Die Sammlung des germanischen Museums bietet allerdings solcher Kostbarkeiten nicht gerade viele, doch befinden sich unter den Reliquiengefäßen manche, die einer eingehenderen Besprechung würdig sind, und deren Veröffentlichung wol als willkommener Beitrag zur Geschichte dieser Alterthümer zu betrachten ist.

Das größte und bedeutendste Denkmal dieser Art in der Museumssammlung ist der große Schrein, in welchem ehemals die Reliquien des deutschen Reiches Aufbewahrung fanden, der im Anzeiger, Jahrg. 1861, Sp. 437 ff., beschrieben und abgebildet ist, und von dem wir daher hier absehen, ebenso wie von dem Reliquiarium, das aufSp. 3 ff. des gegenwärtigen Jahrganges besprochen wurde.

Fig. 1.

Unter den übrigen Behältern tritt uns als ältester eine ovale, mit flachgewölbtem Deckel versehene, niedere Büchse entgegen, welche wir zwar für ein Falsifikat halten, die jedoch, in Bronze gegossen und vergoldet, einem Originale direkt nachgebildet ist. Eine Reihe von Pilastern mit Füßen und Kapitälen, an die rheinische Kunst des 11. und 12. Jahrhunderts erinnernd, steht rings um die Büchse und zwischen denselben einzelne Figuren. Der Deckel ist glatt und nur von einem Ornamentkranze umsäumt. Wenn wir uns nicht irren, und der Gegenstand, nach unserer Annahme, wirklich ein Falsifikat ist, so war das Original ohne Zweifel von getriebener Arbeit. Die Büchse ist 14 Centim. lang, 5 Centim. breit und mit dem Deckel 8 Centim. hoch.

Verfolgen wir die chronologische Reihe, so kommen wir an die Stirnseite eines mit einem Satteldach abgeschlossenen Kästchens von rheinischem Email, das von besonderer Sorgfalt der Arbeit und Schönheit der Zeichnung zeugt und noch durch einige kleine Edelsteine geziert ist. Es gehört dem 12. Jahrh. an. Aus dem 13. Jahrh. stammt wol ein höchst interessantes Gefäß, eine orientalische Glasschale, verwandt jenen zwei Prachtgefäßen im Domschatze von St. Stephan in Wien, das ehemals, wie jene, zur Aufbewahrung von Erde aus geheiligter Stätte gedient haben mag. Später, nachdem die Lesung der kufischen Inschriften uns vielleicht nähere Aufschlüsse wird gegeben haben, werden wir eingehender auf das Glasgefäß zurückkommen. Wir betrachten nun ein Kästchen, das inFig. 1 abge bildet ist und wol dem Schlusse des 13. Jahrh. angehört. Es ist oblong, mit vier hohen Füßen versehen, mit einem Satteldache bedeckt und hohem Firstkamme geziert. Das Kästchen ist so gefertigt, daß zwei kurze und zwei lange Kupferplatten, die unten ausgeschnitten, mit einer fünften, dem Boden des Kästchens, durch Zapfen und Oehre unter einander verbunden sind. Zwei rechteckige und zwei giebelförmige dreieckige Platten bilden das Dach, das, um ein Charnier sich drehend, ganz geöffnet werden kann. Aus diesen Kupferplatten sind mit einem Meißel Felder herausgenommen und Figuren stehen geblieben. Die Felder sind mit Email, und zwar vorzugsweise rothem, blauem und weißem, ausgefüllt; Gravierungen in den Figuren vollenden die Zeichnungen. Nach der Emaillierung wurde das stehengebliebene Kupfer vergoldet, so daß alle Zeichnungen golden auf blauem und rothem Grunde erscheinen. Der hohe, gleichfalls vergoldete Firstkamm ist noch von drei Stangen überragt, an denen sicher ehemals Krystallkugeln sich befanden. Die Darstellungen, welche sich zeigen, sind an der vorderen Dachfläche unter einer Arcatur angebracht, die spitzbogig und mit Nasenwerk verziert ist. Es befinden sich in zwei Feldern die Verkündigung, im dritten die Heimsuchung und im vierten die Geburt Christi. Die Rückseite des Daches, wie die beiden Langseiten des Kästchens, zeigen drei Medaillons, in denen je ein Engelsbrustbild zu sehen ist. Die Schmalseiten des Kästchens enthalten je ein solches Medaillon, während in den Giebeln des Daches ähnliche Engel in die dreiseitige Umrahmung eingepaßt sind. Das Kästchen ist ziemlich roh in der Anordnung und Ausführung; es ist das Produkt einer handwerksmäßigen Thätigkeit, die viel und rasch fabricierte. Wir glauben daher nicht zu irren, wenn wir den Ursprung in Limoges und die Zeit der Anfertigung im Schlusse des 13., vielleicht erst im Beginn des 14. Jahrh. suchen. Das Kästchen ist 16 Centim. lang, 7 Centim. breit, 16 Centim. hoch.

Fig. 2.

Entschieden dem 14. Jahrh. gehört ein zweites Kästchen an, das aus einer Kirche zu Nördlingen erworben wurde und inFig. 2 abgebildet ist. Es ist aus Holz gefertigt, oblong, mit steilem Dache, das nach vier Seiten hin abfällt. Gepreßte und durchbrochene, ehemals vergoldete Bleireliefs bedecken das ganze Kästchen. Man sieht, daß diese Reliefs, in einzelnen Stücken gefertigt, beliebig aufgesetzt sind, weshalb sie willkürlich um die Ecken gebogen und zerschnitten wurden. Es kommen folgende Model vor: die Zeichen der vier Evangelisten in runden Medaillons, in liegende Rechtecke gefaßt, in denen die Zwickel durch Ornamente ausgefüllt sind; dann je zwei Löwen in runden Medaillons, in ein gemeinsames längliches Viereck gefaßt; ferner je drei geflügelte, drachenartige Bestien mit Menschenköpfen in Vierpässen, alle drei in einem langen Rechteck, in den Zwickeln Ornamente. Der First ist mit drei Kugeln besetzt; ebenso die vier Grate mit je dreien. Das Kästchen steht auf vier einfachen Füßen. Untergelegte Fransen aus Seide hängen aus dem untern Rande desselben, sowie aus der Metallbekleidung des Firstes herab. Ein Schloß, welches ehedem den Verschluß bildete, ist abgerissen. Man hätte wohl das Kästchen mit demselben Rechte, mit dem es hier in die kirchlichen Alterthümer eingereiht ist, unter die profanen stellen können. Die Zeichen der vier Evangelisten sind das einzig specifisch Kirchliche, und bekanntlich war ja auch die profane Kunst nicht so profan, daß sie derartiges ausgeschlossen hätte. Das sehr hübsche Kästchen, dessen gepreßte Verzierungen insbesondere schön und charakteristisch gezeichnet sind, ist, wie das vorige, das Produkt einer in Masse für die Märkte arbeitenden Geschäftsthätigkeit. Auf den Märkten kaufte es ebenso die Edelfrau für Aufbewahrung ihres Schmuckes, wie es die Kirchenverwaltung für Aufbewahrung ihres Schatzes — der Reliquien erwarb. So findet sich außer diesem, direkt aus dem Besitze der Kirche in Nördlingen in unser Museum übergegangenen Exemplar ein zweites, vollkommen identisches in dem Domschatze zu Brixen. Unser Kistchen ist 36 Centim. lang, 17 Centim. breit und 23 Centim. hoch.

Fig. 3.

Ein anderes Reliquiarium des 14. Jahrh. besteht aus einem senkrechten Krystallcylinder mit erweitertem Aufsatz, der durch ein rundes konisches Thurmdach bekrönt ist. Ein einfacher, rund aufsteigender Fuß mit einem durch einen Knauf unterbrochenen Stiele trägt den in durchbrochenes und gepreßtes Metall gefaßten Cylinder (Fig. 3 ). Das Gefäß ist sehr elegant und zierlich und, wenn auch einfach, so doch ein guter Repräsentant der Goldschmiedearbeit des 14. Jahrhunderts. Es ist 24 Centim. hoch.

Nürnberg.