Die Sammlung der Handschriften, die mit Miniaturen und Handzeichnungen ausgestattet sind, welche das germanische Museum besitzt, kann sich zwar nicht mit den ähnlichen Be ständen alter, großer Bibliotheken, jene der Handzeichnungen nicht mit älteren Kunstsammlungen messen. Als das germanische Museum begründet wurde, war die Zeit zum Sammeln nach beiden Richtungen vorüber. Was etwa noch in den Handel kam, wurde meist mit Preisen bezahlt, die es unserer Anstalt unzugänglich machten. So ist nach den genannten beiden Richtungen hin der Bestand der freih. von Aufseß’schen Sammlungen nicht sehr wesentlich gemehrt worden. Nichtsdestoweniger ist denn doch Manches vorhanden, was in künstlerischer Beziehung als eine Perle bezeichnet werden kann, die zwischen anderen Sachen wie in einer goldenen Fassung steckt, und die verschiedenen Darstellungen enthalten außerordentlich reiches Material zur Kulturgeschichte. Glücklicher ist das Museum in Bezug auf die gedruckten Bücher mit Illustrationen aus dem 15. und 16. Jahrh., wie in Bezug auf Holzschnitte und Kupferstiche, nach welchen Richtungen mit Glück umfassende Erwerbungen hatten gemacht werden können. Selbst in Bezug auf Gemälde waren die Bemühungen des Museums von günstigerem Erfolge vor allem dadurch begleitet, daß die kgl. bayer. Staatsregierung aus ihren Beständen dem Museum Vieles überließ. So sind auch auf diesem Gebiete manche „Perlen“ der Sammlung des Museums einverleibt worden. Vor allem war aber bei der Auswahl die kulturgeschichtliche Bedeutung der Bilder maßgebend, und manches Bild ist zur Erläuterung kunstgeschichtlicher Fragen von Wichtigkeit, wenn es auch als Kunstwerk nicht den ersten Rang einnimmt.

Fig. 1.

So ist reiches wissenschaftliches Material in den bildlichen Darstellungen aufgehäuft, das alle Gebiete der Kunst- und Kulturgeschichte berührt. Ebensolches aber befindet sich auch in den Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg, die, im germanischen Museum bewahrt, eine Gemäldesammlung, eine Sammlung von Handzeichnungen, Kupferstichen und Holzschnitten umfassen, zu der kostbare plastische Werke, Glasgemälde u. v. A. hinzukommen, die neben ihrem Kunstwerthe auch kunstgeschichtliche Bedeutung haben, und deren Darstellungen gleichfalls eine Fülle kulturgeschichtlich interessanter Beiträge für die wissenschaftliche Forschung bieten. Freilich ist unter allen diesen Schätzen von Darstellungen auch Manches, was nicht gerade als neu gelten kann, aber doch immerhin nicht zu unterschätzende neue Beispiele und Belege für Folgerungen gibt, die bereits aus anderen Quellen gezogen sind. Insofern der Anzeiger die Aufgabe hat, unbekanntes Quellenmaterial zur Veröffentlichung zu bringen, und in erster Linie auf den Bestand des Museums eingehen und daraus bringen soll, was in irgend einer Beziehung interessant ist, liegt allerdings die Veranlassung nahe, nunmehr die bildlichen Quellen zur Kulturgeschichte einmal eingehend zu prüfen und daraus Manches zu veröffentlichen. Allerdings wird dabei nicht die Veranlassung vorliegen, zu jedem Bilde eine umfassende Erläuterung zu geben. Wie so manche schriftliche Quelle genügend für sich spricht und der Fachmann auch ohne Erläuterung sie gerne hinnimmt, so auch hier. Nur weil unser Blatt nicht ausschließlich einem bestimmten Kreise von Gelehrten angehört, sondern Vertreter der verschiedensten Fächer, selbst absolute Laien zu seinen Freunden zählt, müssen wir dann und wann nicht den Kunstgelehrten, nicht den Forscher auf dem Gebiete der Waffen und Trachten oder anderer Zweige der Kulturgeschichte, sondern die Laien darauf aufmerksam machen, wie Manches, was ihnen im Einzelnen unbedeutend erscheint, doch für die wissenschaftliche Forschung werth ist, beachtet zu werden.

Fig. 2.

Soweit es sich hier um die bildlichen Quellen handelt, die aus Handschriften geschöpft sind, liegt für uns keine Veranlassung vor, die literarische Bedeutung der betreffenden Handschriften zu beleuchten. Zum Theil ist dies schon geschehen; denn wir werden auf manchen Codex zurückzukommen haben, der bereits im Anzeiger besprochen, oder an anderer Stelle von competenten Gelehrten gewürdigt worden ist. So weit dies noch nicht geschehen, mögen literargeschichtliche Forscher dies noch thun. Nur wo sich etwa aus dem textlichen Inhalte eine Erklärung für die kulturgeschichtliche Bedeutung ergibt, haben wir Veranlassung, darauf einzugehen.

Fig. 3.

Es dürfte wol kaum ein Gebiet der Kulturgeschichte sein, für welches nicht neue Quellen aus unseren bildlichen Darstellungen erschlossen werden. Welche Fülle schöner Motive liegt in so vielen Initialen, und welche Beiträge zur Kunstgeschichte vom 10. bis 17. Jahrh. liegen darin! Welche reiche Quelle für die Geschichte der Trachten, des Schmuckes, der Waffen fließt aus diesen Bildern! Welche merkwürdige Illustration erhält das häusliche Leben auf der Burg, im Kloster, wie im Bürgerhause! Das Leben auf den Strassen der Stadt, wie auf der Landstrasse wird beleuchtet; Handel und Verkehr treten uns vor Augen. Zur Geschichte der Mechanik bieten sich die interessantesten Beiträge. Die christliche Ikonographie, die Heraldik erhalten Förderungen.

Es würde nun allerdings die Versuchung nahe liegen, chronologisch oder nach einzelnen Gebieten das gesammte Material systematisch vorzunehmen; wir fürchten jedoch, daß nur der jeweilige Fachmann dadurch befriedigt würde, glauben dagegen, daß die Mehrzahl der Leser uns mehr Dank wissen wird, wenn wir, dem Charakter einer Zeitschrift entsprechend, eine etwas bunte Reihe folgen lassen.

Die Fülle des Materials erstreckt sich aus fast alle Zeiten vom 10.-17. Jahrh. — allerdings ist die älteste Zeit weniger reich vertreten als die spätere — und auf alle Gebiete des Lebens. Wir greifen hier in Fig. 1 nur ein Motiv heraus. Es ist einem hebräischen Manuscripte, einer Hagada vom 14.-15. Jahrh. entnommen: ein Zug wandernder Leute, wie sie oft die Landstraßen bevölkert haben mögen, zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen, von bewaffneten Fuhrleuten geleitet, theilweise selbst Waffen tragend, die Frauen hinter den Männern auf dem Pferde, die Kinder, soweit sie nicht selbst schon mit dem Stabe wandern, auf dem Kopf und in Rückenkörben getragen, das Gepäck theils in Ballen auf dem Kopfe der Wanderer, theils auf Maulthiere geladen. Es ist kein Kunstwerk, das uns in den rohen Zeichnungen entgegentritt, die im Originale noch roher coloriert sind; aber welch lebendiges Bild zeigt sich uns, sicher werth, als Beitrag zur Kulturgeschichte veröffentlicht zu werden. Und solcher Bilder sind es genug! Es ist gleichfalls eine außerordentlich flüchtige Zeichnung aus der ersten Hälfte des 15. Jahrh. in Fig. 2 aus einem Manuscripte von Konrads von Würzburg trojanischem Kriege, die uns das Beladen eines Schiffes, das Leben am Meeresufer zeigt. Aber auch mehr in das Einzelne führt uns manche Zeichnung. Ist es nicht eine reizende Zeichnung (Fig. 3), die eines Doppelpokales mit dem Monogramm IM., das Israel von Meckenen führt, wobei der kulturgeschichtliche Werth nicht berührt wird durch die Frage, ob die Zeichnung von der Hand dieses Meisters herrührt.

Fig. 4.