Jene religiösen Massenepidemien dauern zum Teil noch im 15. Jahrhundert fort, aber auch dann bleibt das Land der Hauptboden für sie. In der Stadt nimmt dieser religiöse Massengeist weniger überspannte Formen an. Daneben besteht aber in manchen Kreisen der niederen städtischen Schicht, freilich keineswegs in ihnen allein, eine stillere, gefühlsmäßige Religiosität in Opposition gegen die materielle Genußsucht, den praktisch-realen Sinn und die äußerliche Weltlichkeit wie gegen die ebenfalls nur äußerliche Kirchlichkeit der Volksmehrheit. Diese schroff entgegengesetzten Strömungen der Innerlichkeit und der Genußfreude charakterisieren den Geist des ausgehenden Mittelalters. Die Anfänge der stillen Religiosität hatten wieder einen feineren, zum Teil sogar aristokratischen Charakter gehabt. Es sind die Mystiker der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, zum Teil wieder Bettelmönche, die, dem verstandesmäßig-formalen Treiben der Scholastik abgewandt, zugleich in entsagendem Gegensatz gegen die neuauflebende Weltlust, sich in ein innerliches Leben, einen schwärmerischen inneren Verkehr mit Gott versenkten. Eben wegen dieser Innerlichkeit kann man die Mystik als die erste wahrhaft volkstümliche Erfassung des Christentums durch die Deutschen ansehen. Ihr Gemüt zu offenbaren, trieb es die Mystiker zum Gebrauch der Muttersprache. Sie handhabten sie in einer Formvollendung, die noch an der Dichtung der höfischen Zeit geschult war. An die höfische Zeit erinnert auch die starke Beteiligung der Frauen, freilich von Klosterfrauen, deren jetzige Rolle jedoch allein in dem reichen weiblichen Gefühlsleben begründet war. Über die bloße Empfindsamkeit und Verzücktheit hinaus kamen die ersten und größten Mystiker zu wirklicher Tiefe der Gedanken und zeigten aristokratischen Schwung des Geistes. Ein zukunftsreiches Moment liegt in der besonderen Berücksichtigung der Laien seitens der Mystiker und in der Begeisterung der Laien für die neuen Männer. Ein gewaltiger Volksprediger war vor allem Johannes Tauler. Einerseits wurde nun diese mystische Strömung allmählich vergröbert, andererseits verquickte sie sich mit jenen volkstümlichen Zielen der Bettelorden, mit jener breiten kirchlich-sozialen Bewegung, die sich mit den Nöten der Masse beschäftigte. Charakteristisch bleibt aber für diese natürlich vor allem im Klöstern vertretenen mystischen Geister die starke Gefühls- und Stimmungsrichtung, die dann auch die Religiosität kleinerer und größerer Volkskreise beeinflußte und z. B. für das Verständnis der Kunst des ausgehenden Mittelalters höchst wichtig ist. Aber auch ohne diesen mystischen Zug sind nun frommer Überschwang und inbrünstiges religiöses Verlangen, gerichtet auf die Nachahmung Christi und der Heiligen, gerade in der Masse lebendig geworden und ergreifen zum Teil auch die höheren Schichten.
Andererseits nimmt diese Massenreligiosität stärker jenen halbheidnisch-volkstümlichen Charakter an. Recht viel gute Werke, recht viel Gebete, recht viel Heiltum (Reliquien) in den Kirchen – es ist dieselbe plebejische Wertschätzung des Massenhaften, die wir schon in der materiellen Lebenshaltung des städtischen Durchschnitts beobachteten; es ist zugleich die alte, nun noch geförderte nüchtern-geschäftliche Auffassung (s. S. [120] f.). Auch die Bettelorden wurden, wie (S. [131]) erwähnt, immer weniger die Führer einer eigentlich religiösen Strömung. Die Predigt war nun oft auf den äußeren Eindruck berechnet, sie warb vielfach nur um den Beifall der Masse. Viele Bettelmönche kümmerten sich um das Seelenheil nur in der sonst üblichen äußerlichen Weise. Sie hoben auch nicht mehr das Volk innerlich, sondern huldigten ganz seiner groben, vielfach noch mit den Resten der heidnischen Volksreligion verbundenen Denkweise. Dabei wurden sie von der herrschenden Genußsucht und Sittenlosigkeit in starkem Maße angesteckt, machten sich auch durch ihr nichtstuerisches Leben und ihre zudringliche Bettelei verhaßt und verfielen so zu einem guten Teil dem Spott und der Verachtung. An Bettelmönchen, die es mit ihrer Aufgabe ernst nahmen, fehlte es freilich auch jetzt nicht. Als soziale Kritiker, in ihrer Parteinahme für jene sozialen Nöte der Masse, blieben die Orden eben ein wirksames Element.
Daß sich die Kirche der Armen annahm, war ja im Grunde durchaus nicht neu. Diesen alten Zug hatte die große asketische Bewegung mit ihrer Verachtung des irdischen Besitzes und der irdischen Macht, mit dem Preise der Armut nur gefördert. Das Ideal der mittelalterlichen Kirche blieb aber überhaupt immer der mäßige Besitz: sie verwarf den gierigen Erwerb auf Kosten anderer und betonte die Pflicht des Reichen, den Ärmeren in großem Umfang abzugeben. Und daß dieses Ideal immerhin auch tief in die Volksmasse drang, zeigen z. B. die oben (S. [119]) erwähnten Anschauungen der Zünfte, zeigt aber auch die allgemeine Mißachtung, die nicht etwa nur den Juden wegen ihres »Wuchers«, sondern auch dem eigentlichen Kaufmann von Adel, Klerus, Handwerkern, niederem Volk entgegengebracht ward. Gegen das sogleich mit gewaltigen Erfolgen auftretende Kapital und seinen aristokratischen Übermut regte sich schon im 13. Jahrhundert ein gewaltiger Haß. So geldwirtschaftlich die Kirche selbst vielfach gerichtet war, so blieb das Zinsverbot doch ihr großer Grundsatz. Schließlich wurde die ganze neue Geldwirtschaft theoretisch zum »Wucher« gestempelt, insbesondere auch der Handel, der auf spekulativen Gewinn ausging. Zahlreich sind die mehr oder weniger autoritativen geistlichen Stimmen, die in jener Zeit den Handel, soweit er nicht der notwendigen Lebensfürsorge (wie derjenige der ihre Erzeugnisse verkaufenden Bauern und Handwerker) diente, verwarfen und die Kaufleute, denen wohl auch viel vorgeworfen werden konnte, allgemein als Sünder hinstellten. Später, als vor allem die oberdeutschen Kaufleute neben dem Warenhandel auch das Geldgeschäft pflegten, nahmen solche schon zurückgetretenen Stimmungen wieder zu. Das wegen der unendlichen Zersplitterung des Münzwesens durchaus notwendige Wechselgeschäft, der Geldhandel, aber auch das sich aus dem Geldvorrat von selbst ergebende Ausleihen von Geld gegen Zinsen war früher den Juden, die ja nicht an die kirchlichen Anschauungen gebunden waren, und den Italienern (den sogenannten Lombarden) überlassen. Jetzt waren jene durch die blutigen Verfolgungen zurückgeworfen und diese als lästige Wettbewerber vielfach verdrängt worden. Den deutschen Kaufleuten erleichterte die Übernahme des gewinnbringenden Geldgeschäfts zudem der Silberhandel, der sich aus dem damals besonders aufblühenden Bergbau und ihrem Anteil daran ergab. Der Übergang zum Geldhandel, überhaupt zu einem rein spekulativen Handel vollzieht sich stärker erst mit Beginn des 16. Jahrhunderts und hat schließlich zum Verderben des hochstehenden deutschen Handels mit beigetragen. Der ausgesprochene Kapitalismus dieser Zeit erregte auch, jetzt wegen der sozialen Folgen, die öffentliche Meinung stärker als je, insbesondere die zunehmende und sich auch auf notwendige Lebensmittel richtende Monopolisierungssucht. Wir haben die härtesten Äußerungen über die »Schinder des Volks«, die »Christenjuden«, über den Raub und Wucher der Kaufleute von Geiler von Kaisersberg, Sebastian Brant, Hans Sachs, Erasmus, Luther. Auch Beschlüsse der Städte, der Land- und Reichstage wandten sich gegen die Aufkäufer und Preissteigerer. Gerade die Armen mußten nun bei Teuerungen am meisten leiden, und hier und da sind auch gegen Ende des 15. Jahrhunderts Aufstände dadurch hervorgerufen worden.
Aber bei diesen Bewegungen spielte überhaupt der Gegensatz zwischen Reich und Arm eine immer größere Rolle. Schon im 13. Jahrhundert war dieser Gegensatz über das bloße Mitleid mit den Armen hinaus von den Bettelmönchen, so in ziemlich heftiger Form von Bertold von Regensburg, betont und gesteigert worden. Ende des 14. Jahrhunderts finden wir bei Dichtern und in Chroniken bezeichnende Stellen. Mehr und mehr trat dann eine wieder in den Lehren des Urchristentums begründete Teilnahme an der Lage des ärmeren Landvolks, dessen Arbeit nun gepriesen ward, hervor. Der Bauer wurde jetzt trotz des wirtschaftlichen Niedergangs des Adels weniger von diesem als von den klösterlichen Grundherren bedrückt, vor allem aber vom Staat immer stärker belastet, überdies vom Städter mißachtet. Dazu kam der Groll über die rücksichtslose wirtschaftliche Herrschaft der Stadt über das Land, den der Bauer mit dem Adel teilte. Sodann zündete die hussitische Bewegung mit ihren gleichmacherischen Ideen auch in Deutschland. Weiter dauerte die Hetzerei der niederen Geistlichkeit an. Bei dem großen Prediger Geiler von Kaisersberg finden sich stark agitatorische Äußerungen. Am ehesten mochten solche Stimmungen, soweit sie gegen die Reichen an sich gingen, Ableitung in jenen Judenverfolgungen finden, die freilich in erster Linie auf die Auswucherung der in weiten Kreisen verschuldeten Bevölkerung zurückgingen. Aber auch der reiche Besitz der Kirche wurde immer schärfer aufs Korn genommen, je mehr der höhere Klerus verweltlichte, die Pfründenjägerei um sich griff und die Habgier der Kirche das Volk aussaugte. Auch hier spielte wie zum Teil bei den Judenverfolgungen die Hetzarbeit der niederen Geistlichkeit und der Volksprediger eine Rolle. Eine besonders haßerfüllte Stimmung gegen die nichtstuerischen und schlemmenden »Pfaffen« herrschte auf dem Lande, wo schon der Zehnte sehr widerwillig gegeben wurde, wo man aber erst recht jene grundherrlichen Lasten für Klöster und Stifter als bitteren Druck empfand. Ohne Zweifel kamen die alten kirchenfeindlichen Strömungen hinzu. Wie die Ketzerbewegungen früherer Zeit (s. S. [129]) fand gerade beim Landvolk auch die hussitische Bewegung Anhänger. Sie stellte zugleich einen furchterregenden Ausbruch der gegen die Reichen und Mächtigen und auf Erhebung der Armen und Niedrigen gerichteten Strebungen der Masse dar. Gerade sie wandte sich aber auch gegen das Kirchengut. Und so erklärt es sich, daß bei den bäuerlichen aufrührerischen Bewegungen, die schon im 15. Jahrhundert lange vor dem großen Bauernkrieg begannen, sich der Haß besonders auch gegen die Pfaffen richtete. Daß im übrigen auf der Pfaffen Gut sich auch die lüsternen Blicke des niederen Adels richteten, daß der Kirche reicher Besitz auch den höheren Klassen in den Städten ein Dorn im Auge war, gehört nicht in diesen Zusammenhang, hat aber bei der Reformation später eine Rolle gespielt. Von dieser hat dann auch jene wesentlich unter den Bauern um sich greifende religiös-soziale Strömung, bei der im 15. Jahrhundert theokratisch-kommunistische Ziele immer stärker hervortraten und bei der die auf Befreiung von Druck und Lasten gerichteten Ideen unter religiösen Schlagworten wie »die Gerechtigkeit Gottes« und »christliche Freiheit« sich eindrucksvoller verbreiteten, das Heil erwartet, freilich vergeblich, wie der große Bauernkrieg, dessen Grundursachen im übrigen auf anderen Gebieten liegen, zeigte.
Auch bei gewissen städtischen Bewegungen um 1500 haben – von den Judenhetzen abgesehen – der Haß gegen die Reichen und die Begierde nach ihrem Gut eine Rolle gespielt, aber es scheinen hier doch mehr die freilich auch kapitalfeindlichen, alten zünftlerischen Anschauungen, hinter denen zum Teil geistliche Scharfmacher standen, von Bedeutung gewesen zu sein. Besonders mochten die Geistlichen die ärmeren Handwerker beeinflussen, die sich namentlich dort von den eigenen, reicheren Zunftgenossen beschwert fühlten, wo diese Anteil am Stadtregiment hatten. Sie litten zum Teil unter der Engherzigkeit der Zunft ähnlich wie die Gesellen, denen bei der zunehmenden Übersetzung des Handwerks und dem stärkeren Gewinnstreben der einzelnen das Meisterwerden außerordentlich erschwert wurde. Die überall das Mittelalter beherrschende genossenschaftliche Form führte namentlich gegen Ende des Mittelalters zu Gesellenverbänden, die zielbewußt, nach Art der Zünfte organisiert, die älteren Bruderschaften zur gegenseitigen Unterstützung, zur Fürsorge für das Seelenheil usw. verdrängten und auch zur Anerkennung seitens des Rates und der Meister gelangten. Die oft gar nicht so schlecht gestellten Gesellen zeigten ein starkes Selbstbewußtsein, waren wehrhafte Leute und veranstalteten gern öffentliche Umzüge und Feste, die von ihrer angesehenen Stellung innerhalb der Bürgerschaft zeugen. Sicherlich haben sie bei Zusammenrottungen auch ihr Kontingent gestellt; dazu kamen dann aber vor allem die Tagelöhner, allerlei niedrige Arbeiter und der eigentliche städtische Pöbel als wirkliche Arme.
So hat denn die materielle Kultur der Zeit ihr recht bedenkliches Gegenbild. Aber wie diese Kultur selbst durch massengeistartige, unfeine, naive Momente zum Teil bestimmt wurde, so hat auch die niedrige Masse in der Hauptsache doch die genußsüchtigen Ideale geteilt, wenngleich meist nur sehnsüchtig nach ihnen aufgeblickt. In ihr herrschten doch nicht nur Unzufriedenheit, mystisch-religiöse Eigenbrödelei, Neigung zu lärmender Gewalttätigkeit, sondern auch Lebenslust und Genußfreude, rohester Form freilich. Auch dem niederen Volk boten ja die großen kirchlichen und weltlichen Feste reichlich Gelegenheit zur Teilnahme. Es waren immer wirkliche Volksfeste. Die Geselligkeit ist in erster Linie Massengeselligkeit. Ein allgemeiner Festtaumel ergriff die Menschen besonders zur Fastnachtszeit. Hier kam auch nicht nur die Freude am Schlemmen, sondern auch die alte naive, volkstümliche Laune zum Ausdruck, und uralter Mummenschanz, der auch von Weihnachten bis Epiphanias allgemein üblich war, verstärkte die lustige Ungebundenheit. Als derbkomische Unterhaltung des ganzen Volkes hatten sich ferner zum Teil die Fastnachtsspiele als weltliche Spiele neben den geistlichen Spielen an hohen kirchlichen Festtagen auf verschiedene Weise entwickelt, und die der Zeit mit ihren Beschwerden entspringende Neigung zu satirischer Verspottung der Stände kam in ihnen zum Ausdruck (s. S. [139]). Weiter gab es noch die alten volkstümlichen Feste im Freien, wie die allerdings mehr auf dem Lande üblichen Maitänze, überhaupt die sommerlichen Tänze an Feiertagen mit ihrem Singen und Springen. Man vergnügte sich auch noch auf Wiese und Anger an den alten Kraftübungen, dem Ringen, Steinwerfen u. a. Sodann boten die Kirchenfeiern Anlaß zu immer neuer Festeslust. Die Kirchweihen bildeten vor allem auf dem Lande den Höhepunkt der Festfreude, fehlten aber auch in der Stadt nicht. Hier kamen dann Handwerkerfeste und -tänze als etwas besonderes hinzu, vor allem aber die großen bürgerlichen Waffenfeste, die Schützenfeste, ursprünglich mit Aufzügen und nachfolgendem Gelage verbundene Waffenübungen. Die Hauptsache bei ihnen wurden aber allmählich die Festlichkeiten und die Preise, die man erringen konnte. Die patrizischen Kreise versuchten noch jetzt, sich durch Turniere hin und wieder ein ritterliches Ansehen zu geben, sehr zum Mißfallen des Adels, dessen Turniere aber natürlich auch meist in der Stadt abgehalten wurden und der Masse wenigstens ein glänzendes Schauspiel boten. Alle diese Feste waren also, wie auch die Familienfeste, zugleich Massenfeste, bei denen die ständischen Unterschiede mehr oder weniger zurücktraten. Umgekehrt boten die Fahrenden, die etwa bei Turnieren und Schützenfesten zusammenströmten, keineswegs nur dem niederen Volk Unterhaltung.
Trotz aller verbitternden sozialen Gegensätze herrscht damals doch noch ein außerordentlich starkes volkstümliches Gesamtgefühl. Der oben erwähnte Massengeist ist nicht nur der Geist der niedrigen, sondern der der Gesamtmasse, dem freilich eben wegen der großen Rolle des niederen Volkes keine feinen Züge eignen können. Die Art der niederen Volkskreise zieht vielmehr die der höheren zu sich herab. Nicht nur, daß die Bildungsunterschiede in der Laienwelt damals noch immer stark zurücktreten und hoch und niedrig sich in einer durchaus volkstümlichen Ausdrucksweise (die natürlich nichts Neues ist, sich jetzt nur in den Quellen stärker kundgibt) ergeht: es ist auch an Stelle der höfischen Art in den aristokratischen Kreisen eine freilich ebenfalls immer vorhanden gewesene und nur durch jene modische Verbildung überfirnißte Neigung zur Derbheit und zu grober Redeweise getreten. Schon der Minnedichtung sahen wir (S. [93]) in der höfischen Dorflyrik ein volkstümliches Gegenbild erstehen. Herr Steinmar hat jene dann geradezu verspottet und zog vor, »in daz luoder« zu »treten« und sehr materielle Genüsse zu preisen. Ein plebejischer Geschmack bringt die Literatur dann immer mehr herunter. Alles feinere Schönheitsgefühl schwindet, der Ton wird immer niedriger, der Stoff immer realistischer, die Ausdrucksweise immer derber. Die Schwänke, oft zotig und gemein, werden zur Lieblingskost. Vor allem in jenen Fastnachtsspielen, und zwar den Nürnbergern besonders, machen sich Derbheit und Roheit mit vollstem Behagen breit. Es war im Grunde lächerlich, wenn in ihnen der Bauer als komische und mißachtete Figur wegen seiner Freßgier, seines Saufens, seines Schmutzes und seiner Roheit herhalten mußte. Der Inhalt der Spiele zeigt die gleiche Freude gerade des Städters am Rohen, z. B. an Prügelszenen, und in seiner materiellen, groben, oft gemeinen Genußsucht unterschied er sich vom Bauer nur durch die ihm zu Gebote stehende größere Mannigfaltigkeit und gewisse äußerliche Feinheiten. Seine Neigung zur Unflätigkeit beweisen wiederum die Spiele. Um diese Zeit wurde ein zotiger, unanständiger Ton aber überhaupt allgemein Mode. Die ganze Art nennt man nach dem von Sebastian Brant als Modeheiligen hingestellten St. Grobian Grobianismus. Der Zug nahm im 16. Jahrhundert noch sehr zu. Mit ihm sind eine geflissentliche Mißachtung des überhaupt (s. S. [122]) schon arg heruntergekommenen gesellschaftlichen Anstandes und eine teilweise fast zynische Behandlung des weiblichen Geschlechts verbunden.
Die Maßlosigkeit und Ungebundenheit der Zeit, die sich in dem genußsüchtigen Sichausleben, in der Sinnlichkeit wie noch immer in Raub, Mord und Grausamkeit, überhaupt im Hang zu Gewalttätigkeiten und in der allgemeinen Habgier äußert, zeigt sich auch in diesem Gebaren. Strotzende Kraft, jugendlich-naive Unkultiviertheit toben sich mit allem Behagen in ihrer Art aus: eben dies ist immer die Weise des niederen Volkes. Aber diese griff damals hoch hinauf. Wenn uns nun weiter aus jenen Spielen und Schwänken, aus der Redeweise, der Spruchweisheit, den Inschriften, den Namen und so vielem anderen, auch aus den Briefen derjenigen, die über die Steifheit des üblichen förmlichen Stils hinaus gelernt haben, zu schreiben, wie sie reden (wie vor allem Luther und Albrecht Achilles), nicht nur Derbheit, sondern immer auch lustige, launige Derbheit entgegenblitzt, so kommen wir auf das Erhebende in dieser ganzen Erscheinung, auf das befreiende Lachen, das uns aus alledem entgegendröhnt und zeitweise auch die sozialen Bitternisse übertönt, auf den Humor der Zeit. Keine andere war je so lachlustig, so launig selbst in Not und Tod. Und auch das Heilige, das Ernste mußten sich das Eindringen des Komisch-Possenhaften gefallen lassen. Wie sich am Osterfest mancher Prediger dazu hergab, durch allerlei Scherze die Lachlust zu erregen, so schoben sich in die geistlichen Schauspiele, die sich ja vom Lateinischen nun zu einem volkstümlichen Deutsch gewandt hatten, komische Zwischenspiele ein. Bei den Kirchenbauten benutzte man die Wasserspeier zu humorvollen, oft satirischen, selbst gegen Mönch und Nonne gerichteten Darstellungen, und drinnen an Holzgestühl und Steinsäulen wurden allerlei lustige Bildwerke angebracht. So erscheinen auch Recht und vor allem Moral gern in humoristischem Gewande. Rechtssprache und Rechtssätze zeugen davon, ferner gewisse Strafen. Dem gefürchteten Galgen gibt der Volkshumor eine Fülle launiger Bezeichnungen. So oft ferner Sünden und Schwächen mit ernsten Worten gegeißelt werden, so häufig ist doch im 15. Jahrhundert ihre humoristische Auffassung. Ihre Träger werden als »Narren« hingestellt, wie zum Teil in den Spielen, wie vor allem in dem Narrenschiff Brants. Das Laster verfällt der Lachlust, dem Spott. Die Figur des »Narren« in besonderer Tracht übernimmt auch im wirklichen Leben diese spöttische Geißelung der Schwächen, und charakteristisch ist, daß diese volkstümliche Figur zu einer ständigen Einrichtung an den Höfen und oft auch beim Adel wird. Ebenso gab es natürlich Volksnarren bei Festen und Umzügen. Andererseits tat man sich in Narrengesellschaften zusammen, um zu Zeiten mit vollem Behagen »närrisch« zu sein. Wenn irgendein Zug für die volkstümliche Grundstimmung der Zeit spricht, so ist es der Humor. Das Volk lacht gern, gemessene Bildung und Moral haben ihm die Laune nicht verdorben. Noch heute ist der Hauptzug aller Dialektdichtungen der Humor; noch heute wählt der volkstümliche Scherz weniger die Schriftsprache als eben den Dialekt. Gewiß hat der Humor ebenso wie die anderen erwähnten volkstümlichen Züge auch im früheren Mittelalter das ganze Volk durchdrungen, und die erst später zahlreicher werdenden Zeugnisse für ihn dürfen nicht dazu verleiten, ihn als Merkmal nur dieser späteren Zeit hinzustellen. Es ist eben nunmehr die Möglichkeit, ihn zum Ausdruck zu bringen und auch schriftlich kund zu tun, für weite Laienkreise außerordentlich gewachsen. Aber dennoch liegt viel an dem jetzt eingetretenen Übergewicht der Art der breiten Masse, durch das die noch immer starke und nur durch die Stammesunterschiede beschränkte Einheitlichkeit des Innenlebens aller der sonst so zerrissenen und einander feindlichen Kreise außerordentlich befördert wird.
Ein letztes Zeugnis für den volkstümlichen Gesamtgeist der Zeit ist das Volkslied, das damals seine Blütezeit erlebte. Freilich wurde es, besonders von den Spielleuten entwickelt und getragen, vor allem von den niederen Schichten gepflegt und gesungen, aber keineswegs nur von diesen. Es ist sicherlich Gemeingut des ganzen Volkes gewesen und zeugt von dem innigen poetischen Gefühlsleben der ganzen Zeit. Zugleich ist es in seinem Preisen eines naiven Glückseligkeitsideals materieller Färbung (Liebe, Gesang, Naturfreude, Schlemmerei, kurz »gutes Leben«) wieder für die Genußsucht der Zeit charakteristisch. Aber es steckt in dieser volkstümlichen Weltfreude doch auch ein poetischer Schwung, der der bürgerlichen Nüchternheit gar nicht entspricht. Das Volkslied zeugt weiter dafür, daß der demokratische, der Massencharakter nun auch die Literatur nicht nur, wie (S. [139]) geschildert, in Ton und Geschmack beherrscht, sondern sich auch in der Bevorzugung bestimmter Gattungen äußert. Diese Volkslieder wurden auch nicht mehr von einzelnen Volkssängern, sondern mehrstimmig gesungen. Eine solche Gattung, in der fast niemals einzelne Verfassernamen glänzen, stellen ferner die Volksbücher dar, die die alten ritterlichen Stoffe nun in breiter Prosa, oft in Anlehnung an französische Muster, darboten und zunächst in den höheren Schichten verbreitet waren, dann aber mehr und mehr zur Unterhaltung der Volkskreise dienten und von diesen lange bewahrt wurden. Auch die reiche Entwicklung und volkstümliche Gestaltung der jetzt deutschen geistlichen Schauspiele wie die Ausbildung der weltlichen Fastnachtsspiele sind hier anzuführen, zumal auch an jenen die Laien sowohl bezüglich der Texte wie vor allem bei der Aufführung immer stärker beteiligt sind. In diesem Zusammenhang ist auch wieder die deutsche Volkspredigt zu erwähnen.
Holzschnitt und Kupferstich sodann, vor allem der erstere, tragen gegen Ausgang des Mittelalters der Verbreitung der Kunst unter der Masse Rechnung. Zugleich geben sie durchaus volkstümliche Darstellungen und entnehmen ihren Stoff dem gesamten Volksleben, wie es ja auch die bürgerliche Dichtung tat. Mit dieser Richtung auf das wirkliche eben entwickeln sich dann auch Malerei und Plastik in ganz anderer Weise als früher – der wichtigste Zug des Aufschwungs dieser Künste ist das Streben nach Naturwahrheit – und machen sich von der Beherrschung durch die Architektur frei. Zweifellos beweist das alles ein Eindringen der höheren, jetzt freilich volkstümlich gefärbten Kunst in die Masse, ein Bedürfnis nach Kunst, wie es sich nun auch in der Gestaltung des Hausrats im Bürgerhause, in der Anfüllung der Kirchen mit geschnitzten Altären, mit Grabmälern an den Wänden und Pfeilern zeigt. Jene mechanische Vervielfältigung durch Holzschnitt und Kupferstich ist überhaupt von vornherein demokratisch gerichtet, und ganz dasselbe gilt auf dem Gebiet des Bildungswesens von der neuen Erfindung der Buchdruckerkunst. Nicht zwar gerade für die niedersten Schichten, aber doch für die breitere Masse war diese technische Errungenschaft des Bürgertums, die übrigens das sehr entwickelte Abschreibegewerbe nur folgerichtig ablöste, das willkommene Verbreitungsmittel der jetzt allgemeiner geschätzten Bildung, die zunächst freilich durchaus mittelalterlichen Charakter bewahrte. Die neue Kunst war zugleich ein Hauptmittel religiöser Erbauung und Belehrung und kam, ebenso wie zum guten Teil der Holzschnitt und Kupferstich, jenem tiefen religiösen Bedürfnis der Masse entgegen. Sie war endlich ein Sprachrohr der Stimmungen und Strebungen dieser Masse, wie sie auch der volkstümlichen Unterhaltung diente.