Eine geradezu haßerfüllte Stimmung entwickelte sich aber, besonders wieder im 15. Jahrhundert, zwischen dem Bürger und dem niederen Adel. Auf jenen wirkte der immer hochmütigere und peinlichere Abschluß gerade des verfallenden Rittertums verbitternd. Andererseits ergab die zunehmende Verarmung des Adels, der überdies bei dem späteren Aufkommen des Fußvolks, auch einem demokratischen Zug, seine militärische Bedeutung und zugleich den lohnenden Söldnerdienst einbüßte, einen zornigen Haß gegen die immer reicheren städtischen »Pfeffersäcke«, die ihrerseits nach Art der Emporkömmlinge es zum Teil dem Adel gleichzutun suchten. Diese Verarmung ließ den Adel den Bauerndruck erneuern, dem geistlichen Gut nachstellen, den Nachbarn befehden, ließ ihn in tiefe Verschuldung bei den Juden geraten und im Fürstendienst in Hof und Verwaltung oder für die jüngeren Söhne in den Domkapiteln ein Unterkommen suchen; sie trieb ihn aber auch, sich an dem Kaufmann in Fortsetzung der hergebrachten Räubereien durch Wegelagerei schadlos zu halten, sich an dem vermeintlich zu Unrecht erworbenen Reichtum des Bürgers mit Gewalt seinen Anteil zu sichern und den Pfeffersack zugleich für seine Anmaßung zu züchtigen. Mancher mußte aber üble Rache der Städter erdulden. Wenn sich überhaupt das bürgerliche Selbstbewußtsein gegenüber dem Adel kräftig äußerte, so bewahrte dieser dennoch seinen gesellschaftlichen Vorrang, und manch reicher Bürger strebte schon damals nach dem Adel, während der Ritter seinerseits reiche bürgerliche Heiraten nicht verschmähte. Im kolonialen Osten bestand andererseits damals noch nur ein sehr geringer Gegensatz zwischen dem verbauerten oder handeltreibenden Junker und dem Städter.

Mit dem Bürgertum war eine neue große Schicht des Volkes mündig und für die Gesamtheit mit von bestimmendem Einfluß geworden. Vieles, was eine höhere und freiere Kultur modernen Geistes bedingte, entwickelte sich mit dem Eintritt des Bürgertums in die Geschichte. Zunächst darf man freilich dessen kulturelle Bedeutung nicht überschätzen. Ausgangspunkt und Grundlage der Entwicklung sind rein wirtschaftlich. Der Kern der Sache ist, daß das Bürgertum der Träger der wiederauflebenden Geldwirtschaft wurde, die einst in Mittel- und Westeuropa mit der Germanenherrschaft zusammengebrochen war und nun infolge der Berührungen mit dem Orient und der entsprechenden Ausbreitung des Handelsgeistes zunächst in Italien, dann in Frankreich sich wieder einbürgerte und schließlich auch den deutschen Westen, zum Teil schon vor dem 12. Jahrhundert, beeinflußte. Mit dem städtischen Wesen, mit der Rolle des Handels vor allem mußte diese Wirtschaftsform von selbst kommen und die versagende Naturalwirtschaft überwinden. Während aber in Frankreich und England, wohl in Anknüpfung an die kirchliche Verwaltung und andere, noch nicht genügend geklärte Einflüsse, vor allem aber auf die städtische Entwicklung gestützt, die Zentralgewalt mit und seit den Kreuzzügen eine geldwirtschaftliche Verwaltung einzurichten begann, waren es in Deutschland die Landesherren, deren zunächst im 13. Jahrhundert aufblühende Verwaltung (s. S. [106]) sich der Geldwirtschaft anpaßte. Steuern, Zölle und sonstige Einnahmen brachten Geld, und die Ausgaben für den höfischen Prunk wie für das neue Beamtentum und das aufkommende Söldnerheer waren wieder größtenteils in Geld zu leisten. Vor allem entwickelten aber dann – der deutsche Orden ist übrigens auch hervorgetreten – eben die Städte die neue Wirtschaftsform, stärker schon im 13., ganz freilich erst im 15. Jahrhundert. Diese Geldwirtschaft führte eine höhere materielle Kultur herbei, eine gesteigerte Lebenshaltung, mit der die adlige und z. T. selbst die fürstliche nicht wetteifern konnte, eine größere Genußsucht, eine Neigung zum Luxus und damit wieder eine Förderung der künstlerischen Lebensverschönerung, eine Blüte bestimmter, auf diesem Boden gedeihender Künste. Man kam ferner, wie gesagt, zu einer praktisch organisierten Verwaltung, zur Ausbildung der indirekten Steuern, zu einer in alle Einzelheiten eingreifenden inneren Polizeigesetzgebung, zur Ausbildung des Verantwortlichkeitsgefühls. Weiter ergaben sich eine größere Beweglichkeit und geistige Regsamkeit – von der Fürsorge für die Schulen werden wir noch (S. [143] f.) hören –, eine individuellere Lebensauffassung, wie sich überhaupt mit den praktischen, realen, wirtschaftlichen Interessen und der Erweiterung des Gesichtskreises wie schon mit dem Berechnen eine stärkere Übung des Verstandes, ebenso aber eine größere Abneigung gegen die asketische Weltanschauung und gegen kirchliche Bevormundung verband – kurz man gelangte zu den Elementen einer wirklichen Laienkultur.

Aber alles das entwickelte sich doch nicht sogleich und nicht überall, und man darf andere Züge nicht übersehen. So eifrig man sich den neuen, rasch hervortretenden Erfordernissen des wirklichen Lebens zuwandte: großzügig war der Geist dieses Bürgertums durchaus nicht, eher engherzig-egoistisch. Es liegt das daran, daß den Kern des Bürgertums schon durch ihre Zahl die Handwerker ausmachten. Zum Teil, vor allem in Süddeutschland, blieb überhaupt das Gewerbe ein wichtigerer Faktor als der Handel. Was die Handwerker selbst erzeugten, durften die Kaufleute nicht einführen. Andererseits hatte der Handel die Aufgabe, für die Rohstoffe zu sorgen, die eben das Handwerk brauchte. Der bürgerliche Geist deckt sich zum Teil mit dem Geist der Zunft. Diese hat die Handwerker wirtschaftlich, persönlich und sittlich gehoben, aber je länger je mehr auch einen kleinlichen, dem Wettbewerb und der freien Betätigung des begabten Individuums, schließlich überhaupt dem Fortschritt feindlichen Charakter gezeigt. Die Zunft bedeutete für das gewerbliche Leben etwas Ähnliches wie die Markgenossenschaft für das landwirtschaftliche. Zu dieser, Sicherung und Berechtigung gewährenden Zunftform strebten auch die neu entstehenden Gewerbe mit allen Mitteln hin. Mit genossenschaftlichem Zwang sorgte die Zunft wie die Markgenossenschaft für gleichmäßige Erzeugungsbedingungen und so für das Wohl aller; mehr noch als jene förderte sie die Wertschätzung und die Güte der persönlichen Arbeit, die als gewerbliche ja technisch schwieriger war als die bäuerliche, und erzog den einzelnen durch bestimmten Lehrgang für seinen Beruf. Auch das Selbstgefühl ihrer Glieder stärkte sich eben durch den Stolz auf das durch Überlieferung und Aufsicht gesicherte Können, auf die »Kunst«, zugleich freilich durch die Teilnahme an der Stadtverwaltung und Stadtverteidigung. Höchst wertvoll in der noch immer leidenschaftlichen und ungebundenen Zeit war wie der Zwang an sich, so besonders die streng formalistische und zeremonielle Art des Zusammenlebens und der Verhandlungen, die einerseits eines poetischen Zuges nicht entbehrte, andererseits aber, wie ja schon die ästhetisch-gesellschaftlichen Regeln des Rittertums, die unentbehrliche »Zucht« dem einzelnen einprägen sollte. Und weiter hat dieser Handwerkergeist durch seine scharfen Ansprüche an die äußere »Ehrbarkeit«, an ehrliche, deutsche Herkunft, freie Geburt und sittliche Unbescholtenheit, durch die Anerkennung allein des Erwerbs mittelst tüchtiger Arbeit die Grundlage zu den bürgerlichen Anschauungen über Ehre und Rechtlichkeit gelegt, die natürlich zum Teil durch die kirchliche Ethik beeinflußt waren. Freieren Anschauungen war dieser Geist eigentlich unzugänglich, und, wie die Zunft, die in mittleren Zeiten zunächst zur Blüte des Gewerbes, ebenso wie die Markgenossenschaft zu der der Landwirtschaft beitrug, bei fortschreitender Entwicklung fast so wie jene durch die Ausschaltung der freien Beweglichkeit Rückständigkeit und Erstarrung herbeiführte, so erhielten auch die sittlichen Anschauungen bald etwas Starres. Freilich war bei der zunehmenden Unsittlichkeit und Genußsucht das Dringen der Handwerker auf Ehrbarkeit ein gewisses Gegengewicht gegen die allgemeine Laxheit und beeinflußte auch die Stadtverwaltungen.

Auf sittlich-kirchlichen Anschauungen beruhte z. T. auch die Gegnerschaft der Handwerker gegen den entwickelten Handel, vor allem gegen den spekulativen, nicht gegen den Handel überhaupt. Denn sie selbst verkauften ja auch, und keineswegs waren sie den Krämern feindlich. Wie sie grundsätzlich bei allen Zunftgenossen gleichen Wohlstand, aber bei keinem Reichtum erzielen wollten, so war ihnen der rasche Gewinn des Kaufmanns ein Dorn im Auge. Aber dieser vor allem auch von der Kirche (s. S. [134]) und besonders vom Adel mißachtete Kaufmann war nun doch ein sehr wichtiges Element des städtischen Lebens, spielte durch seinen Reichtum oft die führende Rolle und bildete das Patriziat. Der Handel, einerseits der nunmehr (s. S. [101]) vor allem an die Verbindung mit Italien geknüpfte oberdeutsche, andererseits der hansische, war es ja doch, der den eigentlichen Glanz der führenden Städte, Nürnbergs, Augsburgs, Ulms, Frankfurts, Kölns, Lübecks u. a., begründete. Er bestimmte auch vielfach ihre Politik, und namentlich seit Ausgang des Mittelalters führte der Aufschwung des Handels auch ein mächtiges Zuströmen der Bürger zum Beruf des Kaufmanns herbei. Aber wenn nun bei dieser Klasse des Bürgertums zweifellos ein kühner Unternehmungsgeist, ein weiter Blick in die Ferne, dessen ja auch der Handwerker infolge seines Wanderns als Geselle nicht ganz entbehrte, und eine große Tatkraft hervortreten, das Bürgerlich-Engherzige fehlt auch ihr nicht. Die städtische Handelspolitik, von den Interessen der Handwerker bestimmt, war nach einem verkehrsfreundlichen Zeitalter seit längerem (s. S. [100]) meist eine von monopolistischem Geist getragene Sonderpolitik zugunsten der Eingesessenen geworden. Jede Stadt schloß sich wirtschaftlich ab, der fremde Kaufmann wurde im Handel beschränkt und zum Vorteil der Bürger ausgenutzt (Stapelrecht), die Zufahrtstraßen allein wurden gebessert usw. Nur einzelne weitsichtige Städte wie Nürnberg sicherten durch Begünstigung der fremden den heimischen Kaufleuten gleiche Vorteile draußen. Ebenso wurde das umliegende Land zugunsten der Stadt wirtschaftlich beschränkt und ausgenutzt.

Aber noch in anderer Beziehung entbehrt die bürgerliche Kultur lange freierer und glänzenderer Züge. Der geschäftliche, wirtschaftliche Hauptzug bringt auch eine große Nüchternheit mit sich, die namentlich das 14. Jahrhundert charakterisiert und erst im 15. Jahrhundert einer zwar groben, aber doch weitherzigeren Lebensfreude weicht. Mit dem Niedergang des aristokratischen Geistes war auch der Schwung des Lebens zunächst dahin: er kam ebenso wie die Poesie später am meisten noch aus dem niederen Volk. Nicht nur die Lebensauffassung, die von praktisch-berechnendem Sinne, von der Regel und Ordnung des Arbeits- und Geschäftslebens beeinflußt wurde, sondern überhaupt das geistige Leben atmete jene Nüchternheit und ward dadurch ärmer. Das Gefühl spielt in den bürgerlichen Schichten keine große Rolle, wenigstens ist es nicht sichtbar. Daß es in manchen Kreisen damals sogar überschwenglich lebendig war, zeigen die Briefe der geistlichen Mystiker, die aber in ihrer feineren Form und Ausdrucksweise mehr wie ein Nachklang der höfischen Zeit wirken. Die kahlen und nüchternen Briefe des Bürgertums, die ja meist erst aus späterer Zeit stammen, beweisen an sich noch keinen Mangel an Gefühl, weil sie in der Hauptsache Geschäftsbriefe sind und die Bildung zu gering war, als daß man sich im schriftlichen Ausdruck frei hätte geben können. Aber nüchtern-geschäftsmäßig ist auch die Geschichtsschreibung, nüchtern namentlich auch die Dichtung, die ja in der Form die Überlieferungen der geistlichen, der höfischen und der Spielmannsdichtung weiter führt, aber ohne wirkliches Formgefühl, ohne Phantasie und Schwung, vielmehr bürgerlich gerichtet und gestaltet ist. Bezeichnend ist die besondere Pflege der Lehrdichtung, der gegenüber die aufkommende Derbheit immerhin weniger langweilig ist.

Nüchternheit atmet weiter die Namengebung, die anstatt des früheren stark poetischen Namenreichtums (S. [37]) eine große Dürftigkeit zeigt. Die alten deutschen Namen waren infolge des in die Masse gedrungenen kirchlichen Geistes vor den Heiligennamen, die, einst schon zurückgedrängt, im 13. Jahrhundert wieder aufkamen, gegen Ende des 14. Jahrhunderts bedeutend zurückgetreten. Es zeigt sich ferner, zum Teil infolge des Aufkommens von Beinamen, eine außerordentliche Einförmigkeit der Namen; man beschränkt sich immer mehr auf einzelne alte deutsche Namen (Heinrich, Konrad), vor allem aber auf den frommen Namen Johannes (Hans).

Auch die Kunst, vor allem die wichtige Baukunst, spiegelt den nüchternen Zeitgeist wider. Wie in der Dichtung werden die Formen der vorhergehenden Periode in äußerlicher Weise schülerhaft fortgepflanzt, wie dort fehlen Glanz, Phantasie und Schwung. Die starke Bautätigkeit entspricht mehr dem praktischen Bedürfnis der bürgerlichen Masse: es entstehen die einfachen Hallenkirchen. Freilich prägt sich das bürgerliche Selbstbewußtsein gleichzeitig in den oft unverhältnismäßig hohen Türmen aus. Andererseits tritt mehr und mehr ein handwerksmäßiger Charakter hervor; man suchte in technischen Einzelheiten seine kleine Meisterschaft zu zeigen. Das 15. Jahrhundert erhebt sich dann bedeutend über das vorhergehende. Das beste wird indes im Norden und Osten geleistet, in den herben, aber eigenartig entwickelten mächtigen Backsteinbauten der Kirchen, doch auch in den oft schmuckreicheren weltlichen Bauten gleicher Technik.

Weiter bedeutet nun die bürgerlich-städtische Kultur gegenüber der ersten, wesentlich auf die aristokratische Schicht beschränkten Entwicklung einer Laienkultur zunächst eine starke Vergröberung. Die feine ästhetische Gestaltung des Lebens schwand ebenso dahin wie die höhere gesellschaftliche Bildung. Dem ungebundenen Sichgehenlassen gegenüber hielt zwar auch die bürgerliche Kultur an den errungenen Vorschriften einer sittigenden gesellschaftlichen Lehre in verbürgerlichter Form fest: es wird gerade jetzt, wie wir schon für die Genossenschaften sahen, der Zwang konventioneller Formen für das ganze Leben dieser noch halbbarbarischen Gesellschaft als unerläßlich empfunden. Aber jene Ungebundenheit wurde doch wieder das Charakteristische, die Derbheit siegte über die Feinheit, das rohe Schwelgen in materiellen Genüssen über die Mäßigkeit, das Plebejische über das Aristokratische. Gesellschaftlich steht das neue Zeitalter also im Zeichen der Rückständigkeit, je mehr vor allem die niederen Volksschichten sich bemerkbar machen. Charakteristisch sind die üblen Tischsitten, das gierige Schlampampen wie das unsaubere Umgehen mit Speisen und Speiseresten, von den Trinksitten ganz abgesehen. Die höfischen Anstandslehren werden jetzt – auch ein Zeichen der materiell gewordenen Zeit – vor allem in »Tischzuchten« fortgesetzt. Wie der plebejische Ton auch auf die aristokratischen Kreise schließlich übergriff, zeigen später die Hofordnungen des noch unflätigeren 16. Jahrhunderts mit ihren Verboten des Knochenwerfens und des Begießens mit Bier. Das alte Hauptstück der Geselligkeit, der Tanz, verlor wieder den höfischen Charakter und nahm in den Städten noch vergröberte bäurische Formen an. Die Tanzlieder wie das Gebaren beim Tanz wurden dabei vielfach sehr bedenklich, und die neuen Tänze aus der Fremde, die man in den Städten übernahm, verschärften noch diesen Zug. Charakteristisch ist weiter das Zurücktreten der Frau aus der Geselligkeit und das Schwinden ihres sittigenden Einflusses. Schon gegen Ausgang der Minnezeit trat dieser Rückschlag ein. Aber die Stadt mit ihrer zahlreicheren weiblichen Bevölkerung, die sogar überwog, mit den schlechten Elementen darunter und der größeren Freiheit sinnlichen Genusses verstärkte diese Strömung und bannte die ehrbare Frau wieder ins Haus: nicht die Dame, sondern die tüchtige deutsche Hausfrau wurde das bürgerliche Ideal der Frau.

Alles das hängt mit dem auf das Materielle gerichteten Sinn der Zeit zusammen, und dieser Zug wird gerade durch die bürgerliche Kultur sehr gefördert. Materiell war ja doch diese Kultur in erster Linie, nicht in dem Sinne, daß der Genuß die Hauptsache war – im Gegenteil, wir lernten schon die Arbeit als den beherrschenden Faktor des städtischen Lebens, im Gegensatz zum ritterlichen Weltfreuden- und mönchischen Jenseitsideal, kennen. Aber im Vordergrund des Sinnens und Trachtens stand – und zwar nicht nur in der kaufmännischen Schicht – der Gelderwerb. Das allgemeine Ziel ist der Wohlstand, ein mäßiger nach den Anschauungen der Handwerker, ein möglichst großer nach denen der Kaufleute, aber damit doch wieder eben der Lebensgenuß, der entsprechend der Massengeselligkeit und der geringen Entwicklung feineren Innenlebens von selbst gemeine Formen annahm. Und auch über die höheren Fragen des Lebens entschied immer der materiell-praktische Gesichtspunkt, die Kirchlichkeit wurde bei der Mehrheit äußerlicher als je, der materielle Gedanke von Leistung und Gegenleistung war zum Teil ausschlaggebend.

Das arbeitsame, erwerbslustige, grober Lebensfreude zugetane deutsche Bürgertum war in seinen noch einfachen Verhältnissen mit dem romanischen Bürgertum, vor allem mit dem italienischen der Renaissancezeit, nicht zu vergleichen. Schon das eigentlich Städtische, das ja erst neben dem Höfischen eine höhere Ausgestaltung der Kultur verbürgte, hatte sich, wie wir (S. [98]) sahen, in den stark bäuerlich gefärbten Sitzen des deutschen Bürgertums noch gar nicht völlig durchgesetzt, von den vielen kleinen Landstädten ganz abgesehen. Freilich machten sich eine immer stärkere Gleichartigkeit der städtischen Interessen und noch mehr der Lebensbedingungen sowie eine immer zunehmende Vielseitigkeit der Berufe geltend, und gerade im Nichtbäuerlichen lag die Anziehungskraft der Städte. Eine rein städtische Kultur war dagegen in Frankreich und Italien erblüht, gewiß noch in Anknüpfung an längst unterbrochene Überlieferungen. In Italien hatte sich weiter jene hochstehende geistige, künstlerische und Lebenskultur entfaltet, der gegenüber die deutschen Bürger wie die Deutschen überhaupt doch noch immer als barbarische Leute erscheinen mußten, trotz ihrer wirtschaftlichen und materiellen Errungenschaften. Wenn wir dann aus dem 15. Jahrhundert zahlreiche, teilweise begeisterte Schilderungen deutscher Städte besonders auch durch Italiener besitzen, so liegt ihnen gewiß das Erstaunen zugrunde, das diese über die unerwartete Höhe der äußeren Kultur in dem mißachteten Deutschland empfunden hatten. Überdies stammen die Urteile meist erst aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als der steigende Wohlstand den Städten vielfach ein glänzenderes Aussehen gegeben hatte als früher. Denn im ganzen boten die mittelalterlichen Städte so wenig ein Bild luxuriöser Pracht wie etwa die Burgen, und auch das Dasein selbst trug trotz jener doch ziemlich groben Üppigkeit noch den Stempel der Einfachheit. Die öffentlichen Gebäude und die Häuser der Reichen zwar, die seit dem 14. Jahrhundert häufig den Hof des Stadtherrn sich zum Vorbild genommen hatten, gewannen schon im 15. Jahrhundert eine reichere Gestalt, namentlich aber dann unter italienischen Einflüssen im 16., bis die Sucht nach künstlerischer Verzierung der Steinbauten wie der niedersächsischen Holzbauten fast übertrieben wurde. Die Häuser der weniger Bemittelten standen natürlich weit zurück. – Auch im Innern der Häuser und im Hausrat zeigte sich erst im 15. Jahrhundert eine reichere Entwicklung. Einmal war das Bürgerhaus immer zugleich Arbeitshaus und diente dem Gewerbe oder dem Handel, andererseits wich das Enge, Unbequeme, technisch Unentwickelte nur langsam. Das zeigen die kleinen und niedrigen Räume, der schlechte Fensterverschluß, die mangelhafte Heizung und Beleuchtung. Im 15. Jahrhundert entwickelten sich bei den Reichen Prunkräume mit Glasfenstern, kunstvoll gearbeiteten Öfen, schön geschnitzter Wandtäfelung (an Stelle jenes, den höfischen Wohnstätten nachgemachten Behängens mit Wandteppichen), mit wundervoll gearbeiteten, aber schweren Kunstmöbeln (Truhen, von den Schränken später verdrängt, Tischen und Bänken). Manches davon ging auch mehr und mehr auf die eigentlichen Wohnräume über; ferner gab es in den Schlafzimmern große Betten mit schön geschnitztem Dach und prächtigen Decken. Seit dem ausgehenden Mittelalter fand man auch vielfach Wanduhren im Bürgerhause.