So hat denn gerade zu Ausgang des Mittelalters, bis ins 16. Jahrhundert hinein, volkstümlicher Geist das ganze Leben beherrscht wie niemals wieder. Aber eben damals machten sich schon Strömungen bemerkbar, die dem Volkstum innerlich feindlich waren, zum Teil freilich zunächst wegen der damals allgemeinen volkstümlichen Ausdrucksweise diese Richtung noch nicht deutlich zeigten. Es sind naturgemäß Strömungen höherer Kultur, die letzten Endes wiederum in der Antike wurzeln, der Humanismus, das Römische Recht, die künstlerische Renaissance. Sie sind zum Teil verbunden mit einer später ebenso volkstumsfeindlichen sozialen Entwicklung, der ständigen Steigerung der landesherrlichen Gewalt, die schließlich im Absolutismus mündete. Die antike Kultur ist seinerzeit eine volkstümliche Kultur gewesen, die griechische vor allem, aber das gewöhnliche Volk hat doch meist eine gewisse Mißachtung erfahren. Namentlich seit dem Ausgang der Republik hat der gebildete Römer sich über alles Plebejische weit erhaben gefühlt, keinerlei Interesse für Strömungen im niederen Volk gehabt. Diesen Geist der feineren Kulturmenschen haben dann auch die Menschen der italienischen Renaissance gezeigt, er wurde gerade durch den Zug zur antiken Literatur genährt. Von dieser wurden in solcher Richtung dann auch die deutschen Juristen und Humanisten mehr und mehr beeinflußt. Nun gaben aber gerade die niederen Klassen zu jener Zeit vielfach den Ton in Deutschland an, und je mehr man sich von ihnen und ihrer Art, die ja auch immer grobianischer wurde, abwandte, um so mehr wandte man sich vom Volkstümlichen überhaupt ab. Im 16. Jahrhundert überwog freilich dieser volkstümliche Geist noch lange, die Verrohung ergriff sogar bekanntlich immer höhere Schichten, so daß eine Gegenströmung heilsam war, aber das schließliche Ergebnis war eine tiefe Kluft zwischen den »Gebildeten«, also den Kulturmenschen, und dem niederen Volk.

Anfangs, als sich in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters überhaupt eine allgemeinere Laienbildung zu verbreiten begann, war die vermehrte geistige Schulung durchaus nicht unvolkstümlich, der Drang nach besserem Wissen allgemein gewesen. Zunächst keineswegs aus einem höheren und feineren Streben heraus. Es handelte sich lange nur um jene elementare Bildung, deren aus geistlicher Hand früher schon mancher Edle, mancher reiche Bürger und noch mehr die Frauen dieser Stände teilhaftig geworden waren, nach der nun auch die praktisch-nüchterne Masse des Bürgertums aus wirtschaftlichen Gründen verlangte. Der Kaufmann und auch der verkaufende Handwerker konnten das Schreiben und Rechnen nicht mehr entbehren. Anfangs lateinisch und selten, dann deutsch und immer allgemeiner wurden Notizen in Geschäftsbücher und kurze Geschäftsbriefe geschrieben; in den Genossenschaften, den Zünften und Gilden, wollte man allmählich bei der Führung der Listen und Bücher nicht mehr auf den hilfreichen Geistlichen angewiesen sein; für die städtische Gesamtheit wurde die selbständige Führung der Verwaltung auch in bezug auf das Schriftwesen notwendig, und ebenso wie aus den Kanzleien der Fürsten wurden die zum Teil noch lange unentbehrlichen Geistlichen aus den städtischen Schreibstuben durch schrift- und immer häufiger auch rechtskundige weltliche Beamte verdrängt. Und natürlich mußten auch die Leiter der Verwaltung, die Mitglieder des Rats, eine bessere Bildung haben.

Diese allgemeinere Laienbildung konnte zunächst nur aus den (äußeren) Schulen der Klöster und Stifter stammen, aber das wachsende Bedürfnis ließ sehr bald von der Stadt selbst ins Leben gerufene Schulen entstehen, so eine ganze Anzahl schon im 13. Jahrhundert, noch mehr im 14. Über ihre Verwaltung erhoben sich an diesem oder jenem Ort scharfe Streitigkeiten mit der Geistlichkeit, wobei aber natürlich nicht an innere Gegensätze zur Kirche zu denken ist. Jedenfalls ging die Aufsicht immer mehr auf die städtische Obrigkeit über. Allmählich entwickelten sich aus ziemlich niedrig stehenden Schulen die städtischen Lateinschulen, die im 15. Jahrhundert schon recht zahlreich waren. Mit dem steigenden Bildungsbedürfnis besuchten diese auch immer mehr Schüler aus niedrigen Kreisen, die dann in ihrer Armut oft von Almosen leben, ihr Brot ersingen mußten und als fahrende Schüler von Schule zu Schule wanderten, häufig von berühmten Lehrern angezogen. Diese Schulen waren, so mäßig ihr Unterricht war, für die niederen Klassen in der Allgemeinheit natürlich zu hoch. Diese bedurften seit dem Eindringen der Volkssprache in den Schriftverkehr nur eines deutschen Elementarunterrichts: ihn vermittelten notdürftig private »deutsche« Schulen, die von Schreibern und Rechenmeistern gehalten wurden. Aber diese »deutschen« Schulen wurden von der städtischen Obrigkeit wie von der Geistlichkeit durchaus nicht begünstigt, und darin zeigt sich bereits ein unvolkstümlicher, mit einem Bildungshochmut zusammenhängender Zug.

Dieser Zug steigerte sich mit der immer größeren Zahl Höhergebildeter, die aber ihre Bildung nun nicht nur den mehr vorbereitenden Lateinschulen, sondern den Universitäten verdankten. Diese Universitäten waren ganz aus der geistlichen Bildungsluft hervorgegangen; sie bedeuteten eine Erweiterung des stiftischen Schulwesens, das den Fortschritten des von arabischen Einflüssen neu angeregten Geisteslebens seit der Ausbildung der scholastischen Theologie und Philosophie, einer höherstrebenden Jurisprudenz und einer erneuerten Medizin nicht mehr zu folgen vermochte. Aber Lehrer und Schüler blieben geistlich. Natürlich konnten solche Hochschulen zunächst nur in den höher entwickelten romanischen Ländern entstehen. Deren Kultur bedurfte in praktischer Hinsicht immer mehr der Juristen, Ärzte und Lehrer, und in geistiger Hinsicht war mit der Scholastik ein tieferes philosophisch-systematisches Wissensbedürfnis entstanden. Die Deutschen blieben auf die romanischen Universitäten, die berühmten Rechts- und Ärzteschulen wie die großen theologisch-philosophischen Lehrstätten, angewiesen. Aber vor allem das praktische Bedürfnis infolge der Entwicklung der landesherrlichen Macht wie der städtischen Kultur ließ dann auch in Deutschland Universitäten erstehen, zuerst 1348 diejenige zu Prag, der dann seit Ausgang des 14. Jahrhunderts noch vierzehn, zum Teil aus höher entwickelten Stiftsschulen heraus und durchaus in Anlehnung an das fremde Vorbild, folgten.

Jener geistliche Charakter der Universität blieb noch lange gewahrt, wie ihn ja auch noch die ganze höhere Bildung trug. Die großen Gelehrten des ausgehenden Mittelalters waren Geistliche, Ordensgeistliche vor allem. Hauptträger der Wissenschaft waren die Dominikaner, die aber auch Kunst und Dichtung pflegten. Die Juristen und Ärzte waren zunächst Geistliche, bis allmählich das Laienelement unter ihnen stärker wurde. Die Zucht in den Kollegien der Lehrer und den Bursen der Studenten entsprach der der Klöster, wenn auch das Leben der Bursenbewohner in Wahrheit äußerst wild war und immer weltlicher wurde. In dem geistig-wissenschaftlichen Leben selbst war zwar eine größere Spezialisierung eingetreten, und von gewissen Ansätzen freierer Entwicklung werden wir sogleich hören. Aber im übrigen herrschte auch jetzt die kirchlich bedingte Universalität des Mittelalters. Noch war trotz der erwähnten Erweiterung die Summe des abendländischen Wissens so gering, daß es der einzelne durch alle Fakultäten hindurch bewältigen konnte, eben mit Hilfe des formal-logischen Betriebes, der lehrhaften Zustutzung in maßgebenden Kompendien, der philologischen Bearbeitung der Stoffe. Dem entsprach ein unkritisches, dogmatisches Aufnehmen. Letzten Endes war aber alles theologisch zugespitzt, in der Theologie gipfelte alles. Nur in Gott hat das irdische Wissen Wert, die Philosophie soll die göttlichen Wahrheiten beweisen, die Natur ist nur als Niederschlag der großen Taten Gottes und seiner Weisheit aufzufassen. Höchst bezeichnend ist die Natursymbolik, zugleich ein Beweis für das Spielerisch-Äußerliche des mittelalterlichen Denkens. Alle Dinge auf Erden haben ihre symbolische, zunächst an die Bibel geknüpfte, christlich-moralische Bedeutung, Tiere, Pflanzen, Steine. Die entsprechenden Eigenschaften, die man wesentlich mit ihnen verbunden glaubte, spielten dann in der praktischen Anwendung des Wissens eine Rolle. Noch immer ist eben mit dem Geistesleben ein übersinnlich gerichteter Zug innig verknüpft.

Auf der anderen Seite darf man das Geistesleben des ausgehenden Mittelalters auch nicht unterschätzen. Die Universitäten sind wie das ganze höhere Geistesleben von der Scholastik (s. S. [103] f.) beherrscht. Aber diese Philosophie des Mittelalters trug immerhin schon wissenschaftlichen Charakter, bedeutete Ausbildung systematischen Denkens und lehrte Abstraktes fassen. Und wenn schon die Kirche überhaupt der Wissenschaft in ihrer damaligen Form keineswegs feindlich war, vielmehr gerade durch ihre Pfründen, obwohl unabsichtlich, manchem die äußere Möglichkeit gab, ganz den Studien zu leben, so waren auch die von der Kirche ausgegangenen und behüteten Universitäten, die ja selbständige privilegierte Körperschaften waren, schon geordnete Vertretungen der Wissenschaft. Es waren geistige Gemeinschaften und Verkörperungen geistiger Bestrebungen auch über das theologische und das weltlich-praktische Bedürfnis hinaus. In der Scholastik selbst, die überhaupt nichts Starres und Gleichförmiges ist, entwickelte sich ferner im späteren Mittelalter eine freiere Richtung, die zu großen Spaltungen führte. In dem entschiedenen Nominalismus, der in den allgemeinen Begriffen »Namen« und nur in den Einzeldingen Wirklichkeit sah, der die Glaubensgeheimnisse nicht mehr für beweisbar hielt, kam man wenigstens theoretisch zur Unvereinbarkeit von Glauben und Wissen, also zum Gegenteil des eigentlichen Zieles der Scholastik. Man arbeitete zum Teil mit einer damals übrigens nicht zuerst auftauchenden Annahme, die andererseits erst in nachscholastischer Zeit schärfer formuliert wurde, mit der »zwiefachen Wahrheit«, der theologischen und der philosophischen. Aber damit wäre die Theologie nicht mehr, was man doch erstrebte, philosophisch beweisbar und die Scholastik in ihrem Kern vernichtet gewesen. In Wirklichkeit blieb überhaupt trotz mancher kritischer Keckheiten und ernsterer Reibungen das Dogma unangetastet. Man begnügte sich mit der äußerlichen, dialektischen Betätigung der Vernunft, mit der formalen Logik, und jenen Gefahren suchte die spätere Scholastik mit einem um so schrofferen kirchlichen Eifer zu begegnen.

Gewiß mußte die scholastische Methode schon der Theologie und Jurisprudenz, noch mehr der Philosophie auf die Dauer wirkliche Fortschritte unmöglich machen, gewiß war sie, der Gegensatz zu exakter, empirischer Forschung, vor allem ein Hemmschuh für die Naturwissenschaften und die Medizin. Aber man muß doch feststellen, daß es in diesen Jahrhunderten weder an wissenschaftlicher Beobachtung noch an praktischen Fortschritten gefehlt hat, worauf ja auch schon die arabischen, die Antike neu belebenden naturwissenschaftlich-medizinischen und philosophischen Einflüsse hingeleitet hatten. Mit dem Namen des Albertus Magnus verbinden sich doch nicht nur Phantasterei und Aberglaube, vielmehr deutliche Anfänge eigener Beobachtung und kritischen Unterscheidungsvermögens, mit dem des Roger Bacon immerhin schon Andeutungen der induktiven Methode. Es hat sodann, wie Dietrich Schäfer hervorhebt, das Mittelalter die Erweiterung der Erdkenntnis, »den gewaltigen Aufschwung, mit dem es abschloß, aus sich herausgenommen, die Alten weit überflügelnd und ohne nennenswerte antike Beeinflussung«. Ganz zweifellos erhob sich auch die Heilkunde auf eine höhere Stufe. Von dem aus der antiken Überlieferung seine medizinische Weisheit schöpfenden Klostergeistlichen unterschied sich der studierte Arzt, zunächst noch meist aus geistlichem Stande, freilich insofern wenig, als auch er sich vor allem auf Buchgelehrsamkeit stützte. Eben deswegen fühlte er sich über den alten, teils empirischen, teils abergläubischen volkstümlichen Heilbetrieb, namentlich von Frauen, hoch erhaben, ebenso über die umherziehenden Quacksalber, aber auch über die ungelehrten niederen Wundärzte, die gerade in den Städten bald zahlreich wurden und vor allem dem damals so wichtigen Aderlaß oblagen: er suchte deren Betrieb auch bald zu beschränken. Aber andererseits bedeutete der neue Ärztestand doch einen wirklichen Fortschritt. Zuerst hatten die Höfe fremde studierte Ärzte, häufig und lange noch Juden, herangezogen, dann förderten allmählich die Städte die Ausbildung dieses Standes, zumal seit der Entwicklung von Universitäten in Deutschland. Stadtärzte begegnen schon im 14. Jahrhundert, damals auch schon Ordnungen und Taxen für sie. Immer stärker wurde auch das Laienelement unter ihnen.

Das war nun weiter ebenso bei den Juristen der Fall, deren Zahl immer größer wurde. Fürsten und Städte brauchten sie vor allem für die Kanzlei, den Mittelpunkt der weltlichen Verwaltung, einst die Domäne der Geistlichen. Die Stadtschreiber, gewissermaßen die Kanzler der Städte und im Gegensatz zu den Inhabern der städtischen Ehrenämter besoldet, die eigentlichen Träger der Verwaltungsgeschäfte, ergänzten sich andererseits auch bald aus den »Artisten«, der anfangs mehr propädeutischen Fakultät der freien Künste, aus der auch die Lehrer der Lateinschulen hervorgingen. Durch die Beherrschung der Kanzlei hat sich nun früh eine Verbindung der Juristen mit der Verwaltung, aber auch mit der Politik ergeben, und dies Moment erklärt auch den immer stärkeren Zudrang des Adels zum juristischen Studium. Die Wichtigkeit der Juristen führt auf die neue Bedeutung des Römischen Rechts, das ja freilich für das kanonische Recht immer die Grundlage gewesen war. Die Gründe seiner Übernahme, sicherlich vor allem durch die jetzt starken Kultureinflüsse Italiens (s. S. [149]) bewirkt, seien hier nicht erörtert. Die Begünstigung der Juristen durch die Fürsten schrieb sich zum Teil wenigstens aus der von ihnen erwarteten Unterstützung des fürstlichen Machtstrebens, vor allem aber aus ihrer Brauchbarkeit im neuen Beamtenstaat her. Im übrigen war die Zeit für ein Berufsrichtertum auch in Deutschland gekommen, und eine heimische Rechtswissenschaft gab es nicht. Man zog die Juristen langsam aus dem Rat in das kaiserliche und die fürstlichen Hofgerichte. Damit nahm die Anwendung des römischen Rechts in schwierigen Fällen gegenüber dem zersplitterten deutschen Recht zu. Die Juristen eroberten schließlich die Gerichte überhaupt, und man »reformierte« die Land- und Stadtrechte im römischen Sinne.

Diese Wandlungen vollzogen sich langsam seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. 1495 nahm das Reichskammergericht das römische Recht an. Aber wenn die Juristen in ihrem Kulturbewußtsein auf das »rohe, bäurische« Recht der Laien herabsahen, so hing das Volk an diesem letzten Rest seiner öffentlichen Betätigung, an dieser Schöpfung seines Geistes und Wesens noch zäh genug, um nicht über den Wandel in eine tief erregte Stimmung zu geraten. Der übrigens nicht zu übertreibende Volkshaß richtet sich freilich weniger gegen die römischen als die Juristen, die Berufsrichter an sich. Die beklagte Rechtsunsicherheit wurde zunächst nur noch größer. Die früheren, für die niederen Schichten besonders empfindlichen Mißbräuche, vor allem die Käuflichkeit der Richter, schwanden auch jetzt nicht; gerade der des neuen Rechtes Kundige konnte sein Schäfchen ins Trockene bringen, ebenso, wer rechtskundig tat, wie der Gerichtsschreiber oder der Fürsprech, der Advokat.

Aber die Juristen haben für jene Zeit noch eine andere Bedeutung gehabt, wieder im Sinne der Einbürgerung einer im Grunde volkstumsfeindlichen höheren Kultur: sie waren die ersten Vermittler und in Verbindung mit ihrer Kanzleiherrschaft die ersten Förderer der geistigen Bewegung des Humanismus. Sie, die um ihrer besseren Ausbildung willen und bei ihrer starken Begehrtheit in immer größerer Zahl nach Italien zogen, selbst als es schon deutsche Universitäten gab, wurden hier von der humanistischen Strömung ergriffen, die besonders auch die oberitalienischen Universitäten erobert hatte. Es handelt sich zunächst nur um eine mehr äußerliche literarische Beeinflussung in Richtung des Stils, der formalen Kultur, nicht um Annäherung an das Wesen der eigentlichen Renaissance. Diese faßt man neuerdings zutreffend überhaupt nicht einfach als Neubelebung antiken Geistes auf – wie ja auch schon Burckhardt neben der Antike als zweiten Faktor den italienischen Volksgeist hinstellte –, sondern als reifste Frucht der mittelalterlichen Kultur selbst, als Leistung der christlichen wie der volkstümlichen Kräfte des Mittelalters. Die stärkere Wendung zur Antike, die ja (vgl. S. [64]) immer ein belebendes Element des Mittelalters gewesen ist, trug die Keime zu einer neuen, unmittelalterlichen Entwicklung in sich, aber sie ist doch ein Fortschritt, den das Mittelalter selbst machte. Man hat z. B. von französischer Seite Frankreich, das alte Land des »studium«, als eigentlichen Ausgangspunkt der Renaissance hingestellt, und sicherlich sind auch gewisse Elemente derselben zuerst dort entwickelt worden. Die stärkere Hinneigung zur Antike war aber in letzter Linie die Folge der arabischen Befruchtung, und dieser Zug mußte dann in Italien um so mehr hervortreten, als überhaupt das Bildungsübergewicht Frankreichs auf das mächtig seine Kräfte entwickelnde Italien überging, vor allem im 15. Jahrhundert, und dieses Land überdies durch die Denkmäler der Antike auf seinem Boden, durch seine Sprache und das niemals erstorbene römische Recht noch mit der Antike wirklich zusammenhing. Dieser Zusammenhänge wurde man sich bei dem vermehrten Studium der Antike stärker bewußt, für deren Geist aber um so empfänglicher, als die hohe geldwirtschaftliche Entwicklung Italiens nicht nur die äußeren Lebensverhältnisse, sondern auch Weltanschauung und Lebensauffassung auf einen Stand brachte, der sich dem der Antike wenigstens näherte. In der entsprechenden Gestaltung wirkte das Studium der Antike von Italien aus auf die übrigen Länder dann wie eine neue Offenbarung, auf Deutschland freilich, wie gesagt, zunächst nur nach der formalen Seite. Hatte Italien auf Deutschland schon durch die Folgen der Kaiserpolitik und die Römerzüge vielfältige Wirkung geübt, machte dann der immer regere Handelsverkehr nicht nur den deutschen Kaufmann zum Schüler des italienischen, sondern beeinflußte auch wie der sonstige Verkehr, z. B. infolge der ausgedehnten Söldnerdienste deutscher Ritter, die äußere Kultur mehr und mehr, so wurde auf geistigem Gebiet Italiens Einfluß an Stelle des französischen immer maßgebender. Der Zug der Studenten ging, wie gesagt, immer stärker nach Italien, ohne daß aber derjenige nach Frankreich aufhörte.