Muß nach alledem die Kirche als der wesentlichste Faktor der mittelalterlichen Kultur angesehen werden, so liegt darin zugleich ausgesprochen, daß diese Kultur einen stark internationalen Charakter trug. Soweit wenigstens die Welt in der Papstkirche vereinigt war, also vom Osten abgesehen, entwickelte sich ihre Kultur ziemlich einheitlich und gleichartig, eben weil diese Kultur mit der überall gleichförmigen Kirche eng verbunden sowie von der überall gleichmäßig gebildeten Geistlichkeit getragen und der übrigen Welt vermittelt wurde. Natürlich hat es im übrigen in dieser geschlossenen Kirche, wie in jeder menschlichen Organisation, von jeher auch innere Parteiungen, Gegensätze und Kämpfe gegeben, aber darauf kommt es hier nicht an. Jener abgeschlossenen Stellung der Geistlichen im eigenen Volk entspricht wieder der internationale Zusammenschluß derselben in der päpstlichen Hierarchie, die Zusammengehörigkeit mit der Geistlichkeit der anderen Völker: die Romanen waren freilich der führende Teil. Gerade jetzt wurde Rom erst recht der Mittelpunkt und aller Heimat; im italienischen Kloster konnte der deutsche Mönch sich ebenso zu Hause fühlen wie in einem heimischen, was freilich wohl nicht immer der Fall war. So war denn alle höhere Bildung und ihre Sprache international, international auch noch später die zunächst immer von Geistlichen getragene Gelehrsamkeit, wie sie sich in den Universitäten organisierte. Und als dann seit dem 13. Jahrhundert eine nationale Scheidung sich schärfer geltend machte, stärkte den internationalen Charakter der gelehrten Bildung im 15. Jahrhundert wieder die humanistische, d. h. die Antike neubelebende Bewegung. International war auch die Kunst, weil wiederum alle Kunstübung, ihre Ziele und Aufgaben in der Kirche beschlossen waren. Allerdings war das eigentliche Kunstleben auf bestimmte Länder beschränkt, gerade auf diejenigen, die durch das Eindringen der Germanen frisches Blut empfangen hatten, außer Deutschland und Burgund Nordfrankreich und Oberitalien.
Im Grunde beruhte die Internationalität der mittelalterlichen Kultur natürlich auf dem internationalen Charakter des Römischen Reiches und seiner Kultur, deren Erbe die Kirche war, auf der Eroberung dieses Reiches durch die Germanen und der durch die Kirche beförderten Aufnahme des universalen Kaisertums durch diese wie auf der Durcheinanderwirbelung germanischer und romanischer Volkselemente. In politischer und sozialer (ständischer) Beziehung hatten die germanischen Einrichtungen daher überall das Übergewicht. Diese gesellschaftliche und staatsrechtliche Einheitlichkeit germanischen Ursprungs, zum Teil freilich wieder mit römischen Einflüssen durchsetzt, ergänzte jene durch die römische Kirche und die antike Erbschaft gegebene kulturelle Gleichförmigkeit. Überhaupt bestand auch über das kirchliche Gebiet hinaus eine starke Kulturgemeinschaft unter den germanisch-romanischen Völkern: fortwährend wurden Kulturgüter, zumal solche äußerer Natur, ausgetauscht. Der mittelalterliche Handel ist vorwiegend international. Von den Städten hat schon Ranke gesagt, daß sie sich als Bestandteile einer europäischen Gemeinschaft fühlten. Die Internationalität erstreckte sich ebenso auf die schon vor ihnen als Kulturträger auftretende soziale Schicht des Rittertums. Beruhte sie in sozialer Beziehung auf jener Gleichförmigkeit der ständischen Gliederung, so ergab sich eine internationale Geltung der höfischen Lebenshaltung wie der gesellschaftlichen Lebensanschauungen und -ideale aus dem kulturellen Übergewicht, das wir die Franzosen erlangen sehen werden. Der Austausch wurde besonders begünstigt durch die von dem ganzen abendländischen Rittertum getragene Kreuzzugsbewegung, also wieder durch eine Bewegung kirchlichen Charakters. Machten sich aber bei den Rittern der einzelnen Völker genug nationale Unterschiede trotz aller Nachahmung des französischen Vorbildes geltend, so trugen gerade wieder die geistlichen Ritterorden den durchaus internationalen Charakter der Kirche, auch in ihrer Zusammensetzung.
Aber eben das Rittertum als Kulturfaktor führt uns nun darauf, daß das Mittelalter doch nicht nur kirchlich bestimmt und bedingt ist. Überhaupt ist immer im Mittelalter die Welt auch da gewesen, schon vor der Ausbildung einer weltlich-ritterlichen und weltlich-bürgerlichen Kultur. Wieder ist es das Volkstum, das Beachtung heischt. Man meint in der Regel, nur politisch und kriegerisch habe sich die deutsche Volkskraft bewähren können, kulturell habe man nur von der Kirche gezehrt, und geistig hätte bei Geistlichen wie Laien völlige Gebundenheit geherrscht. In Wahrheit zeigt das Mittelalter – wir sahen es zum Teil schon – das kräftigste Eigenleben und selbständige Vorwärtsentwicklung. In dieser gerechteren Beurteilung des Mittelalters nähern wir uns heute wieder der Auffassung der Romantik, ohne aber in deren phantastische Illusion, einseitige Bewunderung und unhistorische Übertreibung zu verfallen. Auf der anderen Seite ist die Anschauung von der inneren Gebundenheit des Mittelalters, die sich vor allem auf das oben betonte ungeheure Übergewicht der Kirche gründet, nicht völlig falsch, so wenig wie Jakob Burckhardt und vor ihm schon Georg Voigt mit ihrer Entdeckung des ausgeprägten Individualismus der italienischen Renaissance und mit der Annahme einer seit dem 15. Jahrhundert erfolgenden Übertragung dieses Geistes auf die übrigen abendländischen Kulturvölker, bei denen er sich freilich ganz anders gestaltete, im Unrecht sind. Aber genau gesehen, handelt es sich doch nur um die gesteigerte Ausdrucksmöglichkeit für solchen Geist. In Briefen und Reden, in ernster und witziger Dichtung, in der Gestaltung von Bildnissen und Bildwerken, kurz in den stilistisch und technisch entwickelten Ausdrucksarten einer hochstehenden Kultur kann sich die einzelne Persönlichkeit in ihrer ganzen Individualität zeigen (wobei man aber wieder leicht vergißt, wie solche Weise alsbald wieder zur allgemeinen Mode, zum Stil, zur Manier, der Individualismus gewissermaßen zur Gebundenheit wird). Von den Menschen des früheren Mittelalters dagegen wissen wir über ihr Fühlen und Denken nur wenig; aus der Ferne sieht man auch nur das Gemeinsame, Allgemeine. Zu schriftlichem Ausdruck ihres Inneren waren sie noch wenig imstande, die Laienwelt gar nicht, und künstlerisch rang man noch allzusehr mit den technischen Schwierigkeiten individueller Persönlichkeitsdarstellung. Aber wir wissen doch wenigstens zum Teil, wie die Menschen gehandelt haben, und einzelne Züge verraten zuweilen, und öfter können wir darauf schließen, wie sie wirklich gewesen sind. Derselbe Burckhardt, aus dessen genialer Beobachtung ein epigonenhafter, aber desto mehr von seiner Bedeutung überzeugter Historiker dann ein mechanisches System mit den nötigen Erweiterungen konstruierte, hat doch an anderer Stelle wieder auch dem Mittelalter in gewisser Weise Individualismus zuerkannt: »Zwar ist das Individuelle noch gebunden, aber nicht innerhalb des geistigen Kreises der Kaste, hier konnte die Persönlichkeit sich frei zeigen …, und so bestand denn wirklich sehr viele und echte Freiheit. Es gab einen unendlichen Reichtum noch nicht von Individualitäten, aber von abgestuften Lebensformen.« Der Individualismus zeigt sich also zunächst in dem ständischen Sonderleben (s. S. [107]). In der Tat, welche Fülle von individuellen Sondergebilden, welche Vielgestaltigkeit in der räumlich doch nur kleinen mittelalterlichen Welt des Abendlandes, auch innerhalb der Kirche! Und hat diese Kirche auch geistig wirklich alles gebunden? Hat es nicht zu allen Zeiten in der mittelalterlichen Kirche Opposition und Sonderströmungen gegeben? Und wissen wir denn, wie oft sich einer im frühen Mittelalter auch innerlich gegen diese Autorität erhob? In der angeblich so gebundenen Scholastik sind dann später bereits die schwerwiegendsten Probleme zweifelnd erörtert worden. Umgekehrt ist nach dem Mittelalter geistige Gebundenheit ebensogut zu finden, nicht nur innerhalb der katholischen Kirche, und die Konvention beherrscht selbst gebildete Kreise noch in der Gegenwart. Die ständische Gliederung, die ebenso wie der genossenschaftliche Geist die Menschen damals auch innerlich gebunden haben mag, ist doch heute nur äußerlich geschwunden. Wie starr liegen, ähnlich der »bindenden« Geisteswelt der mittelalterlichen Kirche, heute die offiziellen politischen und kirchlichen Anschauungen auf dem Ganzen trotz aller lauten und stillen Abweichungen!
So konnte man eine »Rückständigkeit« des Mittelalters wohl gegenüber den abgelebten Resten seiner Einrichtungen in dem aufgeklärten 18. Jahrhundert behaupten, in Wahrheit ist das Mittelalter aber reich an neuen kraftvollen Bildungen und Organisationen auf allen Gebieten des Lebens, tatkräftig und unternehmungslustig, von Schaffensdrang erfüllt und vor allem ein Feld für die Betätigung des einzelnen. Überall begegnen tatkräftige, frei und freudig »sich auslebende« Persönlichkeiten, insbesondere in der Herrenschicht. Und die Herrscher, von denen wir noch am meisten wissen, sind so wenig gleichmäßige Typen wie nur zu irgendeiner Zeit sonst. So würden uns auch bei näherer Kenntnis der einzelne Mönch wie der einzelne Ritter oder Kaufmann als Leute von größerer oder geringerer Individualität erscheinen. Welch außerordentlicher Selbständigkeitsdrang zeigt sich bei einzelnen wie bei den Ständen, Gruppen und Genossenschaften! Die Stärke des Trieblebens, des rücksichtslosen Egoismus haben wir wiederholt betont, die Neigung zur Selbsthilfe ist noch deutlich genug, das Gehorchen ist dem Mittelalter ein ziemlich unbekannter Begriff, Trotz und Pochen auf das eigene Recht, auf Sonderrechte allgemein. Man will überhaupt, wie man richtig betont hat, immer nur Rechte, von Pflichten hört man ungern. Die deutsche Sonderart erlebt ihre Blütezeit eben im Mittelalter; aus seinem vielgestaltigen politischen Sonderleben haben sich erst langsam in neuerer Zeit größere staatliche Gebilde entwickeln können.
Wo bleiben bei alledem die von Lamprecht konstruierten Stufen gebundenen Geisteslebens? Die Annahme einer »typischen« Stufe ist z. B., wie Kemmerich nachgewiesen hat, gegenüber der frühmittelalterlichen Porträtmalerei gar nicht haltbar. Dasselbe hat Zoepf auf Grund der Literatur der Heiligenleben des 10. Jahrhunderts bewiesen und genug individuelle Spuren aufgezeigt. Was aber die weitere, etwas freiere Stufe »konventioneller« Gebundenheit betrifft, so ist eine gewisse konventionelle Haltung des späteren Mittelalters schon vor Lamprecht in meiner »Geschichte des deutschen Briefes« für die Briefe nachgewiesen, und auch sonst zeigt sie sich vielfach, so in dem ganzen Gebaren der höfischen Ritter. Aber das Konventionelle ergibt sich lediglich wie zu allen Zeiten aus dem Zwange einer dem natürlichen und nationalen Wesen nicht entsprechenden, mehr oder wenig künstlich übernommenen fremden Kultur. Das Bewegen in der ästhetisch-höfischen Kultur der Romanen konnte nur modisch-konventionell sein, und die Handhabung des geistlichen Schriftwesens seitens eines bürgerlichen Laien des 14. Jahrhunderts konnte auch nur konventionelle Stilformen gleichsam als Hilfsmittel ergeben. Aber welche Höhe der individuellen Gestaltung erreichte bereits im 13. Jahrhundert die Kunst! Man denke nur an die Statuen des Naumburger Doms. Wo man aber sich volkstümlich geben kann, da ist man individuell im höchsten Maße. Gerade die Volkstümlichkeit wird als ein charakteristisches Element des Mittelalters in der Regel übersehen. Die spärlichen Quellen lassen sie für das frühere Mittelalter nur nicht recht erkennen. Burckhardt hat recht, wenn er vom Mittelalter sagt: »Unser Leben ist ein Geschäft, das damalige war ein Dasein; das Gesamtvolk existierte kaum, das Volkstümliche aber blühte.«
Lange erscheint uns dieses volkstümliche Wesen nur als Unterströmung. Daß es dann auf der Höhe des Mittelalters stärker hervortrat, war zunächst nur mittelst der höheren Schichten der Nation und in einer kultivierten Form möglich. Es hatte sich jetzt ein weltlicher Stand von maßgebendem Einfluß gebildet, dessen nationaler Kern aber erst durch einen größeren kulturellen Inhalt und eine fremde kulturelle Färbung gewissermaßen kulturfähig geworden war und der durch Anlehnung an die religiöse und geistige Macht der Kirche einen größeren Halt gewonnen hatte, das Rittertum.
Die Bildung dieses Standes steht im Zusammenhang mit einer stärkeren sozialen Scheidung der Volksgruppen überhaupt. Mit der stetigen Umwandlung der großen Masse zu einem friedlichen Bauernvolk hatte sich neben dem zuerst geschlossen als Berufsstand auftretenden geistlichen Stand eine Schicht herausgehoben, die die ursprünglich allgemeine kriegerische Betätigung als ihre Sonderaufgabe ansah, zumal sie an den besondere Anforderungen stellenden Reiterdienst geknüpft war. Das Ganze ist eine auch sonst im Völkerleben zu beobachtende natürliche Gliederung. Schon machten sich daneben die Anfänge eines handel- und gewerbetreibenden Bürgertums geltend, das aber noch stark bäuerlich gefärbt war, wie ja auch der Grundbesitz die Grundlage der Macht der weltlichen Herren wie der kirchlichen Organisation war, wie ferner auf dem Lehnswesen – Landbesitz für Leistungen – Staat, Verwaltung und Heeresdienst mit beruhten. Im 12. Jahrhundert nun gliedert sich alles schärfer. Auch äußerlich, in Sitz und Wohnung trennen sich die Stände, es sondert sich der Herrensitz vom Dorf, von diesem die Stadt, wie schon seit langem der Geistliche in Klöstern und Stiften sich abschließt. Mit der Sonderung der weltlichen Stände ergibt sich nun auch eine vielseitigere Ausgestaltung des Lebens, eine schärfere Betonung der besonderen Aufgaben und Interessen, die Entstehung besonderer Kulturkreise – bei den Rittern tritt zu der kriegerischen Grundlage eine gesellige Kultur als Lebenselement – und so überhaupt ein stärkeres Hervortreten des Weltlichen. Unterdrückt konnte dieses niemals werden. Die Lust der Welt war größer als alle Ansteckungskraft der Askese, die Kraft der Triebe, die Roheit und Gewalttätigkeit, die Untreue und Habgier aber auch noch immer stärker als das neue sittliche Gebot. Das noch eng mit der Natur verbundene ländliche Leben wie das kriegerische und jagdfrohe Schweifen der Herren über Wälder, Täler und Höhen ließen ferner die selbst den Mönchen nicht fremde Schönheit der Natur in den Menschen zu tief wurzeln, als daß eine Abwendung von ihr hätte stattfinden können – überhaupt darf man ein tieferes Naturgefühl auch dem früheren Mittelalter keineswegs absprechen[9]. Nun kam die stärkere Entwicklung der ständisch organisierten weltlichen Interessen kraftvoll hinzu. Das wirtschaftliche Leben hatte die Kirche selbst durch ihre Kulturtätigkeit mächtig gefördert, jetzt verlor sie mehr und mehr die Führung an die Laienwelt, zumal die bäuerliche Schicht. Mit den von ihr vermittelten Elementen höherer Lebenshaltung hatte die Kirche zu größerer Üppigkeit insbesondere der Herren beigetragen. Mit den politischen und Verwaltungsinteressen hatte sie eng im Zusammenhang gestanden; der Kampf zwischen Kirche und Staat hatte das staatliche Bewußtsein geweckt; das ohnehin seit der ottonischen Zeit vielseitigere politische Leben erschien gerade durch die politischen Bestrebungen der Kirche wichtiger und wertvoller. Die immer häufigere kriegerische Betätigung, die sie eigentlich bekämpfte, hatte die Kirche mit den Kreuzzügen selbst in ihren Dienst gestellt und damit geweiht. Gerade die Kreuzzüge, der Höhepunkt des kirchlichen Einflusses, bedeuteten überhaupt die größte Förderung der weltlichen Interessen.
Der kulturgeschichtliche Einfluß der Kreuzzüge sei hier nicht im einzelnen erörtert[10]. Sie haben zunächst auf die romanischen Völker und dann durch diese in abgeschwächter oder veränderter Weise und meist erst später auf das deutsche Volk gewirkt. Es war ein ungeheuer belebender Einfluß, den der Orient auf das Abendland damals ausübte. Zum Teil war es freilich wieder die Antike, deren altes Gut nun durch neue Kanäle übertragen wurde. Byzanz, das einst die antike Kultur besser vor dem barbarischen Ansturm hatte retten können als Rom, hatte immer mehr auf den Osten gewirkt als auf den Westen, trotzdem es früh für diesen der Ausstrahlungspunkt des Handels mit den begehrten orientalischen Stoffen usw. war. Die später in der ottonischen Zeit vermehrten byzantinischen Einflüsse sind stark überschätzt worden. Von einer tieferen Beeinflussung der Kunst ist auch keine Rede, sondern nur von einer gewissen Übertragung äußerer Elemente und technischer Dinge wesentlich im Zusammenhang mit dem Hereinkommen von Gegenständen der Kleinkunst (Elfenbeinschnitzereien, Goldschmiedearbeiten, Emailsachen usw.) zumal durch Pilger und Kreuzfahrer.
Zum großen Teil war Byzanz nur der Vermittler orientalischer Luxusartikel, und der eigentliche Ursprung des »Byzantinischen« war schon früher nicht Byzanz, sondern Kleinasien. Italien hatte schon vor den Kreuzzügen mit der Levante unmittelbar gehandelt, jetzt wuchs dieser unmittelbare, auch von Südfranzosen getragene Levantehandel außerordentlich. Aber auch auf andere Weise kam in den Kreuzzügen die islamitische Kultur den Abendländern näher. An den alten Schätzen des Orients genährt, indisch, persisch und jüdisch befruchtet, von Byzanz und den Resten der hellenistischen Kultur in Kleinasien geistig, politisch-militärisch und sonst beeinflußt, stand diese nicht minder von eigener Kraft getragene Kultur hoch über der abendländischen. Sie hatte auf diese zum Teil schon vor den Kreuzzügen von den Mauren in Spanien und den Sarazenen in Süditalien aus gewirkt, namentlich auf dem Gebiet höheren (eigentlich antiken) Wissens und ästhetisch-gesellschaftlicher Kultur. Jetzt strömten neue Kulturgüter aller Art ins Abendland, materielle (Kulturpflanzen, Gewürze, Spezereien, Farben, feine Gewebe und kostbare Stoffe, Teppiche, Schmuckwaffen, allerlei Gegenstände des Luxus und bequemer Lebenshaltung), militärisch-technische, zum Teil römisch-griechischen Ursprungs (namentlich auf dem Gebiet der Befestigung), überhaupt technische (Nautik), kommerzielle (Handelswissenschaft, Ziffern), geistige, die Antike neubelebend (auf den Gebieten der Astronomie, Mathematik, Medizin, Philosophie). Dazu kamen stofflich-literarische Einflüsse (Sagen und Wundergeschichten) usw. Das künstlerische Leben erfuhr in dieser Zeit einen Antrieb durch eine mächtige Belebung der Phantasie, die namentlich durch die glänzende, zierliebende Bauart des Orients angeregt wurde. Die regere Phantasie (Wunder und Zauber des Orients) befruchtete auch das dichterische Leben, schädigte freilich durch ihr Übermaß das geistige (Aberglaube und Wundersucht); doch nützte diesem um so mehr die große Erweiterung des Gesichtskreises. Auf das religiöse Leben dagegen wirkte die arabische Duldsamkeit zunächst gar nicht; das gesellschaftliche beeinflußten sehr stark die zierliebende wie die sinnlich-weiche Art des Orients und seine feineren Sitten. Der gesteigerte Handelsverkehr schließlich sollte eine völlige Umwälzung des wirtschaftlichen Lebens herbeiführen.
Es ist klar, daß durch all dieses die Ausbildung einer höheren weltlichen Kultur gefördert werden mußte. Negative, den kirchlichen Einfluß herabmindernde Momente kommen hinzu. Wer, wie die heimkehrenden Kreuzfahrer, so weit herumgekommen war, brachte andere Begriffe von Welt und Menschen nach Hause, war geistig regsamer, kritischer gegen die alten Mächte, die sein inneres Leben bestimmt hatten. Man hatte andererseits die »Heiden« kennen gelernt, sie waren auch Menschen; man wußte jetzt auch von griechischen, nicht mehr bloß von römischen Christen. Dem kirchlichen Sinn waren ferner die Fahrten selbst nicht zuträglich. Viele hatten sie ohnehin nur aus weltlichen Motiven unternommen. Fromme Gemüter wieder fühlten sich abgestoßen und gaben die Schuld zum Teil der Kirche, die als Urheberin der als verdienstlich hingestellten Züge solche Weltlichkeit duldete. Die Mißerfolge, das Scheitern der ganzen Bewegung, die der erste Kreuzzug erfolgreich eingeleitet hatte, wurden ihr auch angerechnet, und bei der Mehrzahl der Heimkehrenden beförderte die Enttäuschung solche Stimmung. Daheim hatte der kirchliche Sinn ohnehin durch die Kämpfe zwischen Kirche und Staat gelitten. Daß es auch innerhalb der Geistlichen eine Partei gegen den Papst gegeben hatte, war ebenfalls folgenreich. Dazu kam die äußere Einbuße der Kirche an Besitz und die starke Verwirrung, oft Zerstörung des inneren kirchlichen Lebens. So sank das Ansehen der Kirche bedeutend, gerade als der Sinn der Laien sich stärker auf die Dinge dieser Welt eben infolge der Kreuzzüge lenkte. Noch war die Kirche die Hauptmacht des Mittelalters, die höheren geistigen Kultureinflüsse der Araber haben z. B. naturgemäß gerade Geistliche vermittelt und gepflegt, aber die Kirche war nicht mehr ausschließlich maßgebend für eine höhere Kultur.