Die interessanten Vorlagen für Goldschmiede, Gürtler und andere Handwerker aus dem 16. Jahrh. erfreuen sich gerade heute besonderer Beachtung von Seite der Propaganda für Veredelung des Kunstgewerbes; sie sind aber auch interessante Beiträge zur Kulturgeschichte. Die in Fig. 4 abgebildete Schnalle, welche Theodor de Bry gestochen, läßt uns lebhaft wünschen, daß jede andere Einzelheit der Tracht uns ebenso genau gezeichnet vorläge, so dass manche Frage der Kostümgeschichte gelöst wäre, welche heute noch offen ist.

Die Ausbeute dieses reichen Schatzes wird, selbst wo Aehnliches aus andern Quellen schon veröffentlicht ist, doch sicher dem Freunde der Kulturgeschichte hochwillkommen sein; und so rechnen wir auf freundliche Aufnahme, wenn wir nach und nach Vieles daraus bringen. Auch auf die hier gegebenen Beispiele werden wir zurückkommen.

Nürnberg.

A. Essenwein.

Raritäten eines schlesischen Kirchenschatzes.

Im Anzeiger von 1874 habe ich bereits einige Inventarien der Pfarrkirche ad SS. Wenceslaum et Stanislaum zu Schweidnitz veröffentlicht, ohne dabei auf einige Merkwürdigkeiten einzugehen, über welche ich anderweitige Angaben hier und da verzeichnet gefunden. Die wichtigeren davon seien nunmehr im Folgenden zusammengestellt.

Unter den Genossenschaften, welche ihre eigenen Kapellen mit Altarministerien längs der Seitenschiffe genannter Kirche besaßen, zeichnete sich die Marienbruderschaft der Bürger, wenigstens so lange der katholische Kultus der herrschende war, durch Mitgliederzahl, prächtig ausgestattete Kapelle mit (heute trümmerhaftem) großem Klappaltar, zu der man auf einer herrlichen, steinernen Balustrade emporstieg, Privilegien, Ablaßbriefe, Kleinodien und Reliquiarien vornehmlich aus.[362] Die Mehrzahl der letzteren entstammte einer Schenkung des Ulrich von Hasenberg,[363] Herren „in Budina,“ welche sein Blutsverwandter, der Breslauer Bischof Jodocus von Rosenberg (1456–67) durch Urkunde d. d. Neisse Nov. 21. 1464 bestätigte. (Schw. Pf.-A.) Die von seinen Vorgängern (predecessores) überkommenen Heiligthümer waren nachstehende: Primo reliquie Christi: de ligno domini, de mensali dni., de purpura dni., de collumpna flagellacionis, de pane (!) in cena dni. relicto cum apostolis, de presepe dni., de loco, ubi Christus crucifixus est, de aurea porta, de terra sancta, de virga Moisi. (!) Secundo reliquie b. Marie virginis[364]: de capillis b. Virg. (!), de peplo euisdem ... Reliquie apostolorum: Petri, Pauli, Andree, de tunico Johannis ap. et evang. Bartholomei, Jacobi maioris, Jacobi, Philippi, Thome, Mathie, Simonis et Jude ... Reliquie sctor. patronorum martirum: Viti, Wenceslai, Sigismundis, Adalberti, Procopii confessoris, Cosme et Damiani, Ludmille, X milium militum,[365] Georgii Laurencii ... Reliquie confessorum sctor.: Augustini, Dionysii, Antonii, Erasmi, Martini ... Reliquie Virginum: XI M. Virginum, Katherine, Barbare, Benigne, Apollonie, Marthe, Marie Magdalene .... Reliquiae Viduarum sctar.: Anne, matris Marie, Hedwigis, de pallio S. Elizabeth. — Ueber die Kultgeräthe fanden sich dagegen nur folgende Angaben: „der silberne Kelch hot an gewicht 2 margh ½ lot; der vorgulte .. 4 margk ehrlich. (gewogen 17. Juli 1555); mehr ein kleyn vorgult pacifical mit 14 roten corallen; heilthum de sancta cruce, X milia militum.“ Die beiden Kelche renovierte 1629 der Goldschmied Caspar Andris für 3 Symbol: Reichstaler  25 gr. Derselbe Meister richtete 1630 die Monstranz zu, vergoldete den Melchisedek und setzte ein venedisches Glas hinein (8 Symbol: Reichstaler  27 Gr.); 1632 beschlug er ein für 9 Symbol: Reichstaler  erkauftes Missale mit Silber, 43 Loth an Gewicht (21 ½ Symbol: Reichstaler ).[366] Die 1629 vom Kannengießer Balth. Beer verfertigten Leuchter wogen 36 Symbol: Pfund )[367] (Probationes zum Bürgerchor im Pf.-A.). Was von all dem noch gegenwärtig vorhanden, hatte ich nicht Gelegenheit festzustellen. Manches mag bei der schwedischen Occupation der Stadt 1642 verloren gegangen sein.[368]

Unter den Schätzen der Kirche selbst sei zunächst ein historischer hervorgehoben, der Mantel der Herzogin Agnes († 1392), Gemahlin Bolko’s II., welcher nach der Tradition 1330 den Grundstein zum Neubau des Gotteshauses gelegt hatte. Der Mantel war 1644 noch vorhanden (Inventarium post hostem) und wurde neben den Kelchen, Patenen, Naviculä, Kaselen etc. im Obergewölbe der Sakristei aufbewahrt. Nach der Abbildung ihres hölzernen Epitaphs (1757 bei Beschießung der Stadt zerstört) in Luchs’ Schles. Fürstenbildern 29 c war er blau und mit Hermelin gefüttert. Hinter diesem Kleidungsstücke steht verzeichnet (Inv. a. a. O.) ein roth geblümter, alter, sammeter Himmel, eine Stiftung des Breslauer Bürgers H. Bockewitz, welcher dem Schweidnitzer Magistrate eine Schuldforderung von 36 Gulden 1483 abtrat „zcu eynem hymmel, den man czewgen (anfertigen) sal vnd tragen in des heiligen leychnamsz woch vber dem heyligen sacrament.“ (Stadtb. III, f. 93). An alten Chorröcken besaß die Kirche 1644 37 Stück. Die Supellex templi residentiae soc. Jesu von 1651 (Pf.-A.) nennt folgende Kostbarkeiten: Ein vergoldetes Kreuz mit Reliquien, welches der eingegangenen Thorkirche St. Wolfgang entnommen war; eine große perlene und von vergoldetem Draht verfertigte kaiserliche Krone, welche vom Begräbniß des Grafen Schlick mit dem Spolio bekommen; eine andre dergl. Krone mit ganz güldenen Spangen von der Leiche der Sibylla v. Pannewitz; einen silbernen, vergoldeten Kelch mit weißen Zieraten (ist ein Meisterstück, wägt 4 Mk. 4 Lot) von der Erbschaft des Joh. Fränle; drei Meßgewänder von Brokat, herrührend aus den Sachen des schwedischen Kapitäns (Caspar Drostvol?), welche nach Wiedereroberung der Stadt Schweidnitz allhier gefunden worden und Graf Stahremberg uns zum Gottesdienste assigniret. Sub voce Reliquiaria und Agnus Dei: Ein Bildnis U. L. Frauen de Misericordia, welches seliger P. M. Cromerus der Residenz verlassen, das er mit sich aus Niederland gebracht, dessen Fuß schwarz gebeizt und mit Reliquien in silbernen Spangen versetzt; im silbernen Mond ein guter orientalischer Topazius, welcher aus der Schatzkammer von Mantua herrühret[369]. Bilder: Auf Kupfer gemalet Maria und Joseph, ein Bild des letzteren „auf Bergamen gemahlt;“ ein Moskowitisch Altärlein (wovon das Museum schlesischer Alterthümer eine ansehnliche Zahl enthält,) zusammengelegt, mit dem Bildnis U. L. Frauen und der griechischen Patriarchen, verlassen von Charis. Joh. Wolffstein; imagines 4 or nostrorum Sanctorum in lanella aurea super lignum nigrum extensae. Musikalische Instrumente: Drei Posaunen von 1642, eine Feldtrompete, welche die Schweden aus dem Rathhaus sollen genommen haben; sie entführten auch die Discantgeige und ein weißes Regal. Der gen. Wolffstein hinterließ auch: Schöne, gelbe, saubere Frauenhaare zur Zier U. L. Fr. Bild — (Bei einer Schnitzerei in einer der südlichen Kapellen der Breslauer Elisabethkirche haben die Holzfiguren auch natürliches Haar!) — und eine blechene Laterne mit Moskowitischem Glas, welche man zusammenlegt.

Noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts war der Reichthum der Schweidnitzer Pfarrkirche außerordentlich, und der poetische Lobredner der Stadt Nic. Thomas (Encomion Swidnicii. Lipsiae, 1597. S. 15) konnte noch sprechen von einer gewaltigen Zahl von Truhen für die kostbaren Kelche und andere metallische Kultgeräthe, von Kaselen für jeden Festtag des Jahres, von einem Bilde des Heilands, strahlend von Gold und mit Smaragd besetzt. Das Schicksal dieser Kostbarkeiten zu verfolgen, ist mir noch nicht möglich gewesen. Viele mögen bei dem Uebergange des Gotteshauses in lutherische Hände antiquiert oder anderweitig verwendet worden oder während der mannigfachen Kriegsdrangsale[370] der Stadt abhanden gekommen sein.

Bunzlau.