A. Essenwein.

König Wilhelm von Holland in einer florentinischen Inschrift.

Das Vorkommen von Namen deutscher Kaiser und Könige in toscanischen Inschriften ist äußerst selten. Schon um deswillen würde die Nennung Wilhelms von Holland in Florenz Interesse wecken; dieselbe hat aber um so größere Bedeutung, weil sie von der guelfischen Gesinnung der Stadt Zeugniß ablegt. Im J. 1250 hatte, infolge der Fehden der Adelsfactionen, der Bürgerstand sich constituiert und sich eine militärische Verfassung gegeben. An die Spitze der Milizcompagnieen wurde der Volkshauptmann, Capitano del popolo, gestellt, und für denselben ein Burgpalast gebaut, der als Palazzo del Podestà noch heute in der Gestalt, welche das 14. Jahrhundert ihm gab und das 19. nach Wegräumung verunzierender Umänderungen in alter Würde und Schönheit wiederherstellte, als eines der ansehnlichsten mittelalterlichen Bauwerke dasteht, der Tradition gemäß von einem deutschen Architekten, welcher Arnolfo’s di Cambio (di Lapo) Lehrer gewesen sein soll. In die Wand des Grundgeschosses des Palastes ist eine nicht große Marmortafel mit einer Inschrift in sogenannten gothischen Lettern eingelassen, welche des Beginns des Baues im J. 1255, der damaligen „Weltherrscher“ und der städtischen Behörden, wie des glücklichen Zustandes der Gemeinde gedenkt. Die Inschrift, mehrfach gedruckt, aber wenig beachtet, beginnt:

Summus Alexander sanctus quem mundus adorat

Cum pastor mundi regnabat rexque Guilelmus

Et cum vir splendens ornatus nobilitate

De Mediolano de Turri sic Alamannus

Urbem florentem gaudenti corde regebat u. s. w.

Wer weiß, ob der deutsche König oder Kaiser, wäre er ein Staufer gewesen, genannt worden wäre neben Papst Alexander, Rinaldo de’ Conti, dem Verwandten Innocenz’ III. und Gregors IX.? Aber der Graf von Holland, welchen Innocenz IV. im Jahre zuvor „plantulam nostram nostrisque manibus consitam“ genannt, und dessen Wahl sein Legat Cardinal Pietro Capocci zu Stande gebracht hatte, welcher auch der Belagerung des dem neuen Könige die Thore verschließenden Aachen beiwohnte, war auch dem guelfischen Florenz genehm, welches überdies von dem fernen, ohnmächtigen Nachfolger der Ottone, Lothare, Heinriche und Friedriche nicht belästigt zu werden befürchtete. Kaum war die Inschrift fünf Jahre alt, so hätten die Reisigen König Manfreds sie lesen können, die nach der Schlacht von Montaperti (4. Sept. 1260) in die von den Guelfen geräumte Stadt einzogen, als Rex Guilelmus längst auf friesischem Eise den Tod gefunden hatte, welcher nicht ein Jahrhundert später einen andern Grafen von Holland, auch Wilhelm geheißen, aber nicht aus demselben Hause, durch die Waffen desselben Volkes ereilte. L. Passerini, der florentinische Historiker, welcher die Inschrift in einem Aufsatz über den Palazzo del Podestà (wieder abgedruckt in den Curiosità storico-artistiche fiorentine, Bdchn. I., Flor. 1866) mittheilt, macht aus dem „Rex Guilelmus“ einen „Guglielmo di Nassau.“ Eine eigenthümliche Exemplification des „Coming events cast their shadows before.“

Burtscheid bei Aachen.