Es würde hier Anlaß gegeben sein, auf einige Gewohnheiten der mittelalterlichen Künstler im allgemeinen hinzuweisen und zu untersuchen, wie weit überhaupt der Grad der Glaubwürdigkeit mittelalterlicher Bilder geht; denn es tritt hier in dem Barte des Achilles derselbe Zug hervor, welcher den Schreiber des Textes unseres Codex veranlaßt hat, bei dem Kampfe auf fol. 35 v. und 36 r. die Helme der Könige mit Kronen noch auszustatten, welche der Zeichner vergessen, und die sie doch sicherlich im Kampfe nicht trugen. Mag es auch im Sinne des Mittelalters wie der antiken Welt gelegen haben, anzunehmen, daß sich die Heerführer, die Könige und Fürsten durch besondere Tapferkeit auszeichneten, so lag es doch sicher nicht mehr in der Taktik des 14. und 15. Jahrh. begrün det, daß ein äußerlich sichtbares Zeichen den Feldherrn im Kampfe jedem Knechte der Gegner verrieth, und daß er ihren Geschossen und den Angriffen aus der Ferne ebenso ausgesetzt war, wie den ritterlichen Waffen der ebenbürtigen Gegner. Er durfte also kein Zeichen auf dem Helm tragen, so wenig als es irgend einer List bedurft hätte, den Achilles zu erkennen, wenn er so aus den Jungfrauen sich herausgehoben hätte, wie auf unserem Bilde. Wir gehen jedoch auf diese Frage besser erst später ein, wenn die Betrachtung der Bewaffnung dieses Codex sowie jenes zweiten, von welchem sofort die Rede sein wird, uns noch eine Reihe ähnlicher Züge vor Augen geführt hat, die uns veranlassen, zu untersuchen, wie weit wir berechtigt sind, sichere Schlüsse zu ziehen, und wie gerade ein Theil der Mängel jener Abbildungen daraus hervorgeht, daß deutlich zu verstehendes Sprechen in der Absicht der Maler und Zeichner lag.
Das Museum besitzt in einem, höchstens ein halbes Jahrh. jüngeren Codex einen überaus interessanten Schatz, nämlich eine Reihe ganz paralleler Darstellungen in dem Codex Nr. 998, welcher des Konrad von Würzburg trojanischen Krieg enthält, aus dem wir auf Sp. 265, 266 des vorigen Jahrgangs die Befrachtung eines im Hafen liegenden Schiffes wiedergegeben haben. Dieser zweite Codex reiht sich den merkwürdigsten Bilderzyklen des Mittelalters an.
Auf vortreffliches Papier in groß Folio-Format geschrieben, enthält er viele Illustrationen, die zum Theil über zwei Seiten weggehen. Was das Buch besonders werthvoll für die Kulturgeschichte macht, ist einerseits der reiche Inhalt, anderseits aber die genaue Datierung. Dasselbe enthält, unmittelbar an den trojanischen Krieg anschließend, als zweites Stück den Wilhelm von Orlens des Rudolf von Montfort, als drittes den Herzog Ernst und trägt am Schlusse die Worte: Schriptum et completum est per me Heinricum de Steynfurt, Clericum Osnaburgensum Anno domini M o cccc o xlj mo Sabbato ante festum Purificacionis gloriose virginis Marie. Deo gracias.
Wir haben also genaue Daten, welche sowohl nach Ort als Zeit Vieles feststellen lassen, was in anderen Darstellungen unbestimmt bleiben würde, und es ist deshalb ganz besonders gerechtfertigt, daß wir heute und später eine Reihe der Darstellungen aus diesem Bande veröffentlichen.
Fig. 4. Fig. 5.
Die Illustrationen des Bandes begleiten nur die beiden ersten Stücke. Die phantastischen Erzählungen des dritten Stückes haben den Zeichner, der allen seinen Bildern Erscheinungen aus dem Leben zu Grunde gelegt hat, nicht gereizt. Die Zeichnungen sind leicht hingeworfen, aber feiner als im vorhin erwähnten Codex. Es sind meist sehr dünne, leichte Striche. Sicherheit der Hand bildet nicht des Künstlers vorzüglichste Begabung; denn eine gewisse Aengstlichkeit tritt in den feinen Strichen da und dort zu Tage. Er hat oft angesetzt, ohne große, lange Linien zu ziehen, manche Linie nochmals überzeichnet, da, wo sie krumm geworden, durch eine zweite daneben gestellte verbessert. Aber es ist auch hier keine Spur von Vorzeichnung mit Bleistift oder sonst einem vertilgbarem Materiale zu sehen. Der Illustrator hat offenbar die Sachen erst während des Aufzeichnens mit der Feder erdacht. Dadurch haben, trotz ängstlicher Kleinlichkeit der Linienführung in vielen Einzelheiten, die Bilder im Ganzen eine große Frische. Man sieht, daß die Unsicherheit nur die Führung der ersten Linien jeden Bildes beeinträchtigte. Sobald einmal etwas auf dem Papiere stand und der Künstler daran anknüpfen konnte, gieng das Weitere ihm leicht von der Hand; er zeichnete die eigenthümlichsten perspektivischen Verkürzungen des menschlichen Körpers mit Verständniß. Er brachte selbst da und dort trotz der Einfachheit der Behandlung, Gefühl und Harmonie in den Ausdruck der Gesichter wie in die Linienführung des Faltenwurfes. Aber der Strich bleibt immer dünn; wo er in einzelnen Bildern stärker auftritt, scheint der Grund mehr an stumpf gewordener Feder zu liegen, als an kräftige rer Führung derselben. Dagegen hat der Zeichner, wenn das Bild nach und nach entstanden war, die Schraffierung zu Hilfe genommen, um einzelne Flächen von einander abzuheben, oder eine Form, die durch die Zeichnung allein nicht genügend sich abgerundet hätte, noch mehr abzurunden. Auf die Zeichnung legte der Meister leichte Töne als Schattierung und Kolorierung, zunächst einen Tuschton, der die Tiefen und Theile der Färbung hervorheben mußte, wie die Streifung des Pelzes u. A., aber ziemlich leichthin aufgetragen ist. Ebenso leichthin aufgetragen, aber auch in ganz leichten, dünnen Tönen gehalten erscheint der Auftrag der übrigen Farben, ebenfalls wie eine Schattierung behandelt; nirgends ist auf den Figuren ein Lokalton der Gewänder oder dergl. angelegt, selbst nicht des Fleisches. Wie der graue Tuschton als Schattenton erscheint, so auch alle andern Farbtöne. Das lichte Blau deckt nur einen dünnen Schattenton auf die Tiefen der Falten eines blauen Kleides, ebenso das lichte Karminroth oder Gelb. Das oft vorkommende Eisen der Bewaffnung ist ebenfalls blau schattiert, wie die blauen Gewänder. Nur ein Olivgrün ist als Färbung der Masse sowohl für Bäume, als für den Boden benützt und tritt energischer auf, als alle andern Farbtöne. Wirklich energisch aber tritt der Zinnober bei dem vielen Blute auf, welches im trojanischen Kriege vergossen wird, zu dessen Anbringung aber der Künstler keiner Vorzeichnung mehr bedurfte, da es als letzte Vollendung zu den Bildern hinzutrat, nachdem er mittlerweile die Sicherheit gefunden, die ihm bei den ersten Linien der Zeichnung jedes Bildes fehlte.
Daß der Schreiber des Codex auch die Bilder gezeichnet hat, geht wol aus der eben angeführten Schlußschrift hervor; aber sie sind nicht mit dem Texte zugleich, mindestens nicht mit derselben Tinte, sondern mit einer verschieden stark verwendeten Tusche gezeichnet. Auch finden wir keinen Anhaltspunkt, daß sie vorher auf dem Papiere standen und der Text sich erst anschloß, vielmehr dürfte jedes Bild erst nach Fertigstellung des Textes der betreffenden Seite gezeichnet und koloriert worden sein.
Wenn auch die Erzählung einen ganz andern Wortlaut hat als im erstgenannten Codex, so sind doch die Scenen theilweise ganz ähnlich dargestellt, und ein Vergleich auch in dieser Richtung ist nicht ohne Interesse.
Heinrich von Steinfurt hat jener Scene, wie Ulisses den Achilles erkennt, zwei Bilder gewidmet. Im ersten ist er und Diomedes soeben angekommen. Ihr Schiff mit Waaren liegt am Ufer, und König Lycomedes kommt mit seinen Töchtern, unter denen Achilles verkleidet sich befindet. Wie hier bei uns, so geht auch im Original das Bild über zwei Seiten weg (Fig. 2,3 ). Im folgenden,Fig. 4, ist der Krämer bei seiner Bude, und Achilles, durch kriegerische Musik angeregt, greift nach dem Harnisch.
Aber nicht nur der wandernde Kaufmann brachte Waaren zum Jahrmarkte. In den Städten selbst waren Kaufleute angesiedelt, in deren Gewölben die verschiedensten Waaren aufgestapelt lagen. Da mag der Künstler ähnliche Bilder gesehen haben, wieFig. 5 ein solches darstellt, wenn die Jugend der Stadt, beiderlei Geschlechtes, sich Geschenke einkaufte. Allerdings ist hier die Scene anders gemeint. Die Paare sind nicht Liebespaare, wenn sie auch so erscheinen. Es ist die Theilung der trojanischen Beute dargestellt, und auch die Jungfrauen sind Beutestücke, welche den Helden zugetheilt werden, gleichwie das Geld, die Töpfe und Tücher, die Pokale und Kästchen. Mit solcher Beute wurde das Schiff beladen (Sp. 265 des vor. Jahrg.), das sie mit sammt dem Erworbenen in die Heimat zurücktragen soll.