Erstes Kapitel.
Zusammenstoß und erste Auseinandersetzung urdeutschen Wesens mit der Weltkultur.

Das Gebiet des heutigen Deutschen Reiches ist bekanntlich keineswegs von jeher von germanischen Menschen bewohnt gewesen. Den Hauptteil des Westens, den Süden und den Südosten hatten vielmehr, von den Germanen durch die Gebirge Mitteldeutschlands geschieden, lange die Kelten inne. Den Osten scheinen andererseits Letten und Slawen bewohnt zu haben, aber sehr frühzeitig zurückgedrängt zu sein. Die ersten Sitze der Germanen selbst sucht man, nicht ganz ohne Widerspruch einzelner, in den Gebieten der westlichen Ostsee und auch der östlichen Nordsee. Mächtige Bewegungen der Germanen, hervorgerufen u. a. durch die Übervölkerung infolge der Beschränktheit des Kulturlandes, sind also auf dem Boden unseres Vaterlandes bis kurz vor Beginn unserer Zeitrechnung vor sich gegangen, und auch später zeigt sich deutlich eine außerordentliche kriegerische Beweglichkeit der Stämme, bis zur Völkerwanderungszeit eine zweite, noch gewaltigere Durcheinanderrüttelung und Wanderung einsetzt. Erst nach dieser Zeit, deren Endergebnis im Verhältnis zu den heute deutschen Gebieten auch ein gewaltiger Verlust im Osten durch das Vordringen der Slawen war, beginnt eine zusammenhängende Entwicklung des späteren »Deutschlands«.

Eine Kulturgeschichte der Deutschen kann erst mit dem Abschluß der Völkerwanderung oder eigentlich erst mit der Herausbildung eines »deutschen« Volkes in Staat und Kultur einsetzen. Die einst germanischen Gebiete im Osten können überhaupt erst seit ihrer späteren Kolonisierung in Betracht kommen; denn an die einstige Siedelung der Ostgermanen kann die spätere deutsche Kulturgeschichte nirgends anknüpfen. Im Westen und Süden waren freilich die früher keltischen Gebiete bis zum Rhein und über den Main hinaus bei dem Zusammenstoß mit den ein weiteres Vordringen zunächst verhindernden Römern schon mehr oder weniger lange von Germanen besetzt, die ziemlich frühe den Niederrhein, gegen die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. auch den Mittelrhein überschritten, später nach Böhmen und Ungarn drangen. Vor allem ist ferner das »alte Volksland« zwischen Weser und Elbe seit alters germanisch gewesen. Auch hier hat aber die Völkerwanderung, die nur wenige Stämme, wie die Friesen, nicht mitgemacht haben, störend eingegriffen. Immerhin haben wir im ganzen in diesem Gebiet eine ununterbrochene Entwicklungslinie, und so mögen einige kurze Bemerkungen über die germanischen Zustände vorangeschickt werden[2]. Für unsere Betrachtung müssen freilich gerade die kulturell fortgeschrittensten Germanen im Westen und Südwesten, die zu dem römischen Besetzungsgebiet gehörten oder mit ihm in kultureller Berührung standen, ausscheiden. Einerseits handelt es sich hier nur zum Teil um germanische, viel mehr um keltische Bevölkerung, andererseits fielen diese Gebiete in der Völkerwanderungszeit der Zerstörung anheim, und nur ganz mittelbar wirkten die einstigen entwickelteren Zustände des römischen Germaniens in ihren Resten später nach.

Die Anschauungen über die Kultur der Germanen, wie sie gang und gäbe sind, leiden meist an zwei Grundfehlern. Man mißt ihr einerseits eine viel zu große Eigenart bei, und man unterschätzt doch andererseits wieder die bereits erreichte Höhe. Viele angeblich eigenartige Züge der Germanen sind den meisten Völkern auf niedriger Stufe gemein. Der Erscheinung der großen, aus unzureichendem Kulturland erwachsenen Wanderungen, die schon Thukydides für die Urzeit vieler Völker bezeichnend gefunden hat, entspricht der rücksichtslose Eroberungsgeist solcher Zeiten. Die natürliche, aber auch durch wirtschaftliche Gründe bedingte Raublust zeitigt Viehraub wie Frauenraub. Aus dem letzteren entspringen überall die Fehden des beleidigten Stammes oder der Sippe, und ebenso tritt überall bei den damals leicht vorkommenden Totschlägen die Sippe des Getöteten als Rächerin an der Sippe des Mörders auf (Blutrache). Aus dem kriegerisch-räuberischen Zug ergibt sich auch die überall verbreitete Sklavenhaltung. Ursprünglich verfielen diese erbeuteten Menschen dem Tode, was aber mit sakralen Gedanken zusammentraf: das feindliche Leben wird den Göttern geopfert. Menschenopfer sind auch für die Germanen nicht zu leugnen. Menschenleben, fremde wie eigenes, spielen auf dieser Stufe überhaupt keine Rolle, daher die Todesverachtung des Kriegers, die Tötung von Greisen, das Aussetzen von Kindern, die Grausamkeit des Vaters gegen ein zu strafendes Kind, die blutige Härte des primitiven Strafrechts. Auch gewisse innere, seelische Zeugnisse der ungebändigten Naturkraft sind Gemeingut der primitiven Völker, so der Mangel an Selbstbeherrschung (im Trunk – die Trinkfreude hat bei den Germanen freilich besondere Ausgestaltung erfahren –, im Spiel), weiter die Unbeständigkeit, das Fallen von einem Extrem ins andere, aus »wilder Bewegtheit« in »starre Ruhe«, in die vielberufene »Trägheit«. Dem entspricht überhaupt eine große Wankelmütigkeit, ein rasches Aufflammen im Zorn, eine schnelle Beruhigung. Groß ist sodann die Übereinstimmung auf religiösem Gebiet (Ahnenkult, Seelenglaube, die Abwehr der Seelengeister durch Zaubersegen bei Krankheit usw., die Verehrung von Bäumen, Hainen, Bergen, Gewässern, die aus dem Seelenglauben sich ergebenden Totenbräuche, die Gräberbeigaben, die Totenopfer und Totenschmäuse, das Weissagungswesen [Befragen der beschworenen Seelen], die Gewinnung der höheren Gewalten durch Opfer, die Verbindung von Festen [Tänzen] und Schmäusen [Gelagen] mit den Opfern). Gewisse sittliche Züge entspringen ebenfalls allgemein den primitiveren wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen, so die Gastfreundschaft. Auch die germanische Achtung vor der inneren Überlegenheit der Frauen, die immerhin als eigenartig gelten darf, ist doch nicht ganz ohne Parallelen bei den klassischen Völkern (Frauen bei Homer). Andererseits ist bei vielen primitiven Völkern und so auch bei den Germanen die Frau die Hauptträgerin der Arbeit. Überall gilt auch die selbstherrliche Macht des Hausvaters, der Frau und Kinder in einer bei den Germanen schon etwas gemilderten Rechtlosigkeit unterstehen. Die Vielweiberei der Naturvölker bestätigt Tacitus für die germanischen Vornehmen. Deren Hauptmachtmittel, die keltisch-germanische Gefolgschaft, findet sich in wenigstens vergleichbarer Form bei den Griechen (die ἑταῖροι der Großen). Feste Formen haben die staatlichen Verhältnisse bei allen Völkern auf dieser Stufe noch nicht angenommen. Herrscher mit bestimmten Rechten sind die »Könige« der Germanen nicht: die versammelte Masse der Freien ist souverän. Noch äußert auch, wie überall, der Verband der Sippe, der auch Kriegs- und Wirtschaftsverband ist und im Rechtsleben als ausschlaggebender Faktor an Stelle des Einzelnen tritt, seine große Bedeutung, wenn auch bei den Germanen bereits die Anfänge locker-staatlichen Lebens diese Bedeutung einschränken. Auch für die wirtschaftlichen Verhältnisse, die vielumstrittenen Agrarzustände der Germanen vor allem, ließen sich, je nach dem Standpunkt, bei anderen Völkern genug Parallelen finden. So vor allem bezüglich des Gemeineigentums am Boden.

Die wirtschaftliche Kulturstufe der Germanen darf man im übrigen nicht zu niedrig einschätzen. Heute ist man über eine verhältnismäßige Höhe des Ackerbaus bei den Germanen im ganzen einig. Sein hohes Alter ist ebenso nachweisbar wie eine sehr frühe Seßhaftigkeit der Germanen. Die dem entgegenstehende, nicht zu leugnende Beweglichkeit, die man als Beweis für nomadische Zustände angesehen hat – auch wegen des anscheinenden Übergewichts der Viehzucht –, meint man heute, wie schon Waitz, als Begleiterscheinung jenes kriegerischen Vorwärtsdringens auffassen zu sollen, wie man ja auch in der Völkerwanderung wieder zu halbnomadischen Zuständen kam. »Den jährlichen Wechsel der Feldmarken und Wohnsitze innerhalb der Sippen eines Gaus zur Zeit Cäsars« muß man dann mit Hoops als »einen kriegerischen Ausnahmezustand« ansehen.

Der wirtschaftlichen Kulturstufe entsprechen eine nicht mehr ganz primitive Lebenshaltung (Woll-, Leinen- und Pelzkleidung, Block- und Fachwerkhäuser, mannigfacher Hausrat, vor allem aus Holz) und eine neben der hauswirtschaftlichen Erzeugung etwas entwickeltere gewerbliche Tätigkeit (Böttcherei, Schnitzerei, bessere Töpferei, Schmiedekunst, in Friesland Weberei). Eine gewisse künstlerische Betätigung zeigt die altnationale Holzschnitzerei und Holzbemalung. Dem Holzschnitzwerk sind auch manche Formen, wie der Kerbschnitt, in der Metalltechnik nachgeahmt: vielleicht ist das dem antiken Stilgefühl so entgegengesetzte Flecht- und Verschlingungswerk, das später noch für den Völkerwanderungsstil als charakteristisch gilt, gleichen Ursprungs.

Vom geistigen Leben der Germanen ist nicht allzu viel zu sagen. In die Frühzeit darf man nicht allzu viel hineindeuten, am wenigsten auf Grund der viel späteren Blüte des nordischen Geisteslebens mit seiner gewaltigen Vorstellungswelt. Die Formenfülle der Sprache, deren Klang den Römern naturgemäß höchst barbarisch und rauh erschien, ist nichts eigenartiges. Auch die poetisch-sakrale Pflege der Sprache in rhythmischer Form bei feierlichen Akten ist primitiven Völkern gemeinsam (mit Tanz, d. h. feierlichem Schreiten im Kreise verbundene sakrale Chorgesänge). Aus den Totenklagen durch einzelne Vorsänger entwickelten sich episch-balladenartige Gesänge einzelner. Episch eingeleitet wurden auch wohl die Zaubersprüche, die Beschwörungen, episch gefärbt war auch die sonstige Spruch-, vor allem die Rätseldichtung, deren uralte Übung jedenfalls auf kein niederes geistiges Leben hindeutet. Eigenartig ist vor allem die rhythmische Form der poetischen Rede bei den Germanen gewesen, die Alliteration, die wir mit Sicherheit für eine sehr frühe Zeit annehmen dürfen.

Trotz der betonten starken Gleichförmigkeit der Menschen und ihrer Einrichtungen auf primitiven Stufen haben sich uns für die Germanen überhaupt manche eigenartigen Züge ergeben. Auch was über den späteren deutschen Menschen im allgemeinen gesagt werden kann, darf vielfach schon auf Züge aus germanischer Zeit zurückgreifen, insbesondere muß der Individualismus, wenn auch nur eine rohe und unausgeglichene Form desselben, bereits für die Germanen hervorgehoben werden. Für diesen individualistischen Zug seien noch einige Belege hinzugefügt. Cäsar (D. b. g. IV, 1) schon hat ihn besonders betont; er spricht von der »Ungebundenheit des Lebens, da sie, von Kindheit an an keine Pflicht oder Zucht gewöhnt, nichts gegen ihren Willen tun«. Und Tacitus (Ann. XIII, 54) fügt, als er von zwei Häuptlingen spricht, die die Friesen »regierten«, ironisch hinzu: »soweit Germanen überhaupt regiert werden.« Ein andermal (Hist. IV, 76) heißt es bei ihm: »Die Germanen lassen sich nichts befehlen noch sich regieren, sondern tun alles miteinander rein nach ihrem Belieben.« Stärker kann der neben der Innerlichkeit wichtigste Zug der späteren Deutschen nicht gut betont werden.

Es kamen die Zeiten der näheren Berührung mit den Römern, die Zeiten des friedlichen Eindringens der Germanen in das Heer und schließlich den Beamtenstaat der Römer, weiter die Ansiedelung germanischer Stammesteile in dem entvölkerten Römerreich, endlich der kriegerische Ansturm gegen dasselbe und dessen Zertrümmerung während der sogenannten Völkerwanderung, deren Anstoß aus dem fernen Osten kam. Für die Entwicklung der späteren deutschen Kultur ist es nun von größter Bedeutung, wie weit die Innergermanen – nur um diese handelt es sich für uns – in diesen Jahrhunderten von der römischen, d. h. der Weltkultur bereits beeinflußt wurden.

Hierbei ist zunächst festzustellen, daß südliche Einwirkungen durch den Handel schon lange vorher bestanden. In der Bronzezeit kamen die Bronze und das Gold nach Norden wie der begehrte Bernstein in das südliche Europa auf alten, häufig durch reiche Depotfunde feststellbaren Handelswegen, die, meist Flußläufen folgend, über Land Europa durchquerten. Viel südliches vermittelten auch die Kelten. Jetzt soll es sich aber um unmittelbare römische Einflüsse handeln. Da sind einmal die Jahrhunderte schärfer als bisher auseinanderzuhalten. Es ist ferner wohl zu beachten, ob es sich um Übernahme rein äußerlicher, durch den Handel eingeführter Dinge oder um innere, wirklich kulturelle Beeinflussung handelt. In der Tat waren die Einwirkungen anfänglich recht gering, die Beeinflussung des eigentlichen Germaniens rein äußerlich. Die frühen Römerzüge in das Innere blieben ohne Nachwirkung. Folgenreicher war die germanische Reisläuferei: mancher Söldner mochte allerlei Römisches später in die Heimat bringen. Das wichtigste bleibt aber der Handel. Der Handelsverkehr zwischen Römern und Germanen scheint sich früh besonders auf den Menschen-(Sklaven-)handel erstreckt zu haben; für Menschen wurde Wein eingeführt. Natürlich haben die römischen, uns auch durch Cäsar und Tacitus bezeugten Händler, die kühn sogar weit nach Norden drangen – selbst in Skandinavien kannte man römisches Geld –, bald auch andere Dinge gebracht, wie die Funde zeigen, vor allem Metallgeräte und -gefäße, Schmucksachen, Waffen, vielleicht auch Pfeffer.