Bis zum Jahre 1854 waren die in der Kirche erhaltenen Stoffe im Allgemeinen wenig beachtet und den Alterthumsfreunden schwer zugänglich, in verschiedenen Kapellen in roher Weise an die Wände genagelt, oder lagen in Kisten und Truhen oder geheimen Wandschränken in den vielen Räumen der großen Kirche versteckt. Erst allmählich kamen sie wieder an’s Licht. Es ist nicht unmöglich, daß deren noch andere gefunden werden.

Seitdem hat der Küster A. Hinz, voll des wärmsten Interesses für die Kunstdenkmale der seiner Obhut anvertrauten Marienkirche, dieselben geordnet, in drei verschiedenen Räumen besser aufgestellt, sorgt für ihre Erhaltung und ist unablässig bemüht[21], dieselben zur verdienten Anerkennung zu bringen. Derselbe hat kürzlich auch den Hofphotographen Fr. Gust. Buße in Danzig veranlaßt, alle diejenigen Paramente, welche durch Form des Gewandes, Beschaffenheit oder Muster des Stoffes, Kunst oder Technik der Stickerei sich auszeichnen, in möglichst großem Maßstabe, zum Theil in Originalgröße, photographisch abzubilden und auf diese Weise auch entfernten Freunden der Kunst des Mittelalters zugänglich zu machen. Eine Anzahl solcher Abbildungen: verschiedener arabischer Stoffe, Stickereien der Borten eines Chormantels, der aurifrisiae einer Casel, beide aus dem 15. Jahrhundert, die parurae von zwei Schultertüchern (amictus), die Borte eines prachtvollen Antipendium aus dem 14. Jahrhundert mit 17 gestickten Heiligenbildern und verschiedener anderer Stickereien liegen bereits vor und lassen in ihrer Ausführung nichts anderes zu wünschen übrig, als auch die Wiedergabe der Original-Farben[22].

Danzig.

K. Bergau.

Bietet Agricola in den ersten beiden Theilen seiner Sprichwörter ursprünglich nur 748 Nummern?

Friedrich Hasenow theilt im Anzeiger 1867, Sp. 278 f. die dankenswerthe Beobachtung mit, daß in der Hagenauer Ausgabe der Sprichwörter Agricola’s vom Jahre 1534 Nr. 602 vollständig fehle, die Zählung mithin von 601 gleich zu 603 übergehe. Er scheint daran sowohl der Fassung als dem Titel seiner Mittheilung nach die Vermuthung zu knüpfen, daß ein ähnlicher Irrthum in sämmtlichen Ausgaben Agricola’s wiederkehre. Dies ist aber keineswegs der Fall, und somit dürfte Hasenow’s Mittheilung nach beiden Seiten ἅμα πρόσσω καὶ ὀπίσσο einer Ergänzung bedürfen. Ich selbst bin augenblicklich nur der ersten Hälfte dieser Aufgabe gewachsen; hoffe aber, daß das freundliche Eintreten J. Franck’s, dessen prüfendem Auge ich diese Zeilen zuerst unterbreite, gleichzeitig mit mir ein, wie Hasenow mit Recht bemerkt, in jedem Falle erwähnenswerthes Factum auf’s Reine bringen werde.

Die Hagenauer Ausgabe von 1529 hat die fragliche Lücke nicht. Die Gruppe der Sprichwörter, welche bloße Vergleichungen enthalten, umfaßt die Nummern 598–619. Was aber in der Ausgabe von 1534 unter Nr. 601 sich findet: „Geel wie ein wachß“, ist hier (1529) bereits Nr. 602; und so folgt denn auch ohne weitere Lücke Nr. 603: „Weysser denn schnee“. Voraus aber gehen ohne Irrthum in der Zählung Nr. 598. Er wirt so bleych wie ein asche, ascherfarb. 599. Weyß wie ein kreide. 600. Schwartz wie die erde. 601. Blaw wie der hymel. —

Ich halte billig jede Vermuthung zurück, wie etwa der Irrthum in der Zählung der Ausgabe von 1534 und wahrscheinlich auch der späteren Drucke könne entstanden sein; die Sorgfalt meines Freundes wird diese Lücke meiner Darstellung mit leichter Mühe auszufüllen wissen.

Nur zwei Worte gestatte ich mir noch im unmittelbaren Anschluß an Hasenow’s Mittheilung.

Hasenow nennt meine Untersuchung über Agricola’s Sprichwörter eine sorgfältige. Diese Sorgfalt hat sich augenscheinlich in der Vergleichung der Ausgaben von 1529 und 1534 schlecht bewährt; ich habe eigentlich nur aus Chr. C. am Ende ausgeschrieben, der mir alles hier zur Frage Stehende im wesentlichen erschöpft zu haben schien. Zweitens entschuldigt Hasenow das bisherige Uebersehen der Lücke an mir wie andern Forschern mit dem begründeten Hinweis, daß diese Vergleichungen (Nr. 598 ff.) nach allen Richtungen am wenigsten Interesse darbieten. Vielleicht aber hat die Gruppe auch abgesehen von dem sprachlichen Gewinn noch einen relativen Werth; sie charakterisiert gewissermassen die drei Sammlungen, die wesentlich von Agricola abhängen; die sogen. erste Egenolffische vom Jahre 1532, deren Autor kein Geringerer als S. Franck ist; die Klugreden von 1548–1615 und die zu Campen in den Niederlanden unter dem Titel Gemeene Duytsche Spreckwoorden 1550 erschienene Sammlung.