(Köln. Volksztg., Nr. 314.)
138) München, 8. November. Das Bayer. Nationalmuseum hat im Laufe dieser Woche eine zwar etwas seltsame, aber in historischer und künstlerischer Hinsicht sehr interessante Bereicherung erfahren. Es sind 12 Zinnsärge aus der Fürstengruft von Lauingen, welche Herzog Wolfgang von Pfalz-Neuburg 1565 in der dortigen Pfarrkirche hatte erbauen und darüber zum Andenken an seine 1563 dahingeschiedene Mutter Elisabeth ein schönes Mausoleum hatte errichten lassen. Es blieb dieses fortan die Begräbnißstätte der Pfalz-Neuburger Linie. Im Jahre 1781 fand auf Befehl des Churfürsten Carl Theodor, da nach München Anzeige erstattet worden war, daß man einige Särge erbrochen und der Kleinodien theilweise beraubt gefunden habe, eine Eröffnung und Untersuchung dieser Gruft durch einen Spezialhofkommissär und viele zugezogene Zeugen statt, und wurden die an den Leichen vorgefundenen Pretiosen zu Handen der Hofkommission genommen, nachdem eine genaue Beschreibung des Befundes der Leichen in den einzelnen Särgen stattgefunden hatte. Die Pretiosen wurden auf Befehl Carl Theodor’s der Akademie der Wissenschaften zur Aufbewahrung übergeben, von wo sie nach Gründung des Bayer. Nationalmuseums durch Baron von Aretin in diese Sammlung verbracht wurden. Hier befinden sich dieselben im Saale VI der Renaissanceabtheilung und dienen fortwährend unseren modernen Goldschmieden als Muster und Vorbilder für ähnliche Arbeiten. Im Jahre 1846 wurde die Gruft wiederholt eröffnet, da man Senkungen des Gewölbes der Gruft wahrgenommen hatte, fand aber die Särge theilweise ganz aufgerissen und in einer Unordnung, als wären Räuber plündernd eingedrungen und hätten nach vollbrachter Plünderung den Ort eiligst verlassen. Möglich, daß in den franzöischen Kriegen eine Soldatenhorde die Gruft erbrochen und noch geraubt hat, was zu rauben war. Die 1781 durch Einbalsamierung noch mumienartig erhaltenen Leichen fand man jetzt in Staub und Asche versunken. Im Jahre 1877 wurde auf höchsten Befehl die Vereinigung sämmtlicher Gebeine in einen großen Steinsarkophag beschlossen, und der Direktor des Bayer. Nationalmuseums, v. Hefner-Alteneck, erhielt den Auftrag, die Särge noch einmal zu untersuchen und die kunstvoll gearbeiteten für das Bayer. Nationalmuseum zu übernehmen. Bei dieser Gelegenheit fand derselbe in einzelnen Särgen sowohl für Historienmaler, als für die Geschichte der Textilindustrie höchst merkwürdige Ueberreste von Prachtkostümen mit sehr reichen Dessins, die bis jetzt noch dem Luftzuge ausgesetzt sind, um später neben jenen Kleinodien aufgestellt zu werden. Die Zinnsärge selbst (es sind 5 große und 7 Kindersärge) tragen meisterhafte Gravierungen, welche Inschriften, feinstilisierte Wappen und Christusbilder darstellen. Trefflich sind auch die höchst charakteristischen Bärenköpfe, welche die Ringe zum Tragen im Rachen halten.
(Augsb. Postztg., Nr. 265 nach d. A. Abdztg).
139) Aus Bacharach, den 22. September, schreibt man der Coblenzer Zeitung: Beim Reparieren eines Kellers fand ein Bauer hiesiger Gegend etwa 50 Stück gut erhaltener Goldmünzen, alle in Blei verpackt, aus den Jahren 1450–1520. Es sind sogenannte Goldgulden und von meist verschiedener Prägung, darunter: mone. no. aurea stutgardi + ulricus. dux i. wirtemberg: Stuttgarter Goldmünze vom Herzog Ulrich von Würtemberg; mone. no. aurea 1508 + jacob. arch. ep. mo.: Goldmünze vom Erzbischof Jacob von Mainz 1508; mone nova aurea bonne. + k. mat[457] elct. eccle. colon.: Goldmünze vom Kurfürsten Karl Mathias von Köln, in Bonn geprägt; monet. nov. francf. 1500 + maximilianus roma. rex.: Goldmünze von Maximilian, in Frankfurt geprägt 1500; moneta nova aurea comitis tyrol + sigism. archi. dux aust.: Goldmünze der Grafschaft Tirol vom Erzherzog Sigismund von Oesterreich; philip. pal. be. elect. impe. 1500 + ave (Maria gratia) eb. plena dn. tecu.: Goldmünze vom kaiserliche Kurfürst Pfalzgraf Philipp dem Edelmüthigen mit dem Bildniß der heiligen Maria und der Umschrift: Sei gegrüßt, Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit Dir.
(Numism.-sphrag. Anzeiger., Nr. 10.)
140) Die Schletter’sche Buchhandlung in Breslau gibt bekannt, daß sie ein Exemplar der ersten sog. September-Ausgabe der Luther’schen Uebersetzung des Neuen Testamentes vom Jahre 1522 besitzt, in welchem sich auf der Rückseite von Blatt CVII, auf dem leeren Papier unter dem Schlusse der Apostelgeschichte, ein handschriftliches, 16zeiliges Fragment einer nicht wörtlichen Uebersetzung von Matthaeus XXVI, 1 u. ff. in niedersorbischer ( niederlausitzischer ) Sprache befindet.
Soweit die durch dortige Fachgelehrte angestellten Untersuchungen ergeben, sei dieses Fragment aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, mithin älter, als das bekannte Manuscript der königlichen Bibliothek zu Berlin, die Bibelübersetzung von 1560, die bisher für das älteste Denkmal dieser Sprache galt.
Das Exemplar selbst ist durchaus vollständig und von den Angaben Brunets (V, 754) und Eberts (No. 22661) dadurch abweichend, daß es vor der Offenbarung ein leeres Blatt und in der Offenbarung statt der erwähnten 20 blattgroßen Holzschnitte nach Lucas Kranach 21 enthält. Es trägt Spuren des Gebrauches, ist von anderer alter Hand (ebenfalls 16. Jahrh.) an mehreren Stellen beschrieben, mehrere Blätter ohne Verlust eingerissen, und nur an einem Blatte fehlt ein kleines Stück des untern Theiles eines Holzschnittes mit einem größeren des weißen Randes. Am Schluß ziemlich stark wasserfleckig, am Anfang leicht wurmstichig. Die Buchhandlung sieht Preisangeboten bis zum 1. December cur. entgegen.
141) Der ausgewählte Kunstnachlaß des als vorzüglicher Kunstkenner und Sammler bekannten Kunsthändlers Wilhelm Eduard Drugulin in Leipzig, der im Laufe dieses Jahres verstorben ist, wird durch die Kunsthandlung von C. G. Börner in Leipzig am Montag, den 1. Decbr., und den folgenden Tagen öffentlich versteigert. Der in der Officin des Verstorbenen in bekannter meisterhafter Weise hergestellte Katalog, welcher durch den Lichtdruck des altflorentinischen Niello: die Krönung und das Leben der Maria, nach dem einzig bekannten, im Kataloge unter Nr. 1382 aufgeführtem Exemplare, geziert ist, enthält eine große Reihe kostbarer Seltenheiten, meist von vorzüglicher Erhaltung, aus allen Schulen, namentlich von alten Meistern; darunter sehr viele Ornamentstiche. Wir heben aus dem reichen Inhalte besonders hervor die typographische Ausgabe der Ars moriendi von Nicolaus Götz von Schlettstadt, Buchdrucker in Cöln (1474–1478), von welcher außer diesem nur noch 2 Exemplare (leider beide im Auslande befindlich) bekannt sind; die außerordentlich reichhaltige Collection von Stichen des Joh. Jak. de Boissieu, welche nur ausgewählte, alte und schöne Abdrücke enthält; die Radierungen von Allart van Everdingen; die seltene italienische Ausgabe von Holbein’s Todtentanz (Lyon, 1549); das alte Testament mit den ersten 4 Blättern des Todtentanzes und 90 biblischen Darstellungen von Holbein (Leiden, 1539); einige vorzügliche Blätter von Israel van Meckenen (darunter B. 148. 152. 178. 185); 50 Blätter Tarokkarten von einem altvenetianischen Meister (Pass. V, 119–126); eine Reihe italienischer Niellen; eine ausgezeichnete Sammlung von Blättern Adrian von Ostade’s, welche Drugulin mit besonderer Vorliebe sammelte; das Werk von Gg. Friedr. Schmidt, auf dessen Grundlage Drugulin die Herausgabe eines beschreibenden Verzeichnisses beabsichtigte; eine Anzahl schöner und seltener Blätter von Martin Schongauer; die Radierungen von und nach Dav. Teniers, von welchen Drugulin gleichfalls ein beschreibendes Verzeichniß herauszugeben beabsichtigte, u. a. m. An das Verzeichniß der Kupferstiche reiht sich eine Anzahl interessanter alter und neuer Kupferwerke und Kunstbücher, denen sich die Handbibliothek des Verstorbenen, welche einen selten vorkommenden Reichthum von Katalogen aufweist, anschließt. — Der Kunstnachlaß Drugulin’s, dessen Kataloge von Porträten und kulturgeschichtlichen Blättern unentbehrliche Quellen für alle Sammler bilden, wird übrigens durch diese Auktion nicht erschöpft; verschiedene, zum Theil sehr umfangreiche Sammlungen: Porträte merkwürdiger, durch Lebensschicksale, Thaten oder Unthaten berühmter oder berüchtigter Menschen, ferner Karikaturen, kulturhistorische und fliegende Blätter, alte interessante Ansichten, dann viele auf Preußen und speziell auf Berlin bezügliche Darstellungen und endlich eine größere Anzahl alter minderwerthiger, aber guter Kupferstiche, sowie schöner moderner Radierungen, sollen — wo möglich, nach der Auktion — im Ganzen, oder nach Materien getrennt, aus freier Hand verkauft werden.
142) Der „deutsche Herold“ hat in Berlin eine Ausstellung eröffnet, die eine Fülle interessanter, meist seltener Alterthümer aus den Gebieten der Heraldik, Sphragistik und Genealogie umfaßt und auf’s neue auch dem dortigen Publikum zeigt, auf welcher Höhe der Kunst ehemals die heraldische Zeichnung wie Plastik standen, und daß Meister wie Dürer, Holbein, die Beham u. A. kostbare heraldische Werke schufen, daß die ersten Künstler ihrer Zeit im Mittelalter jene Siegel stachen, die uns die wichtigsten Quellen für das Studium der Plastik jener Zeit, wie für die Waffen- und Kostümgeschichte sind, wie kunstvoll die Ausstattung der Stammbäume, der Stammbücher des 16.-18. Jahrh. erfolgte, und wie der Schmuck der Gebrauchs- und Luxusgegenstände mit heraldischen Darstellungen zu sinniger Verzierung führte.