Zeitschrift für Ethnologie. Organ der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie u. Urgeschichte. Unter Mitwirkung des.. Vorsitzenden... R. Virchow herausgegeben von A. Bastian u. R. Hartmann. Elfter Jahrgang, 1879. Heft IV u. V. Mit Taf. XIV u. XV. Berlin, 1879. 8.
Das Gräberfeld bei Gerdauen. Von A. Hennig. — Miscellen.
Literatur.
Neu erschienene Werke.
9) Die Holzbaukunst. Vorträge an der Berliner Bauakademie gehalten von Dr. Paul Lehfeldt. Berlin, Julius Springer. 1880. 8. VIII u. 274 Stn. mit Illustrationen.
Wenn es von Interesse ist, zu vergleichen, wie eine Kulturperiode sich auf den verschiedensten Gebieten in verwandter Weise befruchtend thätig zeigt, und wie alles, was sie geschaffen, einen gemeinsamen Stempel trägt, so ist auch hoch interessant zu untersuchen, wie ähnliche Aufgaben von den verschiedensten Kulturperioden gelöst worden sind, wie ein und dasselbe Material zu allen Zeiten Verwendung gefunden und welche Gemeinsamkeit die Erzeugnisse eines solchen Gebietes sich durch alle Kulturperioden bewahren, wie weit also ganz besonders der bestimmende Einfluß der Aufgabe und des Materials gegangen ist. Dies auf dem wichtigsten Gebiete des Lebens, jenem des Baues, insbesondere des Wohnhausbaues, mit dem seit den urältesten Tagen des Menschengeschlechtes vorzugsweise dazu verwendeten Materiale zu versuchen, hat sich der Verfasser in seinen Vorträgen zum Ziele gesteckt. Der Werth einer solchen Untersuchung beruht natürlich zunächst darauf, daß die Eigenschaften des Materials untersucht und der aus denselben sich von selbst ergebende Einfluß auf die Konstruktion und Formengebung festgestellt werde, welcher sich ganz gleichmäßig unter allen Kulturverhältnissen geltend machen muß, um so zu erkennen, was gleichmäßig durch alle Kulturperioden sich an den Werken wiederfinden muß; in zweiter Linie steht sodann die Aufgabe, zu untersuchen, wie fügsam sich das Material auf der anderen Seite den verschiedenen Kulturströmungen und Kunstanschauungen zeigt, und welche Verschiedenheiten sich demgemäß in der Lösung der Aufgaben allenthalben erkennen lassen.
Wenn wir nun heute die Erscheinung vor uns haben, daß als „Kunst“ nur die Handhabung gewisser Formen, die auf den Schulen gelehrt werden, gilt, daß das aber das Volk, das nicht in der Bauschule gebildet ist, sich in naiver und eigener Weise des Materials bedient und so eine volksthümliche Kunst der akademischen gegenübersteht, ein Verhältniß dessen Verschwinden sicher durch Werke wie das vorliegende befördert wird, so ist es für den denkenden Fachmann doch hochinteressant, zu sehen, welche Fülle trefflicher Motive die naive Behandlung zu unserer Zeit in dem bildsamen Materiale gefunden, andererseits aber, wie auch zu anderen Zeiten sich die naive Anschauung bewährt hat; wie diese mitunter es war, die dem Boden der Kunst allein Nahrung gab; wie wieder zu anderen Zeiten ihre Formenwelt mindestens gleichberechtigt neben jener stand, die sich aus der Arbeit mit anderen Materialien entwickelte; besonders lehrreich aber ist, zu sehen, was sich als naturgemäßes Resultat der Eigenschaften des Materials gleichmäßig allenthalben wiederfindet, und wie weit darin Konstruktionsmotive ohne eine gesuchte äußerlich schulgemäß festgestellte Formenwelt zu künstlerisch höchst wirksamen Bildungen hinführen, so daß der Holzbau ein Gebiet darstellt, auf welchem die heute mit so viel Aufwand und wenig Erfolg ventilierte Stilfrage vollständig verschwindet.
A. E.
10) Die medicinischen Classiker Deutschlands. Von Heinrich Rohlfs. Zweite Abtheilung. Stuttgart, Verlag von Ferdinand Enke. 1880. Gr. 8. 566 S.
Für jeden, welcher sich mit geschichtlichen Quellenstudien befaßt und weiß, welchen Zeitaufwand die Herbeischaffung, Durchdringung und Ordnung des Materials verlangt, wenn alle Vorarbeiten fehlen, ist der zweite Band des vorliegenden umfassenden Werkes in unglaublich kurzer Zeit erschienen, freilich nicht zu früh, wenn wir in Anschlag bringen, daß damit nur ein weiterer Schritt zur Ausführung des großen Planes gethan ist, eine vollständige Geschichte der deutschen Heilkunst überhaupt zu liefern. Der neuerschienene Band behandelt die klassischen Vertreter derselben vom Ende des vorigen und aus dem Beginn dieses Jahrhunderts. Wir übergehen hier die Namen derselben, die ja doch nur in Fachkreisen bekannt sind, zu deren Würdigung aber auch der Laie an der Hand des Verfassers sich gerne wird führen lassen. Wir begnügen uns, abgesehen vom entlegenen Stoffe, auf die Vorzüge der wissenschaftlichen Behandlung desselben hinzuweisen, die an sich geeignet ist, jenen näher zu bringen und ein weiter gehendes Interesse zu erregen. Denn bis jetzt hat sich kaum eine Stimme gegen den Irrthum erhoben, in welchem fast ohne Ausnahme die Behandlung der Kulturgeschichte im allgemeinen, wie besonderer Sparten derselben sich befindet, indem sie annimmt, der Gesammtgehalt ihres Gegenstandes habe sich einfach weiter entwickelt und es bedürfe nur einer Darlegung der mitwirkenden Ursachen und der besonderen Gestaltung ihres Erfolges, um unter stillschweigender Voraussetzung der Hauptsache die Aufgabe für vollzogen zu erachten. Und doch überzeugt ein unbefangener Blick sich gar bald, daß jede Entwickelung oft genug von bloßen Zufälligkeiten bedingt und unterbrochen wird und nicht selten die werthvollsten Errungenschaften einer früheren Epoche in späterer Zeit verloren gehen. Was wir als Hauptaufgabe jeder Geschichtschreibung bezeichnen möchten, die positiven Elemente vergangener — keineswegs stets einfach überwundener Bildungsstufen wenigstens für die Wissenschaft zu retten, hat Rohlfs in seinem Buche in glänzender Weise vollzogen. Wir erfahren nicht nur, daß und wie seine Klassiker etwas geleistet, sondern auch und vor allem, was sie geleistet. Er geht dabei so ins Einzelne ein, daß wir uns sehr wundern müßten, wenn nicht auch der reine Praktiker Vieles daraus lernen könnte; seine Schilderungen, in welchen er das Biographische in umfassendem Maße mit berücksichtigt, runden sich zugleich zu so kunstgerechter Plastik, daß, wie bemerkt, auch der Laie sie gerne betrachten und mit Staunen wahrnehmen wird, wie vielleicht in Tagen, in welchen er selbst geboren, ein Heroengeschlecht gelebt hat, das uns als Vorbild dienen könnte. — Kleine Verwechslungen, wie auf Seite 225 der „Inder Sakontala“ statt Kalidaso, sind lapsus calami, die den nicht stören werden, der den Zusammenhang auffaßt.