch, im Vergleiche mit dem Gesammtbesitze der steierisch-kärntnischen Linie, nur die kleinere Hälfte des habsburgischen Erbes zugefallen, so bildete diese doch, bei ohnehin günstigerer Lage, ein in sich abgeschlossenes und zusammenhängendes Gebiet. Albrecht konnte den Donaustrom, soweit dieser überhaupt das österreichische Land durchströmte, sein eigen nennen und hatte seinen Sitz in Wien, welches die Ereignisse schon seit lange zum Mittelpunkte des östlichen Deutschlands auserkoren hatten.

Durch die Hand der Elisabeth erhielt Albrecht zunächst die Anwartschaft auf Böhmen, welches Sigismund als Sprößling des königlichen Hauses besessen hatte, und sodann auf Ungarn, welches demselben durch seine erste Gemahlin Maria, die Erbin des Hauses Anjou, zugefallen war. Nach langen verworrenen Händeln und blutigen Fehden, nach mancher bedenklichen Wendung der Ereignisse, welche der mit lebensfrischer Kraft emporstrebenden Schöpfung der Babenberger nicht selten den Untergang drohten, schien endlich der Zeitpunkt gekommen, in welchem die Ostmark an die Spitze der Donauländer treten, Böhmen und Ungarn zu sich heranziehen und so eine Vereinigung, welche bis jetzt vergeblich mit den Waffen erstrebt worden war, auf dem friedlichen Wege eines glücklichen Ehebündnisses vollzogen werden sollte. Es fragte sich nur, ob das, was menschliche Absicht und fürstlicher Ehrgeiz mit mühevoller Sorgfalt und künstlicher Berechnung in zarten Fäden eingeleitet und verknüpft hatten, auch von den Völkern ruhig hingenommen, oder nicht vielmehr zum Feuerzeichen innerer Stürme und Umwälzungen erhoben würde. Das Schicksal entschied sich für den letzteren Weg. Noch ein Jahrhundert verfloß, ausgezeichnet durch großartige Charaktere und gewaltige Ereignisse, durch welche das Leben der drei Nationen bis in die untersten Schichten aufgewühlt wurde, bevor an den östlichen Grenzmarken Deutschlands der österreichische Staat die weltgeschichtliche Bedeutung erlangt hatte, welche ihm unter den europäischen Mächten eine der ersten Stellen zuwies.

In Ungarn zwar machte sich der Uebergang ziemlich leicht und ohne erhebliche Schwierigkeit. Obschon es an reizbarem Parteistoff im Innern keineswegs fehlte und die osmanische Herrschaft unter Amurat II. von Hadrianopel aus die bisherigen Beziehungen zu den benachbarten Staaten stark zu lockern anfieng, so hatte man sich doch bald über die Anerkennung der Tochter Sigismund’s als Königin von Ungarn verständigt, zumal man damals noch, wie uns Szalay entwickelt hat, ein einfaches Mittel fand, die Erbansprüche der Fürstin mit dem freien Wahlrechte der Nation in Uebereinstimmung zu bringen. Der ungarische Reichstag hatte überdem mit staatskluger Voraussicht die Gunst der Umstände dazu benutzt, seine eigene Stellung, wie die Freiheiten der Nation und die Gerechtsamen aller Stände und Körperschaften sicher zu stellen und den neuen König Albrecht durch bindende Zusagen an die Geschicke des Landes zu fesseln[173].

Anders in Böhmen. Die reaktionären Maßnahmen des Kaisers, welche offenbar gegen die von ihm selber eingegangenen Verträge gerichtet waren, hatten in der letzten Zeit das Mißtrauen der hussitischen Parteien von neuem wach gerufen, und die Persönlichkeit Albrecht’s, der zwar im Rufe eines zuverlässigen und redlichen Mannes stand, aber zugleich für einen entschiedenen Anhänger der alten Kirche galt, war nicht geeignet, ihre Besorgnisse zu verscheuchen. Schon vor dem Tode Sigismund’s hatten sie ihre Blicke nach Polen gerichtet; jetzt trat diese Hinneigung offen hervor, und an dem Wahltage selber kam es zu stürmischen Auftritten. Zwar erhielt die habsburgische Partei, welche namentlich auch unter den Reichsverwesern überwiegend vertreten war, die Mehrheit für sich; aber nur mit der äußersten Mühe konnte sie die immerhin sehr starke hussitische Minderheit vorläufig noch von gewaltthätigen Schritten zurückhalten. Sie musste sich zur Annahme von acht Artikeln verstehen, welche dem Herzoge von Oesterreich gewissermaßen als Wahlcapitulation vorgelegt werden sollten, und von deren Genehmigung die gegnerische Partei die Anerkennung Albrecht’s als Königs von Böhmen abhängig machte[174]. Die Dinge hiengen demnach noch immer sehr in der Schwebe, und die öffentlichen Zustände blieben verhängnißvoll.

Es stand zu erwarten, daß Palacky diesem Zeitpunkte die sorgfältigste Aufmerksamkeit zuwenden würde, und in der That hat er in seiner Darstellung alle einzelne Bestandtheile und Momente berührt, welche uns versteckte wie offenliegende Triebfedern der Parteien, die wechselnde Stimmung der Gemüther und die nach außen wie nach innen zweifelhafte Lage Böhmens vergegenwärtigen können. Aber auch den ungarischen Geschichtschreibern ist die Wichtigkeit der damaligen, die spätere Zeit vorbereitenden Ereignisse keineswegs entgangen. Namentlich hat der gewissenhafte und gründliche Teleki, wenn schon von seinem Standpunkte aus mit geringerer Ausführlichkeit, aber immer mit fester Hand und deutlichem Ziele, die Fäden der Ereignisse aufgesucht, welche sich zuerst auf böhmischem Boden entwickelten und nachmals auch auf Ungarn einen bedeutenden Einfluß ausübten[175]. Eben deswegen bleibt jede bis jetzt verborgen gebliebene Nachricht oder Mittheilung über die bezeichnete Periode, möge sie nun festgestellte Thatsachen neu bestätigen, oder anderweitige Beziehungen und Nebenumstände aufhellen, von Bedeutung und geschichtlicher Wichtigkeit. Aus diesem Grunde erlaube ich mir, eine in den Gegenstand einschlagende Orginalurkunde zu veröffentlichen, welche in dem Archive des germanischen Museums aufbewahrt wird.

Am Abende des 27. December 1437 nämlich, desselben Tages, an welchem die Königswahl und die Vereinbarung mit der hussitischen Partei stattgefunden hatte, erließen die Reichsverweser ein Sendschreiben an den Kurfürsten von Sachsen, dessen wortgetreuer Inhalt der folgende ist: