(Nordd. Allg. Zeit., Nr. 499 nach dem Naumburg. Kreisblatt.)
135) In der „Vegesacker Wochenschr.“ schreibt Herr S. A. Poppe in Bremen: In der Sitzung des naturwissenschaftlichen Vereins zu Bremen am 3. d. Mts. wurde von Herrn Lehrer F. Borcherding eine Urne vorgezeigt, die derselbe für die städtische Sammlung in Bremen erworben hatte. Dieselbe ist ziemlich gut erhalten, aus Thon an schwachem Feuer gebrannt und, obwohl sie nicht auf der Drehscheibe hergestellt ist, doch regelmäßig geformt und mit Buckeln und Linienornamenten sehr geschmackvoll verziert. Neben verbrannten Menschenknochen fanden sich darin ein aus 2 starken um einander gewundenen Bronzedrähten hergestellter Armring, ein eisernes Messer von ungewöhnlicher Form und eine eiserne Nadel. Die Urne stammt von dem bei Gelegenheit der Sandgewinnung für den Bau der Blumenthaler Kirche auf dem der Heidmann’schen Sommerwirthschaft zunächst gelegenen Grundstücke des Herrn Gloistein aufgedeckten Urnenfriedhof. Es war dem Unterzeichneten leider nicht vergönnt, diesen interessanten Friedhof zu untersuchen, doch wurden die zuerst gefundenen Urnen von dem Besitzer für die städtische Sammlung erworben und Herr Heidmann schenkte derselben eine Urne von dem in seinen Besitz übergegangenen Grundstück. Auf dem angrenzenden Terrain sind dann verschiedene Urnen beim Bau der Häuser gefunden worden, von denen die Sammlung einige erworben hat, während sich andere noch im Privatbesitz befinden sollen. Somit befindet sich der größte Theil des Fundes in Bremen an einer Stelle, wo er den Alterthumsforschern und dem sich dafür interessierenden Publikum zu jeder Zeit zugänglich ist.
In den Urnen des Blumenthaler Friedhofes haben sich mancherlei Beigaben gefunden, die jedoch durchweg schlecht erhalten sind, weil sie zugleich mit den Leichen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Neben Messern und Nägeln aus Eisen und Heften aus Knochen finden sich Spangen, Pfriemen, Gürtelschnallen und Ringe aus Bronze, Glasperlen, eine Menge verschmolzenen Glasschmelzes von grüner, rother, gelber und blauer Farbe, sowie Stücke von Weihrauch. Die meisten Urnen sind geschmackvoll mit Buckeln und eingedrückten Ornamenten versehen, doch finden sich auch solche von einfacherer Form. Eine genauere Datierung des Fundes ist erst nach sorgfältiger Vergleichung der Beigaben mit denen anderer Urnenfriedhöfe möglich; doch ist schon jetzt mit Bestimmtheit zu sagen, daß derselbe nicht älter als 1700 Jahre ist.
(Bremer Courier, Nr. 311.)
136) Hohenhameln, 28. Juli. Das bei der Windmühle von Clauen jüngst aufgefundene Leichenfeld ist gestern von dem Studienrath Müller aus Hannover in Begleitung des Rechnungsraths Dressel ebendaher und des Dr. med. Köhler von hier einer vorläufigen Untersuchung unterzogen. Der Friedhof zeigt, wie man dem „Hann. Cour.“ schreibt, Verwandtschaft mit den bei Rosdorf in der Nähe von Göttingen aufgedeckten Reihengräbern und fällt in das achte Jahrhundert nach Christus. Bis jetzt sind 15 Skelette bloßgelegt, und zwar auf einem Raume von circa 22 Fuß Länge und 4 Fuß Breite, so daß also die Lagerung derselben eine ungemein dichte ist. Die Schädel zeigen den gewöhnlichen Reihengräbertpyus. Die Todten sind in der Regel von Westen (Kopf) nach Osten gestreckt, so daß sie mit dem Gesicht nach Osten gerichtet sind. Doch zeigte sich abweichend auch ein Skelett fast in der Richtung von Norden nach Süden. Sie lagern auf dem hier sehr mächtigen Kies unter einer Humusschicht von 1 bis 1½ Fuß und sind, nach dem bisherigen Befunde, mit nur wenigen Beigaben ausgestattet. Ein Messer und eine Schnalle von Eisen zeigen Rosdorfer Formen. Außerdem haben sich Gefäßscherben und calcinierte Knochen gefunden. Die Erhaltung der Gebeine ist, da der Boden lange die Feuchtigkeit hält, nicht besonders, indessen hat Studienrath Müller auf Anordnung des Landesdirectoriums die Vorbereitungen getroffen, das anscheinend früher nicht berührte Leichenfeld allmählich — dasselbe ist zur Zeit größtentheils bebaut — in wissenschaftlicher Weise aufzudecken.
(Correspondenzblatt d. Ges.-Ver. d. d. Gesch.-u. Alt.-Ver. Nr. 10.)
137) Am 3. October wurde der Reliquienschrein der hh. Ewaldi in St. Cunibert in Köln feierlich eröffnet. Es fanden sich an Stoffen außer der Umhüllung der Gebeine ein Stück Goldbrocat und eine Stickerei von hohem Werthe, welche dem 13. Jahrh. anzugehören scheint. Dieselbe ist 3, 11 Meter lang, 0, 83 Meter breit, aus drei Stücken zusammengesetzt. Das Mittelstück besteht aus tiefblauem Leinen, die beiden Seitenstücke, je 0,92 Meter lang, aus seegrünem Seidenstoff; alle drei sind mit Stickerei von glänzender, mehrfarbiger Seide in Platt- und Ketten-Stich bedeckt. Das Gewandstück scheint als Schulter-Velum gedient zu haben und zeigt seinen größten Schmuck an den beiden Endstücken, die beim Gebrauche vorn herunterhiengen und dem entsprechend an ihrer untern Kante mit gelbseidenen Fransen besetzt sind. Bildwerk und Arbeit sind an beiden Theilen von hoher Bedeutung für die Kunstgeschichte und fordern deshalb eine genauere Beschreibung.
Das reichere Bild zeigt in prächtigem Rahmen die persönliche Darstellung des Jahres, wie sie nachweislich seit dem 12. Jahrhundert in der christlichen Kunst vorkommt. Hier haben wir ein Viereck mit drei eingeschriebenen concentrischen Kreisen. Im innern Kreise sitzt auf dem Regenbogen eine mit langem Gewande bekleidete Figur mit gespaltenem Bart und ernstem Angesicht mit der Ueberschrift Annus (das Jahr). Sie hält in den emporgehobenen Händen zwei weiße Köpfe. Der Kopf links vom Beschauer trägt einen weißen Strahlenkranz und hat die Ueberschrift Dies (Tag); der Kopf rechts mit rother Krone ist als Nox (Nacht) bezeichnet. Der Kreis ist hinter der Figur durch ein gerades und ein schräges goldenes Kreuz in acht Felder getheilt. Am Querbalken des geraden Kreuzes stehen zu beiden Seiten je zwei flammende Räder, entweder Sterne oder Zeichen des flüchtigen Jahres. Im zweiten, umschriebenen Kreise entsprechen den Enden der Kreuzbalken acht kleine Kreise mit Brustbildern ohne unterscheidende Symbole. Sie sind durch Ueberschriften als Elemente und Jahreszeiten bezeichnet. An den Enden des geraden Kreuzes stehen, von oben nach rechts folgend, Aër (Luft), Ignis (Feuer), Terra (Erde), Aqua (Wasser). Zwischen Luft und Feuer folgen in der Richtung nach rechts Autumnus (Herbst), Estas (Sommer), Ver (Frühling), Hiemps (Winter). In den Zwickeln zwischen den Kreisen und dem Rahmen sitzt unten links Neptun mit Fisch und Dreizack über Wellen, und rechts Tellus mit Blumen und Früchten im aufrechtstehenden Füllhorn auf der kräutersprießenden Erde. In den obern Zwickeln stehen die mit dem Kreuze gekrönten griechischen Buchstaben Alpha und Omega, der Anfang und das Ende, ein Sinnbild Christi. Damit ist dem ganzen Bilde die christliche Deutung gegeben; hier haben wir die Schöpfung nach Raum und Zeit, von Christus begonnen und vollendet, durch ihn geschaffen und erlöset. Der eine starke Hand breite Rahmen setzt sich aus einer Inschrift von großen gothischen Majuskeln zusammen aus der Zeit vom 12. bis zum 13. Jahrhundert und einem außen und innen herumlaufenden Rundbogenfriese. Die schönen Majuskeln entsprechen den reichen Initialen der gleichzeitigen Handschriften. Der Körper der Buchstaben tritt kräftig hervor und ist mit reichem Rankenwerk, an einzelnen Stellen mit Thierköpfen belebt. Der Zeichner bewegte sich mit großer Freiheit, so daß dieselben Buchstaben verschiedene Formen und Ornamente zeigen. Die Inschrift lautet: POPVLVS Q CONSPICIT OMNIS ART ELABORATV̅.
Der viereckige Rahmen ist auch hier sehr reich: innen und außen ein Mäander als Saum, in der Mitte ein fortlaufendes, kreisförmiges Ornament von der Größe der innern Handfläche. Der Kreis wird von zwei Schlangen gebildet, welche in die Peripherie des folgenden Kreises sich einbeißen und so die einzelnen Ornamente mit einander verbinden. In den Schlangenkreisen stehen zwei Vögel mit herabhängenden Flügeln, deren Hälse mit abgewendeten Köpfen einander umschlingen. Von Schnabel und Schwanz gehen blattartige Ornamente aus, welche Kreise und Zwischenräume mit reichem Rankenwerke beleben.
Das Mittelstück besteht aus tiefblauem Leinen, welches mit orangefarbiger Seide theils mit Doppelkreuzen, theils mit gebrochenen Linien in unregelmäßiger Form gestickt ist. Trotz dieser Unregelmäßigkeit macht die glänzende Zeichnung auf mattem Grunde einen festlichen Eindruck. Sehr schön und der Technik der Seitenstücke ebenbürtig ist der Rand des Mittelstückes. Er besteht aus großen Rosetten, welche aus je vier herzförmigen Bogen um einen Vierpaß zusammengesetzt sind.