Es ist klar, daß das Studium der Geistlichen, dessen Krönung immer die Theologie war, zum Teil einen weltlichen Charakter tragen mußte. In der ottonischen Zeit zeigte sich bei der (S. [54] f.) erwähnten Verbindung mit Italien nicht nur überhaupt ein stärkeres Interesse an den Handschriften antiker Autoren, die man zahlreich nach Deutschland brachte, sondern auch eine ausgesprochene Vorliebe für den Inhalt der Dichtungen eines Terenz, Ovid, Horaz, Martial, Juvenal, Persius. Ovids Liebeskunst wurde auch von Nonnen nicht immer mit Abscheu gelesen. Strengere Gemüter hatten früh vor der Beschäftigung mit den heidnischen Autoren gewarnt. In der ottonischen Zeit mehrten sich derartige Stimmen. Die asketische Weltanschauung führte diese Strömung dann völlig zum Siege. Die Beschäftigung mit der Antike, die man bisher wenigstens als formales Hilfsmittel duldete, galt nun überhaupt als Teufelswerk. Im 12. Jahrhundert wollte man selbst von den juristischen und medizinischen Autoren nichts mehr wissen, ohne daß in Wirklichkeit freilich die Beschäftigung mit der Antike entbehrt werden konnte.

Das Verhältnis zu ihr ist kulturgeschichtlich mehrfach bemerkenswert. Die Antike ist immer nur äußerlich geschätzt worden. Ihr Geist schreckte wegen seiner häufigen »Sündhaftigkeit« immer ab. Von ihrer geistigen Freiheit, die etwa anstecken könnte, ahnte man nichts. Die Antike war vielmehr, soweit sie übernommen war, eine Autorität, die das Geistesleben genau so band wie die Autorität der Kirche. Man schöpfte aus der durch jene Enzyklopädien vermittelten Überlieferung schematisch unkritisierbaren formalen und sachlichen Bildungsstoff. Auch was gedanklich von der Antike übernommen war, blieb feste Norm. Waren nun die beiden Autoritäten der Antike und der Kirche in unauflöslicher Verbindung bestimmend für das mittelalterliche Geistesleben, so muß jener Widerspruch zwischen beiden das wichtigste Problem der mittelalterlichen Weltanschauung berühren. Die Sache liegt einfach. Die Antike ist in Kunst, Technik, Wissenschaft und Dichtung zwar Grundlage der von der Kirche vermittelten Kultur, aber immer nur Dienerin der Kirche. Denn alles Können und Wissen hat seine Berechtigung nur in Gott. Soweit die Antike aber der Weltlichkeit dient, ist sie verwerflich, ist des Teufels. Es war der die mittelalterliche Weltanschauung charakterisierende große Gegensatz zwischen Gott und Welt, der zur Verneinung der Welt überhaupt führte oder doch zu dem Bestreben, das irdische Dasein dem augustinischen Ideal des christlichen Gottesstaates nach Möglichkeit zu nähern. Diese Aufgabe hatte die Kirche, die von Gott eingesetzte Heilsanstalt, die im Interesse des Heils der Menschheit auch die Welt beherrschen mußte. Bisher hatte die Kirche praktisch auch im Dienste staatlicher Aufgaben gestanden und hatte neben der Verbreitung des Christentums die weltliche Kultur stark gefördert. Es beginnt nun mit dem 11. Jahrhundert eine staatsfeindliche und (teilweise wenigstens) kulturfeindliche Haltung der Kirche sich geltend zu machen.

Es ist eine Bewegung, die auf der in der menschlichen Entwicklung immer wieder auftretenden Erscheinung des Widerspiels beruht, ebenso wie der eben ablaufende nationale Lebensabschnitt zum Teil eine Gegenströmung gegen den ersten Akt der Aufnahme des kirchlichen Romanismus darstellt. Die Kirche hatte die Anfangszeit ihrer Eroberung der deutschen Lande hinter sich. Aber sie war dabei als Bringerin der Kultur wie als Stütze des Staates stark über das rein religiöse Gebiet hinausgegangen. Weiter hatte aber auch die engere Verbindung mit dem deutschen Wesen gewirkt. Die Geistlichen konnten in Lebensauffassung und Lebenshaltung ihre deutsche Eigenart nicht ganz verleugnen, nicht nur die oft adligen Bischöfe und Äbte, nicht nur die Weltgeistlichen, sondern auch die Mönche. Hier die kriegerischen und politischen, dort die landwirtschaftlichen Interessen taten auch das ihre. Die Kirchenämter wurden als höchst einträglich von Adligen durch allerlei Mittel, auch durch Kauf zu erwerben gesucht: ebenso dienten die Frauenklöster, die überdies jene Aufgabe der Erziehung der vornehmen Töchter hatten, der Versorgung der unverheirateten Frauen. Das Ergebnis war seit dem 9. Jahrhundert eine starke Verweltlichung der Kirche, neben der aber alsbald jene schon erwähnte asketische Gegenbewegung einherging und sogar die Laien ergriff. Waren die Stiftsgeistlichen und die niederen Pfarrgeistlichen einem weltlichen Leben zugetan, so lebten auch die Mönche, zumal bei den reichen Einkünften vieler Klöster, vielfach materiell recht gut, unter größerer oder geringerer äußerlicher Beachtung der Regel, waren eifrige Landwirte oder Gelehrte oder Künstler, im Punkt der Sitten duldsam und unbefangen.

Das Papsttum versagte diesen Zuständen gegenüber durchaus: es lag im 10. Jahrhundert äußerlich und innerlich darnieder. Viel mehr waren die Herrscher zur Abhilfe bereit, wie sie ja auch ihren späteren Gegner, das Papsttum, selbst erst wieder gehoben und gestärkt hatten. Otto I. ernannte Freunde der kirchlichen Reformen zu Bischöfen und begünstigte eine Bewegung, die von Lothringen, dem so oft für das übrige Deutschland maßgebenden Lande, sich ausbreitete und vor allem das entartete Klosterleben seiner »Regel« wieder entsprechend zu gestalten suchte. Nach einem zeitweiligen Rückgang der Bewegung drang sie dann zu Beginn des 11. Jahrhunderts stärker durch, jetzt von Frankreich her, getragen von dem Kloster Cluny, das an der Spitze einer ganzen Kongregation von Reformklöstern stand und durch eine entsprechende, von Richard von Verdun geleitete lothringische Kongregation Deutschland beeinflußte. Auf Heinrich III. wirkte dann später Cluny unmittelbar ein, jetzt aber schon durch den Einfluß eines reformerisch gesinnten Papstes. Unter Heinrich IV. endlich waren das treibende Element die nun ebenfalls reformeifrigen Bischöfe; die Führung hatte jetzt völlig das Papsttum.

Die cluniacensische Bewegung hatte nicht mehr das Grob-Massive der früheren Askese: sie war äußerlich kultivierter (in Kleidung, Nahrung und Verkehrsformen), dafür aber innerlich fanatischer, finsterer, raffinierter (blutige Selbstgeißelung, Ausdehnung des Schweigegebots, ständiger Gottesdienst), straffer, kurz – romanisch. Echt romanisch war aber auch das Zentralisierte der Bewegung. Eben im Papsttum, es zugleich dadurch stärkend und leitend, hatte Cluny, dessen Ideen dann neugegründete Orden (Prämonstratenser, Cistercienser) fortsetzten und verschärften, eine unmittelbare Spitze für die von unten kommende Bewegung unter Ausschaltung der bischöflichen Macht gesucht und gefunden. So war die Bewegung eine neue Welle der Romanisierung des in seiner Eigenart und Unbotmäßigkeit noch immer nicht gebrochenen Germanentums. Und sie ergriff, freilich in einer ihr durch Wilhelm von Hirsau gegebenen gröberen, dem deutschen Wesen angepaßten Form, nun auch Deutschland in ausgedehntem Maße, vor allem machte sie gerade auf die Laienkreise Eindruck. Immer neue Klöster, aber auch immer stärkerer Andrang zu den Klöstern. Und daneben das neue Institut der Laienbrüder, die in verschiedenen Abstufungen halbklösterlich lebten und sich aus hohen und niedrigeren Kreisen ergänzten, übrigens vor allem die wirtschaftliche Tätigkeit auf sich nahmen. Innerhalb der Kirche setzte sich die Bewegung jetzt völlig durch, zumal das Papsttum sie als Stärkung seiner eigenen Macht erkannt hatte. Die Weltgeistlichen der Stifter wurden immer klösterlicher organisiert. Vor allem griff man auch bei den Pfarrern, die zum größten Teil wie die Bauern lebten, verheiratet waren usw., durch, freilich unter heftigem, lange dauerndem Widerstand, besonders gegenüber dem nun streng gebotenen Zölibat. Jetzt kam auch jener Kampf gegen die Antike als weltliches Element auf den Höhepunkt, und damit trat ein arger Verfall der gelehrten Studien überhaupt ein, ebenso der künstlerischen Bestrebungen. Auch der Laie sollte rein kirchlich denken und nicht mehr an weltlicher Unterhaltung, wie sie die heimischen Spielleute boten, nicht mehr an üppigem Leben, wie es damals einsetzte, Gefallen finden. Der Krieger sollte, wenn denn schon gekämpft werden mußte, für die Kirche kämpfen. Vor allem aber sollte die Macht der Kirche untertan werden, die nun einmal die Welt regierte, die weltliche Obrigkeit, der Staat. Der Kampf um diesen Preis mußte ausgefochten werden, vor allem dem großen Reich gegenüber, das gerade auf Betreiben der in seinem Schatten sich Macht und Sicherheit versprechenden Kirche die Überlieferungen des römischen Universalreichs wieder aufgenommen hatte, dem deutschen Reich. Bisher lag, germanischer Auffassung entsprechend, die Herrschaft über die Kirche in den Händen seiner Könige. Otto I. hatte überdies eine nationale Kirche von ziemlicher Geschlossenheit, gestützt auf die Bischöfe, mit der bloßen Dekoration eines unselbständigen Papsttums geschaffen; Otto III. hatte sich mit den eigentlich kirchlichen Ideen so erfüllt, daß er das Papsttum in seinem eigenen Bereich zu beherrschen unternahm; die späteren Herrscher versuchten schon eine »Germanisierung des römischen Papsttums« (unter Heinrich III. vier deutsche Päpste)[8]. Jetzt hatte die Kirche selbst die Ziele des alten römischen Universalreichs aufgenommen, aber sie wirklich universal gestaltet. Sie hatte jetzt in dem Papst einen wirklichen absoluten Herrscher und zugleich die früher landschaftlich auseinandergehenden Kirchen mit einem einheitlichen, disziplinierten kirchlich-fanatischen Geist erfüllt. Der Papst über dem Kaiser, das war nun die Folge der Losung: Gott, nicht Welt. Den Kampf führte ein Papst, der die ursprünglich von solchen Zielen freie Reformbewegung sowie die Zentralisation der gereinigten Kirche erst eigentlich vollendet hatte, Gregor VII. Gestützt auf die isidorischen Fälschungen, die einst, freilich lediglich im Interesse der Bischöfe gegenüber den landeskirchlichen Gewalten, die einheitliche Oberhoheit des Papsttums hatten sichern wollen, griff man, ausgehend von der Möglichkeit simonistischen Mißbrauchs, die Laieninvestitur auf, um durch ihr Verbot, d. h. das Verbot der Besetzung namentlich der Bistümer durch den Herrscher, den Streit zu beginnen.

Der Deutschland zerrüttende, das eigentlich kirchliche und das sittliche Leben stark schädigende Kampf hat dem Papsttum den erstrebten Sieg letzten Endes nicht gebracht, wohl aber die Kirche dauernd zu einer straff organisierten Hierarchie gemacht und sie ganz der Herrschaft des Papstes unterworfen: eine Landeskirche gab es nicht mehr.

Wie die auf ihren Höhepunkt gelangte Macht der Kirche auch äußerlich die Welt leiten und bewegen konnte, das zeigten nun vor allem die Kreuzzüge, so sehr bei vielen Teilnehmern weltliche Motive mitspielten. Im Grunde eine Fortsetzung dauernder Kämpfe mit dem Islam einerseits, großer Massenpilgerfahrten andererseits, zum Teil auch durch die Handelsbestrebungen der Italiener angeregt, unmittelbar endlich hervorgerufen durch die Bedrückungen der seit dem 11. Jahrhundert immer zahlreicheren Pilger zum heiligen Lande und durch die Bedrängung des Kaisers in Byzanz, waren sie doch eine Auswirkung kirchlichen Einflusses, ein päpstliches Unternehmen. Das Ziel war die Eroberung des heiligen Grabes, des hehrsten Ortes der Welt, die auch ihren geographischen Mittelpunkt nach mittelalterlicher Anschauung in Jerusalem hat. Gerade der erste Kreuzzug brachte mit seinen Erfolgen dem Papsttum eine gewaltige Stärkung des Ansehens, schon durch seinen Einfluß auf die neuen geistlichen Ritterorden: aber bereits der zweite Kreuzzug, bei dessen Einleitung der Wille des Papstes vor der Macht der Idee völlig zurücktrat, fiel in seinem unglücklichen Ausgang wieder mit einem Niedergang der päpstlichen Herrlichkeit zusammen.

Für diesen zweiten Kreuzzug war durch Bernhard von Clairvaux auch der deutsche König gewonnen worden – zu seinem Unheil –, dem ersten stand aber Deutschland, abgesehen von Lothringen, das ja immer westlich beeinflußt war, im ganzen noch kühl gegenüber, wenn auch größere Scharen aus West- und Süddeutschland mitzogen. Die Erscheinung war eben im Grunde wieder romanischen Ursprungs. Romanisch war auch, wie wir sahen, die kirchliche Reformbewegung überhaupt, romanisch natürlich ebenso die Idee der päpstlichen Weltherrschaft, die im Grunde die Herrschaft der Italiener über die Germanen und die Vernichtung der äußeren Machtstellung Deutschlands, der von ihm gewonnenen Führung des »Römischen Reiches« bedeutete. Gleichzeitig handelte es sich um eine neue tiefgreifendere Eroberung des deutschen, noch nicht gebrochenen Wesens durch die romanische Kirche. Aber so sehr diesem neuen Geist sich zahlreiche Gemüter in Deutschland hingaben, so sehr widersprach er doch dauernd und im tiefsten Grunde den lebendigen, natürlichen Trieben eines jugendlichen, kräftigen Volkes, wenn auch dieser Widerspruch schon geringer geworden war als bei dem ersten Zusammentreffen des weltenstürmenden und weltfrohen Germanentums mit der weltabgewandten Kirche des müden Altertums. Immer wieder bäumte sich auch die Welt gegen den Zwang des kirchlichen Ideals auf, und immer wieder suchte umgekehrt dieses sich gegen jene durchzusetzen. Freilich hat die Kirche, wie sich früh gezeigt hat (s. S. [29]), den Weg des Kompromisses grundsätzlich keineswegs ausgeschlossen und ihn auch immer wieder betreten.

Der Kern der Sache liegt auf sittlichem Gebiet. Hier ist gegenüber der leidenschaftlichen germanischen Gewaltnatur doch viel von der ethischen Macht des Christentums, die dank der kirchlichen Organisation auch den kleinsten Kreisen fühlbar wurde, erreicht worden. Nicht die Ideale des Kriegers, nicht die natürlichen Richtgedanken des Landmannes, nicht die Interessen der Heimat und der Familie sollten als höchste Lebensziele gelten, sondern jenseitige Ideale. Friedlichkeit, Mäßigkeit und Demut wurden dabei von den gewalttätigen, egoistischen Menschen gefordert. Man fand sich mit solchen Forderungen durch äußere, übertriebene Formen, wie wir (S. [32]) sahen, ab. Aber die sittliche Erziehung durch die Kirche modelte mehr und mehr doch auch das Innere um. Die Sorge um das Seelenheil führte zu einem ständigen Beachten der eigenen Gefühle und Regungen; den Trieben wurden innere Stimmen feind: das ganze seelische Leben wurde angeregt, erweitert, vertieft. Das Geheimnis des Erfolges liegt in der alles niederzwingenden göttlichen Autorität der Kirche und ihrer Lehre, zugleich wieder in der eindrucksvollen Macht ihrer ganzen Organisation und in ihrer kulturellen Überlegenheit. Der fertigen, geschlossenen, großartigen Weltanschauung der Kirche gegenüber war das deutsche Volkstum hilflos und konnte aus eigener, unentwickelter Denkkraft heraus kein anderes geistig-sittliches Ideal von annähernd gleicher Kraft schaffen: daß ein solches in der von der Kirche bekämpften Antike verborgen lag, ahnte der Laie nicht entfernt. Dem Stand des nationalen Fühlens und Lebens würde dieses Ideal ja auch nicht entsprochen haben. Eine im nationalen Denken und Fühlen wurzelnde geistige Erfassung und Deutung der Welt und der sie beherrschenden Mächte, eine Gewinnung sittlicher Maßstäbe auf Grund solcher Auffassung und entsprechend der jeweiligen Kulturstufe: dieses notwendige Ziel jeder Volksentwicklung zu erreichen, wurde den Deutschen früh erschwert. Eben die gewaltige Überlegenheit der schlechthin gegebenen kirchlichen Weltanschauung, so stark weite Kreise ihr bewußt und unbewußt widerstrebten, hat infolge ihrer ungestörten Dauer die Möglichkeit der Bildung einer anderen Weltanschauung auf lange hinaus gehemmt. Man dachte in allen höheren Beziehungen nur in der Denkweise der Kirche. Außerkirchliche geistige Bewegungen waren, soweit sie bei der alles umfassenden Kulturbetätigung der Kirche überhaupt möglich waren, von vornherein machtlos. Wer Menschen und Welt und auch die Kirche bessern wollte, griff doch immer nur auf reinere Überlieferungen eben der Kirche zurück.

Andererseits konnte die kirchliche weltverneinende Weltanschauung doch trotz allen Preisens keineswegs das allgemeine Ideal sein, ist es auch niemals gewesen. Ganz richtig hat man sie als ein geistliches Standesideal bezeichnet. Freilich war dieser Stand der kulturell führende. Schon äußerlich durch seine Tracht, durch seine Sprache, durch seine Lebensweise wie durch seine Bildung, seine Ideale von der übrigen Nation abgesondert und geschieden, losgerissen von der Familie, verkörperte er dauernd und anschaulich die dem Volkstum fremde, ihm jedoch überlegene antik-kirchliche Kultur. Aber da er sich aus den Großen der Welt wie aus der Masse des Volkes ergänzte, so war dieser Fremdkörper doch auch wieder mit dem Volk innerlich verbunden, wie es auch äußerlich bisher manch hoher Kirchenfürst durch seine kulturelle, wirtschaftliche und z. T. politische Betätigung und manch niederer Pfarrer durch sein ganzes Leben gewesen war. Mit seiner zunehmenden Zahl, mit der Fülle der Stifter und Klöster und ihrem Besitz wuchsen Macht und Einfluß des Geistlichen im Volk ebenso wie sein Selbstbewußtsein. Vor allem verlieh ihm aber die große Heilsanstalt selbst, deren Vertreter er war, einen gewaltigen Nimbus. Was er lehrte, war die Wahrheit an sich, der sich jeder Laie beugen mußte; er vermittelte das Seelenheil, um das ängstlich zu sorgen die Kirche immer eindringlicher die Laien anhielt. Übernatürliche Kräfte mochte alter Volksglauben noch immer bei ihm suchen, wenn auch weniger als früher. Und wenn nun auch trotz des Schweigens unserer doch meist kirchlichen Quellen sicherlich auch nach den ersten Zeiten äußerlicher Christianisierung die übrige Welt oft genug eine innerliche Opposition gezeigt und im übrigen sich in ihrer Weltlichkeit wenig wird haben stören lassen, so war doch das geistliche Übergewicht so sicher gegründet, daß das von der Kirche getragene Ideal immer als das höchste und erstrebenswerteste auch von der Laienwelt anerkannt wurde. Durchgeführt konnte es von dieser, die deshalb immer als unvollkommen galt und aus der Sünde zu erretten war, niemals werden, freilich auch nicht von der Masse der Weltgeistlichen. Die vorbildliche Durchführung des Ideals hatte sich vielmehr das Mönchstum zum Ziele gesetzt, das grundsätzlich für die übrigen Geistlichen als ständiges Muster diente, immer wieder ferner in der mit der Welt notwendig verbundenen Kirche für die kräftige Erneuerung des Ideals sorgte, endlich der Laienwelt als die Verkörperung dieses christlichen Ideals sichtbar gegenübertrat. Freilich, wenn, wie es immer wieder geschah, die Mönche selbst entgegen diesem Ideal lebten, luden sie um so mehr den Zorn der Laien auf sich. Gerade die frommen Laien haben in Zeiten religiöser Erregung auch immer am meisten zu den das Ideal streng erneuernden eifernden Mönchen als den konsequentesten Vertretern christlicher Forderungen gehalten, und gerade in unserem Zeitabschnitt, da die Mönche mit der Reformbewegung die ganze Kirche beherrschten, haben diese jenes Ideal auch tief in die Laienwelt getragen und selbst asketische Anwandlungen und zerknirschte Bußstimmungen in weiten Schichten geweckt, überhaupt die gewaltige Macht der Kirche tiefer in den Gemütern auch vieler Weltkinder befestigt.